Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

in Tangstedt am nördlichen Stadtrand von Hamburg herrscht Aufregung, vor allem unter den Eigentümern der etwa 700 Pferde dort: Die Gemeinde will, als erste in Schleswig-Holstein, eine Pferdesteuer einführen. Die könnte bei etwa 100 bis 200 Euro pro Pferd und Jahr liegen. Nicht allzu viel Geld für die Gemeinde also, bedenkt man, dass deren Etat bei zwölf Millionen Euro jährlich liegt und das Defizit bei 900.000 Euro. Umgekehrt könnte man auch meinen, dass es einem Pferdebesitzer 100 oder 200 Euro wert sein sollte, mit seinem Tier nicht nur Straßen, sondern auch eigens angelegte Reitwege benutzen zu können, auf denen das Pferd nicht über Steine stolpert und wo auch dem Reiter selbst kein Ast gegen den Helm knallt.

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung dagegen warnt eindringlich vor den drastischen gesellschaftlichen und sozialen Folgen einer solchen Steuer: In einer der drei hessischen Gemeinden, in denen es bereits eine Kopfabgabe auf Pferde gebe, befinde sich ein Reitverein in Auflösung – ausgerechnet ein Verein, in dem 100 Kinder Unterricht hätten! Ein Reitbetrieb habe einem Lehrling kündigen müssen! Und jenseits der Gemeindegrenzen hätten sich jede Menge Offshore-Reitställe für steuerflüchtige Pferdehalter gegründet – nein, Sie haben recht, das ist natürlich Quatsch. Auch das Klischee, dass nur Reiche reiten, sei völlig falsch, betont die Reiterliche Vereinigung. Ein Pferd sei für viele Menschen "ihr Lebensmittelpunkt in der Freizeit".

Insofern ist das, was in Tangstedt die Gegner der Pferdesteuer als Alternative anbieten wollen, gar nicht schlecht: Sie schlagen vor, dass die Pferdehöfe selbst die Pflege der Reitwege übernehmen. So eine ähnliche Regelung gab es schon mal. Nur leider, sagt Bürgermeister Norman Hübener, habe sie nicht richtig funktioniert.

Ex-IS Kämpfer sagt in Hamburg aus

Bevor sich Harry S. auf die Flucht vor dem sogenannten Islamischen Staat (IS) begab, schrieb er seiner Frau eine Mail: "Wenn Du in den nächsten 48 Stunden nichts von mir hörst, sage meiner Familie bitte, dass ich alles bereue." Dann machte er sich auf den Weg. Harry S. hat es zurück nach Deutschland geschafft, gestern begann am Oberlandesgericht in Hamburg der Prozess gegen ihn. Anklage: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Es ist der erste Prozess gegen einen Syrien-Rückkehrer in Hamburg. Harry S. wurde vor 27 Jahren in Bremen geboren, seine Eltern kommen ursprünglich aus Ghana. Der Fall ist vor allem deshalb so interessant, weil sich der Angeklagte bereit erklärt hat auszusagen. Harry S. konvertierte mit 20 Jahren zum Islam, er radikalisierte sich in Deutschland und machte sich im April 2015 auf den Weg nach Syrien, ins Kalifat des IS. Dort nahm er zunächst an einer Kampfausbildung teil, wurde aber dann vom IS nach Palmyra geschickt, zu einer Hinrichtung von gefangenen Zivilisten ("Wer hat Lust, sie hinzurichten?"). Er sollte in einem deutschsprachigen Propagandavideo mitmachen. Und sah, was der IS wirklich ist: "Menschlichkeit – das interessiert null im Islamischen Staat." Im Juni kehrte er nach Deutschland zurück. Was er in der Zwischenzeit erlebt hatte, wofür ihn der IS benutzen wollte und wie er sich genau radikalisiert hatte – das alles erzählte er am ersten Prozesstag. ZEIT-Autorin Elke Spanner war bei der Gerichtsverhandlung dabei, lesen Sie hier ihren Bericht auf ZEIT ONLINE.

Kohle, Kohle, Kohle

Wenn es ums Geld geht, dann hören alle zu. Der Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg (Sie sehen: Wir lernen!), Olaf Scholz, hat am Mittwoch den Doppelhaushalt für 2017/2018 vorgestellt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren ist keine Neuverschuldung eingeplant. Was vielleicht ganz schlau ist – die Hansestadt hat laut Finanzbehörde einen Schuldenberg in Höhe von 24,5 Milliarden Euro. Aber wie hoch ist der Etat denn nun? Der Bedarf beträgt im kommenden Jahr rund 10,36 Milliarden Euro, im Jahr darauf dann 10,46 Milliarden Euro, erklärte Finanzsenator Peter Tschentscher (SPD) und betonte, bei den Ressorts gebe es weder Gewinner noch Verlierer. "Es gibt für jeden das, was erforderlich ist." Der Etat Wissenschaftsbehörde steigt auf mehr als eine Milliarde Euro. Der Kulturetat geht auch nach oben, wobei die 20 Millionen mehr vor allem für die Elbphilharmonie vorgesehen sind. Die Kosten für die Sozialbehörde steigen von 2,8 Milliarden Euro in diesem Jahr auf 3,0 Milliarden Euro im Jahr 2018. Der Hamburger Hafen wird auch in den Jahren 2017 und 2018 mit 100 Millionen Euro finanziert. Die Opposition ist von dem Finanzplan nicht wirklich überzeugt. FDP-Fraktionsvorsitzende Katja Suding kritisierte, der Senat verzichte nur im Kernhaushalt auf neue Schulden. Beziehe man die Sondervermögen für Stadt und Hafen sowie Schulimmobilien mit ein, sehe das Resultat anders aus: "Es verwundert sehr, dass Rot-Grün in den kommenden beiden Jahren 266 Millionen Euro weitere Schulden aufnehmen will", erklärte sie. Auch der CDU-Abgeordnete Thilo Kleibauer bezeichnete den Haushaltsplan als nicht überzeugend. Außerdem vermisse er Transparenz bei der Vorstellung der Zahlen. Die Linke sprach von einem "unsozialen Kürzungskurs".

Am Ende ein Dilemma

Jovanka Milicic fühlt sich behandelt, als sei sie von der Mafia. Und ihre Tochter auch. Die Polizei stand schon einmal vor ihrer Tür, damals entkam sie nur durch Zufall. Aber ihrem Schicksal werden die beiden kaum entgehen: Abschiebung nach Montenegro. Nach 24 Jahren in Deutschland. Warum muss eine Frau, deren Kind in Hamburg geboren wurde, nach so langer Zeit zurück in ein Land, das sie kaum noch kennt? Weil hier kein Platz mehr ist? Weil so viele Kriegsflüchtlinge kommen? Diesen Fragen geht ZEIT-Autor Alexander Tieg in seinem Stück "Ausgewiesene Schwierigkeiten" in der aktuellen ZEIT: Hamburg nach. Denn in der Hansestadt sind knapp 8000 Menschen ausreisepflichtig – und seit einiger Zeit greift die Stadt plötzlich härter durch. Allein im Mai wurden fast 400 von ihnen abgeschoben. Die Stadt folgt dabei nur dem Gesetz. Aber die Frage stellt sich schon: Ist es richtig, jemanden erst so lange hierzubehalten – und ihn dann plötzlich abzuschieben? Und was ist mit der Tochter, ist sie nicht Hamburgerin? "Der Fall der Milicics zeigt", schreibt Tieg, "selbst wenn Anwälte, Richter, die Ausländerbehörde und die Familie korrekt oder nachvollziehbar handeln, enden Fälle wie dieser oft in einem Dilemma." Wie die Geschichte von Jovanka Milicic endet, lesen Sie in der aktuellen ZEIT:Hamburg.

Doch keine Bezahlklos in der Schule

In der Irena-Sendler-Schule in Wellingsbüttel wird es jetzt doch keine Bezahltoiletten geben. Moment, sagen Sie nun – Bezahltoiletten in Schulen? Richtig: An der Stadtteilschule waren die Toiletten in dermaßen schlechtem Zustand – verstopfte Toiletten, Urinlachen auf dem Boden, kaputte Klobrillen –, dass viele der 1100 Schüler sie aus Ekel gar nicht benutzten. Und weil sie ihre Notdurft nicht verrichten wollten, tranken sie auch weniger als sonst; dass beides nicht gesund ist, liegt auf der Hand. Schulleiter Matthias Greite sprach von Vandalismus und machte einen radikalen Vorschlag: Extratoiletten, deren Benutzung 10 Cent kostet und den Schülern zur Verfügung stehen sollen, die sich vor den anderen Toiletten ekeln. Das sorgte für einen kleinen öffentlichen Aufschrei. Karin Prien, schulpolitische Sprecherin der CDU-Bürgerschaftsfraktion, sagte: "Dieses absurde Theater muss ein Ende haben. Wenn Kinder in Hamburg die Schulklos nicht mehr benutzen können, weil sie entweder von Gebühren oder von Dreck und Zerstörung davon abgehalten werden, ist das nicht hinnehmbar." Am Dienstag verkündete Schulleiter Greite, dass es jetzt doch keine Bezahlklos geben werde. "Die Schulbehörde bittet uns eindeutig, von diesem Vorhaben Abstand zu nehmen." Dafür hat die Schule jetzt bei der Schulbehörde eine zusätzliche Reinigung pro Tag beantragt. Und da – abgesehen vom Vandalismus – liegt ja auch das eigentliche Problem: Viele Schultoiletten werden nicht oft genug gereinigt: nur an 102 Schulen kommt das Putzteam zweimal täglich, bei den anderen nur einmal. Dabei sind an insgesamt über 300 Schulen die Kinder den ganzen Tag da. Zum Vergleich: In Kaufhäusern oder Museen benutzen auch sehr viele Leute die WCs, aber dort wird manchmal nahezu stündlich sauber gemacht.

Längere Wartezeiten am Gepäckband

Man kennt es, man hasst es. Der Flieger setzt in Hamburg auf, man geht ins Terminal und steht ewig am Gepäckband, weil der Koffer einfach nicht kommt. Nun, wir müssen uns wohl dran gewöhnen. Am Hamburger Flughafen, vermeldete das "Hamburger Abendblatt", müssen sich Passagiere auf längere Wartezeiten einstellen. Vorbei sind die Zeiten, in denen man sein Gepäck schon nach einer Viertelstunde hatte. Im Schnitt 30 Minuten soll es künftig dauern – im Schnitt! –,  sagte eine Sprecherin gestern. Aber warum? Erstens wird mehr geflogen, bei gleichbleibendem Personal. Und zweitens werden Gepäckstücke schon seit geraumer Zeit aus Kostengründen einzeln im Flugzeug verstaut, anstatt sie in Containern zu lagern. Das kostet beim Entladen zusätzlich Zeit. Und vermutlich wird es nun noch mehr Leute geben, die nur noch mit Handgepäck verreisen und dermaßen an frischer Kleidung sparen, dass man auf dem Rückflug nicht neben ihnen sitzen möchte. 

11vertiefung – Die EM-Kolumne von Johan Dehoust

© DIE ZEIT

Die Vorrunde ist geschafft und das große Jammern hat begonnen. Nein, nicht nur bei den Anhängern der acht Mannschaften, die nach viel zähem Fußball jetzt tatsächlich nach Hause fahren. Auch Fans großer Fußballnationen und selbst neutrale Beobachter sind unzufrieden. Wie kann es sein, dass im einen Zweig des Turnierbaums Frankreich, England, Italien, Spanien und Deutschland um den Einzug ins Finale spielen und im anderen fast nur, nun ja, schlechtere Teams? Ich stimme zu: Ich verstehe auch nicht so ganz, warum man einen Turnier-Modus entwirft, der einen selbst nach stundenlanger Kicker-Lektüre noch über die besten Gruppen-Dritten rästeln lässt, und trotzdem den Lostopf über Titelchancen entscheiden lässt. Ich bin allerdings auch überzeugt, dass diese Gedanken, hält man es mit der deutschen Elf, von einer großen Aufgabe ablenken. Um gegen die anderen oben genannten Mannschaften zu spielen, muss sie nämlich erst einmal gegen die Slowaken antreten – und  von denen habe ich, obwohl sie einer der wenigen Außenseiter im Favoriten-Zweig sind, noch kein Jammern vernommen. Das allein zeigt für mich schon, dass sie stärker sind, als viele glauben.

© DIE ZEIT

Mittagstisch

Eimsbüttler Institution

Direkt an der Ecke Osterstraße/Eppendorfer Weg hält das Vesper geschickt die Balance zwischen Eimsbüttler Institution, Familiencafé und Kultrestaurant. Am Wochenende kommen Anwohner zum Brunch, werktags treffen Geschäftsleute und Laptoparbeiter auf Mütter mit kleinen Kindern, und später sind, wenn es das Wetter erlaubt (und Hamburger können was ab!), die kleinen Tische draußen voll besetzt, während Vorbeifahrende sich den Hals nach Promis verrenken. Auf der Mittagskarte stehen kleinere Gerichte wie Tagessuppe mit Salat (6,80 Euro), Tortilla mit Speck und Salat, auch vegetarisch (7 Euro) oder Sommersalat mit gepfefferter Melone, Parmaschinken und Balsamicodressing (8,20 Euro). Die Hauptgerichte kommen appetitlich angerichtet: Maishähnchenbrust, gefüllt mit einer delikaten Farce aus Innenfilet, Tomaten und Parmesan, dazu zweierlei Möhrchen und Rosmarinkartoffeln (9,60 Euro). Oder die aromatische hausgemachte Fischfrikadelle (9,20 Euro), begleitet von einem fantastischerweise süddeutsch – ohne Mayonnaise – angemachten Kartoffel-Spargel-Radieschen-Salat. Auf eine Probe aus der verlockenden Weinkarte muss tagsüber leider verzichtet werden. Doch auch so erhebt man sich selig und strebt wieder seinem Tagwerk zu. (Wer vor 13 Uhr kommt, kann sich alternativ für 5,90 Euro noch am Frühstücksbuffet bedienen.)

Eimsbüttel, Osterstraße 10–12, wöchentlich wechselnder Mittagstisch, Montag bis Freitag 12–15 Uhr.

Markus Johannes

 


Was geht

ZEIT-Veranstaltung: So, nachdem das gemeinsame Fußballschauen so gut funktioniert hat, laden wir Sie gleich zu der nächsten Veranstaltung für Leser der Elbvertiefung ein. Am Montag, den 4. Juli gibt es bei uns im Helmut-Schmidt-Haus ein – der Süddeutsche würde sagen: Schmankerl für Literaturfreunde. Inge Kutter, Autorin und ZEIT LEO-Chefredakteurin liest aus ihrem Buch "Hippiesommer". Adam Soboczynski, Ressortleiter Feuilleton, moderiert. Inge Kutters Debütroman ist ein berührendes Porträt zweier Generationen: Eine junge Frau, Tochter sich selbst verwirklichender Hippie-Eltern, wählt nach einem letzten Sommer voller Freiheit auf der Suche nach ihrem eigenen Leben einen radikal anderen Weg – und landet in der Sackgasse.

Wenn Sie dabei sein und mitdiskutieren wollen, melden Sie sich bitte an unter elbvertiefung@zeit.de. Alle weiteren Infos erhalten Sie mit der Bestätigung per Mail.

Montag, 4. Juli, Helmut-Schmidt-Haus, 20 Uhr

Ausstellung: Der Mensch sollte sich mischen – oder lieber nicht. Michael Witte hinterfragt in der Reihe  "Mixed Company – mixed places" seine eigenen Vorstellungen von Gemeinschaft. Eine Eröffnung. Sautter + Lackmann, Admiralitätstraße 71–72, ab 19 Uhr

Ratespiel: Was zum …!? Wer was weiß und auch was gewinnen will, der geht am besten zu  "#whatthehäkk – Das Häkken-Barquiz". Denn da gibt’s große Preise – Klugscheißer sind gern gesehen. Häkken, Spielbudenplatz 21–22, 18 Uhr

Lecker: Essen auf Rädern? Ja, genau. Es ist mal wieder "Street Food Session – St. Pauli Straßenmampf". Von Burgern über Pizza zu veganen Köstlichkeiten. Nur weil das Essen aus einem Metallklotz mit Rädern kommt, ist es ja nicht schlechter – im Gegenteil. Nur rumstehen sollte einen nicht stören. Spielbudenplatz, Reeperbahn 61, 17–23 Uhr

Hamburger Schnack

Zwei Frauen an der Außenalster. Die eine: "Lieber zweimal einmal als einmal zweimal." Die andere: "Genau."

Nach etwas Überlegung kam ich darauf, dass es um Joggingrunden um die Alster ging.

Gehört von Harald Beyer

 


Meine Stadt


»Ob es wohl Gluten enthält?« © Bernhard Forth

Unserem verstorbenen ehemaligen Bundeskanzler und ZEIT-Herausgeber Helmut Schmidt will die Politik nun über Parteigrenzen hinweg ein Denkmal setzen. Union und SPD wollen noch in dieser Woche einen Gesetzentwurf zum Aufbau einer "Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung" vorlegen. Grüne und Linkspartei stimmen ebenfalls zu. Die Stiftung soll nicht nur das Wirken des Staatsmanns auswerten, der im vergangenen November im Alter von 96 Jahren starb, und sich um das Wohnhaus der Schmidts in Hamburg-Langenhorn kümmern, sondern auch Analysen zu Deutschlands künftiger Rolle in der Außen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik liefern.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr