Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

gute Nachricht zum Wochenende: Das Public Viewing der ZEIT zur Fußballeuropameisterschaft ist zwar voll (bei unserem Tippspiel können Sie aber noch mitmachen – doch am Millerntor ist Platz. Dort rollt jetzt zur EM wieder der Fußball, zumindest auf der Leinwand: Ab 12. Juni gibt es eintrittsfreies Public Viewing für bis zu 50.000 Zuschauer pro Spieltag. Alle Spiele der deutschen Nationalmannschaft werden übertragen und noch ein paar mehr. Zwischenzeitlich stand das ja mangels Sponsor auf der Kippe. Ein Discounter sprang ein und nun heißt das Ganze zwar "Lidl Viewing", aber:

Wer sagt denn, dass in Hamburg Sport keine Chance hat?

Und, ernsthaft, das betrifft längst nicht nur die EM und nicht nur die Profis: Dienstagabend beispielsweise begann der FC Hamburger Berg im Schanzenpark seinen Weltrekordversuch im Dauerfußball gegen den Vfl Wallhalben. Gestern bei Redaktionsschluss fighteten die Fußballer bei schwindelerregendem Torestand und aufziehendem Unwetter immer noch ums Leder und vor allem darum, die 111 Stunden durchzuhalten.

Das betrifft auch nicht nur Fußball: Das neue Handballteam des HSV Hamburg – genau, der Nachfolger des insolventen Bundesligisten – hat binnen 24 Stunden sage und schreibe 672 Dauerkarten verkauft. "Wir sind gerührt, mit wie viel Herzblut unsere Anhänger uns bei unserem Neustart begleiten", so Vizepräsident Martin Schwalb.

Überhaupt, und das ist die zweite gute Nachricht: Obwohl schmerzlicherweise die Volleyballerinnen von Aurubis und der Eishockeymeister der Freezers verschwanden, ein Trost bleibt: Es gibt ihn noch, den Sport in dieser Stadt. Bei der aktuellen ZEIT:Hamburg füllen die hiesigen Deutschen Meister, Europameister und Weltmeister im Segeln, Hockey, Kanu, Schach (doch, das ist auch ein Sport) die ganze Titelseite.

Die Sportstadt Hamburg geht unter? Kann nicht sein.

"Armut ist kein Schicksal"

Sie erinnern sich: Vorgestern berichteten wir an dieser Stelle, dass in Hamburg jedes fünfte Kind von Hartz IV abhängig ist. Die Zahl der armen Kinder in Hamburg und Deutschland steigt – trotz guter Arbeitsmarktzahlen. Nun schlagen Sozialverbände Alarm und fordern unter anderem einheitliche Beträge zur Kinderförderung. Der Paritätische Wohlfahrtsverband möchte, wie es auch die Grünen schon 2014 taten, eine Enquetekommission. Wir fragten Harald Ansen, Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg.

Elbvertiefung: Herr Ansen, warum sind immer mehr Kinder arm?

Harald Ansen: Alleinerziehende und Geringqualifizierte haben weniger Chancen, an Jobs zu kommen. Diese Gruppen profitieren kaum vom guten Arbeitsmarkt. Und dann kosten Kinder natürlich Geld, und das wird nur begrenzt von der Gesellschaft geschultert. Das Kindergeld wird zum Beispiel komplett vom Hartz-IV-Satz des Kindes abgezogen.

EV: Ist das gerecht?

Harald Ansen: Das ist natürlich eine politische und gesellschaftliche Frage: Wie viel sind wir als Gemeinschaft bereit, für Kinder in Armut umzuverteilen? Haben wir da eine Gerechtigkeitslücke? Ich sehe die, wenn Kinder strukturell ausgeschlossen werden.

EV: Wie könnte man den Kindern helfen?

Harald Ansen: Als Erstes muss man ihre ökonomische Lage verbessern. Zum Beispiel indem man einen einheitlichen Betrag festlegt, der die Bedürfnisse von Kindern auch berücksichtigt – schon 50 Euro mehr pro Kind bei Hartz IV wären realistischer. Sie müssen bedenken: Kinder verschleißen zum Beispiel mehr Kleidung als Erwachsene, das ist nicht billig. Die Zähne von armen Kindern sind oft schlechter – auch eine Kostenfrage. Sie können keinen Sport machen oder Instrumente lernen, bei denen es teure Ausstattung braucht. So werden sie schon früh abgehängt. Und die zusätzlichen Hilfen werden hinter bürokratischen Hürden geradezu versteckt.

EV: Sind denn nicht auch Eltern ein Problem, die das Geld für ihren eigenen Konsum, etwa für Zigaretten, ausgeben und nicht für ihre Kinder?

Harald Ansen: Ich halte das für ein Gerücht. Ganz im Gegenteil sind die meisten Eltern hochgradig verzichtsbereit. Es gibt keinerlei wissenschaftliche Belege, dass sie Geld verplempern. Und wir sehen eher Eltern, die für ihre Kinder Schwerstarbeit leisten.

EV: Außer Geld: Was ist noch wichtig?

Harald Ansen: Ein Schulsystem, das fördert und damit zum Teil ausgleicht, was manche Eltern nicht leisten können. Ganztagsschulen sind ein guter Schritt, aber nicht, wenn sie die Kinder nur "aufbewahren". Und, der nächste wichtige Punkt: Arme Kinder leiden besonders unter der Ghettobildung. Bei einem wirklich über die Stadt verteilten sozialen Wohnungsbau könnten Kinder verschiedene Lebensmodelle um sich herum aufnehmen, was ihnen enorm zugute käme. Zurzeit haben wir Kinder, die sagen: "Ich werde auch Hartz IV", weil sie um sich herum nichts anderes sehen.

EV: Gibt es ein Land mit Vorbildcharakter, von dem man in dieser Frage lernen könnte?

Harald Ansen: In Finnland gibt es die Haltung "Wir können es uns nicht leisten, ein Kind zurückzulassen." Dort wird sehr sozialintegrativ gearbeitet. Da gibt es pädagogische Ganztagsschulen mit gut ausgebildetem und dementsprechend bezahltem Personal. Mir tun die Kinder in Deutschland da leid. Es gibt zurzeit nicht den politischen Willen, das Problem anzugehen. Denn Armut ist kein Schicksal ohne Interventionsmöglichkeit.

"HH-Mittendrin" macht zu

Die Medienbranche sucht nach neuen Erlösmodellen. Ein Wort, das dabei immer wieder hoffnungsvoll geraunt wird, ist "Hyperlokaljournalismus". Doch auch da ist es nicht leicht, Informationen zu Geld zu machen. Und so musste "HH-Mittendrin", ein Hyperlokalblog aus Hamburg-Mitte, bekannt geworden in der Diskussion über die Hamburger Gefahrengebiete, gestern das Aus verkünden – nach vier Jahren. "Wir können den redaktionellen Betrieb nicht länger finanzieren", teilte Chefredakteurin Isabella David ihren Lesern mit. Denn anders als bei vielen anderen Blogs und Onlineportalen hat man hier die Autoren bezahlt. Etwas weiter nördlich probiert man es mit einem anderen Modell. Die 2013 gegründeten "Eimsbütteler Nachrichten" freuen sich über eine steigende Zahl an Facebook-Fans und haben es sogar vom Internet ins Kioskregal geschafft. Ende Juli erscheint die vierte gedruckte Sonderausgabe, finanziert über Anzeigen. Honorare für die Autoren gibt es hier allerdings noch keine. Das soll sich bis Ende des Jahres ändern, erklärt Chefredakteurin Annika Demgen. Immerhin: Die Mitarbeiter aus Verwaltung, IT und Contentmanagement werden bereits bezahlt. Hyperlokal-Hype hin oder her, die Geschäftsgrundlage scheint schwierig zu sein. Annabel Trautwein, Chefredakteurin des Blogs "Wilhelmsburg Online", bringt es auf den Punkt: "Guter Journalismus braucht Profis." Grundsätzliches Problem sei, dass es kaum Bereitschaft gebe, für Online-Inhalte Geld zu zahlen. "Da muss ein großes Umdenken stattfinden", so Trautwein. Das Team von "HH-Mittendrin" war übrigens Blogpartner von ZEIT ONLINE. Hier steht ein Abschiedsgruß unserer Kollegen.

Ein Fest für Frauenrechte

Feminismus ist eines der Wörter, die Alarmglocken auslösen: Manchen geht es zu viel um Rasur, Grammatik und BH-Fragen, manchen zu wenig um Macht und Gehälter, und andere glauben, das Thema sei eh schon durch. Was dabei in Vergessenheit gerät: Frauen leiden unter anderen Problemen als Männer – besonders in Krisenregionen. Eine der Stiftungen, die sich damit beschäftigt, ist Filia. Die einzige deutsche Gemeinschaftsstiftung, die Frauen weltweit fördert, sitzt in Hamburg und feiert heute ihren 15. Geburtstag. Das Konzept von Filia: Frauen bewerben sich mit ihren Projektideen bei der Stiftung um Förderung, gesucht sind Konzepte, bei denen das Leben von Frauen nachhaltig verbessert wird. "Wir machen hier keine Charity", so die stellvertretende Geschäftsführerin Katrin Wolf. Sondern? Da gebe es zum Beispiel Poradňa, eine slowenische Organisation, sagt Wolf. "Die haben erfahren, dass junge Roma-Frauen in Slowenien zwangssterilisiert wurden." Poradňa schuf Selbsthilfegruppen – und reichte Klage beim europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ein. Sie bekamen recht, Slowenien musste zahlen, mittlerweile urteilen auch Gerichte vor Ort zugunsten der Zwangssterilisierten. Drei weitere Projekte kann man heute unter dem Titel "Miteinander über Grenzen gehen: Feministische Perspektiven auf Flucht und Krisen" kennenlernen: serbische Aktivistinnen, selbst organisierte Flüchtlingsfrauen aus Berlin und den Hamburger Verein Dolle Deerns. Im Anschluss gibt es Sekt. "Auch wenn die Themen oft ernst sind", sagt Wolf, "einmal im Jahr wird die Arbeit der tollen Frauen gefeiert." Los geht’s um 18.30 Uhr im Rathaus Altona.

Mittagstisch

Zu Besuch in einer Wohngemeinschaft

Die vegane Küche hat ja in jüngster Zeit einen enormen Schub erfahren, und so liegt das froindlichst voll im Trend. In den ehemaligen Räumen einer Bäckerei haben drei Freunde im vergangenen Winter Wände freigelegt, Shabby-Chic-Möbel aufgestellt und dann kürzlich sogar eine gediegen möblierte großzügige Außenterrasse aufgebaut. Der Gastraum und die Küche sind nur durch einen Tresen voneinander getrennt, man hat bei der lockeren und kommunikativen jungen Mannschaft das Gefühl, in eine Wohngemeinschaft geraten zu sein. Bestellt wird am Tresen, es gibt vegane Pizza, Burger, Suppen und Burritos sowie Salat. (Mittags alles für 7,90 €.) Warme Speisen werden mit Dinkelmehl sowie auf Wunsch und mit Aufschlag glutenfrei zubereitet, im Angebot sind auch Kuchen, zu trinken gibt es neben Heißgetränken Smoothies und Limonaden, neu ist eine Eistheke. Nach einem "Chili Cheeze"-Burger mit fleischlosem "Fleischstück" und käsefreiem "Käse" (11,90 €) sowie einem Eisbecher mit "Sahne" (5,90 €), stellt sich aber die Frage, wieso immer so getan werden muss, als äße man eben doch Fleisch und Milchprodukte, wenn diese geschmacklich gegen die Originale nur verlieren können.

Winterhude, Barmbeker Straße 169, Mi–So 12–22 Uhr, Mittagstisch Mi–Fr 12–15 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht

Familienfest: Riesenrad, Indianer-Tipi und einen Kulturkran gibt es dieses Wochenende rund um den Harburger Lotsekanal und die Schlossinsel. Musikalische Begleitung von Rock-, Pop- und Coverbands bis hin zu den Celtic Cowboys. Freitag um 18 Uhr wird eröffnet, Programm Samstag und Sonntag ab 12 Uhr

Ausstellung: Natur mit Migrationshintergrund: "Neophyten und Neozoen" zeigt Arten, die aus fremden Ländern zu uns kommen. Willkommen! Botanischer Sondergarten, Walddörferstraße 273, 7–14 Uhr

Konzert: Nervosität überspielen: Beim "Klavierabend" treten Musikstudenten zur Bachelorprüfung an. Hochschule für Musik und Theater Hamburg, Harvestehuder Weg 12, 19 Uhr

Was kommt

Hip-Hop: Sind alle down under mit diesem Sound? Boo Seeka kommen aus Australien und bringen alle Fans zum Hüpfen. Prinzenbar, Kastanienallee 20, 20 Uhr

Markt: Hier läuft Hamburg leckeres Essen über den Weg: Eatstreet Market mit den besten Food-Trucks. Beilage: frische DJ-Sounds. Vor der Rindermarkthalle, Neuer Kamp 31, 11–17 Uhr

Lesung: Bei "Literatur in den Häusern der Stadt" lesen Künstler an den verschiedensten Orten in Hamburg – zum Beispiel die Slam-Poetin Hazel Brugger bei Bernhard Fischer-Appelt, fischerAppelt, Altona, Waterloohain 5, Samstag 19 Uhr

Schnack

Der zwölfjährige Sohn einer Freundin ist nicht gesprächig. Auf die tägliche Frage seiner Mutter, wie es in der Schule war, antwortet er stets: "Gut". Bis meine Freundin sich beschwert: "Sei doch nicht immer so einsilbig." Seitdem antwortet er: "Ganz gut".

Gehört von: Sabrina Lincke


Meine Stadt

»Die Stadtreinigung stellt sich schon auf die EM ein: Schwarz! Rot! Gold!« © Kathrin Lilienthal

Wer von Flexibilität am Arbeitsplatz und auf dem Arbeitsmarkt spricht, meint damit meistens die Arbeitnehmer: Die sollen zu jeder Zeit und an jedem Ort erreichbar und einsetzbar sein. Die IG Metall Küste dreht das Ganze jetzt um und fordert: Auch die Arbeitgeber müssten da mal etwas flexibler sein, bei der Arbeitszeitgestaltung. Denn bei der großen Mitgliederbefragung zeigte sich: Viele wollen weniger arbeiten. Und vor allem wollen sie entscheiden, "wann, wie und wie viel sie arbeiten", sagt Bezirksleiter Meinhard Geiken zum Auftakt einer zweitägigen Bezirkskonferenz in Timmendorfer Strand.

Das können wir natürlich nur unterstützen. Und wenn demnächst in den Werkhallen der Metallindustrie der Begriff "Home-Office" angekommen ist, dann könnten wir hier doch als Nächstes mal über das "Beach-Office" nachdenken.

 

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes, sonniges Wochenende. Am Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!


Ihr

Mark Spörrle


PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.