Zwischen den leergegessenen Tellern in der Philosophenturm-Mensa, um die Ecke in der Staatsbibliothek, manchmal sogar auf dem Klo – auf dem Uni-Gelände wird seit einer Weile ständig gejodelt. Dahinter verbirgt sich kein plötzlicher Trend zu Alpengesängen, sondern eine App. Jodel dient Nutzern dazu, Beiträge zu verfassen und die von anderen zu lesen. Angezeigt wird immer nur das, was Menschen in der näheren Umgebung auf ihr Smartphone getippt haben.

Eine App, über die man im Lokalen kommunizieren kann? Das mutet zunächst wenig innovativ an. Jodel hat allerdings eine Eigenheit, die es von anderen Netzwerken unterscheidet: Man muss sich kein Profil zulegen, um mitzumachen. Es bleibt anonym, wer was geschrieben hat.

Wie viele Nutzer es zurzeit im Raum Hamburg gibt und wie viele sich am Tag in der Hansestadt anmelden, ist unbekannt. Der App-Gründer Alessio Avellan Borgmeyer rückt die Zahlen nicht heraus. Doch die Pläne des Mannes, der aus der Nähe von Frankfurt stammt und in Aachen studiert hat, sind ambitioniert: "In fünf Jahren wollen wir in Deutschland und darüber hinaus das soziale Netzwerk für Lokales sein, welches man benötigt, um up to date zu sein", sagt er.

Was es mit sich bringt, wenn sich Unbekannte über eine App austauschen, kann man in Hamburg schon an der Universität beobachten. Auf Jodel findet man hier auf den ersten Blick alles, was es in anderen sozialen Netzwerken auch gibt: Das Mittagessen in Nahaufnahme, Katzenbilder, Flachwitze und Flirtversuche. Auch echte Service-Posts gibt es, garniert mit knackigen Hashtags wie #hvvracingteam zum öffentlichen Nahverkehr oder #kontrolörres für eine Fahrkartenkontrolle.

Da man seine Identität nicht preisgeben muss, wird jedoch nicht nur über Banales aus der Vorlesung oder der U-Bahn berichtet. Es wird auch über sehr Privates geschrieben, zum Beispiel über Schlafzimmerdetails mit der Bekanntschaft aus der vergangenen Nacht.

Wenn man zum Frühstück bleibt und es keine Nutella gibt... #esgibtdochregeln #direktnachhause
Jodel-Post

Die Anonymität macht den entscheidenden Unterschied zu Facebook und anderen Social-Media-Diensten. Das heißt aber auch, dass sich Nutzerinnen und Nutzer an die Richtlinien der schnell wachsenden Community halten müssen, damit weiter ein freundliches Klima herrscht. Hate Speech, Drohungen und jede Art von Diskriminierung und Beleidigungen gegen andere werden nicht geduldet. Namen und persönliche Daten sind Tabu.

"Mobbing ist nicht cool", heißt es in den Community Guidelines der App. "Wenn ein Nutzer besonders stark oder regelmäßig dagegen verstößt, wird seine User-ID gebannt", sagt Jodel-Gründer Borgmeyer. Auch Spam, sexuell explizite und gewalttätige Inhalte und Spoiler zu Serien und Spielen sollen auf Jodel keinen Platz haben.

Die Community reguliert sich zudem selbst: Unpassende Beiträge können von den Jodlern gemeldet werden oder sie können die Up- und Downvote-Funktion der App nutzen. Zusätzlich ernennt Jodel User-Moderatoren, die dafür sorgen sollen, dass Themen und Umgangston angemessen bleiben. Algorithmen sorgen dafür, dass potenzielle Kandidaten vorgeschlagen werden: "Der beste Weg, um ein Moderator zu werden, ist, sehr aktiv zu bleiben, coole Sachen zu posten, und eine saubere Weste zu haben", erklärt Borgmeyer.

Wer an der Universität einige Zeit mitliest oder selbst aktiv jodelt, dem fällt auf, dass sich vor allem Studienanfänger zwischen Vorlesungen, Klausurenstress und Partynacht in der Hamburger Jodel-App herumtreiben.

Gerade nach Hause gekommen und in Tränen ausgebrochen
Jodel-Post

Die Jodel-Gemeinde scheint in Hamburg kaum ältere Semester einzubeziehen. Man ist gefühlt Anfang bis Mitte 20 und teilt nicht nur seinen Uni-Alltag, sondern eben auch pikante, private Details, oft versehen mit Jungshumor. Für Posts und Fragen allerdings, die man einst auch auf der Dr.-Sommer-Seite in der Bravo wiedergefunden hätte, gibt es von den meisten Hamburger Jodlern gleich einen Downvote.

Ganz zentral sei der Spaßfaktor, das findet auch Tim, der, wie es sich für einen echten Jodler gehört, lieber anonym bleibt. "Auf Jodel gefallen mir vor allem lustige Beiträge, Witze oder wenn mal etwas Besonderes in einer Vorlesung oder irgendwo in der Stadt passiert ist. Sowas jodle ich auch selbst", sagt der 23-Jährige.