Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

es gibt ein Urteil, das viele Frauen bewegt: Wer gern Schuhe mit hohen Absätzen trägt, sollte tunlichst darauf achten, an öffentlichen Orten nicht zu stürzen, denn dann ist man selber schuld. Das entschied das Oberlandesgericht in Hamm anlässlich der Klage einer Theaterbesucherin. Die war mit den Absätzen ihrer Stöckelschuhe in einer Gummimatte hängen geblieben. Wer solches Schuhwerk trage, so die Richter, müsse sich darüber klar sein, dass die Fortbewegung darin mit erhöhter Gefahr verbunden sei.

Auch der eine oder andere Mann, der versucht, mit speziellen Absatzschuhen seine Körpergröße der seiner Frau anzupassen, wird ob des Urteils nun nachdenklich werden: Soll er, auf eigenes Risiko, seine alte Größe behalten? Oder soll er, um sich unfallrechtssicher im öffentlichen Raum zu bewegen, auf Slipper umsteigen und dafür von einem Tag auf den anderen schrumpfen (wofür er allerdings für sein Umfeld eine glaubhafte Erklärung benötigt)?

Ich muss gestehen: Auch mich bewegt dieses Urteil. Unter mir im Haus lebt eine Frau, die frühmorgens regelmäßig mit Stöckelschuhen an den Füßen durch ihre Wohnung läuft und überhaupt nicht auf die Idee verfällt, dass dies die anderen, aus dem Schlaf gerissenen Hausbewohner stören könnte. Ich kann ihr nun ganz freundlich sagen, wie gefährlich das für sie werden kann.

Fahrradstadt: Weg vom "Auto-Trip"!

Aus Oppositionskreisen war gestern zu vernehmen, der Antrag der Grünen für die Aktuelle Stunde der Bürgerschaftssitzung, "Die Ampeln stehen auf Grün: Hamburg wird Fahrradstadt!", sei ein Manöver, um das Thema Sportstadt in den Hintergrund zu drängen. So oder so: Martin Bill, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen, nutzte die Gelegenheit, die Eckdaten der rot-grünen Radverkehrspolitik zu umreißen: Die 14 Velorouten mit einem Streckennetz von rund 280 Kilometern, die bis 2020 fertiggestellt sein sollen, das in der Gründung befindliche Bündnis für den Radverkehr, die Vermehrung der StadtRad-Stationen von 70 auf 77 Stück. Und dass der Radverkehr gefördert werden müsse, darüber waren sich dann alle einig.

Krach gab es allerdings bei der Frage, wie klug es sei, den Radverkehr nicht auf eigene, baulich getrennte Radwege (beziehungsweise: Radstraßen) zu verlagern, sondern auf die Fahrbahn. Dies bringe mehr Sicherheit, weil Radfahrer so besser für den motorisierten Verkehr sichtbar seien, sagte Bill mit Blick auf aktuelle Unfallzahlen; zuletzt hatte dies auch Dirk Lau vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) bei uns vertreten und auf Twitter eine rege Diskussion ausgelöst. Die gab es nun auch in der Bürgerschaft. CDU-Verkehrsexperte Dennis Thering sagte, ein Großteil der Hamburger lehne die rot-grüne Radverkehrspolitik ab. Eltern seien nicht bereit, ihre Kinder auf Radstreifen direkt neben tonnenschweren Lastwagen strampeln zu lassen. Senioren stiegen aus Angst gar nicht mehr aufs Rad. Den Grünen müsse es gelingen, Bürgermeister Olaf Scholz und Verkehrssenator Frank Horch von ihrem "Auto-Trip herunterzuholen", führte Heike Sudmann von der Fraktion der Linken aus. Sicheres Radfahren auf der Straße brauche Platz, und dieser müsse dem Autoverkehr genommen werden.

Wie wäre es also mit einem Experiment? Dem Umbau einer vierspurigen zu einer zweispurigen Autostraße mit viel Grün und breiter Radspur?

Der Mann, wegen dem Google nach Hamburg zog

Immer mehr IT-Unternehmen wollen nach Hamburg, das mit jeder neuen Technologiefirma, die hierher zieht  – zuletzt war Dropbox dran – immer stolzer darauf wird, bedeutender Standort für IT und Neue Medien zu sein. Aber wie fing alles an? War es eine groß angelegte visionäre Strategie, die Hamburg zum "Elbvalley" machte? Nein, behaupteten wir vor ein paar Tagen ohne Recherche ganz frech: Da hätten wohl eher Kleinigkeiten und Zufälle eine Rolle gespielt. Wie etwa die Frage, in welcher Stadt der erste Mitarbeiter gern wohnen wollte. Und jetzt halten Sie sich fest: Wir hatten – recht. Bei uns meldete sich Holger Meyer. Er ist heute Chief Digital Officer bei der Volksbank. Aber im Sommer 2001 war er als Head of Sales Googles erster Mann in Deutschland.

Herr Meyer, warum fiel die Wahl von Google auf Hamburg als Standort für Deutschland?

Es war damals keine große strategische Entscheidung, sondern eher das Kleine im Arbeitsvertrag. In meinem stand zunächst, der Einsatzort müsse noch festgelegt werden. Ich habe dann schnell festlegen lassen, dass es Hamburg wird. Die Amerikaner haben das akzeptiert.

Hört sich sehr einfach an. Google hätte ja auch einen Wohnortwechsel fordern können.

Klar, der Konzern hatte auch München als Technologiestandort favorisiert. Aber mein Argument für Hamburg war, dass hier viele Medien und Großverlage sitzen. Also eignete sich die Stadt besser für mich, um als Head of Sales Googles Werbeflächen zu verkaufen. Diesem Argument ist die Konzernleitung gefolgt. Aber mein Wunsch war schon privat getrieben: Ich wollte mit meiner Familie in Schleswig-Holstein bleiben.

Wie kamen Sie eigentlich zu dieser Position? Sie waren gerade einmal Anfang 30 ...

Ich habe damals für die Suchmaschine AltaVista gearbeitet, als ein Headhunter auf mich zukam. Nach einem Gespräch mit einem Google-Mitarbeiter bin ich 14 Tage später in die USA geflogen und hatte kurz danach ein Vertragsangebot. Im Oktober 2001 ging es los, mit einem Laptop und einem Zwei-Schreibtisch-Büro am Valentinskamp. Ein paar Jahre später sind wir mit 23, 24 Mitarbeitern in die ABC-Straße gezogen, wo Google ja heute noch sitzt. Und mit Hamburg als Standort sind die auch heute noch zufrieden.

Dem Standort Hamburg, den Sie damals ausgewählt haben ... War Google damit auch Wegbereiter für weitere Unternehmen der IT-Community?

Bei Facebook war es auch so ähnlich, dass der erste Mitarbeiter in Deutschland das Private in den Vordergrund gerückt hat. Er ist ein ehemaliger Kollege von mir. Ein weiteres Argument für ihn war damals, dass Google schon hier war. Denn damit war Hamburg in den USA ein Begriff. Für andere Firmen war es dann noch einfacher, weil hier schon zwei namhafte Unternehmen angesiedelt waren ...

Hat man Ihnen jemals für das gedankt, was Sie für den Technologie-Standort Hamburg getan haben?

Nein. Aber es gab gefühlt 202-mal das Angebot von der Stadt, für einige Monate die Miete zu übernehmen, weil ja Start-ups unterstützt wurden. Allerdings kam es nicht dazu: Die Unternehmensbuchhaltung in den USA wusste mit dem Angebot nicht wirklich etwas anzufangen.

"Sportstadt" Hamburg?

Das kurzfristige und überraschende Aus der Hamburg Freezers, stockende Verhandlungen über den Sportfördervertrag – Hamburg als Sportstadt ging es schon mal sehr viel besser. (Von Olympia reden wir ja längst nicht mehr.) Gestern in der Aktuellen Stunde der Bürgerschaft kondolierten fraktionsübergreifend alle Redner zum Ende des Profi-Eishockeys. Seitens der CDU-Fraktion erhob sich dann die erwartbare Frage, warum der Senat nichts von dem drohenden Aus geahnt habe. Hamburg verliere rasant seinen Spitzensport, doch der Senat taktiere, statt ein Zeichen zu setzen, so der CDU-Fraktionsvorsitzende André Trepoll. Sein Parteifreund Thomas Kreutzmann schlug vor, die Sportförderung "kreativer anzugehen" und künftig öffentliche Unternehmen für die Finanzierung des Profisports zu gewinnen. Gar keine so abwegige Idee, denkt man nur an die Unsummen, die die Abwicklung der HSH Nordbank uns alle noch kosten werden, und das fernab jeglichen Sportsgeists. "Wir spüren, dass wir ein grundsätzliches Finanzierungsproblem bei Profiteams haben", hielt Sportsenator Andy Grote noch einmal den Status quo fest. Auch zu der bisherigen Nicht-Einigung mit Hamburger Sportbund und Fußballverband über den Sportfördervertrag für 2017/2018 nahm Grote Stellung: Von abgebrochenen Verhandlungen könne keine Rede sein. Dass die bisherigen Gelder den Vereinen nicht mehr reichten, liege vor allem an der Vereinsarbeit mit Flüchtlingen. "Deshalb ist hier eine Erhöhung im sechsstelligen Bereich vorgesehen", kündigte Grote an. Verbände und Vereine sind nun sehr gespannt, ob im oberen oder im unteren Bereich.

Henssler will für jeden kochen

Des einen Leid, des anderen Chance. Nach 85 Jahren muss das Fischrestaurant Daniel Wischer seinen Traditionsstandort in der Spitalerstraße aufgeben; laut "Abendblatt" sollte die Zwangsvollstreckung, die offenbar der Tiefpunkt eines Rechtsstreits ist, gestern stattfinden. Nachmieter ist kein Geringerer als Promi-Koch Steffen Henssler. Dieser wehrte sich bereits per anwaltlichem Schreiben unter anderem gegen Stimmungsmache und Vorwürfe, er habe einem "anderen Gastronomen den Standort weggenommen". Auch uns gegenüber betonte Henssler, es sei keineswegs so gewesen, "dass ich durch Hamburg gelaufen bin und mir einfach einen Laden ausgesucht habe, das wäre nicht seriös". Vielmehr sei ihm die Restaurantfläche angeboten worden, "als der Vermieter sich bereits gegen den jetzigen Mieter entschieden hatte". Ende 2016 will  Henssler hier sein drittes Hamburger Restaurant mit Außerhausverkauf eröffnen. "Entgegen vielen Befürchtungen", so Henssler, wolle er keinen hochpreisigen Gourmettempel aufmachen. "Kulinarisch streben wir eine moderne Bandbreite an, die für jeden Hamburger und jeden Geldbeutel etwas bietet." Auch für Daniel Wischer soll es in guter Lage weitergehen. Laut "Abendblatt" wird das Unternehmen eine Filiale mit neuem Konzept am Hauptbahnhof eröffnen. Vielleicht also doch eine Chance für alle beide?

Mittagstisch

   

Neue amerikanische Küche

   

Das im Goldbekhaus Winterhude wunderschön am Kanal gelegene "Chapeau!" hat sich der "New American Cuisine" verschrieben, mit starkem Hang zu Design und Coolness. Von Menükarte über Gastraum bis hin zu den Toiletten ist alles in einer Mischung aus industriell und viktorianisch dekoriert. Vom Service, der offenbar je nach Tag mit schwankender Professionalität und Qualität agiert, werden mittags Ricotta-Steinpilz-Ravioli mit geschmolzenen Tomaten, brauner Butter und Brunnenkresse für neun Euro serviert. Sehr gut und hübsch angerichtet, lassen sie den Gast aber hungrig zurück. Da kommen ein warmer "Half Baked Brownie" mit Sahne für sechs Euro und ein Milchkaffee gerade recht. Außerdem sind Suppen, Salate sowie Burger mit hausgemachten Soßen und Steaks in gehobener Preislage im Angebot. Die Getränkekarte bietet Thomas-Henry-Limonaden, Bier vom Fass, Basilikumlimonade (im unvermeidlichen Einmachglas) oder einen Pimm’s Cup (elf Euro), die man auf der Holzterrasse unter Schirmen und Bäumen mit Blick auf Wasservögel und Boote genießen kann.

Winterhude, Moorfurthweg 9, Mo–Fr 12–15 Uhr und 17–23 Uhr, Sa/So 12–17 Uhr

Christiane Paula Behrend

 

Was geht

Jazz: Gehaltvoller junger Jazz aus Nordlage mit erdigen Tönen und sanftem Abgang: Das Street-Fragments-Trio spielt bei "Jazz im Sein". HausDrei, Hospitalstraße 107, 19.30 Uhr

Film: Mittellos und allein in Teheran träumt die Afghanin Sonita in dem gleichnamigen Film von einer Karriere als Rapperin – und muss diese vor allem gegen die drohende Zwangsheirat behaupten. Sie nimmt ein YouTube-Video auf ... Abaton, Allendeplatz 3/Ecke Grindelhof, 17 Uhr

Dialog: "Europas Grenzen: Wir müssen reden!" ist der Leitgedanke des heutigen Bürgerdialogs. Die Binnen- und Außengrenzen, Handlungs- und Zukunftsfähigkeit und innere Solidarität der Europäischen Union werden dabei in einer Podiumsdiskussion und offenen Gesprächen erörtert. Rathaus, Rathausmarkt 1, 17 Uhr

Was kommt

Großes Finale: Beethovens "Neunte", sie markiert den Höhepunkt des 2. Internationalen Musikfests in der Laeiszhalle. Nach dem Tod des Dirigenten Nikolaus Harnoncourt übernimmt Diego Fasolis in dessen Gedenken die musikalische Leitung. Sie können sich noch ein paar Plätze in der Laeiszhalle sichern: Wir verlosen heute bis 18 Uhr 7x2 zwei Karten, die im Erfolgsfall (sicher ist sicher) persönlich am ZEIT-Empfang abgeholt werden müssen. Schreiben Sie eine E-Mail, Betreff "Musikfest" an elbvertiefung@zeit.de

Mittwoch, 1. Juni, Laeiszhalle, Großer Saal, 20 Uhr, Konzerteinführung Kleiner Saal, 19.15 Uhr

Hamburger Schnack

   

München, Glockenbachviertel: Ein Hamburger hängt gerade seinen Gedanken nach, da beginnt ein junger Radfahrer lautstark über einen kleinen kläffenden Hund zu schimpfen, der ihn anbellt. Da ergreift der Besucher aus Hamburg Partei für den Vierbeiner: "Nu mok di man nich glieks inne Büx, is doch nur soon Lütten!". Verwunderter Blick des Münchners.

Gehört von Christian Köster

 


Meine Stadt

»Wasserlichtshow in Planten un Blomen« © aileensff via Instagram

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Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!


Ihr

Mark Spörrle

 

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