Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

sollten Ihnen Freunde und Kollegen in den nächsten Tagen optisch verändert vorkommen, genauer: Ihnen gar mit einem Schnurrbart entgegentreten, der sich allmählich zu einem veritablen Pornobalken auswächst: Keine Sorge, Sie haben keinen Trend verpasst, und auch die Hosenträger können im Schrank bleiben. Denn es ist wieder "Movember". Und die Schnauzbärte kultivieren Haarpracht (und Selbstbewusstsein) einen Monat lang für einen guten Zweck, nämlich um auf die Frage, was denn in sie gefahren sei, Gespräche über Männergesundheit zu beginnen. Männer sprechen darüber nicht allzu viel, dafür setzen sie sich höheren Risiken aus als Frauen und sind Vorsorgemuffel; kein Wunder, dass sie früher das Zeitliche segnen. Im "Movember" will die gleichnamige Stiftung Aufmerksamkeit schaffen und Spenden für die Erforschung weitverbreiteter Männerkrankheiten sowie für Suizidprävention sammeln.

Heute finden, unerlässlich für (Voll-)Bartträger, die mitmachen wollen, die "Shave Down Events" statt: Hier kann man sich im Kreise von Unterstützern den alten Bart abrasieren lassen, damit der Kampagnenbart sprießt, in Hamburg etwa ab 16 Uhr im Galopper des Jahres. Und wer das alles jetzt noch für überflüssig hält, für den hat die Agentur Jung von Matt ein Video gedreht.

Elbphil: Harmonie!

Kaum zu glauben, aber gestern war es tatsächlich so weit: Schlüsselübergabe bei der Elbphilharmonie. Neuneinhalb Jahre musste die Stadt auf diesen Moment warten, und nach all den Überraschungen, die der Bau der Elbphilharmonie auf Lager hatte, kam gestern wohl die größte von allen – es gab, zumindest offiziell, keine baulichen Mängel. Das konnte zwar den Groll über Bauzeit und Baukosten nicht gänzlich aus den Köpfen vertreiben, doch insgesamt herrschte Zufriedenheit: Es ist endlich geschafft. "Hamburg hat mit der Elbphilharmonie ein beeindruckendes Gebäude bekommen, dessen Architektur schon heute nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken ist", erklärte Bürgermeister Olaf Scholz. Auch Ex-Bürgermeister Ole von Beust nannte die Entscheidung zum Bau weiterhin gut, bemängelte aber die schwierige Verkehrsanbindung und rief ein fast vergessenes, aus Kostengründen ad acta gelegtes Projekt wieder in Erinnerung – den Skywalk, eine Glasröhre mit Laufband, die Baumwall und Konzerthaus verbinden könnte, damit die Konzertbesucher die knapp 450 Meter nicht in Abendgarderobe und im Regen marschieren müssen. "In der Zwischenzeit, glaube ich, ist die Akzeptanz und Aufgeklärtheit so, dass man hier dringend ranmuss", sagte von Beust. Am Freitag soll dann erst mal, auch das im Plan, die Aussichtsplattform, die Plaza der Elbphilharmonie, eröffnet werden. Obwohl, das weiß jeder, der schon mal mit Bauen zu tun hatte: Keine baulichen Mängel, das kann eigentlich nicht sein ...

K(ein) Platz für Flüchtlinge?

Viele Hamburger Erstaufnahmeeinrichtungen werden derzeit abgebaut, man braucht die Betten nicht mehr, nachdem die Flüchtlinge in Wohnungen übergesiedelt sind. "Wir haben Luft in den Unterkünften", sagt Christiane Kuhrt vom Zentralen Koordinierungsstab Flüchtlinge. Genau diesen Platz wollen die Initiatoren einer Onlinepetition "Hamburg hat Platz!" nutzen. Sie wollen 1000 Menschen aus Flüchtlingslagern in Griechenland nach Deutschland holen, zunächst einmal, als Begründung führen sie unter anderem das universale Recht auf Asyl an. "Hamburg soll von der Bundesregierung die Einreisegenehmigungen erwirken, die Transportkosten tragen und die Voraussetzungen für schnellstmögliche Unterbringung in regulären Wohnungen schaffen", heißt es in dem Schreiben, das auch das Bündnis Hamburger Flüchtlingsinitiativen und die Arbeitsgemeinschaft Kirchliche Flüchtlingsarbeit unterzeichnet haben. Hamburg könne aber "solche Aufnahmen nicht erwirken, das ist nicht möglich", erklärt Frank Reschreiter von der Behörde für Inneres. Und selbst wenn die Erstaufnahmen doch reaktiviert würden, bliebe die Frage nach der Folgeunterkunft. Obwohl jährlich Tausende Wohnungen gebaut würden und Hamburg beim Bau von gefördertem Wohnraum neunfach über dem Bundesschnitt liege, habe die Stadt eine der niedrigsten Leerstandsquoten Deutschlands, sagt Magnus-Sebastian Kutz von der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen: "Es ist nicht so, dass Wohnungen frei stehen, die man für Flüchtlinge reservieren kann." All das scheint wohl eher auf "Hamburg hat keinen Platz" hinauszulaufen.

Kafka und die Reform-Synagoge

Die Juden in Hamburg haben eine Reform-Synagoge gegründet – für alle Menschen jüdischen Glaubens, die sich mit ihren Anschauungen im orthodoxen Ritus nicht aufgehoben gefühlt haben. "Wir wollen, dass alle Juden in der jüdischen Gemeinde Hamburg ein Zuhause finden", sagt Michael Heimann, der im Beirat der Einheitsgemeinde und in der Kultuskommission der Reform-Synagoge tätig ist. Gerade das sei aber zuletzt nicht immer unbedingt der Fall gewesen, einige seien aus der Gemeinde ausgetreten. "Etwa 90 Prozent der Juden in Hamburg leben nicht orthodox. Juden heute sind individueller, haben unterschiedliche Anschauungen", so Heimann. Mit der Reform-Synagoge eröffne man unter dem Dach der Einheitsgemeinde einen weiteren Zweig neben dem orthodoxen Judentum. In der neu gegründeten Synagoge können im Gottesdienst nun Männer und Frauen zusammensitzen, auch weibliche Rabbiner seien möglich. "In einer Liturgie kann auch einmal ein Text von Kafka vorkommen, das wäre im orthodoxen Ritus nicht denkbar", sagt Heimann. Von einer Aufteilung in traditionelle und moderne Juden möchte er aber nichts wissen, es sei schlicht eine andere Herangehensweise. Wie diese bei der Gemeinde ankommt, wird sich zeigen. Zunächst einmal im Monat ist im Jüdischen Kulturhaus ein Gottesdienst geplant, die Predigten übernehmen geladene Gäste.

Haspa-Angestellte legen Krawatten ab

Polizisten tragen Uniform, Ärzte weiße Kittel und Bankangestellte, nun ja, eher den Pinguinstil in Schwarz-Weiß. Ein Klischee, von dem wir uns zumindest bei einer Bank verabschieden müssen. "Wir nehmen davon Abstand", sagt Simone Naujoks von der Hamburger Sparkasse. Der Krawattenzwang ist passé, stattdessen wird der sogenannte Business-Casual-Chic eingeführt. Und wer hat Schuld? Ein Azubi natürlich. Selbstverständlich ganz uneigennützig hatte der bei einer Tagung angeregt, auch optisch Barrieren zu den Kunden abzubauen und diesen auf Augenhöhe entgegenzutreten. Ein sechswöchiger Test, bei dem 2000 Kunden befragt wurden, gab den entscheidenden Ausschlag. Die Hamburger befanden völlig zu Recht, dass Kompetenz nicht an der Krawatte gemessen werde. Nicht nur bei der Kleidung schlägt die Sparkasse einen neuen Ton an. Die Haspa wolle ihre Kunden in Zukunft auf ihrer Facebook-Seite auch gerne duzen beziehungsweise zurückduzen, so Naujoks; die Anrede in den sozialen Medien laufe ja überwiegend per Du. "Sollten Kunden uns allerdings in Nachrichten oder Kommentaren siezen, werden wir diese selbstverständlich auch zurücksiezen." Und vergangene Woche wich in einer Filiale in der Osterstraße sogar im realen Leben kurzfristig das Sie einem Du. "Das war ausschließlich für einen Social-Media-Film", wiegelt Naujoks ab. Sonst könnte man hinterm Schalter ja vielleicht mit dem "Hamburger Sie" starten – "Sie, Franziska ..."

Ein Leben im und für den Zoo

Leben inmitten von Elefanten und Affen, das klingt nach Dschungelbuch, nach Mogli und Kuscheln mit dem Tiger, nach Hamburg klingt es nicht. Carl Claus Hagenbeck ist mit den wilden Tieren aufgewachsen, sein Spielplatz war der Tierpark in Stellingen. Dort ist er zwar nicht mit den Affen um die Wette auf Bäume geklettert, hat aber gelernt, sie mit dem Kescher einzufangen, und hat mit seinen "Freunden im Tierpark Indianer gespielt", zumindest dort, wo die Tiere nicht allzu gefährlich waren. Heute feiert Carl Claus Hagenbeck seinen 75. Geburtstag und blickt auf das 175-jährige Bestehen des Tierparks zurück, an dessen Geschichte bereits Ur-Opa, Opa und Vater mitschrieben. Erinnert sich an die Anfänge der Elefantenzucht in den 80ern und spricht voller Stolz von den Zuchterfolgen. Hagenbeck hat nicht nur die Elefantenherde, sondern den gesamten Tierpark wachsen sehen: Noch immer wohnt der langjährige Tierpark-Leiter direkt hinterm Eismeer, ist Nachbar von Eisbären und Walrössern. "Wir haben sozusagen ein Hotel für Tiere." Und privat? "Wir haben keine Tiere", gesteht Hagenbeck der Deutschen Presse-Agentur. "Wir hatten 15 Jahre unseren Dackel Fiete. Als der gestorben ist, hat meine Frau gesagt, das halte ich nicht noch mal aus." Erzählt Hagenbeck und wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Auge.

Mittagstisch

Mediterrane Kunststücke

Seit vier Jahren bieten die Pariserin und ehemalige Zirkus- und Theaterartistin Anna und der Sarde Davide in ihrem freundlichen und familiären Bistro Anna nach Vorbild einer Osteria mediterrane Küche von hoher Qualität. Einige ihrer Klassiker stehen immer auf der großen Wandtafel, alles andere wechselt täglich. So hat man die Wahl zwischen erstaunlichen 16 Tagesgerichten, von Suppe und diversen Pastavariationen über das Thunfischsteak und die Dorade bis zum argentinischen Entrecote; kleine Portionen gibt es jeweils auch. Aus der Theke kann man sich eine sehr leckere Antipasti-Auswahl zusammenstellen, drei Sorten kosten 4,50 Euro, und für 9,50 Euro bekommt man von allem etwas. Der Salat, der zum würzigen gebratenen Lammsteak mit Tomaten, Knobi und Rosmarin (11,30 Euro) serviert wird, ist gut angemacht und bestückt. Und so wandert nach einem aromareichen Kaffee und einem Stück Kuchen der Blick schon wieder an die Tafel – was könnte man morgen probieren?

Bistro Anna; Hohenesch 55, Mittagstisch Montag bis Freitag, 12 bis 15 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht

Barocker Doppelabend:"Even The Night Herself Is Here" kombiniert zwei Werke von Henry Purcell. Die Stücke aus dem 17. Jahrhundert schlagen eine Brücke vom klassischen Mythos in "Dido and Aeneas" bis hin zur Shakespeareschen Menschenerkenntnis in "A Fairy Queen". Opera stabile, Kleine Theaterstraße, 20 Uhr, ab 12 Euro

Beflügelte Literatur: Einen Abend lang geht es um Vögel – in der Literatur. Das gefiederte Tier ist seit Jahrhunderten auch Muse für Dichter und Künstler. Was literarisch in den Tieren steckt, darüber sprechen bei "Birdwatching – eine poetische Expedition in die Natur" Georg-Büchner-Preisträger Marcel Beyer, Autorin Teresa Präauer, Stadtnaturreporter Cord Riechelmann und der Naturforscher Uwe Westphal. Letzterer ist übrigens ein begnadeter Vogelstimmen-Imitator. Eine Veranstaltung aus der Reihe "Der Norden liest" des NDR-Kulturjournals. Literaturhaus Hamburg, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr, Tickets 8 Euro

Super-Mario-Musik: Mit Hymnen aus den besten Videospielen erschaffen die "Endgegner" eine Musikrichtung ganz eigener Art – den "Videogame-Jazz". Sie jagen fiese Monster, befreien Prinzessinnen – und erreichen immer das nächste Level. Kulturcafé Komm du, Buxtehuder Straße 13, 20 Uhr, Spenden erbeten

Verlosung: Am Donnerstag veranstaltet DIE ZEIT bereits zum achten Mal das ZEIT:Wirtschaftsforum im Hamburger Michel. Die Veranstaltung führt jedes Jahr rund 500 Spitzenvertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zusammen, um darüber zu diskutieren, was unternehmerische und politische Verantwortung heute ausmacht und welche Rolle hierbei Fragen der Moral und der Ethik spielen: Wie gerecht ist Deutschland? Haben wir die richtige Innovationskultur? Wie ist es um die Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen bestellt? Dabei sind (u. a.) Ursula von der Leyen, Bundesministerin der Verteidigung, Matthias Müller, Vorsitzender des Vorstands, Volkswagen AG, Christian Sewing, Mitglied des Vorstands, Deutsche Bank AG, Olaf Scholz, Erster Bürgermeister Hamburgs, ZEIT-Redakteure – und vielleicht auch Sie: Für Elbvertiefungsleser konnten wir kurzfristig 3 x 2 Restplätze ergattern. Interesse? Schreiben Sie bis 13 Uhr eine Mail an elbvertiefung@zeit.de, Betreff: Wirtschaftsforum. ZEIT:Wirtschaftsforum, 3. November, Hauptkirche St. Michaelis, Englische Planke 1, Eröffnung der Konferenz um 9.30 Uhr, das Programm finden Sie hier.

Was bleibt

Gummiband im Rampenlicht: Die Stars von Silvia von Pocks Kunst sind Haushaltsgegenstände. Ihre Ausstellung "Mäandertal" zeigt verfremdete Tüten, Strohhalme und Gummibänder. Wälderhaus, Am Inselpark 19, bis zum 22. November, 10 bis 17 Uhr, Eintritt frei

Schnack

Ich sitze auf einer Bank an der Alster, kommt ein Herr, fragt sehr sachlich, ob noch ein Platz frei sei. Ich bejahe, er setzt sich. Ich betätige fleißig, aber lautlos die Tastatur meines Laptops, er tippt Nachrichten in sein Smartphone. Als neben uns plötzlich Kinder etwas lauter krakeelen, dreht mein Mitsitzer den Kopf zu mir und sagt in scharfem Ton: "’tschuldigung, ich lasse mich von niemandem … " Spätestens jetzt wappne ich mich trotz aller Unschuld meinerseits innerlich für den Wutausbruch eines Menschenfeindes. "…NIEMANDEM: groß oder klein?" Erleichtert antworte ich wie aus der Pistole geschossen: "Klein."

Gehört von Iris Hansen

Meine Stadt

Hamburg kann doch selbstironisch. Jedenfalls außerhalb von Hamburg... (aufgenommen am 29.Okt. in Dresden) © Foto: Martin Fuchs

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle


PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.