Freitagnachmittag in St. Georg. Dichter Verkehr auf dem Steindamm, vorbei an Dönerbuden und Reisebüros. Geschäftsleute hetzen in den Feierabend, dumpfe Bässe aus einem Autoradio. Ein Trubel, bei dem der Eingang zur Sabikun-Moschee leicht zu übersehen ist: Haus Nummer 62, ein grauer Klotz mit düsterem Treppenhaus, von den Wänden bröckelt der Putz. Oben, im ersten Stock, steht Massoud Bamba, der Vorsitzende des Vereins Islamische Gemeinschaft Sabikun e.V. Er wartet auf die Gläubigen, die gleich zum Gebet eintreffen werden.

Etwa 600 Muslime, überwiegend aus Westafrika nach Hamburg gezogen, kommen jeden Freitag in die Sabikun-Moschee. Herr Bamba empfängt sie in einem Raum, der wirkt wie eine Wohnung, die mal wieder renoviert werden müsste. 120 Quadratmeter, ein Gebetsraum für Frauen, einer für Männer, ein winziges Büro und ein Unterrichtszimmer, in das eine Handvoll Koranschüler passt, das war's. Gebetet wird in zwei Schichten. Die Sabikun-Gemeinde sucht seit Jahren erfolglos nach größeren Räumen – und ist damit typisch für Hamburg.

Über 50 Moscheen gibt es in der Stadt, die meisten sind, gemessen am Bedarf der Gemeinden, zu klein. Sie liegen in Hinterhöfen, Kellern oder Tiefgaragen. Bekannt ist das schon seit einer 2013 veröffentlichten Studie, die von der Stadt und den großen Islamverbänden in Auftrag gegeben wurde. Erst seit Kurzem aber wird über dieses Thema ernsthaft diskutiert. Angesichts der vielen muslimischen Flüchtlinge, die derzeit in Hamburg leben, stellt sich die Raumfrage drängender denn je. "Es ist überall noch schlimmer geworden. Durch die Flüchtlinge sind die Besucherzahlen in allen Moscheen seit dem Sommer massiv angestiegen, in einigen Moscheen stehen die Besucher beim Beten in Fluren, Vorgärten, bis auf die Straße", sagt Norbert Müller, der im Vorstand des Rates der islamischen Gemeinden Hamburgs sitzt.

"Die Nachfrage nach Bildungsangeboten steigt"

"80 Prozent der Moscheen sind in einer prekären, diskriminierenden Lage", sagt der Architekt Joachim Reinig, der vor drei Jahren an der Studie mitgearbeitet hat. Er hält es für notwendig, ihnen neue, sichtbare Gebäude zur Verfügung zu stellen. Wie sehr diese Forderung polarisiert, hat Stefanie von Berg, Bürgerschaftsabgeordnete der Grünen, jüngst erfahren. Auch sie sprach sich für den Bau neuer Moscheen in den Stadtteilen aus – und löste damit einen Shitstorm aus. "Wenn Sie Frauenhasser und Terroristen so lieben, dann hauen Sie doch ab", schrieb ein Nutzer auf Twitter. Noch einer der harmloseren Kommentare. Aus ihnen lässt sich eine große Angst ablesen, die westliche, christlich geprägte Gesellschaft werde verdrängt. Moscheen? Erscheinen als unkontrollierbar, als Treffpunkte von Radikalen.  

"Wenn ich die Furcht vor Parallelgesellschaften höre, kann ich nur lachen", sagt Joachim Reinig – und argumentiert genau andersherum: Moscheen seien kein Symbol der Abschottung, sondern wichtig für die Integration. Viele Menschen wären erstaunt, wenn sie erführen, wie viel Gemeindearbeit neben den Gebeten in Moscheen stattfinde, sagt Reinig: "Die Nachfrage nach Bildungsangeboten und Jugendarbeit steigt, gerade dafür werden Räume gebraucht."

Ist das wirklich so? Übernehmen Moscheen in Hamburg tatsächlich verstärkt gesellschaftliche Verantwortung? Bewegt man sich einen Freitag lang durch St. Georg, kann man diese Frage nicht beantworten, es gibt schließlich noch andere Stadtteile, in denen Muslime zusammenkommen. St. Georg, direkt am Hauptbahnhof gelegen, geprägt von Menschen aus muslimischen Ländern, ist aber der richtige Ort, um eine Ahnung davon zu bekommen, worin viele Moscheen heute ihre Aufgabe sehen.

In der Sabikun-Moschee hat das Gebet noch nicht angefangen. Ein paar Jugendliche hocken auf dem grünen Teppich im Gebetsraum, sie lesen, reden, tippen auf ihren Smartphones herum. Über 150 Kinder und Jugendliche würden hier regelmäßig betreut, sagt Massoud Bamba. Neben dem Beten und religiösen Festen sei das ein Schwerpunkt seiner Gemeinde. "Wir reden über die deutsche Kultur und machen Ausflüge in die Stadt, etwa zum Hamburger Rathaus. Dort sagen wir den Kindern: Das ist auch eure Stadt, euer Parlament."