Der Durchreiseplatz ist schon zur eingezäunten Insel geworden. Nur für drei Wohnwagen ist noch Platz zwischen den vielen Containern und Zelten, in denen rundherum etwa 1.300 Flüchtlinge leben. Sie sitzen auf Bänken, spielen Fußball und wissen nicht, dass ihretwegen andere gehen müssen. Ein kleines Stück vom Durchreiseplatz ist noch übrig geblieben, auf dem Rest des Geländes, nur wenige Meter entfernt vom Volksparkstadion, liegt eine der größten Flüchtlingsunterkünfte Hamburgs. Und mittendrin das Überbleibsel eines in der Stadt einmaligen Ortes, ein Platz, auf dem Roma und Sinti ihren Urlaub verbringen konnten.

Bis zu 50 Wohnwagen-Gespanne konnten auf dem Platz im Stadtteil Bahrenfeld früher auf einmal stehen. Jetzt sollen sie fernbleiben. Schon die drei Wohnwagen, die in dem eingezäunten Grund stehen, sind nur geduldet, aber offiziell nicht mehr erlaubt. Bis Ende Oktober wird noch ein Hausmeister bezahlt, dann ist Schluss.

Das Aus des Durchreiseplatzes, aus Sicht der Stadt ein hinnehmbares Opfer, um die Unterbringung zahlreicher Geflüchteter zu bewältigen. Für Sinti und Roma dagegen, die auf der Durchreise sind oder neu nach Hamburg kommen und sich erst orientieren müssen, ist es ein großes Problem. Dieser Ansicht ist etwa Danielle, eine der letzten Besucherinnen. Sie ist mit ihrer Familie mit zwei Wohnwagen auf dem Platz untergekommen. "Wo sollen wir denn sonst hin?", fragt sie und erzählt, dass Roma und Sinti auf anderen Campingplätzen selten willkommen seien. Meistens hieße es: "Wir sind voll." Manchmal allerdings auch ganz direkt: "Unsere Kunden wollen nicht neben Zigeunern stehen."

Die haben uns mit der Salamitaktik den ganzen Platz genommen.
Rudko Kawczynski, Vorsitzender der Roma und Cinti Union

Entstanden ist der Durchreiseplatz in den neunziger Jahren. Er sollte vor allem den als nationale Minderheit anerkannten deutschen Roma und Sinti als sichere Anlaufstelle dienen. Zunächst verwaltete ihn das Bezirksamt Altona, 2000 dann übernahm die Rom und Cinti Union (RCU) den Betrieb, finanziert wurde er aber weiterhin von der Stadt. "Der Bezirk war überfordert", sagt Rudko Kawczynski, der Vorsitzende des Vereins, der sich 1982 in Hamburg gründete, um für die Interessen von Roma und Sinti einzustehen, von denen etwa 40.000 in der Stadt leben.

Kawczynski ist frustriert. Dabei ärgert er sich nicht über die Flüchtlingsunterkunft an sich. Was ihn stört, ist der Umstand, dass der Durchreiseplatz für einen, wie er es nennt, Vergnügungspark weichen muss. Abgesehen von Containern befinden sich Tischtennisplatten, ein Fußballplatz und Hobby-Zelte auf dem ehemaligen Übernachtungsgelände. "Die haben uns mit der Salamitaktik Stück für Stück den ganzen Platz genommen", sagt er und meint die Sozialbehörde (BASFI) und die Behörde für Inneres und Sport.

Im November 2012 trat die Stadt erstmals an die RCU heran und bat den Verein, ein Stück des Geländes abzugeben. Die Flüchtlingszahlen stiegen und die bestehenden Unterkünfte reichten nicht mehr aus. Kawczynski erinnert sich: "Wir haben die Notlage verstanden und wussten, dass die Menschen schnell Hilfe brauchen." Auf dem Gelände des Durchreiseplatzes, direkt neben dem Parkplatz Braun, der zum Volksparkstadion gehört, wurden daher nach Zustimmung des Vereins die ersten Container aufgestellt. Man habe sich darauf verständigt, den Platz für ein halbes Jahr abzutreten, da im Winter ohnehin nicht viel los sei, erzählt Kawczynski. Schon davor hatte sein Verein freien Raum außerhalb der Hauptreisezeit auch Obdachlosen zur Verfügung gestellt.

Vehemente Ablehnung

Im April 2013 forderte die RCU den Rückbau der Container. Die Stadt allerdings erbat sich mehr Zeit für die Nutzung als Flüchtlingsunterkunft und weitere Teile des Durchreiseplatzes. Wieder stimmte der Verein zu. Die Betreiber rechneten nicht damit, dass das bedeuten würde, dass sie den Campingplatz ab 2014 gar nicht mehr betreiben können würden. Seitdem muss die RCU Roma und Sinti abweisen, die ein paar Sommertage in Hamburg campen wollen.

"Die Leute sind sauer auf uns. Die glauben, wir haben den Platz verkauft", sagt Kawczynski. Der RCU zufolge gab es in Hochzeiten des Campingplatzes jährlich bis zu 1.500 Übernachtungen. Obwohl primär für den Urlaub deutscher Roma und Sinti gedacht, kamen die Gäste von überall her – etwa aus Schweden oder Irland. Die durchschnittliche Campingdauer der Urlauber lag zwischen zwei und drei Wochen.

Seit dem EU-Beitritt von Rumänien und Bulgarien 2007 kamen verstärkt Familien aus Osteuropa, die in Hamburg Arbeit suchten. Der RCU zufolge machte diese Gruppe rund zehn Prozent der Reisenden aus. Um sie kümmerte sich in der Folge oftmals die Beratungsstelle des Vereins. Sie klärte auf und verwies an die zuständigen Behörden – oder versuchte, den Betreffenden die Ausweglosigkeit ihres Vorhabens zu verdeutlichen.

Und jetzt? Ist Rudko Kawczynski seine Stelle als Projektleiter des Durchreiseplatzes los. Ende Oktober muss der flache Rotklinkerbau, den der Verein als Kulturzentrum nutzte, geräumt sein. Der Verein betreibt nur noch eine Beratungsstelle in der Rellinger Straße in Eimsbüttel, die, wenn alles glatt geht, Ende des Jahres nach Wandsbek umzieht.

Die Stadt habe den "Beitrag der RCU zur Bewältigung der Unterbringungssituation Geflüchteter mehrfach ausdrücklich gewürdigt", sagt Marcel Schweitzer, Sprecher der Sozialbehörde. Eine Ausgleichsfläche hat der Verein allerdings bislang nicht zur Verfügung gestellt bekommen – obwohl der RCU das zugesichert wurde. Vordergründig laufe die Kommunikation mit allen beteiligten Stellen freundlich und "politisch korrekt", sagt Kawczynski, unterm Strich passiere jedoch nichts. Ein Vorwurf, den Petra Lotzkat, Leiterin des Amtes für Arbeit und Integration in der BASFI, so nicht stehen lassen will. Ihre Mitarbeiter würden sich "ein Bein ausreißen", um einen neuen Standort für den Durchreiseplatz zu finden, sagt sie. Dass es nicht klappe, liege auch daran, dass viele Vermieter dem RCU ablehnend gegenüber stünden. Auch die Behörde könne nichts gegen deren Vorbehalte ausrichten. "Sobald man Roma und Sinti sagt, hat man ein Problem", sagt sie.

Sobald man Roma und Sinti sagt, hat man ein Problem.

Wie vehement die Ablehnung ist, musste der Verein bereits erfahren, als er nach neuen Räumen für seine Beratungsstelle suchte. Um 30 Standorte bemühte sich der RCU. Die Art der Absagen reichte von vorgeschobenen formellen Gründen wie "Wir wollen keine Vereine", bis hin zu offen rassistischen Äußerungen wie "So was ist hier nicht erwünscht".

Kawczynski glaubt, dass hinter den Kulissen bereits eine politische Entscheidung gegen einen neuen Platz gefallen ist. Das jedoch bestreitet ein Sprecher der BASFI: Sozialsenatorin Melanie Leonhard habe "das zuständige Fachamt in Kooperation mit der Behörde für Inneres und Sport gebeten, die RCU bei der Platzsuche zu unterstützen". Solange es jedoch kein Ergebnis gibt, fehlt den Roma und Sinti in Hamburg eine offizielle Anlaufstelle. Was das bedeuten kann, wurde etwa deutlich, als das Bezirksamt Altona Anfang Juni ein illegales Camp am Nobistor durch die Polizei räumen ließ, da es die Park- und Spielplatznutzung "massiv einschränkte". Laut RCU befanden sich unter den Obdachlosen mehrere ehemalige Gäste des Durchreiseplatzes. "Als diese Menschen bei uns übernachtet haben, konnten wir sie beraten, sie über ihre rechtliche Situation in Deutschland aufklären. Jetzt sind sie auf sich allein gestellt", sagt Kawczynski.

Die Autorin Annika Demgen arbeitet auch für die "Eimsbütteler Nachrichten" und hat diesen Text in einer anderen Fassung bereits dort veröffentlicht.