Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

die meisten Hamburger sind Quiddjes, nein, keine Früchte: Sie sind nur nicht hier geboren. Das nämlich sind lediglich 44 Prozent der Hamburger Wohnbevölkerung, teilte das Statistikamt Nord am Montag mit. Ein knappes Drittel der über 1,8 Millionen Einwohner dieser Stadt – 32 Prozent – kam in einem anderen Bundesland zur Welt, meist in Schleswig-Holstein oder Niedersachsen. Fast ein Viertel der Hamburgerinnen und Hamburger wurde im Ausland geboren, hauptsächlich in der Türkei und in Polen. Die gebürtigen Hamburger, so die Statistik, wohnen oft in Außenbezirken wie Duvenstedt, Kirchwerder oder Marmstorf und sind sehr vorsichtig, bevor sie "Samstag" sagen. Die zugezogenen "Quiddjes" leben dagegen eher in den Bezirken der Innenstadt und finden keinen Parkplatz.

Umweltschutz? Bäh!

In Wismar berieten Minister und Staatssekretäre der fünf norddeutschen Bundesländer über die bessere Anbindung der Häfen ans Hinterland und übten Kritik an der EU-Bürokratie: Zu viel werde im fernen Brüssel entschieden, selbst wenn es um vergleichsweise geringe Investitionen gehe. So sei es nicht auszuschließen, unkte Staatsrat Rolf Bösinger von der Hamburger Wirtschaftsbehörde, dass man künftig selbst für das Ausbaggern und den Abtransport des Hafenschlicks erst ein Go aus Brüssel abwarten müsse. Die Länder forderten nicht den Nexit, aber doch Reformen, um wieder mehr Entscheidungsfreiheit zu bekommen. Zu meckern hatte die Runde auch über den Plan des Bundesumweltministeriums, große Gebiete in Nord- und Ostsee unter strengen Schutz zu stellen: Das bedeute Einschränkungen für Schifffahrt, Windkraft und Fischerei! Dass in den kommenden 15 Jahren 17 Milliarden Euro in Schiene, Straße und Binnenwasserwege investiert werden sollen, fanden dagegen alle prima. Ein weiteres Thema des fünften Hafenentwicklungsdialogs war der "Emissionsschutz" in Schifffahrt und Hafenwirtschaft. Was die versammelte Lobbyisten-, sorry: Politikerrunde davon hielt, haben wir nicht mehr erfahren. Aber wir können es uns denken.

Bild und Rauch

Die einen können und wollen es nicht lassen, die anderen würden es am liebsten komplett verbieten: das Rauchen. Der Glimmstängel ist ein ewiger Streitpunkt, vor allem, und das steht schwarz auf weiß auf den Packungen, weil er gesundheitsgefährdend ist, gar tödlich. Aber selbst die Schockfotos von Raucherlungen und Krebsgeschwüren – seit Ende Mai müssen laut der neuen EU-Tabakrichtlinie mindestens zwei Drittel der Vorder- und Rückseite mit Warnhinweisen und Bildern bedeckt sein –, sie sind wirkungslos. Zumindest glaubt das die Mehrheit der Deutschen laut einer repräsentativen Umfrage des Forsa-Instituts für die Krankenkasse DAK-Gesundheit: 58 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass die Horrorbilder keinen davon abhalten, mit dem Rauchen zu beginnen. Und sogar 81 Prozent bezweifeln, dass jemand deshalb mit dem Rauchen aufhört. Raucher haben nämlich längst Möglichkeiten gefunden, um die Risiken nicht ständig vor Augen zu haben: Sie stecken die Packungen in Sichthüllen, sogenannte Cover. Als sinnvoller erachteten die Befragten eher Aufklärungsarbeit an Schulen (89 Prozent) und ein totales Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden (77 Prozent). Noch sinnvoller wäre allerdings ein totales Rauchverbot überall, außer in der eigenen Wohnung.

Kunst gegen Hass

Wer mit offenen Augen durch Hamburg geht, hat sicher schon das eine oder andere Kunstwerk der Street-Art-Künstlerin Barbara entdeckt. Auf St. Pauli zum Beispiel hat sie ein Schild mit Sprechblasen überklebt. Da fragt dann die Mutter das Kind: "Sind Ausländer in deiner Kita?", und das Kind antwortet: "Nein, Mama, da sind Kinder." Ein falsch gemaltes Hakenkreuz an einem Laternenpfahl in Altona bedachte Barbara mit einem Aufkleber mit folgendem Kommentar: "Arme Wurst aus Altona, maltest diesen Blödsinn da. Voller Hass, dazu noch dumm: Hakenkreuz geht andersrum." Barbara setzt kleine, kreative und witzige Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Hass, in Berlin, Hamburg und Heidelberg. Jetzt wurden ihre Kommentare im öffentlichen Raum mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Die Jury urteilte: "Charmant, subtil, schon fast poetisch." Die Street-Art-Frau, die illegal arbeitet und ihre Identität verborgen hält, dankte auf ihrer Facebook-Seite: "Ich freue mich sehr über die Auszeichnung meiner Arbeit, in die ich so viel Herzblut stecke. Ich widme diesen Preis meiner geliebten Oma." Mehr zu Barbara hier.

Klassisch gut "nach Hause telefonieren"

Blasmusik im Kuhstall und elektronische Beats im Gewächshaus – klingt nach Nischenveranstaltung, ist aber Deutschlands größtes Klassikfestival. Am Sonntag beginnt in Lübeck zum 30. Mal das Schleswig-Holstein Musik Festival. 178 Konzerte, fünf Musikfeste und zwei Kindermusikfeste stehen auf dem Programm. Komponist Joseph Haydn und Pianist Sir András Schiff sind Mittelpunkt des Veranstaltungsreigens. Wer sich nicht entscheiden kann, für den hat Festivalintendant Christian Kuhnt drei heiße Tipps: 1. Den ersten von zehn Konzertabenden András Schiffs am 11. Juli, an dem dieser nicht nur Bachs "Goldberg-Variationen" vorträgt, sondern auch zugleich moderiert. 2. Geiger Nigel Kennedy, der mit der Russischen Kammerphilharmonie eine moderne Version von Antonio Vivaldis "Vier Jahreszeiten" darbietet, zum Beispiel am 5. Juli in Lübeck. 3. Das Konzert "E.T." in Neumünster (22. und 23. Juli), ja genau: Steven Spielbergs Film flimmert über die Leinwand, dazu spielt das Festivalorchester die Filmmusik von John Williams. Das komplette Festivalprogramm gibt es hier.

Skatespot impossible

Wer kennt sie nicht, die Rollschuhbahn in Planten un Blomen, das steinerne Herz der Stadt im Grünen, im Winter ist dort die Eisbahn, im Sommer einer der beliebtesten Skatespots Hamburgs – und viele Hamburger haben dort als Kind Radfahren gelernt. Wer jetzt hinkommt, der steht verblüfft davor, denn die Fläche ist gesperrt: Nach 45 Jahren Betrieb ist die Rollschuhbahn zum ersten Mal unbefahrbar; denn die Eisfläche erhält eine neue Beschichtung, das Dach wird abgedichtet, der Gastronomiebereich soll größer werden. Zudem entsteht am Holstenwall ein barrierefreier Parkeingang. Gebaut wird nicht nur in diesem, sondern auch im nächsten Sommer. Wer derweil dringend Rad- oder Skatefahren lernen muss: Da wären etwa noch der Wilhelmsburger Skatepark mit zwei Meter tiefen Bowl und Flutlicht, der Kelle-Skatepark in Eppendorf, die Flora-Bowl im Schanzenviertel und noch ein paar mehr.

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11vertiefung - Die EM-Kolumne von Johan Dehoust

Italien und Island also. Wer hätte das vor diesem Turnier gedacht? Logisch, die größere Sensation ist, dass Sigthorsson tatsächlich in einem K.-o.-Spiel ein Siegtor schießt. Um zu erklären, wie er das geschafft hat, kommt man allerdings nicht umhin, über eine grausige englische Mannschaft zu schreiben. Angesichts der spöttischen Brexit-EM-Aus-Parallelen, die nun sicher folgen werden, möchte ich mich davon fern halten. Deshalb weiter zu den Italienern. Auch von denen hat anfangs kaum jemand geglaubt, dass sie bis ins Viertelfinale kämen, schon gar nicht mit einem 2:0-Erfolg gegen die Spanier. Und jetzt? Wird Joachim Löw bei der Videoanalyse vor- und zurückspulen wie lange nicht. Ich bin schon gespannt, wie er seine Mannschaft am Samstag einstellen wird. Denn das Wundervolle an den Italienern ist meiner Ansicht nach nicht, dass sie sonderlich kompliziert spielen. Es ist die Art, wie sie auftreten. Um das zu erkennen reicht eine einzige Kameraeinstellung: aufs Tor des 38-jährigen Gianluigi Buffon. Welche Leidenschaft. Welche Ausgebufftheit und Klasse.

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Mittagstisch

Gutes beim Bohrrad

Möchte man in Barmbek gut speisen und in schöner Umgebung draußen sitzen, führt der Weg zum T.R.U.D.E. Namensgeberin ist das riesige Bohrrad für die vierte Elbtunnelröhre ("Tief Runter Unter Die Elbe"), welches vor dem Restaurant seinen Ehrenplatz erhalten hat. In den letzten zehn Jahren hat das Lokal, Teil eines Ensembles sanierter Industriegebäude von 1871, sich zunehmend auf regionale, aus tiergerechter Haltung stammende Zutaten konzentriert, und so genießt man auf dem ruhigen Platz am Kanal Pappardelle in Walnuss-Chili-Pesto mit Schinken, glacierten Trauben und Parmesanhobeln für 13,50 Euro; für die zweiwöchentlich wechselnden Mittagsgerichte sind zwischen 8 und 9 Euro zu entrichten. Die recht fleischlastige Karte mit Currywurst, Steaks und Burgern wird flankiert von Flammkuchen und einer Salatauswahl. Zum Abschluss winkt die Eiskarte oder einer der frischen Kuchen wie der sehr gute Apfel-Schmand-Kuchen mit Mandelsplittern für 3,80 Euro – begleitet von einem eigens für das T.R.U.D.E. von einer Hamburger Rösterei gerösteten Kaffee.

Barmbek, Maurienstraße 13–15, 22305 Hamburg Montag bis Donnerstag 11 bis 24 Uhr, freitags 11 Uhr bis open end

Christiane Paula Behrend

Was geht

Essen gehen: Gibt es ein Restaurant, das Sie schon immer ausprobieren wollten, aber nicht für den Preis? Dann ist der "Schlemmersommer" vielleicht das richtige Angebot – da gibt es in vielen Restaurants der Stadt ein Festpreismenu zum Testen. Wer mitmacht, steht hier.

Kabarett: Martin Sonneborn ist einer der bekanntesten lustigen Menschen des Landes. Er macht "Krawall und Satire" unter anderem für die "Titanic", eine Partei und er wünscht sich nach dem Brexit Deutsch als einzige EU-Amtssprache. Wo war er bei der Olympia-Wahl? Jetzt erst mal im Polittbüro, Steindamm 45, heute und morgen, 20 Uhr

Klassik: Franz Schubert, Felix Mendelssohn Bartholdy und Frédéric Chopin, gespielt von Marina Savova und Olaf Kirsch. Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, 19 Uhr

Diskussion: Überschwemmte Festivals, faustgroße Hagelkörner – was ist nur mit dem Wetter los? Im Geomatikum wird bei der Veranstaltung "Mathematik und Klima" heute Abend darüber diskutiert, wie sich die Erderwärmung kalkulieren lässt. Vorgestellt werden Perspektiven klimarelevanter Mathematik. Universität, Geomatikum (Hörsaal 5), Bundesstraße 55, 18 Uhr

Projektabend: Philipp Heerwagen (FC St. Pauli) und Michael Fritz (Viva con Agua) berichten in den Fanräumen des Millerntorstadions über die gemeinsame Projektreise nach Äthiopien mit den Musikern Clueso, Max Herre, Norman Sinn Musik und anderen. Vor Ort besuchte der Trupp die Wasserprojekte der Welthungerhilfe, es wurden Konzerte gegeben, und fleißig gekickt haben die Jungs selbstverständlich auch. Viva con Agua de Sankt Pauli ist ein gemeinnütziger Verein, der sich dafür einsetzt, dass alle Menschen weltweit einen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Es werden wie immer Spenden gesammelt. Eine Preview zur Projektreise gibt es hier. Millerntorstadion, Heiligengeistfeld 1a, 19.10 Uhr

Führung für Kinder: Was genau macht eigentlich ein Zollbeamter? Bei der Führung "Zoll ist toll" durch das Deutsche Zollmuseum gehen Kinder bis 10 Jahre auf Entdeckungsreise durch die Welt der Zollbeamten. Die Führungen finden nach Anmeldung dienstags und freitags statt. Deutsches Zollmuseum, Alter Wandrahm 16, 10 Uhr

Was kommt

Poetry Slam Finale: Am Donnerstagabend treffen sich die besten Bühnenpoeten des deutschsprachigen Raums, um beim Jahresfinale des Poetry Slams "Kampf der Künste" gegeneinander anzutreten. Michel Abdollahi moderiert, wenn Helge Albrecht seinen Titel gegen Anwärter wie Jon Lorenzen, Kaleb Erdmann und viele mehr verteidigt. Deutsches Schauspielhaus, Kirchenallee 39, 30. Juni, 20 Uhr

Schnack

Samstags im Backshop. Ein Mann kommt herein und fragt aufgeräumt: "Haben Sie Hefegebäck, Brioches oder andere Köstlichkeiten?" "Hören Sie mal", brummt der Aufbäcker, "wir sind hier bei XY (Name der Kette bekannt), wir haben keine Köstlichkeiten."

Gehört von Markus Johannes

Meine Stadt

"Typisch Hamburger 'Understatement'." © Foto: Anne B.

Ein Jahr nach der Anerkennung der Speicherstadt und des Kontorhausviertels in Hamburg als Unesco-Weltkulturerbe hat gestern Außenminister Frank-Walter Steinmeier die Urkunde an Bürgermeister Olaf Scholz überreicht. Wie zu hören ist, trifft ihn für die Verzögerung keine Schuld. Die Stätten dokumentierten "auf einzigartige Weise den Aufstieg Hamburgs zu einem der größten und bedeutendsten Seehäfen weltweit", sagte Steinmeier – und stünden für kulturelle und gesellschaftliche Identität. "Welterbe gibt Menschen Halt und Orientierung. Das gilt für Hamburgs Welterbestätten – und das gilt für bedrohte Welterbestätten wie Palmyra in Syrien."

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

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