Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

nach der gestrigen Wahl in Mecklenburg-Vorpommern, bei der die rechtspopulistische AfD erstmals mehr Stimmen bekam als die CDU, sprach unser Bürgermeister Olaf Scholz von einem guten Omen für die Wahl in Berlin; er meinte allerdings die Tatsache, dass in Meck-Pomm SPD-Mann Erwin Sellering trotz Stimmenverluste Regierungschef bleibt.

Hamburgs CDU-Parteichef Roland Heintze nannte im NDR-Fernsehen den AfD-Erfolg dagegen einen "Weckruf": "Ich denke, dass wir die Rechtspopulisten jetzt nicht mehr ignorieren können, sondern ihnen Paroli bieten müssen."

Schon vorher hatte die Hamburger CDU übrigens ihre Vorschläge für das Bundestagswahlprogramm vorgelegt. Der Knüller: Sie will den Soli abschaffen. Ein Thema, muss man zugeben, in dem mehr Zustimmungspotenzial steckt als beispielsweise in der Verteidigung von Falschparkern. Schließlich, so die CDU, sei der Solidaritätsbeitrag zur Finanzierung der deutschen Einheit gedacht gewesen, aber nicht als dauerhafter Minusposten auf der Gehaltsabrechnung.

Hm – wo die CDU recht hat, da hat sie recht. Wann also will sie uns endlich von dieser überkommenen Last befreien? Bis Ende des Jahres – na ja, auf jeden Fall noch vor der Bundestagswahl.

Oder?

Nein. Bis "spätestens 2021".

Boah. Danke, CDU.

Schaumschlacht im Hafen

Ein Brand, wie ihn die Feuerwehr Ende der Woche auf dem Containerschiff "Arauco" zu bekämpfen hatte, "ist alles andere als Standard, das ist eine hochkomplexe Geschichte", sagte uns Jan Ole Unger von der Feuerwehr Hamburg. Zeitweise waren mehr als 300 Mann am Löscheinsatz beteiligt, darunter Spezialisten aus dem gesamten norddeutschen Raum. Erst ein "Schaumangriff", wie Unger es nennt, brachte das Feuer zum Erliegen. Dafür wurden 45.000 Liter Löschschaum benötigt. "Jede andere Feuerwehr wäre mit einem solchen Brand wahrscheinlich hoffnungslos überfordert gewesen. Wenn es jemand schafft, dann die Feuerwehr Hamburg", sagt Unger – und weist damit Kritik zurück, die städtische Feuerwehr sei überfordert gewesen. Airbus und die Raffinerie Holborn hatten mit einem Teleskopfahrzeug und einem Schaumwerfer ausgeholfen, auch das Mehrzweckschiff "Neuwerk" war im Einsatz, und all das hatte die Frage aufgeworfen, ob die städtische Feuerwehr etwa auf Werksfeuerwehren angewiesen sei. So dürfe man es nicht sehen, betont Unger. Gegenseitige Löschhilfen seien bei solchen Einsätzen gang und gäbe. Ein Schaumwerfer wie der von Holborn komme im kommunalen Löschwesen nur alle paar Jahre zum Einsatz und sei zudem zu teuer, als dass eine kommunale Anschaffung gerechtfertigt sei. Dennoch: "Hätten wir nicht auf den Schaumwerfer zugreifen können, hätten wir eine andere Lösung gesucht", so Unger. Dass die Feuerwehr aufrüsten muss, konnte er allerdings nicht bestreiten. Im übernächsten Jahr steht die Anschaffung eines neuen hochmodernen Löschbootes an.

OSZE-Widerstand

In Hamburg herrscht mal wieder dicke Luft, wieder gibt es Protest. Grund sind das OSZE-Treffen im Dezember und der G-20-Gipfel im Juli – bei der Veranstaltung zum Thema am Donnerstag wurde es richtig laut. Unter anderem hatte die Initiative "Refugees Welcome Karoviertel" auf ihrer Facebook-Seite zuvor bekanntgegeben, "eine exklusive Spielwiese für Regierungschefs und Außenminister zu eröffnen ist nicht in unserem Sinn", und hatte "Hin da" gefordert. Was ist eigentlich wirklich das Problem? Oder geht es vielen mehr um Krawall als um Inhalte? Wir haben Björn Rosteck, Aktivist von Recht auf Stadt, gefragt, woher die Anti-Haltung gegen die Treffen kommt.

Elbvertiefung: Bei der Info-Veranstaltung zum OSZE-Treffen und dem G-20-Gipfel kam es zu einigem Aufruhr. Warum?

Rosteck: Die Anwohner sind einfach genervt von den massiven Einschränkungen, die in dieser Zeit zu erwarten sind. Da geht es ja auch um eine Einschränkung des Freiheitsrechts.

EV: Sollen die Einschränkungen nicht viel weniger umfänglich sein als zunächst befürchtet?

Rosteck: Es sei denn, es kommt zu Störungen. Wir wissen, dass es bei solchen Gipfeln bislang immer Proteste gab, auch in Hamburg wird es an diesen Tagen Demonstrationen geben, also Störungen. Und dann haben wir hier wieder diese Gefahrengebietsgeschichte, die Polizei ist überall, und das erhöht nicht unbedingt das Sicherheitsgefühl. Und dann gibt es natürlich auch die Proteste gegen das Treffen selbst.

EV: Muss man in Hamburg von Protesten ausgehen?

Rosteck: Ich denke schon, dabei geht es aber nicht um Krawall.

EV: Ist aber nicht schon aufgrund der Einstellung einiger Leute aus der Szene mit Krawallen zu rechnen?

Rosteck: Die Frage finde ich ein bisschen absurd. Ich gehe davon aus, dass Menschen, die protestieren wollen, in erster Linie ihren Unmut kundtun wollen, und dass es nicht um Gewaltausbrüche geht.

EV: Ist es nicht so, dass für einige Angehörige der linken Szene diese Veranstaltung per se ein Affront darstellt – sie also von vornherein auf Konfrontation gehen, wie man es auch bei der Veranstaltung am Donnerstag gesehen hat?

Rosteck: Mein Eindruck war ein anderer. Es waren größtenteils Anwohner da, und ja, die hatten größtenteils eine Antihaltung. Aber es gab keinen organisierten Protest gegen die Veranstaltung.

EV: Ist Hamburg als Veranstaltungsort problematischer als andere Orte?

Rosteck: Das Messegelände liegt inmitten der Stadt und nicht wie anderswo außerhalb. Das Treffen findet also vor unserer Haustür statt.  Klar fragen da manche lautstark nach, ob das denn sein muss.

EV: Welche Gefahr sieht man dabei?

Rosteck: Die Sicherheitsgefährdung geht ja weniger von einer linken Szene aus als beispielsweise vom IS. Wenn davon gesprochen wird, dass die Teilnehmer des Gipfels besonders schutzbedürftig sind, fragt man sich schon, was mit den Anwohnern ist, die wollen ja auch keinen Terror vor der Tür.

Das Hamburg der Zukunft mitgestalten

In 14 Jahren kann viel passieren. Wie genau unsere Stadt 2030 aussieht, weiß noch keiner zu sagen. Aber Ideen sammeln, Anregungen geben, das können Bürger trotzdem, und das sollen sie auch. Die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz startet den Online-Dialog "Hamburg 2030" und lädt Hamburger ein, das Hamburg der Zukunft mitzugestalten: Wie müssen Stadtteile sein, damit Menschen gern in ihnen wohnen? Wie wird die Stadt für ältere Menschen ebenso attraktiv wie für jüngere? Was ist dann für die Familien wichtig? Die Ergebnisse des Dialogs sollen in die Demografie-Strategie des Senats einfließen. Auch der Face-to-Face-Austausch ist möglich. Die Gesundheitsbehörde wird mit Info-Ständen durch die einzelnen Stadtbezirke ziehen. Das Demografie-Konzept wurde bereits 2014 beschlossen und sieht als eines seiner wichtigen Ziele die Schaffung von Wohnraum. Und über das, worauf sonst noch dringend geachtet werden muss, darüber können Sie noch bis zum 30. September online mitbestimmen.

Neue HSV-Anleihe

Der HSV kämpft ums Überleben. Das ist nicht neu. Klaus-Michael Kühne hatte dem Verein zuletzt immer wieder Geld geliehen. Bankschulden wurden mit der Finanzspritze getilgt, neue Spieler eingekauft. Und jetzt baut man laut dem "manager magazin" auf Privatanleihen. 40 Millionen Euro von Privatanlegern sollen demnach dazu beitragen, dem Bundesligist aus der Misere zu helfen. Der Erlös aus den Anleihen solle wiederum an Kühne fließen. Zehn Jahre soll die Anleihe laut Informationen des Magazins laufen. Attraktiv wird das Geschäft für die Anleger durch die Zinsen – fünf Prozent sollen es sein. Als Sicherheit soll der Verein das Volksparkstadion eingesetzt haben. Das würde bedeuten, dass dieses im Worst-Case-Szenario, also einer HSV-Insolvenz, an die Privatanleger geht … Der HSV hat das Vorhaben bislang weder bestätigt noch dementiert. Bereits vor vier Jahren zum Jubiläum hatte man schon mal eine Anleihe über 17,5 Millionen platziert, die noch bis 2019 läuft.

Mittagstisch

Menü "Rotes Hamburg"

Vielleicht ist das Vlet an der Alster nicht gerade das, was man sich als Werktätiger jeden Mittag leisten kann. Oder will. Aber wenn es mal so richtig hamburgisch sein soll – Blick aufs Rathaus, sanftes Schaukeln, Labskaus auf dem Teller und dann und wann ein weißer Alsterdampfer, der an der schwimmenden Terrasse vorbeizieht –, dann war der Weg in die Alsterarkaden richtig. Denn das Labskaus (14,90 Euro) im Vlet ist so klassisch wie fein abgeschmeckt, so leicht wie magentafarben (leuchtend dunkelrot nämlich, nicht so blassrosa wie in vielen anderen Lokalen, die sich auch "hanseatisch" nennen.) Vorher eine Gazpacho (7,50), die – Hamburger Küche! – mit Vierländer Gemüse serviert wird, nachher eine Rode Grütt mit weißem Schokoladeneis (6,90) – und das Menü "Rotes Hamburg" ist perfekt. Klar: Man hätte auch Pannfisch essen können oder Kalbsfrikadelle. Aber die Farben! Und man sollte wiederkommen, nur um noch einmal so einen doppelten Espresso zu trinken. Denn die Bohnen kommen aus einer kleinen Hamburger Rösterei, deren Namen nicht verständlich ist. Und der Kaffee schmeckt sensationell: voll, fruchtig, kräftig – und irgendwie rot.

Vlet, Neustadt, Jungfernstieg 7, Montag bis Sonntag 9 bis 24 Uhr; Mittagstisch 11.30 bis 15 Uhr, Hauptgerichte mittags von 10,90 bis 21,50 Euro

Wolfgang Lechner

Was geht

Poetry-Slam: Michel Abdollahi moderiert, wie könnte es anders sein, und junge Poeten kämpfen mit ihren Texten um die Gunst des Publikums. Heutiges Motto: "Stimmen aus der Unterwelt". Poetry-Slam im Levantehaus, Mönckebergstraße 7, 20.30 Uhr Eintritt 10 €, ermäßigt 8 €

Vortrag: Der Journalist Elmar Theveßen redet in der Gesprächsreihe "Ethik" über große Fragen wie "Die Herausforderung – Islamistischer Terror oder Kampf der Kulturen?". St. Michaelis, Englische Planke 1, 18 Uhr, Eintritt frei

Geburtstag: Die Konzertreihe "Leinen los" im Goldfischglas gibt es jetzt schon drei Jahre – das bedeutet drei Jahre Livemusik an jedem ersten Montag des Monats. Sowas muss gefeiert werden, natürlich mit einem Konzert! Kiddo Kat, berühmt geworden mit ihrer Performance des Prince-Hits "Kiss" in einer Frankfurter S-Bahn, zeigt heute, wie ihre eigenen Songs rocken. Goldfischglas, Bartelsstraße 30, ab 20 Uhr

Was kommt

Ausflug: Wo könnte man besser den Spätsommer genießen als im Alten Land? Am Wochenende öffnen einige besonders schöne Obsthöfe anlässlich der Apfeltage ihre Pforten. Man kann mit dem Rad von Hof zu Hof fahren, Äpfel pflücken oder einfach Apfelkuchen essen. Geführte Touren starten am 10. und 11. 9. jeweils um 10 Uhr und um 13 Uhr, teilnehmende Höfe finden Sie hier. Treffpunkt ist die Tourist-Info Altes Land, Osterjork 10, 21635 Jork, 5 € pro Person, Kinder bis 12 Jahre frei

Wissenschaft: Vorträge, Experimente oder Diskussionen – am Tag des Wissens gibt es jede Menge zu entdecken, zum Beispiel, ob Barfußjoggen gesünder ist oder wie es um die Debatte um Stammzellenforschung steht. Organisiert von der Behörde für Wissenschaft mit Partnern wie dem UKE, gibt es am Samstag über die Stadt verteilt verschiedenste Veranstaltungen. Das Programm finden Sie hier, Beginn ab 14 Uhr, Eintritt frei

Secondhand: Seit zehn Jahren können Hamburger im Gebrauchtwarenhaus StilbruchPraktisches und Kurioses finden. Das Jubiläum wird mit 10 Prozent Rabatt, XXL-Kicker, Kinderschminkecke und abendlicher Unterhaltung von Poetry-Slammern und Live-Musik gefeiert. Stilbruch, Ruhrstraße 51, ab 10 Uhr

Die Wahrheit liegt auf dem Platz

Aimen Abdulaziz-Said schreibt bei ZEIT ONLINE die HSV-Kolumne

Der HSV hat vergangene Woche tatsächlich noch mal auf dem Transfermarkt zugegriffen: Für angeblich 7,5 Millionen Euro wechselte Douglas Santos von Atlético Mineiro an die Elbe. Am Sonnabend feierte der 22-jährige Abwehrspieler bereits seinen Einstand. Im Testspiel gegen den BFC Dynamo Berlin wurde der Olympiasieger von Rio in der zweiten Halbzeit eingewechselt und hinterließ einen guten Eindruck bei Bruno Labbadia: "Die Leistung hat mir gut gefallen. Er hat konzentriert und sachlich gespielt. Wir werden sehen, wie schnell wir ihn in die Liga integrieren können", sagte der HSV-Trainer nach dem 4:0-Sieg seiner Mannschaft. Insgesamt hat der HSV über 30 Millionen Euro in neue Spieler investiert: Damit steigt automatisch auch die Erwartungshaltung der Fans. Man darf gespannt sein, ob die Investitionen am Ende der Saison Früchte tragen werden.

Erik Hauth bloggt über den FC St. Pauli

In der Länderspielpause leckt sich der FC St. Pauli die Wunden, die der verkorkste Saisonstart mit drei Niederlagen in der Liga schlug, worauf es ihn mit null Punkten ans Tabellenende verschlagen hat. Die Kranken (Ziereis, Sobiech) und Beladenen (Gonther, Sobota) erholen sich langsam, und Trainer Ewald Lienen schmiert weiteren Balsam auf die gespannten Spielerseelen: Man denke gar nicht daran, noch neue Spieler zu holen; man vertraue vollkommen auf diejenigen, die schon da sind. Noch sind sechs Tage Zeit bis zum Heimspiel gegen Arminia Bielefeld, dann gilt es wieder – auf dem Platz.

Meine Stadt

»Ganz schön kalte Schnauze« © Foto: Sibylle Brodkorb

Die Buchhandlung & Antiquariat Lüders aus Eimsbüttel hat am Samstagabend den zweiten Hamburger Buchhandlungspreis gewonnen. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung der Kulturbehörde für besonders engagierte inhabergeführte Buchhandlungen wurde zum Abschluss der "Langen Nacht der Literatur" in der Hamburger Kunsthalle verliehen. Der Förderpreis in Höhe von 2000 Euro für besonders spezialisierte Buchhandlungen geht an den auf junge Leser spezialisierten KiBuLa in Winterhude.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle


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