Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

sollte es 10.15 Uhr sein, wenn Sie diese Zeilen lesen, halten Sie sich gerade in der Innenstadt auf, und hören Sie schreckliches Geheule, eine Minute lang, auf- und abschwellend, keine Panik: Es ist keine unangemeldete A-cappella-Kita-Demo, es sind nur die Sturmflutsirenen. Normalerweise sollte man nun das Radio einschalten und auf sachdienliche Durchsagen achten – normalerweise, nicht jetzt. Denn es ist nur eine Übung (sofern es wirklich 10.15 Uhr ist). Natürlich können Sie trotzdem das Radio einschalten, doch die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Ihnen dort niemand den Grund für das Geheule verrät; gut also, dass Sie das hier lesen.

Aber Sie können auch auf Ihr Smartphone schauen. Parallel zum Sirenenprobegeheul will die Behörde für Inneres und Sport nämlich auch eine Testwarnung über das Katastrophenwarnsystem KATWARN versenden, via App, SMS oder Mail, und sofern Sie nicht vergessen haben, sich zu registrieren. Und sofern auch sonst alles gut geht; die Erfahrungen mit der Zuverlässigkeit von Katwarn waren in der Vergangenheit etwas zwiespältig, und entsprechend gespannt darf man auf das Eintreffen der Nachricht sein.

Aber falls es diesmal nicht funktioniert, macht es überhaupt nichts. Es ist ja nur ein Probealarm.

Hm, oder macht es doch was?

Ach so: zu unserem gestrigen Stück über "Stückgut", also den geplanten verpackungsfreien Laden, müssen wir noch etwas nachliefern – auf vielfachen Wunsch. "Dass sich die Gruppe umweltbewusster junger Menschen so nennt, wie bereits ein logistischer Fachbegriff heißt, dafür könnt ihr ja nichts", schrieb ein Leser nach langer Internetsuche. "Dass ihr dann aber keinen Link zu diesem schwer zu findenden Crowdfunding-Projekt in den Letter setzt…" Hier kommen gleich zwei: zum Stückgut und zur Crowdfunding-Kampagne.

Debattiersause nach der Sommerpause

Jubel, Trubel, die Hamburgische Bürgerschaft ist zurück aus der Sommerpause. Frisch erholt dürfen sich die Herren und Damen gleich mit vielen reizenden Themen befassen. Oder vielleicht sagen wir besser "Reizthemen"? Kaum hatte der rot-grüne Senat den Doppelhaushalt 2017/2018 offiziell in die Bürgerschaft eingebracht, wurde das Werk von der Opposition quasi in der Luft zerrissen. Der Haushaltsplan sei "weder krisenfest noch glaubwürdig", so CDU-Finanzexperte Thilo Kleibauer. "Konsolidierung? Fehlanzeige. Abbau von Risiken? Fehlanzeige. Vorsorge für die Zukunft? Fehlanzeige", schimpfte die FDP-Fraktion. Verlassen Sie sich darauf, mit den hitzigen Debatten wird es weitergehen. Da ist noch der G20-Gipfel, gibt es die Themen Schule, Integration, Volksentscheid und Tempo 30... Damit man den Überblick nicht verliert, haben die Kollegen der ZEIT:Hamburg ein buntes Konflikt-Barometer gebastelt. Wo gibt’s Riesenstress, welches Thema ist Dauerbrenner, was hat sich über die Sommerpause abgekühlt? Und (kann ja auch vorkommen) wo und bei wem läuft’s? Die Checkliste finden Sie in der neuen Ausgabe der ZEIT. Mitglieder der Bürgerschaft bekommen bei Abnahme von wahlkreistauglichen Mengen Rabatt.

Saubere Luft für Hamburg

Am kommenden Montag startet in Hamburg die "Aktionswoche Saubere Luft und moderne Mobilität": Rund 200 Unternehmen erklären ihren Mitarbeitern, wie sie umweltfreundlich durch die Stadt kommen. Skeptiker würden jetzt fragen: Was gibt’s da noch zu lernen? Zu Fuß gehen für Anfänger? Radfahren für Fortgeschrittene? Aber nein, Volker Dumann von der Behörde für Umwelt und Energie ist überzeugt, Aufklärung tut not. Und zwar "nicht mit erhobenem Zeigefinger", sondern freundlich und motivierend. Größter Feind der umweltfreundlichen Fortbewegung nämlich sei "der Faktor Bequemlichkeit". Dank moderner E-Bikes zähle selbst diese Ausrede nicht mehr. Ein weiteres Argument, wieso man das Auto stehen lassen sollte: "Viel Fahrradfahren gibt einfach einen netten Hintern", sagt Dumann. Okay, überzeugt! Aber apropos "Luftreinhaltung" – so das erklärte Ziel der Aktion: Was kann man gegen die Raucher tun, die einem mit ihrem Qualm den morgendlichen Café- oder den abendlichen Restaurantbesuch verderben?

Länderübergreifendes Gefangenendilemma

Im Dezember letzten Jahres haben Hamburg und Schleswig-Holstein beschlossen, über eine Kooperation der besonderen Art zu beraten: ob es sinnvoll und möglich ist, Teile des Strafvollzugs der beiden Länder zusammenzulegen. Der gerade veröffentlichte Zwischenbericht ergab nun: Ja, es ist möglich, zumindest was den Strafvollzug von Frauen und Jugendlichen betrifft. Demnach könnten in Zukunft die straffälligen Jugendlichen aus Hamburg nach Neumünster umziehen, und die Frauen aus schleswig-holsteinischen Gefängnissen würden in Hamburg untergebracht. Hintergrund der Überlegungen sei nicht einfach ein Sparmodell, sagt Marion Klabunde von der Justizbehörde: Je mehr Gefangene an einem Ort seien, desto bessere Angebote für deren Aus- und Weiterbildung könne es geben. "Im Jugendvollzug in Hahnöfersand gab es teilweise nur einen schulpflichtigen Jugendlichen, für den musste extra ein Lehrer kommen, das ist großer Aufwand." Also geht es doch ein bisschen ums Sparen? Das Ziel sei zwar auch "die Entlastung unserer angespannten Personalsituation", erklärt Klabunde, aber man wolle nichtsdestotrotz "ein breiteres Qualifizierungsangebot für die Gefangenen". Und entscheide man sich dafür, den Strafvollzug zusammenzulegen, würde "in Billwerder eine neue Jugenduntersuchungshaft gebaut werden, das kostet Geld". Bernd-Rüdeger Sonnen, Professor am Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Hamburg, nennt das Vorhaben "eine sehr umstrittene Geschichte". Dass es immer weniger Gefangene gebe, sei erfreulich und der Ansatz sinnvoll. Jedoch gebe es auch Risiken, gerade was die Verlegung von Jugendlichen betrifft: Eine Trennung von der alten Clique könne hilfreich sein, "aber es gibt auch positive soziale Kontakte, die darunter leiden könnten", so Sonnen.

"Fisch ist kein Alltags-Fastfood"

Gestern verkündete das Fisch-Informationszentrum (FIZ) in Hamburg aktuelle Zahlen zum Fischkonsum: Im Jahr 2015 ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Fisch mit 14,1 Kilogramm zwar leicht gesunken, der Umsatz war dafür mit 3,7 Milliarden Euro so hoch wie nie. Und, wenig überraschend: Den meisten Fisch isst man hier im Norden. Aber Vorsicht! Wir sprachen mit Greenpeace-Meeresexpertin Sandra Schöttner über die Lage im Meer.

Elbvertiefung: Das Fisch-Informationszentrum rechnet damit, dass der Fischverbrauch im kommenden Jahr weiter steigt. Was bedeutet das für die Meere?

Sandra Schöttner: Schon zum jetzigen Zeitpunkt ist der Fischverbrauch zu hoch. Wir holen mehr aus den Meeren raus, als biologisch nachwachsen kann, ungefähr das Doppelte. Viele Populationen sind bereits überfischt oder stark an der Grenze zur Überfischung. Der weltweite Sushi-Trend macht dem Thunfisch zu schaffen, aber auch der europäische Aal ist gefährdet...

EV: Wieso ist die industrielle Fischerei so schädlich für den Fischbestand?

Schöttner: Es geht um Fischereimethoden, die Lebensraum zerstören, zum Beispiel die Grundschleppnetzfischerei, damit fängt man beispielsweise Schollen oder Rotbarsche. Dabei pflügen die Schiffe mit tonnenschwerem Eisengeschirr über den Meeresboden und zerstören alles, was auf dem Weg liegt, wichtige Rückzugsorte für Fische werden buchstäblich plattgemacht. Außerdem landen andere Meerestiere als unerwünschter Beifang in den Netzen.

EV: Was soll man tun, wenn man mit gutem Gewissen Fisch essen möchte?

Schöttner: Man sollte sich entscheiden, seltener Fisch zu essen, also eher zu besonderen Anlässen. Fisch ist kein Alltags-Fast-Food. Außerdem sollte man sich bewusst für nachhaltig gefangenen Fisch entscheiden und genau hingucken: Aus welchem Bestand kommt der Fisch, und wie wurde er gefangen. Es gibt Fischratgeber, die das erklären, und die Hersteller geben meistens Herkunft und Fangmethode der Fische auf der Verpackung an, darauf kommt es an.

EV: Welche Fischsorten kann man denn noch ohne Bedenken essen?

Schöttner: Komplett ohne Bedenken kann man eigentlich nur beim Karpfen zugreifen. Auch Dorsch oder Kabeljau oder Garnelen kann man essen, aber es müssen bestimmte Arten aus bestimmten Regionen sein.

Körber-Preis für Stammzell-Forscher

Gestern wurde im Hamburger Rathaus ein kluger Kopf ausgezeichnet: Der niederländische Stammzell-Forscher Hans Clevers (59) bekam den Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft. Der Biologe und Mediziner hat ein neues Standardverfahren zur unbegrenzten Vermehrung von Stammzellen entwickelt und damit die Grundlage geschaffen, um rudimentäre Organe im Miniaturformat zu züchten, sogenannte Organoide. Diese ermöglichen es, Medikamente lebensecht im Labor zu testen oder sogar kranke Organe schrittweise zu ersetzen. Damit könnten einige Probleme in der Organtransplantation wie abgestoßene Organe oder das lange Warten auf Organspender gelöst werden. Der Preis ist mit 750.000 Euro dotiert, die Clevers einsetzen möchte, um erste Schritte in Richtung Gentherapie zu unternehmen. Seit 1985 werden mit dem Körber-Preis herausragende und in Europa tätige Wissenschaftler geehrt.

Mittagstisch

Kunst und Küche

Seit drei Jahren behauptet sich Nissis Kunstkantine am Dalmannkai in der HafenCity, wo sich einige Galerien niedergelassen haben. Das Besondere an Nissi – zurückzuführen auf den Spitznamen der Besitzerin Nisvican Roloff-Ok – ist die Verbindung von Kunst und Essen. Neben einer Wochenkarte wird ein täglich wechselndes Tagesgericht deutscher und mediterraner Hausmannskost zwischen Gemälden und Kunstobjekten, die zum Teil käuflich zu erwerben sind, angeboten. Hier findet man Grillspieße mit Gemüsereis und Dip für 8,50 €, oder man stellt sich aus dem meist biologisch kontrolliert produzierten Fleisch, Fisch oder Gemüse, einer Beilage und Soßen selbst etwas zusammen. Neben Ausstellungen finden Veranstaltungen statt, wie einmal monatlich der "Meerestalk" der Deutschen Meeresstiftung, Autorenlesungen oder Livemusik mit Menü, ein türkischer Abend und vieles mehr. Die Hoffnung: die riesige und unübersichtliche Kunstszene für Interessierte zugänglich und direkt erlebbar zu machen und Menschen miteinander und mit der Kunst zu verbinden.

Nissis Kunstkantine, HafenCity, Am Dalmannkai 6, Montag bis Freitag 11 bis 16 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht:

Konzert: Kalu James’ Musik ist eine Mischung aus Blues, Folk und Akustik – echte Seelenmusik mit Gitarre eben. Freundlich und kompetent, 20 Uhr, Eintritt frei

Führung: Ist da etwa schon wieder ein neues Einkaufszentrum geplant? Fertige und entstehende Projekte in der HafenCity kann man beim "Feierabend-Landgang" besichtigen. Treffpunkt: HafenCity-InfoCenter-Kesselhaus, Am Sandtorkai 30, 18.30 Uhr, Teilnahme kostenlos

Tipps für Eltern: Wie schütze ich meine Kinder in der digitalen Welt? Die Volkshochschule Hamburg hilft bei Fragen zu Abzock-Angeboten, ungewollten Kontakten und problematischen Inhalten im Netz. Zentralbibliothek, Hühnerposten 1, 15–18 Uhr, Eintritt frei

Schnack

Im Bus der Linie 3 auf Höhe des Kaltenkirchener Platzes. Ein etwa neun-jähriger Junge zu seinem erwachsenen Begleiter: "Du passt etwas zu viel auf. Kinder machen das unter sich aus. Es sieht vielleicht brutal aus, aber das ist eben so."

Gehört von Sarah Levy

Meine Stadt

»Sommergenuss« © Foto: Florian Schleinig

Bevor es in der Hamburgischen Bürgerschaft gestern ans Diskutieren ging, gedachten die Abgeordneten mit einer Gedenkminute des am 24. August mit 75 Jahren verstorbenen Altbürgermeisters Hennig Voscherau (SPD). Die offizielle Trauerfeier für den an den Folgen eines Hirntumors verstorbenen Politikers findet am Freitag ab 11 Uhr im Thalia Theater statt – nur für geladene Gäste. Die Trauerreden halten Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), SPD-Bundesvorsitzender Sigmar Gabriel und Voscheraus Bruder Eggert. Das NDR-Fernsehen überträgt die Veranstaltung live; anschließend können die Hamburger auf der Fahrt des Sarges am Rathaus vorbei zum Friedhof Ohlsdorf Abschied nehmen von Henning Voscherau.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.