Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

wir wissen ja: Alles wird immer schlechter. Insofern sollten uns zwei Verkehrsmeldungen von gestern besonders misstrauisch machen.

Erstens: Die seit knapp einem Monat laufende Sanierung der A 23 zwischen Rellingen und der Hamburger Landesgrenze wurde angeblich – vorzeitig (!) beendet. Schon heute Abend, nicht erst in einer Woche wie geplant (und das, wir kennen Bauprojekte, heißt in Wahrheit nichts anderes als: in frühestens zwei Monaten) werde die Autobahn wieder frei befahrbar sein, behauptet fröhlich Kai-Uwe Schacht vom Landesbetrieb für Straßenbau in Itzehoe. Und dann übertrieb er es endgültig: Als angeblichen Grund für die wundersame Beschleunigung nannte er ausgerechnet das gute Wetter (!). Führt uns Herr Schacht etwa von Mallorca aus an der Nase herum? Fehlte nur noch, dass er sagte, der Bau sei auch noch billiger geworden.

Das erzählte allerdings allen Ernstes, kommen wir zur Meldung Nummer zwei, die Hamburger Hochbahn. Der Bau der U-Bahn-Linie U 4 werde, sagte Technikvorstand Jens-Günter Lang, ohne rot zu werden, "um einen zweistelligen Millionenbetrag unter den veranschlagten Kosten von rund 180 Millionen Euro bleiben". Angeblicher Grund: "weniger Geröll und Felsen" als vorgesehen – weniger Geröll: selten so eine absurde Ausrede gehört.

Und selbst wenn das, nur theoretisch, stimmte: Wo ist er dann, der Haken, ohne den kein Bauprojekt auskommt? Wird die Endhaltestelle "Elbbrücken" wenigstens potthässlich? Nein, ein "wunderschöner Ort".

Aber dann, das dürfen wir getrost annehmen, gehen doch die Arbeiten am Tunnel sicher langsamer voran als erhofft?

Nein, nicht zu fassen: angeblich nicht mal das. Und später, so Lang, "werden die Fahrgäste mit maximal 80 km/h hier durchrauschen und das schöne Bauwerk nicht wahrnehmen" – na also. Ich wusste es. Ich wusste es von Anfang an!

Auf dem Weg zum automatisierten Beamten

Wie bewegen wir uns in Zukunft fort? Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei Fragen der Mobilität in der Großstadt? Darüber diskutieren seit gestern rund 70 Experten aus dem gesamten Bundesgebiet beim zweiten Hamburger Verkehrstag. Wie wird Stau in der Stadt vermieden und die Parksituation verbessert? Wie sehen die Fortschritte in Sachen Elektromobilität aus, und welche Vor- und Nachteile hat Carsharing? So berichtete Carl Friedrich Eckhardt, bei der BMW Group Leiter des Kompetenzzentrums Urbane Mobilität, wie Carsharing zur Regulierung des Parkplatzproblems beitragen könne und von Carsharing-Pilotprojekten in Berlin mit eigens ausgewiesenen Parkplätzen. In Hamburg seien Versuche für das Frühjahr 2017 in Eimsbüttel und Ottensen geplant. Wie NDR 90,3 berichtete, wurde daneben bekannt, dass Hamburg als erste Stadt in Deutschland vom kommenden Jahr an die Parkplatzsuche per Handy-App einführen wolle. Dreh- und Angelpunkt des zweitägigen Kongresses, den der Landesbetrieb Verkehr und das Softwareunternehmen ekom 21 gemeinsam veranstalten, sind in diesem Jahr das autonome Fahren und die Digitalisierung Letztere vor allem hinsichtlich der Auswirkung auf die Verwaltungen. So soll die Neuzulassung eines Wagens ab 2018 digital von zu Hause aus möglich sein, sagte Torsten Ledwig vom Bundesverkehrsministerium, Leiter des Projekts "Internetbasierte Fahrzeug-Zulassung – i-Kfz". Abmelden könne man Fahrzeuge so teilweise bereits heute. "Wir wollen den automatisierten Beamten verwirklichen", sagte Ledwig. Na, da werden sich die Beamten aber freuen.

Ein Ort für alle: Das Gängeviertel feiert

Im Sommer 2009 besetzten in einem Überraschungscoup Hamburger Künstler und Kreative das Gängeviertel, um auf die Raumnot in der Stadt aufmerksam zu machen. Es gab ein Logo und einen Slogan, sogar ein Künstlermanifest wurde publiziert – und der Kampf um das Gängeviertel ging international durch die Gazetten. Die Aktivisten solidarisierten sich mit anderen Initiativen, kooperierten mit Kulturstätten wie Kampnagel oder Thalia Theater und setzten ihre Ziele letztlich durch. Die Stadt kaufte noch 2009 das Gelände von dem Investor zurück, es wurde die Gängeviertel-Genossenschaft gegründet. Ein Ort des kulturellen Austauschs für alle sozialen Bevölkerungsschichten sollte entstehen, an dem Wohnen, Arbeiten und Sozialleben gleichermaßen möglich ist. Sieben Jahre nach der Besetzung sind die Arbeiten am Kupferdiebe-Haus, dem Jupi-Haus und auch der Fabrique abgeschlossen, neun weitere Gebäude warten noch auf die Sanierung. Aktivisten und Stadt Hamburg sowie die Stadtentwicklungsgesellschaft Steg ringen weiterhin um die Konditionen der Umsetzung. Aber am Wochenende wird erst einmal Geburtstag gefeiert, dazu gibt es Ausstellungen, Podiumsdiskussionen und einen Maskenball. Für Leser der Elbvertiefung ist der Eintritt frei (wir geben zu: für alle anderen auch!)

Haifischbar im Pflegeheim

An den Theken dieser Welt werden viele Geschichten geschrieben. Da haben so manche Lieben begonnen, sind Ehen zerbrochen, haben Unbekannte Brüderschaft getrunken und Unzählige zu tief ins Glas geschaut. Aus der Kneipe gibt es Anekdoten zuhauf, Abenteuerliches und Lebensentscheidendes, und so wundert es eigentlich nicht, dass dieser Ort der Zusammenkunft auch eine heilsame Komponente haben kann. Die Haifischbar in einem Heim für dementiell Erkrankte in Alsterdorf ist so ein Ort. ZEIT:Hamburg-Kollegin Sonja Hartwig war dort. "Die Haifischbar in Alsterdorf soll helfen, sich zu erinnern. Vielleicht an die richtige Haifischbar auf St. Pauli, vielleicht an Rauch, den sie mal schmeckten, an Schnaps, an Küsse oder Kartenspielen", schreibt Sonja Hartwig. "Die Bar soll die erinnern lassen, die sich kaum mehr erinnern können." Wie das funktioniert, können Sie jetzt noch einmal online lesen.

Neuhamburger kochen für Hamburger

Knapp 30 Plätze gibt es im Restaurant, und die sind immer belegt. Reservieren, sagt Filomeno Fusco, sei kaum noch möglich. Die Hamburger kommen zum Essen ins Restaurant "Juwelier des Ostens" in die Weidenallee, um sich auf eine kulinarische Reise durch Afghanistan, Eritrea, Libanon, Persien und Syrien zu begeben. Ihre Reiseführer im Restaurant sind Neuhamburger, Menschen, die aus ihren Heimatländern geflüchtet sind. Und das alles ist ein soziokulturelles Projekt, das der Künstler Filomeno Fusco und der Betreiber des Restaurants Juwelier, Lutz Bornhöft auf die Beine gestellt haben: Ein Dutzend Teilnehmer mit unterschiedlichem Asylstatus erarbeiten fünf Wochen lang mit professionellen Köchen Gerichte aus ihren Heimatländern. "Der Gedanke war, dass es ein Ort ist, an dem man auch ins Gespräch kommt", sagt Fusco. Dabei könne es auch um Zukunftsperspektiven gehen. Den Laienköchen seien bereits Praktikums- und auch Ausbildungsplätze angeboten worden. Das Projekt läuft noch bis zum 3. September, für alle ohne Reservierung, die die kulinarische Erfahrung nicht missen möchten, hat Fusco einen Tipp: ab 20.15 Uhr spontan vorbeischauen! Wir haben unseren Restauranttester Michael Allmaier vorbeigeschickt – zu lesen in seiner Kolumne "Mahlzeit" in der nächsten ZEIT:Hamburg.

Sich von Hamburg inspirieren lassen

Drei Monate lang ist die Kölner Schriftstellerin Doris Konradi als Stadtschreiberin in Hamburg zu Gast. Von August bist Oktober lebt Konradi inmitten der Hamburger Kunstszene im Karolinenviertel im Vorwerkstift und arbeitet an drei ganz besonderen Plätzen der Hansestadt: im Schloss Bergedorf, am Ohnsorg-Theater und in der Kulturwerkstätte Harburg. Wir haben mit Doris Konradi über ihre ersten Wochen als Stipendiatin gesprochen.

Elbvertiefung: In den vergangenen Wochen war das Bergedorfer Schloss Ihr Arbeitsort, wie war das?

Konradi: Ich sitze im Schloss mitten in der Ausstellung im Soltau-Zimmer. Dafür wurde extra ein Schreibtisch in die Ausstellung gestellt, mit Lampe und Stromanschluss für den Laptop. Der Arbeitsort ist schon skurril. Aber es sind so auch schon nette Gespräche mit Museumsbesuchern entstanden.

EV: Kommen Sie bei so viel Aufmerksamkeit überhaupt zum Schreiben?

Konradi: Manchmal kommen drei Besucher, manchmal zehn, manchmal gar keiner. Ich habe mein Arbeiten ein wenig an die Gegebenheiten angepasst. In Bergedorf arbeite ich hauptsächlich an dem Blog auf welchem ich über meine Zeit in Hamburg berichte. Das sind eher kürzere Einheiten, bei denen es nicht so schlimm ist, unterbrochen zu werden. Lustigerweise habe ich im Schloss kein Internet, weshalb ich den Blog vorschreibe und im Künstlerhaus nacharbeite, wo ich wohne ...

EV: Über was schreibt ein Hamburger Stadtschreiber sonst noch?

Konradi: Das Stipendium ist eine tolle Möglichkeit, sich inspirieren zu lassen. Ich habe gerade einen Roman fertig und bin jetzt im Findungsprozess für das nächste Projekt. Es geht weniger darum, in der Stipendienzeit von drei Monaten etwas abzuschließen, sondern um den Input, den ich hier bekomme. Deswegen bin ich viel in Hamburg unterwegs und treffe mich auch mit anderen Künstlern.

EV: Wird daraus vielleicht ein Roman mit Hamburg-Bezug?

Konradi: In meinen Romanen geht es weniger um Orte, sondern mehr um die Menschen. Aber dennoch wird Hamburg in meine Arbeit einfließen, wie bereits früher schon. Eine Idee wäre die Geschichte über eine Frau ohne Vergangenheit, die von einem Nullpunkt aus neu starten muss. So wie ich gerade in Hamburg.

Mittagstisch

So schmeckt Portugal

Wer jemals in Portugal war, wird, sobald er sich auf die Holzbänke im O Farol setzt, in etwa das erleben, was für Marcel Proust das Madeleine-Gebäck gewesen sein muss: die Erinnerung an eine schöne Zeit. Das Azulejo-Bild an der Wand, die schlichte Holzeinrichtung, die mediterrane Bar im Hintergrund, die eher zu einem verwinkelten Platz unter freiem Himmel passt als in den geschlossenen Raum, all das, erinnert an heiße Sommerabende am Rio Tajo, an Spaziergänge durch das Bairro Alto Lissabons. Und wer dann die ersten Bissen des portugiesischen Butterfischs isst (6,90 Euro), wem die Soße von der Gabel tropft, der hört auch den Fado wieder. Im O Farol schmeckt es genau so, wie sich Portugal für viele anfühlt – bodenständig und ehrlich. Der Fisch vom Grill ist Fisch vom Grill, ohne viel Gewürz-Heckmeck und ohne extravagante Beilagen. Kartoffeln gehören dazu, manchmal ein gemischter Salat. Und wer weder Lust auf Sardinen, Gambas, Thunfisch oder andere Meerestiere hat, der bestellt einfach Rinderbäckchen und Penne (6,90 Euro) oder Schweinelendchen in Pfeffersoße (6,90 Euro). Brot und selbst gemachtes Aioli – zum Niederknien – stehen sowieso auf dem Tisch. So schmeckt Portugal eben.

O Farol Neustadt, Ditmar-Koel-Straße 12, Mittagstisch dienstags bis freitags von 12 bis 16 Uhr

Tina Pokern

Was geht

Schaufensterkonzert: The Go-Betweens, Madrugada, Calexico – alle haben sie schon für die regelmäßige Konzertreihe im Michelle Records zu ihren Instrumenten gegriffen. Heute Abend sind The Dead South an der Reihe. Michelle Records, Gertrudenkirchhof 10, ab 18 Uhr

Alles über Müll: Wer schon immer einmal wissen wollte, was mit dem hauseigenen Müll passiert, nachdem die fleißigen Abholer in Orange die Tonne geleert haben, der meldet sich für eine Führung durch die Müllverwertungsanlage Borsigstraße an.

Müllverwertung Borsigstraße, Borsigstraße 6, Dienstag und Mittwoch ab 16 Uhr, Anmeldungen spätestens einen Tag vorher übermvb-fuehrungen@srhh.de

Was kommt

Segelnde Dirigenten: Seit mehr als viereinhalb Jahren segeln Ben und Hannes mit ihrem mobilen Musikstudio über die Weltmeere. Wo sie anlegen, musizieren sie mit lokalen Musikern und nehmen auf, was bei den kreativen Zusammentreffen entsteht. Mit mehr als 200 Künstlern von allen Kontinenten haben sie bereits zusammengearbeitet, mit einigen davon sind die "Sailing Conductors" derzeit auf Club- und Festivaltour. Zum Konzert werden Reisegeschichten erzählt und Videoeinspieler vom Suchen, Sammeln und Machen der Weltmusik gezeigt. Blankeneser Segel-Club, Jollenhafen Blankenese, Donnerstag ab 20 Uhr

Schnack

Ein älteres Ehepaar beim Sonntagsspaziergang in Volksdorf. Es fängt – mal wieder – an zu regnen. Er zu ihr: "Das ist hier wie in London: Alle halbe Stunde muss der Regenschirm raus!"

Gehört von: Gabriele Papirow

Meine Stadt

Krimistimmung in der Speicherstadt © Foto: Jan Scholle via Instagram

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle


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