© Franziska Bulban

Guten Morgen,

liebe LeserInnen, bitte nicht erschrecken: Mark Spörrle hat nur Urlaub! So wie gefühlt auch der Rest der Stadt. Kein Wunder, schließlich sind die Sommerferien da. Und das ist nicht immer und für alle eine gute Nachricht. Es gibt Kinder aus sozial schwachen Familien, die sogar richtig darunter leiden. Warum? Weil Eltern mit Jobs im Niedriglohnsektor oft keinen passenden Urlaub nehmen können. Und weil die Ferienbetreuung Geld kostet. Ich habe mit Ulrike Kloiber, 52, der Leiterin der Kita und des GBS im Bildungshaus Lurup, über ihre Erfahrungen gesprochen. GBS steht für Ganztägige Bildung und Betreuung an Schulen. Im Bildungshaus Lurup werden Kleinkinder und Grundschüler bis zur vierten Klasse ganztägig betreut, die als sozial höchstmöglich belastet eingeordnet wurden.

Frau Kloiber, benachteiligen Ferien die Kinder aus armen Familien?

Klar, wir sehen das Drama jedes Jahr: Während andere in die Welt fahren und ihren Horizont erweitern, bleiben viele von "unseren" Kindern zu Hause – ohne dass sich jemand mit ihnen beschäftigt. Die hängen vor dem Fernseher und treiben sich nachmittags bei uns auf dem Schulhof herum, weil sie sich langweilen. Wir hatten schon Kinder, die geweint haben, weil die Ferien anfingen. Wir dürfen sie aber nicht betreuen, wenn die Eltern das nicht gebucht haben. Und die Eltern können das oft nicht bezahlen.

Aber die Betreuungssätze sind doch nach dem Einkommen gestaffelt.

Das stimmt. Aber mit dem Essen kosten vier Wochen Ferienbetreuung in der Schule für Kinder von Arbeitslosengeld I oder II - Empfängern 72 Euro. Das können sich diese Eltern nie und nimmer leisten. Dazu kommt noch: In vielen Haushalten herrscht noch eine ganz andere Vorstellung von Bildung, da wird kein Geld für so etwas wie Ausflüge ausgegeben.

Wie wirken sich die Sommerferien denn auf diese Kinder aus?

Sie  vergessen viel, auch Sachen, die sie vorher gelernt hatten. Es dauert  lange, bis sie sich wieder an die Schule gewöhnt haben, weil sie sechs Wochen lang keinen Input hatten. Und die Bildungsschere, die wir eigentlich schließen wollen, wird immer größer – weil die anderen in der gleichen Zeit ja etwas erlebt haben.

Glauben Sie, eine kostenlose Betreuung für Kinder aus einkommensschwachen Familien würde daran etwas ändern?

Ich wette: Wenn wir Programm in Einrichtungen wie unseren kostenlos zur Verfügung stellen könnten, würden die Kinder kommen. Und es würde so vielen helfen. Wir sehen ja auch innerhalb der Gruppe noch Unterschiede: Mädchen werden weniger in die Betreuung geschickt als Jungs, weil die Mädchen zu Hause helfen sollen, während die Jungs eher mal Radau machen und stören. Dabei wäre es wirklich schön, wenn wir alle mitnehmen könnten, zum Beispiel zu unseren Ausflügen an die Elbe – damit die Kleinen wenigstens Hamburg auch mal sehen und erleben.

(Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version war zu lesen, dass die Ferienbetreuung 144 statt 72 Euro koste. Ulrike Kloiber hatte in ihren Berechnungen fälschlicherweise das Mittagessen mit einkalkuliert.)

Nachspiel der Drogenrazzia

Sie erinnern sich vielleicht: Die Drogenrazzia am Montag in der Bernhard-Nocht-Straße führte zu heftiger Kritik. Von einem bürgerkriegsähnlichen Szenario und einer mit Maschinenpistolen bewaffneten, vermummten Sondereinheit war da die Rede. Christiane Schneider, die innenpolitische Sprecherin der Linken, forderte sogar eine Sondersitzung des Innenausschusses. "Na klar, warum nicht gleich eine Sondersitzung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte", erwidert nun Joachim Lenders, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft und CDU-Abgeordneter, in einer öffentlichen Mitteilung bissig und bezeichnet seine Bürgerschaftskollegin als ganz besonderen Härtefall für ideologische Verblendung und Borniertheit. Auch im Viertel bleiben die Gemüter erhitzt. Die vergangenen Abende versammelten sich jeweils bis zu 100 Menschen am Paulinenplatz und in der Wohlwillstraße vor dem Haus, in dem SPD-Innensenator Andy Grote im Hinterhof wohnt. Eine Leserin und Anwohnerin schreibt: "Dann wird mit Töpfen, Plastikflaschen und Fahrradklingeln ungefähr zwei Stunden Alarm geschlagen." Laut Polizei verläuft zwar alles friedlich, trotzdem findet es die Leserin, die anonym bleiben will, finster, wenn Parolen gerufen werden wie "Andy Grote raus aus St. Pauli". Vielleicht ist es mal an der Zeit, dass beide Seiten abrüsten und runterkühlen. Mehr als 20 Grad scheinen einigen nicht gutzutun.

Wenig Netz im Hafen

Es dauert mal wieder ewig, bis sich eine Website auftut oder eine E-Mail verschickt ist? Der Privatverbraucher kann sich dann genervt einen Kaffee holen, aber für einige Firmen ist schneller Zugang zum Internet ein echter Standortvorteil. Und mit dem kann der Hamburger Hafen offensichtlich nicht punkten. Nur bis zu vier Prozent aller Unternehmen dort haben einen Breitbandanschluss und sind damit ausreichend ans Internet angeschlossen. In Steinwerder sind es gerade mal zwei von 49, in Altenwerder eines von 16, in Waltershof sogar kein einziges, geht aus einer Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage der FDP hervor. Wie Medien berichten, seien einige Unternehmen inzwischen dazu übergegangen, ihren Mitarbeitern wichtige Daten per USB-Stick mitzugeben, damit sie diese von zu Hause aus verschicken. Klingt erschreckend! Das findet auch Michael Kruse, wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP: "Es ist unfassbar, dass die Breitbandversorgung auf dem Niveau des letzten Jahrtausends verharrt. Wenn der Senat hier nicht schnell die Weichen stellt, wird der Hamburger Hafen als Hafen der digitalen Diaspora traurige Berühmtheit erlangen." Aus dem Senat heißt es dazu, dass das Problem bei den Telekommunikationsanbietern liege, aber man sei mit ihnen und dem Hafenmanagement im Gespräch. Wer weiß, vielleicht können die Mitarbeiter dort dann demnächst ohne USB-Stick in den Feierabend gehen.

Wilhelmsburg wächst

Ein Park in der Mitte, 2200 Wohnungen, Platz für Gewerbe, für eine Kita und eine Schule: Klingt gut, was da in Wilhelmsburg entstehen soll. Läuft alles nach Plan, sieht es dort, wo jetzt noch die vierspurige Reichsstraße verläuft, in 15 Jahren ganz anders aus. Denn die trennende Nord-Süd-Achse wird bis 2019 an die Bahngleise verlegt und so Platz geschaffen für ein neues Quartier mit guter Anbindung ins benachbarte Reiherstiegviertel. Den Wettbewerb "Auf gute Nachbarschaft – wohnen und arbeiten zwischen den Kanälen" gewann ein Planungsbüro aus Zürich, das sich damit gegen sieben Konkurrenten unter anderem aus Hamburg, Oslo und Beirut durchsetzen konnte. Besonders glücklich dürften übrigens die Kleingärtner sein. Sie haben durchgesetzt, dass kein öffentlicher Weg am Assmannkanal entlangführt – sondern weiterhin ihre Gärten liegen. Aber auch Dorothee Stapelfeldt, Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, betonte bei der Präsentation am Mittwoch: "Dies ist ein beachtlicher Beitrag zum Hamburger Wohnungsbauprogramm." Klingt, als wären mal alle zufrieden.

Fleißige Politiker

Nicht nur Hamburgs Schüler haben Noten bekommen – auch die Bundestagsabgeordneten der Stadt wurden bei der Zeugnisvergabe des Portals abgeordnetenwatch.de benotet. Und man muss sagen, das Ergebnis kann sich sehen lassen: Für gleich zehn der 13 Abgeordneten gibt es eine Eins, weil sie beim Antworten auf die Fragen der Bürger über die Website besonders fleißig waren. Sechs von ihnen haben sogar ganz brav auf alle Anfragen reagiert. Spitzenreiter dabei war Matthias Bartke von der SPD mit 50 Antworten auf 50 Anfragen. Einsames Schlusslicht der Stadt: Herlind Gundelach von der CDU. Sie erhält die Note "Ausreichend", weil sie nur auf knapp die Hälfte ihrer 13 Anfragen eine Antwort fand. Insgesamt führen die Hamburger mit einer Durchschnittsnote von 1,5 das Ranking der bislang zwölf ausgewerteten Bundesländer an. Streber! Aber nach der alten Zeugnis-Gleichung Eins = Eis sollten sich entsprechende Abgeordnete ruhig eine Belohnungskugel gönnen – vielleicht bei unserem Platz 9 im Eisladentest, der Eisbande in der Schanze?

Hamburgs beste Eisläden

Platz 9 – Eisbande, Schanze

Wie ist der Eisladen? Kein Stylo-Laden, eher praktisch, lebendig und bunt. Wie lange muss man warten? Die Schlange ist lang, und auch am Abend muss man anstehen, aber die Jungs hinter dem Tresen sind schnell. Wie ist der Service? Nett und super entspannt trotz der Qual der Wahl und der langen Entscheidungsfindungsphase. Was kostet eine Kugel? 1,20 Euro Milcheis; 1,40 Euro Sojaeis. Wie schmeckt das Eis? Sehr lecker, weich, super cremig ohne ins Sahnige zu gehen. Wie ist die Waffel? Frisch und dick. Wie groß ist die Auswahl? Rund 15 Sorten, wobei an heißen Tagen ständig welche im Eislaboratorium gleich nebenan frisch hergestellt werden. Gibt es ausgefallene/wechselnde Eissorten? Ja, überraschende Sorten wie Mousse au Chocolat in Vegan oder Bounty mit Kokosmilch. Wie ist das Angebot an Zutaten? Riesig! Es gibt mehr als zehn Soßen, viele verschiedene Streusel, darunter "St. Pauli" und "Lakritz". Warum ist diese Eisdiele besonders empfehlenswert? Entspannte Schanzen-Atmosphäre, und wenn man Glück hat, kann man mit der Eiskonditorin gleich noch ein paar Worte wechseln 

Eisbande: Bartelsstraße 1, 20357 Hamburg, 11.30 Uhr bis 20 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Kindertheater: Tri-tra-trullala ... Der Verkehrskasper der Polizei Hamburg begrüßt Kinder ab fünf Jahren im Park und erzählt ihnen was. Planten un Blomen, Große Wallanlagen, 10.30 Uhr

Open Air: Kunst, Kultur und Kulinarisches gibt es bis 31. Juli beim Duckstein-Festival. Zum Start heute tritt die Soulsängerin Nathalie Dorra mit Band auf. HafenCity, Magdeburger Hafen, 16 bis 23 Uhr

Film: Klassiker vor! Beim Freiluftkino ist heute Alfred Hitchcocks"Bei Anruf – Mord" zu sehen. Am Wochenende geht es mit "Bodyguard" und "Dirty Dancing" kuscheliger zu.
Rathausmarkt, jeweils ab 22 Uhr

Was kommt

Gedenken: Mit Liedern aus dem Widerstand und den Gefängnissen der NS-Diktatur am Bombenopfer-Mahnmal beginnt das Ohlsdorfer Friedensfest, das noch bis zum 7. August läuft. Ohlsdorfer Friedhof, Fuhlsbüttler Str. 756, Samstag, 16 Uhr

Party: Mit Planschbecken und Wasserpistolen wird Plansch! – Das Molotow Sommerfest gefeiert, natürlich draußen im Hinterhof und natürlich mit ganz vielen sonnigen Hits. Molotow , Nobistor 14, Samstag, ab 23 Uhr

Shoppen: Egal, ob Kunst, Handwerk und Mode – beim "Viertel Meile Design Markt" präsentieren rund 100 Anbieter alles, was schön ist.
Spielbudenplatz, Sonntag, 12–20 Uhr

Hamburger Schnack

Am Sonntagmorgen nach dem Schlagermove geht ein sichtlich übernächtigter und resttrunkener Mann die Budapester Straße zum U-Bahnhof St. Pauli hoch, das Telefon am Ohr: "Natürlich weiß ich wo ich bin, es ist nur alles so weit."

Gehört von Henner Befort


Meine Stadt


Der Hamburger Verfassungsschutz warnt übrigens vor einem Infostand, der am Sonntag in Bergedorf das Motto  "Für eine drogenfreie Welt" proklamiert. Organisiert werde er von Scientology, angemeldet wurde er unter dem Vereinsnamen  "Sag Nein zu Drogen – sag Ja zum Leben". Auch andere, beispielsweise rechtsradikale Organisationen würden Engagement gegen Drogen instrumentalisieren. Jetzt warnt der Verfassungsschutz also vor Leuten, die vor Drogen warnen. Ach Ironie!

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihre

Franziska Bulban

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.