Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

die einen waren extra den ganzen Tag mit einem Tagesticket unterwegs, um den Kontrolleuren eine lange Nase zu drehen – aber wurden beim großen Prüfmarathon des Hamburger Verkehrsverbunds (HVV) kein einziges Mal kontrolliert – "wie langweilig!", schrieb ein Leser. Die anderen ließen sich trotz vielfacher Ankündigungen allen Ernstes ohne gültiges Ticket erwischen. Nach Angaben des HVV ertappte man gestern 335 Schwarzfahrer in flagranti. Bei insgesamt 12 390 kontrollierten Fahrgästen liegt die Quote der Illegalen damit bei 2,7 Prozent, ähnlich wie im Vorjahr. Ein Beweis für die Unbeugsamkeit hanseatischer Schwarzfahrer? Den viel zu dürftigen Medienkonsum in gewissen Bevölkerungsgruppen? Nein, ich glaube: Die Ticketlosen, sie wollten den fleißigen Kontrolleuren einfach nur eine Freude machen.

"Mein persönlicher Tipp: Den Blick immer wieder gen Himmel richten"

1000 Einsatzkräfte rückten am Dienstagabend 254-mal aus, weil ein Wirbelsturm im Hamburger Nordosten die Einwohner in Atem hielt. Er beschädigte Häuser und Autos, knickte Bäume um und schleuderte abgebrochene Äste durch die Gegend. Glücklicherweise war bis gestern kein Verletzter gemeldet worden. Die Bezeichnungen für ein und dasselbe Wetterphänomen reichten von Trichterwolke über Windhose bis hin zu Tornado. Wir fragten bei Alexander Hübener, gemeinsam mit Frank Böttcher Geschäftsführer des Instituts für Wetter- und Klimakommunikation, nach und erreichten ihn im Auto, unterwegs zu einer Live-Schalte.

Elbvertiefung: Herr Hübener, was hat Hamburg denn nun in Atem gehalten?

Hübener: Es war definitiv ein Tornado. Aber gut, dass Sie fragen, denn es kursieren tatsächlich verschiedene Begriffe.

EV: Und welche?

Hübener: Wir unterscheiden zwischen einem Funnel, der Vorstufe eines möglichen Tornados, bei dem ein Rüssel aus der Wolkendecke herunterhängt, ohne den Boden zu berühren. Dabei gibt es zwar die Rotation am Himmel, aber am Boden entsteht noch kein Schaden. Ein Tornado ist es dann, wenn die Rotation auch am Boden einsetzt, selbst wenn der Wolkenschlauch nicht sichtbar bis zum Boden reicht. Wir konnten diesen Tornado in seiner Entstehung aus unserem Büro filmen und mit bloßem Auge sehen, dass bodennah Trümmerteile umherwirbelten. Deshalb war sofort klar: Das ist ein Tornado. Es ist wichtig, einen Tornado auch als solchen zu bezeichnen und nicht als Windhose. Denn dieser Begriff ist schlicht verharmlosend.

EV: Gab es in der Vergangenheit Tornados in Hamburg?

Hübener: Ja, vor zehn Jahren etwa in Harburg. Dabei kamen zwei Kranführer ums Leben.

EV: Müssen wir uns darauf einstellen, dass das jetzt häufiger passiert?

Hübener: Tornados sind in Deutschland zwar generell nichts Ungewöhnliches. Aber im Zuge des Klimawandels werden unter anderem Wetterlagen häufiger, die die Bildung von Tornados grundsätzlich begünstigen, in Städten genauso wie auf dem Land – auch wenn es bis heute keine Zahlen gibt, die eine Häufung belegen. Für uns Meteorologen ändert sich die Vorgehensweise nicht, aber das hat jetzt viele Leute wach gerüttelt – man muss Unwetterwarnungen einfach ernst nehmen.

EV: Wo sollte man sich informieren? Die Warnungen per Mail und Wetter-App funktionieren oft nicht richtig ...

Hübener: Die Erwartung an Wetter-Apps ist zu groß. Dabei ist die Trefferquote schon sehr hoch. Bei komplexen und sehr regional begrenzten Ereignissen wie Gewittern und Tornados darf man diese Genauigkeit aber nicht erwarten. Das wird man auch in den nächsten Jahren nicht leisten können. Mein persönlicher Tipp: den Blick immer wieder gen Himmel richten. Auch auf den Niederschlagsradar gucken, um zu sehen, wo haben sich Gewitter gebildet und wo ziehen sie hin, sowie auf die Unwetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes.

EV: Wie schützt man sich, wenn man sich plötzlich einem Tornado gegenübersieht? 

Hübener: Man sollte sofort Schutz in stabilen Gebäuden suchen. Denn die größte Gefahr sind herumfliegende Teile. Wir haben zum Beispiel einen Ast gefunden, der 100 Kilo wog – und der stammte eindeutig von einem Baum, der 100 Meter entfernt war. Wir reden hier von echter Naturgewalt.

"Das geht nicht mehr lange gut"

Es ist ein Notruf, den Polizist Gerhard Kirsch gestern aussandte: "Ich bekomme von überall signalisiert: Es geht nicht mehr. Die Situation ist wirklich akut", sagte der Hamburger Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) gestern. Er meinte den Personalstand bei der Polizei. Und kritisierte: "Eine ehrliche und aufrichtige Diskussion findet in der Politik derzeit nicht statt." Abgesehen davon, dass schon die aktuelle Situation in Kirschs Augen untragbar ist, dürfte sich die Lage noch zuspitzen: Im Dezember dieses Jahres tritt der Außenministerrat der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Hamburg zusammen, nächstes Jahr soll der G-20-Gipfel an der Elbe stattfinden. Kirsch forderte: "Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen." Wie ernst die Not sei? "Wir haben keine Zeit mehr, präventiv tätig zu werden", sagte Kirsch. Die Krankenquote liege bei mehr als zehn Prozent; in den kommenden neun Jahren gingen rund 3300 Polizisten in den Ruhestand. Diese könne man nicht ohne Weiteres ersetzen, weder quantitativ noch qualitativ. "Und wenn wir anfangen, jeden Bewerber durchzuwinken, erleben wir einen Sinkflug in der Qualität", warnte er. Was den Ist-Zustand betrifft, formulierte Kirsch es so: "Aktuell halten wir den Kahn über Wasser, weil Kollegialität herrscht. Aber das geht nicht mehr lange gut."

© DIE ZEIT

St. Pauli: "Es liegen wieder Spritzen auf Spielplätzen rum"

Und noch ein Notruf. "Für einen sensiblen Umgang mit der Drogenszene im Stadtteil" setzt sich die Arbeitsgemeinschaft (AG) Drogen der Initiative "St. Pauli selber machen" ein. Auf sogenannten kleinen Stadtteilversammlungen tauschen sich Anwohner, Fachleute aus der Drogenhilfe und Vertreter des Elternrats der Ganztagsschule in der Friedrichstraße über Wünsche und Nöte zu dem Thema aus. Und in der jüngsten Sitzung wurde erneut eines deutlich: Der Umzug der Einrichtung "Stay Alive", einer Drogenberatungsstelle, samt Konsumraum von der Davidstraße nach Altona hat eine große Lücke gerissen. "Es braucht wieder Hilfsangebote für Konsumenten auf St. Pauli", sagt Jonny Schanz, Mitglied der AG Drogen. Also: einen Raum, in dem Abhängige ihren Stoff betreut konsumieren können. Derzeit sei das Angebot nicht mehr da, "wo die Szene ist". Anwohner hätten berichtet, "dass der harte Konsum auf der Straße wieder ansteigt": Es gebe, so Schanz, "ganze Straßenzüge, in denen Menschen in Hauseingängen und Treppenhäusern sitzen und Spritzen aufziehen und Crackpfeifen stopfen". Und: "Es liegen wieder Spritzen auf Spielplätzen rum." Dabei habe man dieses Problem auf St. Pauli längst überwunden gehabt. Die Forderung nach einem Druckraum sei auf der Versammlung einhellig gewesen. Nur leider gebe es von städtischer Seite kaum Unterstützung.

Wird das Plattdeutsche platt gemacht?

"Allerwegens in Noorddüütschland lehrt de Lütten in’n Kinnergoorn Platt." Anders als Teile unserer bekanntermaßen aus dem Süden eingewanderten und mühsam ("Samstag"!) sozialisierten Redaktion wissen Sie natürlich, was das heißt, nämlich dass überall im Norden die Kinder im Kindergarten auch mal Platt lernen. Fragt sich, wie lange noch. Reinhard Goltz und seine Mitarbeiter beim Institut für niederdeutsche Sprache (INS) sind in Sorge darüber, wie es nach dem Jahr 2017 weitergeht. Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein – mithin die Länder, in denen das in Bremen angesiedelte Institut wirkt – haben das gemeinsame Förderabkommen aufgekündigt, das Institut wird dann 272 000 Euro weniger zur Verfügung haben als jetzt. Warum? Wegen "demografischem und medialem Wandel" sowie regionaler Unterschiede. Frei übersetzt: Man hält die Arbeit des Instituts mancherorts für überholt. Goltz sieht das naturgemäß anders: "Wir sind Anlaufstelle für alle Bürger, die sich für das Plattdeutsche interessieren. Mit dem Plattdeutschen Rat und dem Ohnsorg-Theater zum Beispiel arbeite das INS "gut und kollegial" zusammen, aber vor allem auch mit Schulen, Kindergärten, Autoren, Pastoren, Musikern, Medien- und Theaterschaffenden, Vereinen und Verbänden – über Landesgrenzen hinweg. "Regionale Lösungen kann ich mir nicht vorstellen", so Goltz. Doch laut Enno Isermann von der Hamburger Kulturbehörde läuft es wohl darauf hinaus: Der Hamburger Anteil von 32 000 Euro jährlich solle zwar auch künftig bereitstehen. Die Länder aber hätten sich darauf verständigt, "dass die Förderung des Niederdeutschen in der bisherigen Form nicht mehr optimal gewährleistet ist". Goltz hofft auf politischen Beistand: "Die Politik soll sich klar zum Plattdeutschen als zweiter deutscher Sprache und zum Institut bekennen."

Mittagstisch

Schwein kommt nicht auf die Bürger

In dem vor anderthalb Monaten eröffneten Burger- und Schnitzellokal namens Gerüchte Küche (sic!) vor dem Altonaer Bahnhof – eine Filiale des gleichnamigen Anbieters existiert in der Neustadt – gibt es kein Schweinefleisch. Wo ist das Problem, könnte man fragen, denn die Frikadellen, pardon: Pattys, stammen eh vom Rind. Stimmt, aber man muss auf Bacon verzichten. Das schmälert den Genuss für manche erheblich. Und die Schnitzel? Sind von der Pute.

Den Vegetariern ist die Fleischfrage egal. Für sie gibt es hier diverse Alternativen: Burger mit Gemüse-Patty und karamellisierten Zwiebeln oder mit Ziegenkäse und Guacamole (je plus Rucola und Tomaten), außerdem Salate, Feta, Ziegenkäse, Pommes oder Pesto-Kartoffeln.

Die Burger kommen mit klassischen Belägen, außerdem mit Spiegelei, knusprig panierter Putenbrust, Champignons, Guacamole oder Jalapeños. Ähnliche Zutaten gibt es auch bei den Schnitzeln.

Bleibt die Frage, was die Küche mit Gerüchten zu tun hat. Ein Blick in die Karte offenbart, dass die Betreiber ein spezielles Verhältnis zum Ü zu haben scheinen und es mal als I, mal als U einsetzen. So heißen die Burger hier Bürger, andere Gerichte eben Gerüchte. Seltsam? Aber so steht es geschrieben.

Altona, Paul-Nevermann-Platz 1, Burger ab 6,80 Euro, Schnitzel ab 7,90 Euro – mittags etwas günstiger. Montag bis Sonntag 11–22 Uhr.

Thomas Worthmann

 

Was geht

Gespräch: Achtung! Dieser Vortrag kann das Leben verändern! Gregor Eisenhauer über seinen Ratgeber "Die 10 wichtigsten Fragen des Lebens". Modern Life School, Bäckerbreitergang 12, 19 Uhr

Party: Es könnte Schlächter sein: DJ "Jakob The Butcher" liefert bei "Hedis Sundowner-Party" ein messerscharfes Set an Hits ab. Frau Hedis Tanzkaffee, St. Pauli-Landungsbrücken, Brücke 10, 19 Uhr

Gänsehaut: Experimentelles im Rahmen des Musikfestivals "Blurred Edges": Orgel, Theremin, Live-Elektronik und Lichtprojektionen – May Roosevelt, Christopher Bender und die Visual Bassics erzeugen in der St. Johannis-Kirche in Harvestehude eine Atmosphäre, die es in Gotteshäusern eher selten gibt. Harvestehude, Heimhuder Straße 92, 20 Uhr

Integration und Schule in Eimsbüttel:"Was geht uns Integration ganz konkret und persönlich an?" ist das Thema der Veranstaltung des Elternrats in der Schule an der Isebek. Es diskutieren: Gerhard Albrecht von der Schulaufsicht für den Bezirk Eimsbüttel, Barbara Strauß, zuständig für "Planung und Koordination der sozialräumlichen Integration von Flüchtlingsunterkünften" beim Bezirk, Susanne Schwendtke, Sprecherin von Fördern & Wohnen, und Zsolt Farkas, Lehrer einer internationalen Vorbereitungsklasse an der Schule Brehmweg. Und das "uns" ist in dem Fall ganz wörtlich zu nehmen: Moderator der Veranstaltung bin ich.

Schule an der Isebek, Bismarckstraße 83, 20 Uhr

Hamburger Schnack

Eine Bäckerfiliale am Hauptbahnhof: Ein Mann mit schwarzer Hautfarbe bestellt – wörtlich – vier normale Brötchen. Die Bedienung ist schneller mit dem Einpacken als der Kunde mit dem Abzählen des Kleingelds – wofür er sich entschuldigt. Nicht schlimm, gibt ihm die Dame zu verstehen:

"Wir sind hier bei der Arbeit, nicht auf der Flucht", sagt sie gut gelaunt.

"Ich bin auf der Flucht", antwortet der Mann nur, bedankt sich und geht grüßend.

Gehört von Folko Damm

 


Meine Stadt

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Haben Sie tollen Schnack oder Fotos? Schreiben Sie uns:elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

© DIE ZEIT

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