Es war ein deutlicher Hilferuf: "Unser Schulsystem droht zu scheitern", sagten die Sprecher der Hamburger Stadtteilschulleiter vergangene Woche im Interview mit der ZEIT:Hamburg. Das Zwei-Säulen-Modell mit Gymnasium und Stadtteilschule funktioniere nicht, weil Eltern ihre Kinder lieber am Gymnasium statt an der Stadtteilschule anmeldeten. Die Befürchtung: Die Stadtteilschule wird zur Restschule. 51 von 59 Stadtteilschulleitern – die große Mehrheit also – unterzeichneten einen entsprechenden Protestbrief an Schulsenator Ties Rabe (SPD).

Doch dieser gab sich am Mittwoch in der Bürgerschaft unbeeindruckt. "Hamburg kann auf seine Stadtteilschulen stolz sein", sagte Rabe. Seit ihrer Gründung vor fünf Jahren hätten die Stadtteilschulen die Zahl der Schulabbrecher um ein Viertel reduziert und die Zahl der Abiturienten verdoppelt, zudem seien 1.200 Sonderschüler und mehrere Tausend Flüchtlinge integriert worden. "Das sind beeindruckende Leistungen." Statt in pauschale Krisenstimmung zu verfallen, müsse die Politik gezielt die Qualität einzelner Schulen verbessern. Die Schulleiter erwähnte der Senator in seiner Rede nicht direkt, lediglich einmal sprach er von der Forderung "einiger Schulleiter", das Gymnasium abzuschaffen. Das werde er nicht machen.

Die Opposition warf dem Senator angesichts der Reaktion Ignoranz vor. Die CDU-Schulpolitikerin Karin Prien nannte das Papier ein "öffentliches Misstrauensvotum" gegen den Schulsenator. Offenbar scheitere der Senator an der Kommunikation mit seinem eigenen Führungspersonal. FDP-Politikerin Anna von Treuenfels-Frowein sagte, der Senator sei  "stur und wirklichkeitsfremd", und "mit ihrer Politik des Unterlassens ruinieren Sie das ganze Schulsystem". Die Linken-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus nannte Rabes Verhalten zynisch. "Sie sind wie ein Kind, das sich in die Ecke setzt, und die Augen zumacht."

Schule für alle

Die Forderungen der Schulleiter waren auf Antrag von CDU, FDP und Grünen am Mittwoch zum Thema in der Bürgerschaft geworden. Für Aufregung sorgte vor allem die Forderung der Schulleiter, als Lösung der aktuellen Probleme eine "Schule für alle" einzuführen. Dieser alte Vorschlag linker Schulpolitiker hat in Hamburg weiterhin Sprengkraft. Noch 2007 setzten sich die heutigen Regierungsparteien SPD und Grüne für eine Schule für alle ein. Doch 2008 scheiterte ein Bürgerbegehren mit der Forderung. 2010 verhinderte ein Volksentscheid die Einführung einer verlängerten Grundschule, einer Schule für alle in Light-Version.

Seither gilt die Idee unter Hamburger Politikern als nicht durchsetzbar. CDU, SPD und Grüne hatten damals in einem sogenannten Schulfrieden beschlossen, die Schulstruktur zehn Jahre nicht zu verändern. In der aktuellen Debatte betonten die vier Parteien, zum Schulfrieden zu stehen. AfD und Linke dagegen erklärten, die Vereinbarung sei doch faktisch schon gescheitert.