Manchmal, wirklich nur manchmal, fühlt man sich in Hamburg für einen kurzen Moment, als wäre man in Tel Aviv, Barcelona oder Marseille. Dann, wenn die Sonne scheint und man am Strand von Oevelgönne liegt. Man muss dafür nicht einmal die Augen schließen.

Wenn sich um einen herum an den wenigen wirklich heißen Tagen im Jahr ein internationales Stimmengewirr erhebt, wenn sich freilaufende Hunde Pommestüten von plärrenden Kindern schnappen und wenn schwitzende Menschen vor der Strandperle eine halbe Stunde auf ihr Bier warten, kann man tatsächlich vergessen, dass der Sand unter den Liegedecken großkörniger ist als an der Costa Brava und hinter den vielen Sonnenschirmen nicht türkisfarbenes, sondern gelblich bis braunes Wasser auf einen wartet.

Dann schiebt sich ein Schatten über die Szenerie. Ein Containerriese gleitet durch die Elbe, stumm und majestätisch. Man blickt auf eine Wand. Und wenn diese verschwindet auf den Burchardkai und die Containerbrücken gegenüber. Der Traum, in einer Stadt im Süden zu liegen, ist weit weg. Er macht Platz für die umso erstaunlichere Realität: Man liegt mitten im größten deutschen Hafen an einem Strand.

Es ist der Moment, in dem einem bewusst wird, wie einzigartig die Dualität von Industrie und Freizeit hier ist. Gerüche von Sonnenmilch, Grillfleisch und Schiffsdiesel steigen einem gleichzeitig in die Nase und man fragt sich: Wie konnte dieser Ort zu dem werden, was er heute ist?

Vor 400 Jahren wurde in Oevelgönne nicht sonnengebadet, sondern geschuftet. Die Frühgeschichte des Dorfes, das 1674 erstmals im Kirchenbuch von Ottensen erwähnt wird, beginnt mit bestialischem Gestank. Trankocher holten den Wal- und Robbenspeck von den Schiffen der Walfänger an den Strand, kochten ihn dort in großen Pfannen aus und läuterten ihn in drei Arbeitsschritten. Der geklärte Tran wurde als Lampenöl verwendet, auch für die wenigen Straßenlaternen Hamburgs.

Die Trankocher zogen sogar noch einen weiteren Handwerkszweig an, der nicht gerade Wohlgeruch verbreitete: Ab 1703 ließen sich Leimsieder in Oevelgönne nieder, die die Grieben, also die Reste des ausgekochten Specks, weiterverarbeiteten. Schon seit Mitte des 16. Jahrhunderts wurde am etwas höher gelegenen Geestrücken eine Wassermühle betrieben, später gab es in Oevelgönne eine Kalkbrennerei. Der Strand blieb über Jahrhunderte ein Ort der Arbeit und nicht des Vergnügens. In kleinen Werften wurden Rettungs-, Landungs- und Walfangboote gebaut. Die letzte schloss erst 1966.  

Der Charakter des Strandes wandelte sich allerdings langsam. Die bekanntesten Bewohner Oevelgönnes waren die Fischer und Lotsen, hauptsächlich wegen ihrer schmucken Häuser, die bis heute oberhalb des Strandes Spalier stehen und einen der bekanntesten und an sonnigen Sonntagen überfülltesten Spazierwege Deutschlands beschatten. Die schmucke Lage, die aus dem Zusammenspiel von Elbe, Strand und Geestrücken entsteht, ließ aber im frühen 19. Jahrhundert auch eine ganz andere Klientel nach Oevelgönne pilgern. Eine, die nicht zum Arbeiten kam.