Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

nicht zu glauben, was für ein Thema: Vor zehn Tagen erwähnten wir an dieser Stelle jene Spezies Mütter, die ihre Kinder vorzugsweise in hupenden Kleinpanzern, vulgo SUVs, den Schulen zuliefern. Und noch immer erreichen uns dazu Mails. Fest scheint demnach mittlerweile zu stehen, dass es zwar im Umfeld mancher katholischer Schulen offenbar eine Vorliebe für martialische Gefährte gibt, dass das Phänomen aber natürlich nicht konfessionsgebunden ist.

Andererseits kommt es bei näherem Hinsehen aber nicht mal auf den Einsatz eines SUVs an: Die Berliner Variante der hochgerüsteten Glucken, die sogenannten Prenzleberg-Mütter, recherchierte ein Leser, "kajolt mit ihren Kindern in unförmigen sargähnlichen, meist aus Holland stammenden, hoffnungslos überteuerten Lastenfahrrädern über die Gehwege und stellt diese dann möglichst platzvernichtend vor Locations ab, wo man das Leben lactose-, glutenfrei und vegan genießt". Ein Fahrrad, denken Sie nun vielleicht, wie kann ein Fahrrad mit einem Kleinpanzer mithalten?

Nun, wie respekteinflößend allein ein Fahrrad in Mutterhand sein kann, hat eine Leserin aus Hamburg selbst mitverfolgt: Vor der Grundschule ihrer Tochter "stand tatsächlich der Polizist, der für Ordnung sorgen sollte. Dann kam eine Mutter mit nicht verkehrstüchtigem Fahrrad und ihrem Goldstück auf dem Gepäckträger. Polizist: "Sie wissen schon, dass das nicht erlaubt ist?" – Mutter: "Ja schon, aber wir haben es eilig!" – Polizist: "Ach so! Na dann …!" – und winkt sie weiter ... "

Wenn ich mal mit der Polizei zu tun habe, werde ich meine Mutter schicken.

Unauffälliger Helmut-Schmidt-Flughafen

Wir von der ZEIT-Redaktion sitzen ja schon im Helmut-Schmidt-Haus, nun läuft am Hamburger Flughafen der Countdown für eine weitere Würdigung des ehemaligen ZEIT-Herausgebers und Staatsmanns. Zu seinem Todestag am 10. November erhält der Flughafen den Namenszusatz "Helmut Schmidt". Stefanie Harder, Pressesprecherin des Flughafens, macht uns gegenüber noch mal deutlich: "Es handelt sich nicht um eine Umbenennung." Wer in Hamburg landet, tut dies also nach wie vor am "Hamburg Airport", nur dass der dann offiziell den Zusatz "Helmut Schmidt" trägt. Wo dieser Zusatz überall auftauchen wird, das ist noch geheim. Nur so viel: "Es wird kein großes Logo auf das Terminal-Dach gesetzt." Auch wer auf Helmut-Schmidt-Flugtickets oder einen neuen Briefkopf gehofft hat, wird enttäuscht sein. Der Iata-Code "HAM" bleibt sowieso erhalten.

Aber eine permanente Ausstellung im öffentlichen Bereich des Flughafens soll Bilder und Dokumente von Schmidts Leben und Schaffen in Hamburg zeigen, er war schließlich auch Ehrenvorsitzender des Flughafens. Aber damit ist es schon fast genug, man wird auch keine öffentliche Feier geben, nur einen Termin mit dem Ersten Bürgermeister Olaf Scholz und einer kleinen Anzahl geladener Gäste. "Es wird bescheiden sein", sagt Harder, "so hanseatisch, wie Schmidt immer war." Der hätte wahrscheinlich trotzdem gegrinst: "Kinder, so ein Quatsch!"

Datenleck bei der Feuerwehr

Daten-GAU bei der Hamburger Feuerwehr: Gestern hat die NDR-Sendung "Markt" berichtet, dass die Rettungsleitstelle der Feuerwehr ihre Daten offenbar unverschlüsselt an die Einsatzfahrzeuge weiterleitet – und dass ein Hacker über Monate 280.000 Einsatzmeldungen abgegriffen und ins Internet gestellt hat. Persönliche Daten wie Adresse, Alter und Gesundheitszustand der Bewohner wurden so öffentlich. Die datenschutzpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Anna von Treuenfels-Frowein, sagt: "Der Vorfall zeigt noch einmal auf erschreckende Weise die Notwendigkeit einer modernen Verschlüsselung von Behörden-Kommunikation." Die Feuerwehr verteidigt, das Ganze sei "aufgebauscht" worden. "Das war ein krimineller Angriff auf das Datennetz, aber darüber verliert keiner ein Wort. Wir haben den Angriff selbst vor einem halben Jahr zur Anzeige gebracht", so Feuerwehr-Sprecher Werner Nölken. Und was hat sich seitdem getan? "Wir haben versucht, das Loch zu stopfen, aber das dauert." Auch Richard Seelmaecker, Justiz- und Datenschutzbeauftragter der CDU-Bürgerschaftsfraktion, sagt: "Um die Daten besser zu schützen, muss die Feuerwehr mit besseren Endgeräten ausgestattet werden. Das sollte uns der Datenschutz wert sein. Andere Bundesländer haben die Umstellung schon vollzogen, Hamburg hinkt hinterher."

Innovativer Unterricht in Bergedorf

Gestern wurde in Berlin der Deutsche Lehrerpreis verliehen, vom Deutschen Philologenverband und der Vodafone-Stiftung und unterstützt von der ZEIT. Zu den Preisträgern gehört auch eine Hamburger Schule: Ein vierköpfiges Lehrerteam des Bergedorfer Luisen-Gymnasiums hat in der Kategorie "Unterricht innovativ" den 2. Platz belegt, Prämie: 3000 Euro. Lehrer und Schüler haben sich in ihrem interdisziplinären Forschungsprojekt dem Stadtteil Lohbrügge gewidmet. Die Fragestellung lautete: Was braucht dieser Ort? Wir sprachen mit Stefanie Hummel, einer der verantwortlichen Lehrerinnen.

Elbvertiefung: Frau Hummel, wie motiviert man Neuntklässler, die sich vermutlich mehr für ihre Clique als für den Unterricht interessieren?

Stefanie Hummel: Das genau war der Ausgangspunkt, wir haben uns gefragt: Wie können wir die Schüler motivieren? In Klasse 8 und 9 kommt es oft zum Motivationsabfall, deswegen haben wir den Unterricht in eine leer stehende Ladenfläche in Lohbrügge verlegt. Die Schüler fanden es gut, an einem außerschulischen Ort zu lernen. Wir wollten außerdem fächerübergreifend arbeiten und die Schüler dazu bringen, mehr Eigeninitiative zu entwickeln, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich eigene Gedanken zu machen. 

EV: Was haben die Schüler herausgefunden – was braucht Lohbrügge?

Hummel: Es gab unterschiedliche Fragestellungen, zum Beispiel: Welche Wirkung haben Grünflächen auf den Stadtteil, welche Ladenketten würden Sinn ergeben, würde Kunst den Stadtteil aufwerten? Es ging nicht darum, fertige Konzepte zu erstellen, sondern es kam uns auf den Prozess an und was die Schüler damit machen. In dem begleitenden Rhetorik- und Motivationsworkshop war das Thema: Wie präsentiere ich vor einer Klasse, wo kann ich mich informieren, welche Experten kann ich ansprechen? 

EV: Was haben die Schüler bei diesem Projekt gelernt?

Hummel: Sie haben starre Unterrichtsformen verlassen, da gehören Rückschläge dazu, auch das gehört zum Lernprozess. Manchmal wurde nach zwei Wochen die Fragestellung noch mal komplett umgeworfen. Wir Lehrer waren eher Lernbegleiter und haben geholfen, wenn sie nicht mehr weiterkamen, wir haben mit ihnen diskutiert, aber die Schüler haben eigenständig gearbeitet. Am Ende ist daraus eine Ausstellung entstanden.

EV: Was hat sich dadurch verändert, dass Sie das Klassenzimmer verlassen und eine Art Feldforschung durchgeführt haben?

Hummel: Das war etwas Neues, rauszugehen und zu schauen: Wie wirkt der Ort auf mich? Als die Schüler dann auch noch gemerkt haben, dass sie ernst genommen werden und Politiker mit ihnen über ihre Ideen diskutieren, war das eine besondere Form der Wertschätzung. Wir haben einen Nerv getroffen. Das hat uns als Lehrerteam gestärkt, und wir haben viel voneinander gelernt. Sonst sind wir oft Einzelkämpfer, deswegen war es eine tolle Erfahrung, in den Dialog zu treten, auch mit Schülern und Eltern. Dadurch entsteht viel kreative Energie, das tut Schule immer gut.

Auge um Auge

Rache – das klingt nach Niedertracht, nach Zorn, nach Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dabei steckt viel mehr dahinter, sagt Psychoanalytiker Torsten Maul, der mit Fachkollegen nun zum dritten Mal den "Psychoanalytischen Salon" veranstaltet, bei dem Psychoanalytiker mit Experten und dem Publikum über aktuelle Themen diskutieren. Heute Abend also über Rache. Ein böses Gefühl? Geht so. "Racheimpulse und Rachedynamik gehören zu den Grundbausteinen des seelischen Lebens", erklärt Maul. "Schon Kinder erleben, wie es ist, Macht und Kontrolle zu verlieren. Deswegen entwickeln sie Groll, und es entstehen Vergeltungsimpulse. Schon im Sandkasten kann man beobachten, wie unerbittlich sie etwas zu ihrem Besitz erklären und sich an dem rächen wollen, der ihnen dies streitig macht." Wozu ist Rache denn gut? "Rache ist ein wichtiger Bewältigungsmechanismus der Seele", so Maul, "und Rachefantasien sind stabilisierend, deswegen sollte man sie sich nicht verbieten. Es ist hilfreich, innerlich Wörter für die Gefühle zu finden." Was wir neulich so mit dem Fahrradfahrer machen wollten, der uns samt Familie um Haaresbreite plattgemacht hätte, das war also im Grunde okay?! Moment, sagt Maul, ausleben sollte man die Fantasien nicht. Also wohin mit der Rache? "Das diskutieren wir dann mit dem Publikum." Ob der Radfahrer auch da ist, kann man heute Abend beim Psychoanalytischen Salon im Golem herausfinden. Achtung: Selbsterkenntnis nicht ausgeschlossen.

Rätselhafter Jubilar

Ein bekannter Hanseat wird heute 85 – herzlichen Glückwunsch, Freddy Quinn! Sieht man sich das Leben des ehemaligen Schlagerstars und Schauspielers aber mal genauer an, fällt auf: So klar ist das mit dem Hanseatentum gar nicht. Um Freddy Quinns Leben ranken sich einige Legenden, allein von drei verschiedenen möglichen Geburtsorten berichtet Autor Elmar Kraushaar, der ein Buch über Quinn veröffentlicht hat. Was nicht ganz leicht war: "So viele Widersprüche waren in den verschiedenen Darstellungen aufgetaucht, so viele Namen und Daten, die immer neu gemischt und neu verteilt wurden." Der singende Seemann hat zwar selbst behauptet, in Hamburg gezeugt worden zu sein, aber sicher ist: Zur See gefahren ist er nie. Dafür hat Quinn mehr als 60 Millionen Tonträger verkauft, seinen letzten Nummer-eins-Hit hatte er 1966 mit "Hundert Mann und ein Befehl", und im Jahr 2004 stand er wegen Steuerhinterziehung vor Gericht. Auch sein aktueller Wohnsitz wirft Fragen auf – lebt er gar in Hamburg? Ist er vielleicht Ihr Nachbar? Liest er vielleicht sogar diesen Letter? Nichts Genaues weiß man nicht über den Mann mit dem Bariton und den Balladen, seit zehn Jahren ist er abgetaucht. Das Einzige, was von ihm in dieser Zeit zu hören war, ist die Aussage seines ehemaligen Managers: "Freddy geht es gut."

Mittagstisch

Bei Mama Ikbal

Glücklich schätzen können sich die Uhlenhorster, die für einen leckeren Mittagstisch keinen weiten Weg auf sich nehmen müssen. Im Hofweg, ein paar Stufen unterhalb des Straßenniveaus gelegen, findet sich das Maxim. Das kleine Bistro bietet eine große Auswahl an grünen und mediterranen Salaten und einen täglich wechselnden Mittagstisch wie mit Hackfleisch gefüllte Auberginen, Pasta in Rahmsoße mit Gemüse oder Hähnchen mit Auberginen und Zucchini in Tomatensoße, dazu Reis und immer einen frischen Salat (jeweils 6 Euro). Außerdem gibt es türkische Pizza oder Döner. Gekocht wird hier von Mama Ikbal. In dem einfach eingerichteten Bistro kann man zwanglos drinnen oder draußen sitzen, viele der Gäste werden von den Betreibern wie alte Bekannte begrüßt. Neuerdings gibt es hier auch Biolimonade, die herrlich säuerlich schmeckt. Und wer möchte, kann das Catering-Angebot des Maxims mit einer großen Auswahl an Fingerfood für die nächste Feier nutzen.

Maxim, Uhlenhorst, Hofweg 20, Mittagstisch 11 bis 14 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Kindertheater: Michel gibt sich die Ehre in Schnelsen. Der Lausebengel aus Lönneberga kommt als Puppe ins Freizeitzentrum. Was die Figur aus der Geschichte von Astrid Lindgren auf dem schwedischen Hof Katthult alles anstellt, erzählt das Theater Blaues Haus in zwei Vorstellungen.

Freizeitzentrum Schnelsen, Wählingsallee 16, 15 und 17 Uhr, Eintritt: 4 Euro, ab 5 Jahre.

Erinnerung: In der dunklen Epoche des Nationalsozialismus kam dem Hannoverschen Bahnhof in Hamburg eine unrühmliche Funktion zu. Tausende Juden, Sinti und Roma wurden von dort deportiert. Jahrzehnte später gibt es anstelle des Bahnhofs den Lohsepark in der HafenCity und eine Gedenkstätte. Dort findet morgen die Uraufführung des Stücks "Gypsy Orpheus" von Michael Batz statt. Mit seiner szenischen Performance, unterstützt vom Ordon-Glowatzki-Ensemble, will der Hamburger Künstler nicht zuletzt die Erinnerungskultur stärken.

Info-Pavillon denk.mal Hannoverscher Bahnhof, Am Lohsepark (HafenCity), 19 Uhr, Eintritt frei.

Identität: Eltern-Kind-Entfremdung – eine unschöne Begriffskonstruktion. Noch viel schlimmer können die Folgen von Trennung, Scheidung und folgenden Umgangs- und Sorgerechtsverfahren sein. Für Kinder UND für Eltern. Jeannette Hagen hat sich in ihrem Buch "Die verletzte Tochter" mit diesem Phänomen auseinandergesetzt. Lesung und Diskussion, auch Beratung ist möglich.

Kleiner Michel, Michaelisstraße 5, 19.30 Uhr, Eintritt frei

Kontroverse: Ob die gleichnamige Partei eine Alternative für Deutschland ist, zählt derzeit zu den meistdiskutierten Fragen hierzulande. Dass die AfD begonnen hat, sich in den politischen Institutionen zu etablieren, ist allerdings Fakt. Also wie mit ihr umgehen? "AfD – bekämpfen oder ignorieren?", fragten Christian Nawrocki und Armin Fuhrer und gaben jüngst ein Buch heraus, in dem 14 bekannte Demokraten Antworten liefern. Heute wird die Frage auf dem Podium diskutiert. Gäste sind unter anderem der Hamburger AfD-Vorsitzende und Bürgerschaftsabgeordnete Bernd Baumann, der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok, der stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Ralf Stegner und der FDP-Bürgerschaftsabgeordnete Michael Kruse. Es könnte hitzig werden.

Elbarkaden Lounge, Hongkongstraße 2–4, 20.30 Uhr, Eintritt: 16 Euro

Meine Stadt

Immer nur ich, ich, ich in dieser Welt ... © Corinna Steidl

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen

Ihr

Mark Spörrle

 

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