Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

das vorletzte heiße Sommerwochenende des Jahres feierte noch mal alle Begleiterscheinungen der heißen Jahreszeit im Schnelldurchgang ab: Hitze natürlich, Sonnenbrand, Höllendurst, kühle Seen, Ozonwarnung, schmelzender Asphalt. Die Feuerwehr verteilte Wasser an im Stau steckende Autofahrer, es fehlte nur noch ein entlaufenes Känguru in Altona. Stattdessen stieg der 14. Blankeneser Heldenlauf. "Stieg" und "Helden" sind hier auch bei weniger Hitze stets wörtlich zu nehmen, denn Blankenese ist steil, treppenreich und gnadenlos: Eine 6,7-Kilometer-Distanz ist Minimum, der Sonderlauf "Bergziege2" ging über 1206 Treppenstufen, und dann war da noch der Halbmarathon (schnellster Läufer: Mourad Bekakcha vom Hamburger SV mit 1:18:33 Stunden; schnellste Läuferin: Sophia Adam mit 1:40:20 Stunden).

Bevor die Gewitter später alles und alle runterkühlten, plädierte Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) für eine Abschaffung der Strandgebühren an der schleswig-holsteinischen Nord- und Ostsee. Die seien "nicht mehr zeitgemäß".

Fragt sich nur, warum er mit dieser Forderung bis zum vorletzten Sommerwochenende gewartet hat. "Vorletzten", das ist übrigens korrekt: Nächstes Wochenende soll der Sommer tatsächlich noch mal zurückkommen.

Auf Nummer sicher

Es könnte ganz schön anstrengend werden, wenn am 8. und 9. Dezember das Treffen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) stattfindet. Die Stadt will – Vorsicht: Wortwitz! – auf Nummer sicher gehen, riegelt die Gegend um die Messehallen ab und will diese, wie das "Hamburger Abendblatt" am Samstag berichtete, zur Sicherheitszone erklären. Das bedeutet Straßensperrungen und Parkverbote, der öffentliche Nahverkehr soll nur eingeschränkt fahren, der U-Bahnhof Rathaus geschlossen bleiben. Wer sich in der Nähe des Veranstaltungsorts bewegt, müsse damit rechnen, an Checkpoints kontrolliert zu werden – die Ausweispflicht gelte auch für Kinder. Die sollen angeblich sogar auf ihre Geburtstagsfeier verzichten. Laut "Abendblatt" sollen in der Sicherheitszone "keine großen Feiern oder Kindergeburtstage, die sich leicht verschieben lassen", stattfinden, das wünscht sich zumindest die Organisation. Fragt sich, ob sie damit nicht Ärger bekommt: Ein Kindergeburtstag ist das Letzte, das sich "leicht verschieben" lässt. Hatte nicht Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) neulich noch erklärt, Konferenzen wie das OSZE-Treffen und der G-20-Gipfel im nächsten Jahr führten eben nicht zu einem Ausnahmezustand in der Stadt?

Mehr Freiheit beim Wohnungsbau?

Mit Nachbars Hilfe zum Traumhaus? Was Rechtsanwalt Peter Oberthür, Experte für Baurecht, im "Mopo"-Interview vorschlägt, um den Wohnungsbau in Hamburg zu beschleunigen, klingt erstaunlich. Da der Gang durch die Hamburger Behörden seiner Meinung nach zu lang dauere, spricht er sich für eine Genehmigungsfreiheit für Gebäude bis 7 Meter Höhe und 400 Quadratmeter Fläche aus. "Die Architekten kennen das Baurecht", so Oberthür. Und weiter: "Der beste Bauaufsichtsbeamte ist ohnehin der liebe Nachbar." Die Beamten seien bei ihren Entscheidungen zu Bauvorhaben oftmals zu ängstlich, fürchteten sich vor dem Einspruch eben erwähnter Nachbarn. Und entschieden, so Oberthür zur "Mopo", zu wenig zugunsten des Bürgers und eher pro Verwaltung. Er spricht gar von einer "Selbstherrlichkeit" des Denkmalschutzamts. Weniger Entscheidungsgewalt für die Verwaltung und mehr Freiheit für alle, die sich zu Bauherren berufen fühlen – ist sie das, die Formel für mehr Wohnraum in kürzerer Zeit? Denn dann muss ja nur noch der Nachbar mit den eigenen Bauvorstellungen d’accord gehen …

Echt amtlich: "Wilhelmsburger Inselgold"

Noch was aus der Verwaltung: In der Umweltbehörde in Wilhelmsburg arbeiten fleißige Bienchen. Keine Metapher, sondern Tatsache. 200.000 dieser fliegenden Mitarbeiter haben seit Mai fleißig gesammelt, und das Ergebnis strahlt nun gülden aus den 250-Gramm-Gläsern, die Umweltsenator Jens Kerstan am Freitag stolz präsentierte. "Echt amtlich", heißt es auf dem Etikett. Ganze 35 Kilogramm "Wilhelmsburger Inselgold" haben die vier Bienenvölker, die das Gründach der Umweltbehörde bevölkern, zusammengetragen. Zwar zu wenig für den Verkauf, "aber jetzt habe ich für Besucher ein schönes Präsent", sagt Kerstan. Die Wilhelmsburger sind nicht die Einzigen, die die fleißigen Schwarz-Gelben für sich arbeiten lassen. Mit den "Ewaldbienen" hat bereits der FC St. Pauli ein Zeichen gegen das Bienensterben und für ökologische Vielfalt gesetzt.

Stelldichein der Subkultur

Wer sich am Wochenende einen Stich versetzen lassen wollte, hatte im Millerntorstadion die Gelegenheit dazu. Nein, da ging es weder um Bienen noch um Fußball, sondern um das Street-Art-Event Ink & Ride. Also um Tattoos und Tinte, Kunst und Szenekultur und Lifestyle. Skater und BMXer tummelten sich draußen vor der Miniramp, drinnen glühten bei 86 Tätowieren die Nadeln, und wer die eigene Haut doch lieber blanko mag, streifte durch die Gruppenausstellung. Es war ein Stelldichein der Hamburger Subkultur, die lieber mit Cap auf dem Kopf und Skateboard unter den Füßen als mit Dreiteiler und Maserati ihr Leben verbringt – sehr vereinfacht ausgedrückt, selbstverständlich. Tattoos als künstlerische Ausdrucksweise sind Teil dieser alternativen Lebenskultur, die auch zu St. Pauli gehört. Eine dort lebende Kollegin sagt, sie kenne fast niemanden, der KEIN Tatoo habe. Kein Wunder, dass nun die vierte Ausgabe der Veranstaltung auf den Kiez verlegt wurde. Auch das Millerntorstadion ist als Austragungsort alles andere als zufällig gewählt, ist das Stadion doch längst Heimat szeneatischer Kulturveranstaltungen – erst im Juli standen Besucher Schlange für die diesjährige Ausstellung der Millerntor Gallery.

Mittagstisch

Zeiten des Umbruchs

In der kleinen Freiheit verliert sich die Sonne in der Straßenschlucht. Dicht an eines der hohen Häuser duckt sich das Fritzis in den Schatten. Früher gab es in der Ecke einen Discounter, eine Autowerkstatt, einen Plattenladen und nicht viel mehr. Jetzt werden dort hippe Klamotten verkauft, und in den Büros arbeiten junge Menschen mit kreativen Köpfen. Auch das Fritzis gehört zu den neuen Orten im alten St. Pauli. Kleine, aber einige Tische stehen auf dem breiten Gehsteig vor der Fensterfront der Osteria. Auf einer Schiefertafel werden die wechselnden Tagesgerichte angepriesen, drinnen klingt Sinatra’s Rat Pack aus der Box. Eine Osteria auf dem Kiez, die Linsenküchlein mit Zitronen-Kräuter-Joghurt und Salat serviert (7,80 Euro), Rinderroulade mit Oliventapenade und Antipasti (8,90 Euro) oder Rote-Bete-Semmelknödel mit Pfifferlingsrahm (8,20 Euro) – die Zeichen deuten wirklich auf Umbruch. Das kann einem gefallen oder nicht, schmecken wird es im Fritzis trotzdem, und zwar frisch und originell.

Fritzis, St. Pauli, Kleine Freiheit Nr. 1, Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr

Tina Pokern

Was geht

Benefiz-Lesung: Autorin Rasha Khayat nimmt das Publikum mit auf die Reise Basils von Deutschland nach Saudi-Arabien, wo seine Schwester heiratet. Es ist auch eine Reise in Basils Vergangenheit, zurück zur saudischen Verwandtschaft, in ein Leben, das seinem eigenen in Deutschland fremd ist. Rasha Kayat liest im Rahmen des sozialen Projekts "Das Ledigenheim erhalten" aus ihrem Roman "Weil wir längst woanders sind". Mehr Informationen zum Projekt hier.

Ledigenheim, Rehhoffstraße 1–3, 19 Uhr

Hallo im Kraftwerk Bille: Seit der Premiere der Hallo Festspiele im vergangenen Jahr hat sich viel getan, inzwischen gibt es finanzielle Unterstützung durch den Elbkulturfonds und die unbefristete Zusage von Räumlichkeiten im Kraftwerk Bille in Hammerbrook. Auf 231 Quadratmetern soll dort eine Schnittstelle zwischen Stadtentwicklung und Kunst entstehen. Bei Veranstaltungen und Treffen wurden Konzepte für die Hallo Festspiele gesammelt, auf dem Gelände an der Bille wird nun eine Woche lang gebaut, gekocht, performt und gesprochen. Gäste können sich dort ausprobieren, zu Teilnehmern und Gestaltern werden. Wie schon im vergangenen Jahr basiert die Veranstaltung auf dem Prinzip "Pay what you want". Das Programm gibt es hier.

Kraftwerk Bille, Bullerdeich 12–14, Anton-Ree-Weg 50, ab 10 Uhr, bis 4. September

Open-Air-Ausstellung: Der Aufbruch in eine neue Welt – im Hafen ein altbekanntes Motiv. Auf den Fotografien Dietmar Plaths, die in der HafenCity unter freiem Himmel gezeigt werden, geht es ebenfalls um dieses Thema. "Up and away" zeigt Fotografien zu Natur und Luftfahrttechnik.

Überseequartier, Überseeboulevard 2–10, bis 14. Oktober

Mitmachtheater: Was für ein Zirkus! Wenn die beiden Clownsfrauen Picoletta alias Schauspielpädagogin Daniela Wemper und Smartie, die Berufsclownin Ilona Schnakenberg, zu ihrem Theater Pulcinella laden, wird es turbulent. Gemeinsam zaubern und jonglieren Kinder zwischen vier und zehn Jahren, es gibt Musik und sogar Akrobatik.

Bücherhalle Neuallermöhe, Fleetplatz 2–4, 10 bis 11 Uhr

Was kommt

After-Work: Mittwochs wird es im Keller des Friseursalons von Knut Harms laut. Beim After-Work-Treffen mit Livemusik heißt es "Kamm in". Musiker, die auch einmal zum Instrument greifen möchten, dürfen mitjammen.

Kamm in, Brüderstraße 2, Mittwoch ab 18 Uhr

Biergartenlesung: Die zwanzigjährige Nina hat die Leukämie zwar überstanden, ist allerdings längst nicht geheilt – dafür aber frisch verliebt. Die Hamburger Autorin Catharina Junk liest in der Bergedorfer Kultur-Kneipe BeLaMi aus ihrem Debüt "Auf Null".

BeLaMi, Holtenklinkerstraße 26, Mittwoch ab 20.30 Uhr

Kreativnacht: Am Freitag öffnen St. Paulis Künstler und Kreative wieder ihre Türen und laden in ihre Ateliers, Werkstätten und auch Wohnungen ein. In den Hinterhöfen tönt Livemusik, Performances werden gezeigt und Nachbarn getroffen. Einen Programmüberblick gibt es hier.

St. Pauli, Freitag, 18 bis 24 Uhr

Gegenprogramm am Jungfernstieg: Am Jungfernstieg wird es nun wieder mondän, oder fast – beim Alstervergnügen. Mit Livemusik, Tanzsalon, Kinderecke, Futterständen und den weißen Zipfelzelten, die Alhambra-Feeling verbreiten. Um die 800.000 Besucher werden erwartet; Programm ist bis 24 Uhr. Die halb jugendlichen Chiller, Autovorzeiger und Testosteronbolzen, die sich derzeit sonst hier treffen, müssen so lange wohl wieder an der Tankstelle ihres Vertrauens cornern. 

Alstervergnügen, Jungfernstieg, Donnerstag bis Sonntag

Zurück ins Mittelalter: Ritter der Kokusnuss und Becher-mit-dem-Fächer-Freunde – nein: Ganz ernsthafte Mittelalterfans treffen sich am Wochenende im Öjendorfer Volkspark. Beim Spectaculum, angeblich das größe Mittelalter-Festival der Welt, kann man miterleben, wie sich edle Ritter gegenseitig aus dem Sattel heben, sich von Zauberern verwünschen und von Gauklern und Barden unterhalten lassen. Einen Mittelaltermarkt gibt’s natürlich auch (finden Sie den Kelch mit dem Elch?). Ihre alten D-Mark-Stücke können Sie trotzdem zu Hause lassen.

Spectaculum, Öjendorfer Volkspark, Samstag und Sonntag

Oldies but Goldies: Wer es etwas – aber nur etwas – moderner mag und Geknattere liebt, der bekommt vielleicht im Stadtpark leuchtende Augen und denkt an sein erstes Auto (oder an das erste Auto, das er haben wollte): Beim 15. Stadtpark Revival drehen historische Automobile, Motorräder und Gespanne bis Baujahr 1978 und Youngtimer bis Baujahr 1984 zwischen Grün, Strohballen und Wasser ihre Runden. Und wer weiß, vielleicht hat man auf dem Zubehörmarkt vielleicht die Gelegenheit, das Traumauto jetzt endlich zu kaufen …?

Stadtpark Revival, Samstag und Sonntag

Schnack

Bei Budnikowsky an der Kasse sagt ein älterer Herr zur Verkäuferin: "Das Wechselgeld möchte ich spenden, aber ich weiß nicht, wohin ich das tun soll. Na, ich gebe es Ihnen zu treuen Händen." Die Verkäuferin: "Tun Sie das, ich habe sehr treue Hände."

Gehört von Hilke Bock

Meine Stadt

Elbphilharmonie und East: dynamisch © carlisdead10 via Instagram

 

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Wurde in Eimsbüttel das Schild "Weihnachtsbaumverkauf an der Christuskirche" heimlich wieder aufgehängt? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

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