Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

mich erreichten noch einige Erklärungen, wieso Hamburger selbst bei kühlen Temperaturen so gerne Eis essen. Eine Leserin vertrat vehement die These, dass dies mit der Gewöhnung an schlechtes Wetter zu tun habe, welches dazu führe, "dass Nieselregen beispielsweise gar nicht mehr wahrgenommen, im Gegenteil sogar als schön empfunden werde, da es nicht platschregnet". Und in Anbetracht des Klimawandels sei bekanntermaßen mit noch schlechterem Wetter zu rechnen.

Keine guten Aussichten, zumindest nicht für zugezogene Quiddjes. Denn ein Leser aus Barmbek glaubt, herausgefunden zu haben, dass Hamburger eine leicht erhöhte "Körperkerntemperatur" haben, "wie eine Standheizung oder ein sich bei Kälte warm laufender Motor". Infolgedessen hätten gebürtige Hamburger den subjektiven Eindruck, die Außentemperatur sei deutlich höher, als es das Thermometer anzeigt. Deshalb säßen die Einwohner dieser Stadt beim kleinsten Anlass draußen, selbst im kalendarischem Winter – und brauchten regelmäßige Zufuhren von Eis zum Herunterkühlen.

Der Leser bot uns netterweise an, seine Theorie mittels Temperaturmessungen bei einem Freiwilligen aus unserer Redaktion zu belegen. Ich werde unseren Meteorologen bitten hinzugehen.

Sie bitte ich, wenn Sie es noch nicht getan haben, noch schnell bei unserer Leserumfrage zu Ihrem Lieblingseisladen abzustimmen. Ab dem spätem Vormittag wird ausgezählt.

Druckmittel Volksentscheid

"Wer hat die Macht in der Stadt?" – das fragen die Kollegen Frank Drieschner und Sebastian Kempkens in der aktuellen ZEIT:Hamburg. Eine Frage, die sich aufdrängt angesichts des abgewendeten Volksentscheids über Flüchtlingsunterkünfte in Hamburg. Dass es zu dazu wohl nicht kommen wird, ist eine Folge des Kompromisses, den Senat und Volksinitiativen in monatelangen Verhandlungen erzielten und den die Bürgerschaft gestern Abend beschloss. Die Einigung vorher aber kam hinter verschlossenen Türen zustande, versteht sich. Mit der Frage, ob nicht von vornherein Ziel der Initiative die Wahrung individueller Interessen war – statt "integrationspolitisch sinnvoller und nachhaltiger Maßnahmen zur Flüchtlingsunterbringung" und eines "transparenteren und nachhaltigen Umgangs mit dem Thema" – befassen sich unsere Autoren. Und liefern Argumente für Ersteres: Schließlich sei die demokratische Idee, eine strittige Frage von den Bürgern entscheiden zu lassen, bis zur Unkenntlichkeit verbogen worden. "Ein Volksentscheid über die Pläne des Landes war unmöglich, weil die umstrittenen Siedlungen bis dahin längst gebaut gewesen wären." Die Möglichkeit, einen Volksentscheid herbeizuführen, habe durchaus als Druckmittel fungiert. "Wer sich die Hass- und Gewaltausbrüche gegen Ausländer in England während und nach der Brexit-Kampagne vor Augen führt, der ahnt, was ein Plebiszit über die Flüchtlingspolitik für die Zuwanderer in Hamburg bedeutet hätte." Dass drohende Volksentscheide bereits in der Vergangenheit Politik entscheidend beeinflussten, zeichnen die Autoren anhand weiterer Beispiele nach. Mehr dazu in der aktuellen ZEIT:Hamburg.

"Erwachsene müssen sich ihrer Vorbildfunktion bewusst werden"

Alkohol, Tabak, Cannabis – all dies übt auf Hamburgs Jugendliche inzwischen weniger Reiz aus als in der Vergangenheit. Das sind erfreuliche Erkenntnisse einer Lehrer- und Schülerbefragung zu den Themen Suchtmittelgebrauch, Computerspiel, Internetnutzung, Glücksspielerfahrungen und Essverhalten. Allerdings zeigt die Studie der Hamburger Fachstelle für Suchtfragen, SUCHT.Hamburg, andere Probleme auf. Wir sprachen mit dem Leiter der Studie, Theo Baumgärtner.

Elbvertiefung: Herr Baumgärtner, eine Erkenntnis Ihrer Studie ist, dass vor allem männliche Jugendliche verstärkt an Glücksspielen teilnehmen. Woher kommt das?

Baumgärtner:Glücksspiele üben einen ungeheuren Reiz aus. Nehmen Sie ein Automatenspiel: Sie stecken ein paar Cent rein und erzielen unter Umständen sofort einen Gewinn. Das ist das Besondere: Einsatz tätigen, kurzfristig belohnt werden. Dafür sind Jugendliche sehr viel anfälliger als Erwachsene. Generell besteht bei einer Spielsucht die Gefahr, dass diese in einer Schuldenspirale münden kann.

EV: Auch die Attraktivität von PC-Spielen ist gestiegen. Woran liegt das?

Baumgärtner: Vor allem an der immer realistischeren Gestaltung. Außerdem geht es bei vielen Spielen darum, sich zu beweisen, sich zu messen, im Wettstreit miteinander zu stehen. Das kitzelt besonders Jungen. Das hat auch mit Werten zu tun, die gesellschaftlich vorgelebt werden: Jungs haben aktiv zu sein, müssen konkurrieren. Interessant ist übrigens: In Spielen, bei denen weniger Action und mehr Geduld gefragt ist, sind Jungen und Mädchen gleichauf.

EV: Der Studie zufolge ist auch die Internetabhängigkeit rasant gestiegen. Dabei erreicht besonders bei Mädchen das Nutzen der sozialen Netzwerke ein problematisches Maß. Warum?

Baumgärtner: Mädchen wird hierbei ihre höhere Kommunikationsbereitschaft zum Problem. Das kann so weit führen, dass es zu einem Rückzug in der "face to face"-Kommunikation kommt, die problematisch ist.

EV: Inwiefern kann das ein Problem werden?

Baumgärtner: Der Rückzug in die virtuelle Welt geht häufig mit einer Verminderung der sozialen und kommunikativen Kompetenz einher. Als Massenphänomen würde dies das menschliche und gesellschaftliche Miteinander deutlich zum Nachteil verändern.

EV: Was kann man tun?

Baumgärtner: Wenn es um Cannabis geht, ist Abstinenz der richtige Ansatz. Das gilt beim Internet nicht, dafür legt es zu viele wichtige Grundlagen für das spätere Berufsleben. Also kann es nur darum gehen, die Medienkompetenz zu erhöhen und einen selbstkritischen Umgang zu fördern. Wichtig ist, dass sich Erwachsene dabei ihrer Vorbildfunktion bewusst werden. Dadurch besteht am ehesten die Chance auf nachhaltige Veränderung.

Mehr Personal fürs StadtRad – auch mehr Räder?

Wenn man eins braucht, ist keins da: Die Rede ist vom StadtRad, dieser an sich wunderbaren Erfindung, mit der sich Hamburger wie Touristen gegen Zahlung moderater Beträge (die ersten 30 Minuten sind kostenlos) durch die Stadt bewegen können. Oder gerne bewegen würden. Denn wer morgens an einer Station im fahrradaffinen Eimsbüttel auch nur ein bisschen später kommt als die anderen (die deshalb immer früher kommen), der findet nur noch zwei Räder mit platten Reifen vor. Der Rest steht längst in der Innenstadt. Nachmittags wiederholt sich das Ganze: An Jungfernstieg und Thalia-Theater ist viel zu früh alles leer – offensichtlich gibt es einfach nicht genug Räder. Es könne sein, so Bahn- und auch StadtRad-Sprecher Egbert Meyer-Lovis, dass man "aufgrund der hohen Nachfrage" an bestimmten Stationen und Zeiten "kein Fahrrad vorfindet". Allerdings, so sagt er, sei man "in den meisten Fällen in der Lage, eine leer gelaufene Station innerhalb kurzer Zeit wieder aufzufüllen." Doch das bleibt für viele nicht ganz frühe Pendler graue Theorie, obwohl laut Meyer-Lovis sechs Transporter unterwegs sind, um die Räder zwischen den Stationen umzuverteilen. Nun soll, sagt er, mehr Personal eingestellt werden, das sich um defekte Räder kümmert. Will man auch mehr Fahrräder einsetzen? Dazu schweigt Meyer-Lovis.

Rothenbaum ohne Hamburger Hoffnungsträger

So stolz Tennisfans in Deutschland am vergangenen Sonntag auf die Kielerin Angelique Kerber waren, nachdem sie im Wimbledon-Finale tapfer gegen Serena Williams gekämpft hatte, so enttäuscht dürften derzeit Hamburger Anhänger des Filzball-Sports sein. Der Grund? Die German Open hatten kaum begonnen, da strich der Lokalmatador bereits die Segel. Erst schied Alexander Zverev, der 19-jährige Hamburger Hoffnungsträger, am Dienstag in Runde eins gegen die Nummer 82 der spanischen Weltrangliste, Íñigo Cervantes, mit 5:7, 6:7 (2:7) aus. Gestern war auch im Doppel schon früh Schluss. An der Seite von Bruder Mischa zog Alexander Zverev gegen Lukasz Kubot (Polen) und Alexander Peya (Österreich) den Kürzeren. Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass das Turnier am Rothenbaum für Mischa Zverev im Einzel auch bereits in der ersten Runde beendet war. Dabei hatte Turnierdirektor Michael Stich auf ihn als Zugpferd für den Wettbewerb gesetzt, dem es an internationalen Stars mangelt. Wochenlang hatte der Youngster entschlossen von Werbeplakaten geblickt, die Erwartungen an ihn waren immens. Sogar Stich sagte, man dürfe "nicht den Fehler machen und die ganze Last auf seine Schultern abladen". Zu spät.

Kein Anschluss bei Behörden

Wer gestern Hamburger Behörden telefonisch erreichen wollte, der stieß teilweise auf ungeahnte Probleme. Keine Warteschleifen oder Info-Ansagen, sondern einfach – kein Durchkommen. Wie NDR 90,3 berichtete, seien insgesamt 6000 Telefonanschlüsse nicht zu erreichen gewesen, darunter solche von Finanzämtern, Polizeiwachen und der Senatskanzlei. Dem Bericht zufolge war die genaue Ursache gestern noch unklar, man vermutet, einen überlasteten Server. Wir haben sofort versucht, ebenfalls der Sache nachzugehen, aber am Telefon war – kein Durchkommen.

Mittagstisch

Leichte Küche

In diesem kleinen Café sind jeder Tisch und jeder Stuhl ein Unikat. Auf den Tischen stehen leuchtend bunte Blümchen, und die Helligkeit des Raums ist ein Lichtblick angesichts des strömenden Regens vor dem Fenster zum Poelchaukamp. Der Spitzname der Besitzerin, die ihre Wurzeln in Vietnam hat, ist Tintin, und so lag es wohl nah, das Café Milou zu nennen – so heißen die Comic-Helden Tim und Struppi im französischen Original. Entsprechend ist die Küche französisch angehaucht, und auf der Karte findet sich eine Auswahl an leckeren Quiches (Lorraine, Spinat, Süßkartoffel-Möhre, Tomate-Mozzarella für 3,90 Euro). Wer mag, kann dazu einen Salat bestellen, der allerdings hauptsächlich aus trostlosen Eisbergsalat-Blättern besteht. Penne mit verschiedenen Soßen (5,50 Euro), Suppe (3,90 Euro) oder Sandwiches (4,50 Euro) stehen ebenfalls auf der Karte. Die Speisen werden genauso wie die Kuchen und Tartes selbst zubereitet, die Croissants und Macarons stammen von einem französischen Händler. Beschwingt verlässt man den Laden nach einer leichten Mahlzeit und staunt: Die Sonne ist herausgekommen.

Café Milou, Winterhude, Poelchaukamp 19, Montag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr

Lotte Auwald

Was geht

Lesung: Kommt ohne Stil-Blüten aus: "Selbstporträt mit Bienenschwarm" mit Werken des mehrfach ausgezeichneten Lyrikers Jan Wagner. Buchhandlung Christiansen, Bahrenfelder Straße 79, 20 Uhr

Party: Jetzt aber ran, Strampelmann! Bei "Pedal Power – Die Lattenplatz Fahrraddisko" erzeugen Gäste ihren eigenen Strom für den Techno-DJ. Knust, Neuer Kamp 30, 19 Uhr

Charity: Auf gleicher Quellenlänge: Millerntor Gallery und Viva con Agua zeigen auf 8000 Quadratmetern "Kunst für sauberes Trinkwasser". Millerntor,Heiligengeistfeld, 18 bis 24 Uhr, mehr hier.

Hamburger Schnack

Zwei Männer in ihren Fünfzigern und eine jüngere Frau steigen in die U3. Dabei versucht einer der beiden, mit geballtem Partywissen zu beeindrucken: "Auf der Reeperbahn ist es schon sehr nervig, da kann man nicht mehr hingehen." Zustimmendes Nicken des anderen. Mit einem kurzen Blick zur Frau fügt der Experte an: "Aber der Schlagermove, der hat noch Stil."

Gehört von Thilo Hopert

Meine Stadt

Warum ist die Dame in Bahrenfeld wohl so pikiert? © Foto: Sashinist via Instagram

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de


Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle


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