Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

Sie wissen, normalerweise bringen wir hier keine Verkehrswarnungen, aber Ausnahmen bestätigen die Regel: Nach den extrem langen Staus rund um Hamburg in den vergangenen Tagen hat nun nämlich die Hamburger Verkehrsbehörde (!) die Autofahrer aufgerufen, die A 7 in Richtung Norden möglichst zu meiden, vor allem Ende der Woche. Dann nämlich beginnen in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Bremen die Herbstferien, viele Kurzurlauber werden am verlängerten Wochenende zum Tag der Deutschen Einheit an die Küsten reisen, und das Wetter soll auch noch ganz gut werden. Was an alldem das Schlimmste ist? Die ganzen Baustellen, die die A 7 zum Nadelöhr machen. Die Behörde empfiehlt, Hamburg über die A 1 und A 21 sowie die B 205 zu umfahren,  am besten aber, man fahre nicht, und wenn doch, dann nicht per Auto (obwohl: mit dem Fahrrad darf man doch gar nicht auf die Autobahn).

Kurz: Es droht exakt die Situation wie vor einigen Wochen, als alle vor dem Megastau warnten und alle anderen hätten gewarnt sein müssen, bloß nicht zu fahren – und als es zwangsläufig zum Megamegastau kam.

Ich fragte damals – erinnern Sie sich? – fassungslos, was vernünftige Menschen bewegt haben könnte, trotz aller Warnungen loszufahren. Und ich fragte so beharrlich, dass einige von Ihnen antworteten. Pech sei es gewesen, zu wenig gedacht, eine verzögerte Rückfahrt, oder ihnen sei nichts anderes übrig geblieben. Man (frau) sei eben ein "Stauidiot", und ob man diesen Letter trotzdem weiter lesen dürfe. Es waren ehrliche Mails mit so guten Gründen, dass ich mich für mein plakativ verständnisloses Fragen schämte.

Und nun wird es Zeit für ein Geständnis. Vermutlich, es ist mir wahnsinnig peinlich, wird mir am kommenden Wochenende wegen eines Termins, es geht wirklich nicht anders, keine Wahl bleiben, als per Auto gen Norden zu fahren. Ich hoffe, ich werde der Einzige sein.

Hochkultur für wenig Geld – keine Rücksicht auf private Veranstalter?

Die Elbphilharmonie soll ein Haus werden, in dem der Genuss von Hochkultur mit jedem Geldbeutel möglich ist. Das hat die Politik den Hamburgern versprochen, und das soll auch so umgesetzt werden. Jetzt bereitet aber, berichtet NDR Info, genau das privaten Anbietern Magenschmerzen: Die quersubventionierten Eintrittspreise der Philharmonie machten anderen Anbietern den Markt kaputt. "Unberechtigt", sagt Enno Isermann, Sprecher der Hamburger Kulturbehörde, schließlich seien nicht alle Tickets auf diesem niedrigen Preisniveau, und vielmehr werde dieses billige Kartenkontingent durch teurere Sitzplätze gegenfinanziert – wie Senat und Bürgerschaft beschlossen hätten. Eine Mischkalkulation also: Wer Glück hat, zahlt in Zukunft für Spitzenereignisse in etwa so viel wie für eine Kinokarte, die anderen zahlen das, was die Privaten wohl als Normalpreis sehen würden. Dass die Veranstaltungen privater Konzertveranstalter deswegen künftig vor leeren Stuhlreihen stattfinden werden, das sieht Isermann nicht; und immerhin würden doch auch die Veranstaltungen der Privaten im Großen Saal subventioniert. Angst, dass die Politik zugunsten der privaten Anbieter einknickt, ihr Versprechen, die Elbphilharmonie werde ein Haus für alle sein, gar bricht – zu hören war ja schon, die günstigen Tickets seien nur Eröffnungsangebote –, müsse niemand haben. Allenfalls könne es sein, "dass das Ziel, dass die teuren Karten die günstigen mitfinanzieren, etwas ausgebaut wird". Was das heißt? Wird man sehen.

Suchtprävention statt Kontrolle

Wer auf dem Kiez lebt, lebt mit der Polizei – spätestens seit April eine neue Taskforce mit einer groß angelegten Offensive gegen Drogenkriminalität startete, sind die uniformierten Polizisten in St. Pauli, St. Georg und dem Schanzenviertel vermehrt unterwegs. Mehr als 230 Razzien machte die Polizei seit April, über 300 Personen wurden festgenommen. Die einen fühlen sich durch die vermehrte Polizeipräsenz sicherer in ihrem Viertel – andere fühlen sich kontrolliert. Der Kampf der Polizei gegen die Drogenkriminalität wird so auch immer mehr ein Kampf gegen Proteste. Zuletzt wurde es in der Nacht zum Dienstag in der Hafenstraße wieder laut, Demonstranten protestierten gegen "rassistische Polizeikontrollen", sehen vor allem farbige Menschen im Fokus der Polizei. Ob sie damit richtig liegen oder tatsächlich viele Mitglieder des Drogenmilieus einen Migrationshintergrund haben, möchte Theo Baumgärtner, Drogen- und Suchtforscher bei der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen, nicht kommentieren, nur so viel: Ein Mangel an legalen Alternativen, Geld zu verdienen, verleite Menschen dazu, mit Drogen zu dealen. Ähnliche Polizeimaßnahmen in der Vergangenheit hätten allerdings gezeigt, dass die Drogenszene dadurch nicht kleiner geworden sei, es lediglich "Auswirkungen in der Sichtbarkeit gebe". Platt gesagt: Konsumenten und Dealer ziehen sich aus den stark kontrollierten Gebieten zurück. Baumgärtner spricht sich stattdessen für mehr Präventionsarbeit aus, damit die Nachfrage nachlasse. Denn, so sagt er, "solange es eine Nachfrage gibt, wird es immer auch jemanden geben, der das Angebot macht".

Tchibos Vertrag mit den Gewerkschaften: "Am Ende profitieren alle"

Tchibo will die Rechte der Arbeiter verbessern, die für den Kaffee- und Handelskonzern im Ausland Textilien und andere Waren herstellen. Als erstes deutsches Handelsunternehmen habe man eine  Rahmenvereinbarung mit der internationalen Dachgewerkschaft IndustriALL abgeschlossen, teilte Tchibo gestern mit. Wir sprachen mit Markus Conrad, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der Tchibo GmbH.

Elbvertiefung: Die Dachgewerkschaft IndustriALL hat das Ziel, die Arbeitsbedingungen in Zeiten der Globalisierung humaner zu gestalten. Was sieht der Vertrag mit Tchibo konkret vor?

Markus Conrad: Konkret geht es um Zusammenarbeit bei der Durchsetzung der Standards der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen bei all unseren Non-Food-Lieferanten. Das sind derzeit etwa 700 Produzenten weltweit. Dazu gehören eine existenzsichernde Entlohnung, klare Arbeitszeitregelungen und ausreichende Arbeitsschutzmaßnahmen. Wir werden dort zukünftig verstärkt Trainings zu Menschen- und Arbeitsrechten anbieten, an denen auch Gewerkschaften teilnehmen können. Gemeinsam mit IndustriALL wollen wir auch vertrauensbildende Prozesse zwischen Gewerkschaften und Fabriken unterstützen – Voraussetzungen dafür, dass sich Beschäftigte stärker organisieren wollen und können.  

EV: Wie will Tchibo sicherstellen, dass die vereinbarten Bedingungen auch eingehalten werden?

Conrad: Wir arbeiten seit 2008 mit lokalen Partnern zusammen, die Fabriken im Rahmen unseres Qualifizierungsprogramms WE – Worldwide Enhancement of Social Quality – trainieren und beraten. Unsere Trainer stehen in engem Austausch mit den Beschäftigten einer Fabrik; in China, Hongkong und Dhaka ist Tchibo mit eigenem Personal selbst vor Ort. Projektmanager und Einkäufer aus Deutschland besuchen die Fabriken sehr regelmäßig. Die stärkere Zusammenarbeit mit Gewerkschaften soll es Beschäftigten auch ermöglichen, sich direkt an diese zu wenden, um ihre Rechte durchzusetzen. Bei Missständen suchen unsere Mitarbeiter zuerst den direkten Dialog mit der Fabrik. Eine Beendigung der Geschäftsbeziehung ist für uns Ultima Ratio – das führt für die Beschäftigten in der Regel nämlich zu keinerlei Verbesserungen.

EV: Was führte denn bisher zu Verbesserungen für Ihre Arbeiterinnen und Arbeiter?

Conrad: Als positives Beispiel sehen wir unsere langjährige Zusammenarbeit mit der Firma Ayka in Äthiopien. Hier ist es gelungen, Fabrikbesitzer, Näherinnen und Gewerkschaften konstruktiv an einen Tisch zu bringen. Gemeinsam wurden Diskriminierungsfälle gelöst und nach intensiven Verhandlungen neue Entlohnungssysteme gefunden.

EV: Andere Unternehmen scheuen auch deshalb davor zurück, international mit Gewerkschaften zusammenzuarbeiten, weil das die Produktionskosten erhöht ...

Conrad: Unsere Erfahrung ist: Am Ende profitieren alle von einer viel intensiveren, partnerschaftlichen und längerfristigen Zusammenarbeit. Die Einsicht, dass sich legitime Interessenvertretungen positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken, ist ein Lernprozess. Beschäftigte müssen lernen, Angst abzulegen, Arbeitgeber müssen den Mehrwert erfahren.

EV: Offenbar ist es ein langsamer Lernprozess. Es heißt, nach der Rana-Plaza-Katastrophe, bei der beim Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch im April 2013 mehr als 1130 Menschen starben und Hunderte verstümmelt wurden, habe sich bei den Produktionsbedingungen weltweit nicht viel verändert.

Conrad: Es hat sich einiges geändert. Der "Accord on Fire and Building Safety", den wir gemeinsam mit IndustriALL bereits vor der Katastrophe initiiert haben, zählt heute 200 Mitgliedsunternehmen. Wir haben gerade im Mai die Zusammenarbeit mit einem Hauptlieferanten für Hemden beenden müssen, nachdem Inspektoren durch Erdbeben bedingte Schwachstellen und Beschädigungen des Fabrikgebäudes vorfanden. Der Fabrikbesitzer war zu keiner Kooperation bereit. Solche Prozesse sind schmerzhaft, aber wichtig – selbst, wenn es sich, wie in diesem Fall, um einen Lieferanten handelt, der uns hochwertige Produkte geliefert hat und der bei anderen Sozialthemen, wie existenzsichernden Löhnen, Vorreiter war.

Facebook sammelt Nummern

Seit Sonntag besitzt Mark Zuckerberg, äh Facebook, die Handynummern aller, die auf WhatsApp fleißig Nachrichten schreiben. Das wollten Sie nicht? Pech gehabt, denn gefragt hat Sie keiner. Zwar hatten Nutzer die Möglichkeit, bei einigen anderen Details zu widersprechen, entsprechende Änderungen in ihren Account-Einstellungen vorzunehmen, gegen die Weitergabe ihrer Nummer von WhatsApp zu Facebook konnten Nutzer aber nichts tun. Nach Ablauf der Frist hat nun der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar eine Verwaltungsanordnung erlassen, die Facebook untersagt, die Daten deutscher WhatsApp-Nutzer zu speichern; bereits übermittelte Daten müssen gelöscht werden. Es handle sich um eine Irreführung der Nutzer und der Öffentlichkeit, schließlich sei, als WhatsApp vor zwei Jahren an Facebook ging, zugesichert worden, dass kein Datenaustausch stattfinden werde. Dass Facebook dies aber nun, ohne Einverständnis der Nutzer tue, verstoße gegen das deutsche Datenschutzrecht. Dieses nämlich sei anzuwenden, da der Konzern in Hamburg eine Niederlassung habe. Facebook hingegen verweist wie bisher immer – Caspar geht nicht zum ersten Mal gegen das Social-Media-Unternehmen vor – auf die Niederlassung in Irland, wo das europäische Geschäft betrieben wird. Ob Caspar also überhaupt zuständig ist, ob die Anordnung von Facebook überhaupt eingehalten werden muss, das wird wohl wieder ein Gericht klären müssen ...

Windenergie wird erwachsen

Das "Who is Who" schüttelt sich in Hamburg mal wieder die Hand. Diesmal geht es nicht um Vertreter der Kultur, sondern um eine vermeintlich unattraktivere, dafür aber nachhaltige Branche. Die WindEnergy Hamburg, die Schirmherr Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel gestern eröffnete, gilt als Weltleitmesse, mehr als 33.000 Energiewirtschafter werden erwartet. Vier Tage lang werden sie über die Zukunft sprechen, über Themen wie das Speichern von Strom und den Abtransport von diesem. "Die Windenergie braucht keinen Welpenschutz mehr", sagte Gabriel, sie müsse sich den Herausforderungen des Marktes stellen. Lars Velser vom Bundesverband Windenergie spricht von Pilotprojekten im ganzen Land, von Anlagen, die besser steuerbar seien und bedarfsgerechter arbeiteten. Dreh- und Angelpunkt aber bleibe der Ausbau der Infrastruktur. "Der Netzausbau muss forciert werden", sagt Velser. Das aber dauere, Alternativen müssen her. Eine wäre für Velser die Drosselung der konventionellen Stromerzeugung durch fossile Brennstoffe – "die verstopfen die Netze". Klingt fast ein wenig nach Darwin und der Frage, wer am Ende der Stärkste ist.

Mittagstisch

Portugiesische Köstlichkeiten

Man kennt sich im Mercado Alentejano – nahezu jeden zweiten Besucher, darunter viele Portugiesen und alteingesessene Eimsbüttler, spricht die Gastgeberin Fatima Teixera da Silva mit Vornamen an. In familiärer Atmosphäre bietet der Mercado Alentejano Leckeres von belegten Sandwiches und Toast bis zu portugiesischer

Hausmannskost. In der Kühltheke locken verschiedenste Schinken bis zum Pata Negra, Salami und Käse für die herrlich warmen Sandwiches. Einen frisch gepressten Orangensaft mit einem Sandwich nach Wahl und einen Galão bekommt man schon für 6 Euro. Zur Mittagszeit gibt es außerdem oft ein oder zwei Quiches mit einem kleinen Beilagensalat oder portugiesische Hausmannskost: Fleisch, Salate und Gemüse, die nach Laune kombiniert werden können. Die Auswahl der

Speisen ist klein und die Qualität zuverlässig gut. Ein echtes Highlight

sind die Pastéis de Bacalhau – Kartoffel-Fisch-Kroketten. Für den süßen Abschluss sollte man sich ein Pastel de Nata gönnen, denn auch die sind hier außergewöhnlich gut: zart knusprig, vanillig und nicht zu süß. Perfekt.

Mercado Alentejano, Eimsbüttel, Weidenallee 67

Stefanie Wilde

Was kommt

Verlosung: Vom Sprechtheater über die musikalische Komödie bis zum theatralischen Filmprojekt: In diesem Jahr ist die Bandbreite der zum Hamburger Theater Festival eingeladenen Stücke gewaltig. Zur Eröffnung zeigt das Deutsche Schauspielhaus Friedrich Schillers 1781 veröffentlichtes Stück "Die Räuber" als Co-Produktion des Salzburger Landestheaters und Servus TV. Der Regisseur Matthias Hartmann hat das frühe Geniewerk in ein Echtzeit-Film-Drama verwandelt. Wir verlosen 5 x 2 Karten für die Vorführung am Sonntag. Beantworten Sie uns folgende Frage: Wie heißen die beiden konkurrierenden Brüder in Schillers "Die Räuber"? Antwort bitte bis 13 Uhr an elbvertiefung@zeit.de, Betreff, na klar: Otto Waalkes. Neee, bloß nicht, Quatsch, natürlich: Die Räuber!

Deutsches Schauspielhaus, Die Räuber, 2.10., 20 Uhr; 3.10., 18 Uhr, Kirchenallee 39, Karten 16 € bis 68 €, Kartentelefon 040/ 24 87 13.

Was geht

Ausstellung: Wer noch nicht da war, hat von heute an noch drei Tage Zeit. Das Levantehaus stellt noch bis Freitag Bilder des Hamburger Fotografen John Holler aus. Drin ist, was draufsteht: "Von Menschen und Schiffen" heißt die Schau anlässlich des 150. Geburtstags des Sandtorhafens.

Levantehaus Hamburg, Mönckebergstraße 7, 10 bis 19 Uhr, bis 30. September

Konzert: Ein musikalischer Botschafter Österreichs kommt an die Waterkant. Hubert von Goisern & Band bespielen die Bühne der Großen Freiheit 36. Der Liedermacher, Weltmusiker und Alpenrocker mit dem Zivilnamen Hubert Achleitner liefert für gewöhnlich live so viel, dass musikalische Vorlieben nicht entscheidend sind, um den Abend genießen zu können.

Große Freiheit 36, Einlass: 19 Uhr, Beginn: 20 Uhr, Karten ab 39,75 Euro

Schnack

Ich halte mit meinem besten Freund einen intensiven Schnack über unsere Männer. Sein Kommentar: "Und ich sach ja immer: Männer sind doch multitasking – sie können mehrere Probleme zur gleichen Zeit produzieren ..."

Gehört von Heidi Gemar-Schneider

Meine Stadt

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

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