Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

werfen wir kurz einen Blick über die Grenzen der Stadt hinaus. Dort, in der grünen Idylle Schleswig-Holsteins, klappern nun wieder die Störche, Sinnbild für Fruchtbarkeit, Treue und Liebe. Aber, berichten Fachleute, dieses Jahr ist das Leben der Vögel auch kein Ponyhof. Erst mussten sie ihre Horste gegen die tückische Nilgans verteidigen, die sich gern ins gemachte Nest setzt. Und dann kamen etliche Weißstörche später als sonst aus dem Winterquartier zurück – und namentlich Männchen stellten schockiert fest, dass ihr  Weibchen schamlos mit einem Nebenbuhler im Nest saß. Denn Störche, um zur Wahrheit zu kommen, sind zwar tatsächlich treu. Aber nicht ihrem Partner, sagen Experten, sondern ihrem Nest. Partner wird derjenige, der besagtes Nest zuerst anfliegt. Als die gehörnten Exe dann endlich eintrafen, gab es blutige Dramen. Sie vertrieben die Neuen und warfen die Kuckuckskinder aus dem Nest.
Aber für eigenen Nachwuchs war es dann zu spät. Offenbar auch für viele der Störche, die zwar keinen Nebenbuhler in ihrem Nest antrafen, aber trotzdem so spät aus Afrika zurückkamen, dass sie auf das ganze Paarungsgedöns, die Eier, die mühsame Kinderaufzucht keinen Bock mehr hatten. 2016, befürchten Naturschützer, wird in Schleswig-Holstein kein gutes Jahr für Störche.
Und wir haben ein paar Mythen weniger.
Ob das auch im Fußball so ist, das lesen Sie übrigens unten und in den nächsten Wochen in der EM-Kolumne von Johan Dehoust.

Flagge zeigen – ja oder nein? Eine Umfrage

Liebe Fußballabholde, bitte entschuldigen Sie, wir müssen noch ganz kurz bei der EM bleiben. Seit dem Sommermärchen 2006 nämlich bedeuten Fußball-Großereignisse auch, dass Autos, Fenster, Balkons und natürlich auch die Fans Schwarz-Rot-Gold tragen, als Schminke, als Flagge, wie auch immer. Daher ist es wohl keine sehr populäre Forderung, die die Jugendorganisation der Grünen von sich gibt: "Fußballfans Fahnen runter!", twitterten die jungen Grünen aus Rheinland-Pfalz. Man dürfe nationalistischem Gedankengut keinen Raum lassen. Erwartbarerweise löste das einen Sturm der Empörung im Netz aus. Daraufhin wieder zeigten sich andere grüne Jugendorganisationen solidarisch; auch die Hamburger Grüne Jugend schreibt in einem Statement: "Solche Events bauen eine Gegnerschaft auf, die leider auch allzu oft nicht nur auf dem Platz ausgetragen wird, wie die jüngsten Vorfälle von Marseille zeigen." Andere Politiker reagierten dagegen verständnislos: Andreas Scheuer, CSU- Generalsekretär, twitterte: "Lieber Patriot als Idiot", Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) ließ wissen: "#GrüneJugend kapiert’s nicht: Fahnen der Fans sind das Gegenteil der Fahnen von einst: Symbol für weltoffenes, sympathisches Deutschland!"
Aber ist das nicht auch ein bisschen einfach? Immerhin ist die Stimmung 2016 eine andere als 2006: Über Flüchtlinge wird mit teilweise fremdenfeindlichen Tönen diskutiert, immer wieder brennen "im Namen des Volkes" Asylbewerberheime – und jetzt berichtet der Berliner Tagesspiegel von Nazisymbolen und Hitlergruß auf der Berliner Fanmeile. Das heißt natürlich nicht, dass die Flagge daran schuld ist. Aber sie ist und bleibt ein besonderes Symbol. Weshalb wir an Ihrer ehrlichen Meinung interessiert sind: Sollte/darf man zur EM Deutschlandfahnen schwenken? Oder nicht? Hier geht es zur Umfrage.

Verfassungsfeinde en détail

Gestern haben der Leiter des Landesamtes für Verfassungsschutz, Torsten Voß, und Hamburgs Innensenator Andy Grote den Verfassungsschutzbericht 2015 vorgestellt.
Als größte Herausforderung für den Dienst und für uns alle bezeichneten sie erneut den islamistischen Terrorismus. Derzeit werden in Hamburg 1.185 Menschen dem islamistischen Spektrum zugerechnet, 2014 waren es noch 955. Die steigende Zahl liegt aber nicht nur daran, dass immer mehr Leute zu den Islamisten finden, sondern auch an den gründlicheren Ermittlungen – mittlerweile sind mehr Islamisten bekannt. 2015 reisten etwa 65 von ihnen nach Syrien und in den Irak aus, um dort den Dschihad zu unterstützen. Ungefähr ein Drittel von ihnen ist zurückgekehrt und steht unter besonderer Beobachtung; bei etwa 20 Ausgereisten gibt es Hinweise darauf, dass sie im Dschihad-Gebiet ums Leben gekommen sind.
Im rechtsextremen Spektrum beobachteten die Staatsschützer im vergangenen Jahr rund 330 Personen und eine auf nahezu das Doppelte gestiegene Zahl politisch orientierter rechter Straftaten – 562 Stück, im Jahr 2014 waren es noch 296 gewesen. "Gerade vor dem Hintergrund der Flüchtlingssituation werden wir den Anstieg nicht tolerieren", sagte Grote. Die politisch motivierte linke Kriminalität stieg von 853 auf 944 erfasste Taten. Grote warnte davor, sich von Linksextremen vereinnahmen zu lassen: Diese instrumentalisierten häufig Themen, bei denen sie auf Zustimmung in der Gesellschaft hoffen dürften, wie Flüchtlingspolitik und Stadtentwicklung.

Hand in Hand

Es ist eine koordinierte Aktion, bei der anscheinend alle mit dabei sein wollten, die sich der Zivilgesellschaft zugehörig fühlen: Amnesty International, Campact, die Bürgerplattform für gesellschaftliche Veränderung, Pro Asyl, die Diakonie, der Zentralrat der Muslime in Deutschland, die Union progressiver Juden, der DGB, Brot für die Welt – sie und viele weitere Organisationen wollen am kommenden Wochenende Menschenketten gegen Rassismus und für Menschenrechte und Vielfalt auf die Beine stellen. Auftakt ist am Samstag in Bochum, am Sonntag sollen Hamburg, Berlin, Leipzig und München nachziehen. Holger Wagner, 28, ist im Organisationsteam der Kette für Hamburg.

Elbvertiefung: Herr Wagner, woher stammt die Idee, jetzt eine Menschenkette zu starten?

Holger Wagner: Es gibt schon länger die Sorge, dass Rassismus und besonders antimuslimische Hetze salonfähig werden. Da haben die ersten Organisationen Anfang des Jahres überlegt, dass wir ein gesamtgesellschaftliches Zeichen brauchten.

EV: Menschenketten kennen viele noch aus der Friedensbewegung und von Anti-AKW-Demos. 1992 gab es in München die erste Lichterkette gegen Fremdenfeindlichkeit. Wieso haben Sie sich jetzt für diese Form der Kundgebung entschieden?

Holger Wagner: Es geht uns mit dieser Aktion darum, das Miteinander zu zeigen – Menschen fassen sich an den Händen. Die Menschenkette soll als Symbol für eine offene Gesellschaft stehen, für Vielfalt und Menschenrechte. Wir verbinden Moscheen, Kirchen, Synagogen, soziale Einrichtungen, Flüchtlingsunterkünfte, Museen, Theater und Rathäuser.

EV: Was wollen Sie mit der Aktion zeigen?

Holger Wagner: Gerade in der öffentlichen Wahrnehmung spielen Ängste und Feindseligkeit immer wieder eine große Rolle. Deshalb wollten wir klarmachen, dass es genug Menschen gibt, denen es egal ist, woher jemand kommt, welche Hautfarbe, welchen Glauben oder welches Geschlecht Menschen haben. Wir hoffen, dass am Sonntag ganz viele unterschiedliche Menschen um 16.30 Uhr zum Rathausmarkt kommen und es uns gelingt, die Kette wirklich zu schließen – vom alten jüdischen Grindelviertel bis zur Al-Nour-Moschee.

Mehr Informationen hier.

Eine Frage der Ansprüche

Flugverspätung oder gar -ausfall? Kann passieren. Entschädigung? Ab drei Stunden Verspätung gibt es einen gesetzlichen Anspruch darauf. Aber man muss sie einfordern, die Fluggesellschaften winden sich und wollen nicht zahlen, das kostet oft Zeit, Geld und Nerven – und wer hat die schon im Übermaß? Das macht sich jetzt ein Hamburger Jungunternehmer zunutze: Konstantin Loebner, 23, hat ein Internetportal namens wirkaufendeinenflug.de mitgegründet. Dort kann man prüfen lassen, ob man für einen Flug Schadensersatzansprüche hat. Wenn ja, zahlt einem das Portal das Geld aus und versucht selbst, die Ansprüche geltend zu machen. "Deutschland ist ein Mekka für die Verbraucher, was die Fluggastrechte angeht", sagte der andere Gründer, der Anwalt Jens Blaffert, dem "Hamburger Abendblatt". Trotzdem machten die wenigsten Passagiere ihre Rechte geltend. Im Schnitt zahle die Firma 380 Euro an Kunden aus, heißt es im "Abendblatt", die Provision, die man von der Erstattung einbehält, liegt bei etwa 30 Prozent. Ende des Jahres soll die Firma schwarze Zahlen schreiben. Und Konstantin Loebner sieht das Potenzial, die Idee auch auf andere Bereiche auszuweiten, etwa Miet- und Unfallrecht. "Wir wollen uns als Technologiefirma etablieren, die den Verbrauchern zu ihrem Recht verhilft", sagt er. Klingt gut, wenn man damit noch Geld verdient.

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11vertiefung - Die EM-Kolumne von Johan Dehoust

Gestern auch fast vergessen, rechtzeitig einen Tipp abzugeben? Mir jedenfalls ging es so. Nicht, weil erstmals Arbeit und EM zusammenfielen, das lässt sich lösen, wenn man den Monitor ein wenig zur Seite dreht. Mein Problem war, dass mir gerade als ich ein Ergebnis für Spanien gegen Tschechien eingeben wollte ein Freund ein Video zuschickte: der Bundestrainer, wie er sich mitten im Spiel in die Hose greift und kurz darauf an seiner Hand riecht. Fand ich stark. Überall Kameras und der Jogi benimmt sich wie zu Hause im Wohnzimmer. Eine Souveränität, die andere noch lernen müssen. Zum Beispiel der türkische Verteidiger Ozan Tufan, der sich die Haare stylt anstatt ein Gegentor zu verhindern. Oder Frankreichs Moussa Sissoko. Der dehnt sich erst wie in der Kreisklasse, sieht dass ein Kameramann neben ihm steht und beginnt umgehend wie blöd auf der Stelle zu sprinten. 

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Mittagstisch

Küchenfreuden bei den Küchenfreunden

Wer die bürgerliche Bistroküche mit saisonaler Ausrichtung und regionalen (Bio-)Produkten von guter Qualität schätzt, sollte bei den Küchenfreunden vorbeischauen, die außer ihrem 2012 eröffneten Stammhaus im Grindelhof auch einen Ableger in Eppendorf mit schöner Außenterrasse betreiben. Das im Landhausstil eingerichtete kleine Restaurant bietet Klassiker wie Wiener Schnitzel, Currywust, Steak und Fries und Glückstädter Matjesfilets sowie Vegetarisches. Zur aktuellen Spargelzeit gibt es nur ein Mittagsgericht für die Woche wie das Schnitzel vom Lüneburger Landschwein mit Kartoffelgurkensalat und Preiselbeeren oder Kichererbsen-Frikadellen mit Frühlingssalat und Avocadocreme zu Preisen von 7 bis 10 Euro. Auf der Mittagskarte finden sich ebenfalls Suppen und Salate sowie wundervolle Desserts wie die zartbittere Schokomousse mit Mango und Passionsfrucht (5,50 Euro). Dass es in einem hohen Gefäß mit engem Hals serviert wird, welches die entspannte Entnahme praktisch unmöglich macht, ist nur ein kleiner Kritikpunkt für eine durchweg genussvolle und entspannte Mittagspause im Lehmweg.

Eppendorf, Lehmweg 30, montags–freitags 12 bis 15 Uhr, montags–samstags 18 bis 22.30 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht

Vernissage: Geht es hier ums Häuslebaue? Ausstellungseröffnung zum Thema "Nesting" im Kunstforum der Künstlergemeinschaft GEDOK. Koppel 66/Lange Reihe 75, 19 Uhr

Vortrag: Ohne erhobenen Zeigefinger erklärt "Show and Tell", wie die Gestaltung von Ausstellungen den Blick lenkt. Universität Hamburg, Von-Melle-Park 8, Raum 404, 16.15–17.45 Uhr

Film: Die Eck-Daten: "15 corners of the world" stellt den polnischen Pionier der elektro-akustischen Musik, Eugeniusz Rudnik, vor. Golem, Elbstraße 14, 20 Uhr

Hamburger Schnack

Ein Vater gibt seinem kleinen Sohn auf der Straße Geschichtsunterricht: "Johanna von Orléans – die war lieb. Zumindest aus Sicht der Franzosen."

Gehört von Doris Mir Ghaffari

Meine Stadt

Paradiesisch, der Isebekkanal ... außer vielleicht für Allergiker © Foto: Frauke76 via Instagram


Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr
Mark Spörrle


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