Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

werden Männer in "unterhemdähnlicher Oberbekleidung" in einem Fitnessstudio im Norden Hamburgs diskriminiert? Das "Hamburger Abendblatt" jedenfalls berichtet von einem Mann, der in einem ärmellosen Workout-Hemd freudig das neu eröffnete Studio betrat – und von einem Mitarbeiter gebeten wurde, seine Schultern zu bedecken, ähnlich wie man es halb nackten Touristen nahelegt, die eine italienische Kirche aufsuchen: Die Kleiderordnung des Studios schreibe dies vor.

Bernd K., so nennt das "Abendblatt" den Mann, sei dann aufgefallen, dass im Studio gleich mehrere Frauen ärmellos herumliefen. Tja, habe man ihm daraufhin gesagt: Dieser Punkt der Hausordnung gelte eben nur für Männer.

Bernd K. habe sich diskriminiert gefühlt und habe schließlich die Antidiskriminierungsstelle des Bundes eingeschaltet. Die wiederum habe das Studio zu einer Stellungnahme aufgefordert. Diese sei nicht erfolgt, was dumm, aber rechtlich okay sei, denn das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verpflichte die Beteiligten auch nicht dazu – so viel zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz.

Die Antidiskriminierer hätten Bernd K. noch empfohlen, über eine Forderung auf Schadensersatz und Entschädigung nachzudenken. Wir wissen nicht, wie das ärmellose Workout-Hemd des Bernd K. im Detail aussieht und ob er sich darauf einlassen wird.

Sozialer Wohnungsbau: Wie gewonnen – so zerronnen

Mancher mag nun staunen: Hamburg ist Spitzenreiter in Sachen sozialer Wohnungsbau: 2041 Sozialwohnungen wurden 2015 bewilligt, kein anderes Bundesland hat, das ergab eine Anfrage der CDU-Bürgerschaftsfraktion, umgerechnet auf die Einwohnerzahl, so viele geförderte Wohnungen fertiggestellt. Und der Senat will weitermachen: Bis zu 3000 neue Sozialwohnungen in nächster Zeit versprach SPD-Bauexperte Dirk Kienscherf im Interview mit NDR 90.3. Klingt das zu gut? Der Mieterverein zu Hamburg jedenfalls kann den Zahlen wenig Positives abgewinnen. "Schön und gut, dass die Stadt nachlegt – doch der Bedarf an Sozialwohnungen ist riesig und steigt jährlich an", sagt Marianne Eiffler, stellvertretende Vorsitzende. Zumal die Gesamtbilanz eben doch nicht so positiv ausfalle: Mehr als 16.000 Sozialwohnungen wird der Senat bis 2020 aus der Sozialbindung nehmen und in den freien Mietmarkt entlassen. Mit den teureren Wohnungen wolle man in sozial schwachen Stadtteilen wie Mümmelmannsberg oder Steilshoop einkommensstarke Familien anziehen, die Gegenden also besser "durchmischen". "Das ist völliger Quatsch", sagt Eiffler. Die Folgen der städtischen ›Durchmischungsoffensive‹ bekomme der Verein nämlich bereits jetzt zu spüren: "Täglich kommen Betroffene in unsere Beratung, die sich keine Wohnung in ihrem Stadtteil mehr leisten können."

Millionen bleiben in Harburg: "Einfach unfair" – Teil 2

Gestern berichteten wir schon über den unverhofften Geldsegen, über den sich der Bezirk Harburg freuen konnte: Sechs Jahre lang hatte der Senat insgesamt drei Millionen Euro, die, nun ja, eigentlich Wilhelmsburg zugestanden hätten, Harburg zugesteckt. Groß gefreut hat sich dort allerdings niemand über das Geld, wie uns Bettina Maaks, Sprecherin des Harburger Bezirksamts, nun sagte – das jährliche Plus von immerhin 500.000 Euro habe dort tatsächlich niemand bemerkt. "Die Höhe der bezirklichen Rahmenzuweisungen schwankt durch die Konjunktur jedes Jahr um mehrere Millionen Euro. Und weil die Gesamtsumme sich ständig ändert, sind die 500.000 Euro gar nicht aufgefallen." Verstehen wir, das ist bei uns ganz ähnlich. Aber nun mal ehrlich: Was ist denn mit dem Geld passiert? Wurde es, zerronnen wie gewonnen, ausgegeben, ohne es zu merken, im Getränkemarkt vielleicht (passiert bei uns ja auch mal)? Von wegen. "Wir haben die drei Millionen Euro nicht angetastet", so Maaks. Alles klar. Dann könnten doch die Wilhelmsburger also theoretisch doch ihr Geld, das sie dringend für den Straßenbau benötigen, einfach zurück... ? Nö! Wieso nicht? Das kriegen wir noch raus. Lutz Cassel vom Stadtteilbeirat Wilhelmsburg ärgert sich aber schon jetzt. "Es ist sehr ärgerlich und einfach nur unfair", sagt er, "dass die Bezirksämter von einer Ausgleichszahlung für Wilhelmsburg absehen."

Auto-Abschaffer gesucht!

Den Verkehr besser organisieren, Alternativen zum Auto schaffen: Das ist das Ziel des Pilotprojekts "first.mover.hamburg", das heute in zwei Gebieten in Altona und Eimsbüttel startet. Im Dialog mit Anwohnern will die Verkehrsbehörde über Carsharing und andere Mobilitätsangebote diskutieren – wie genau das funktionieren soll, hat uns Richard Lemloh von der Hamburger Verkehrsbehörde erklärt.

Elbvertiefung: Was genau verbirgt sich hinter dem geheimnisvollen Namen "first.mover"?

Richard Lemloh: Wir befragen rund 300 Bürger in den Quartieren zu ihren individuellen Mobilitätsbedürfnissen und Gewohnheiten: Wer nutzt wann sein Auto? Unter welchen Bedingungen wären die Anwohner bereit, das Auto auch mal stehen zu lassen und auf andere Verkehrsmittel umzusteigen? Wäre Carsharing, wären Elektro-Autos eine Option? Im zweiten Schritt setzen wir uns mit denjenigen zusammen, die ihr Auto für eine Alternative abschaffen würden, und erarbeiten Maßnahmen. Unser Ziel ist es, das Mobilitätsangebot in den Vierteln zu verbessern. Die Devise lautet: Weniger Verkehrsraum, mehr Lebensraum.

EV: Und am Ende könnten dann neue Carsharing-Stationen entstehen?

Lemloh: Unsere Befragung ist ergebnisoffen, wir entwickeln erst konkrete Maßnahmen, wenn wir die Wünsche der Anwohner kennen. Carsharing könnte etwa mit Scooter-, Fahrrad- und Lastenfahrrad-Sharing kombiniert werden. Wenn mehr Stellplätze für Fahrräder gewünscht sind, könnten auch diese geschaffen werden...

EV: Wie könnten solche Allround-Sharing-Stationen denn aussehen?

Lemloh: Größe, Anzahl und Verteilung der Stationen richten sich nach den Bedürfnissen der Anwohner. Unser Ziel ist es, in jedem Quartier mindestens zehn "first mover" zu gewinnen – so nennen wir solche Personen, die ihr Auto abschaffen würden. Aber natürlich gilt: Je mehr, desto besser. Die Befragung startet Mitte Oktober, Interessierte können sich bei uns registrieren. Die ersten Stationen werden voraussichtlich im Frühsommer 2017 in Betrieb genommen.

EV: Warum haben Sie sich gerade für Altona und Eimsbüttel als "Pilotquartiere" entschieden?

Lemloh: Beide Quartiere sind Mischviertel aus Wohnen und Gewerbe; es gibt eine große Einwohnerdichte und mehr Autos als Parkplätze – das lässt darauf schließen, dass die Bereitschaft, neue Mobilitätsangebote zu nutzen, groß ist...

Informationsveranstaltungen zu "first.mover.hamburg" – leider am hellichten Nachmittag: Heute 14 bis 19 Uhr, Stellinger Weg 47–51, Ecke Methfesselstraße; morgen 14 bis 19 Uhr, Spritzenplatz / Bahrenfelder Straße.

Ex-Boxer Jürgen Blin im ZEIT-Interview

Er war Europameister im Schwergewicht, kämpfte (und verlor) 1971 gegen Muhammad Ali und joggt heute, mit 73 Jahren, noch zehn Kilometer pro Woche ("mindestens!"): Der Ex-Boxer Jürgen Blin hat mit den ZEIT-Kollegen Hanns-Bruno Kammertöns und Sarah Levy über seine Sportlerkarriere gesprochen. Blin, in Fehmarn geboren, hatte nicht eben die besten Startbedingungen: Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, wurde in der Schule gehänselt, der Vater war alkoholkrank. "Das war ’ne schlimme Zeit. Wenn du immer was in den Na­cken kriegst, bekommst du kein Selbstvertrauen", sagt Blin. Geholfen hat das Boxen ("Da habe ich gemerkt: Mensch, du kannst ja doch was"), "auf den Kopf gehauen" habe er seine Gagen aber nie – sondern lieber, ganz solide, ein paar Häuser gebaut. Mit Blick auf Blins Biografie ist der Hang zur Sicherheit kaum verwunderlich: "Ich war bitterarm. Ich wollte unbedingt raus aus dem Druck", sagt er. "Ein bisschen Sport war dabei, aber hauptsächlich ging es um das Geld." Ein wenig Ruhm genießt der Rentner allerdings heute noch: Wenn er davon erzählt, wie er einst gegen Ali kämpfte, darf er im Flugzeug schon mal in der ersten Klasse sitzen. Einfach so. Das ganze Interview mit Jürgen Blin lesen Sie morgen in der neuen Ausgabe der ZEIT:Hamburg und heute schon digital.

1000. Tatort: Im Taxi nach Leipzig

Wenn am Sonntagabend die ersten Töne der legendären Titelmelodie erklingen, wird es in vielen Kneipen still, und auch bei Freunden und Patentanten darf man nicht mehr anrufen: Der "Tatort" ist Kult und, obwohl es immer nur um Mord geht, seit knapp 46 Jahren eine Institution in der deutschen Fernsehlandschaft. Am 13. November wird nun schon der 1000. Fall (!) ausgestrahlt – er trägt mit voller Absicht denselben Titel wie die erste Ausgabe des TV-Krimis aus dem Jahr 1970 ("Taxi nach Leipzig") und wird, auch das ist Absicht, wieder vom NDR produziert. Maria Furtwängler und Axel Milberg erleben darin "einen Höllentrip im Taxi", wie ARD-Programmdirektor Volker Herres gestern verkündete: Der Kieler Kommissar Borowski und seine Hannoveraner Kollegin Lindholm geraten in die Gewalt eines skrupellosen Taxifahrers – eines ehemaligen Elite-Soldaten, der Amok läuft. Wenn Sie schon jetzt wissen, dass Sie den Jubiläums-"Tatort" mit einem Bier in der Hand im Grünen Jäger verfolgen werden, ist das kein Grund für ein schlechtes Gewissen, im Gegenteil, laut Programmdirektor Herres winken dabei "gemeinschaftsbildende, sinnstiftende Erlebnisse". Nun denn – Prost! Übrigens: 1970 fuhr noch der Hamburger Kommissar Paul Trimmel (gespielt von Walter Richter) nach Leipzig – warum diesmal die Kollegen aus der Provinz ranmüssen, ist nicht bekannt. Ob sich unser Nick Tschiller für einen simplen Roadtrip in Richtung Leipzig am Ende doch zu schade war?

Mittagstisch

Türkischer Imbiss

Seit einiger Zeit bieten Dönerläden ihren vegetarischen Kunden auch Falafeln an, obwohl sie nicht zu ihrem ureigensten Angebot gehören – stammen die in Öl frittierten Kichererbsenkugeln doch aus der arabischen Welt. Auch das Limon in Winterhude versucht sich an den feinen Bällchen. Doch die frittierte Masse ist grob verarbeitet, was beim Frittieren zu einem dicken Rand führt (als Sandwich mit Brot und Salat für 3,90 €). Ansonsten ist das Essen hier frisch und lecker, das Ganze – mit Hochstühlen und schicker Aufmachung in Anthrazit und leuchtendem Grün – eher ein türkischer Fast-Food-Imbiss als ein Restaurant. Das Brot ("Pide") kommt knusprig warm, die Salate (ab 4,90 €) sind knackig. Es gibt Wraps, türkische Pizza und Pommes – und auch Kebab (Hähnchen und Kalb für 4,50 €), der sehr gut gewürzt ist. Die Menge an Sauce auf dem Sandwich ist perfekt, sodass es nicht matscht und man auch nicht beginnt zu kleckern. Wer authentisches türkisches Essen erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden, nicht aber, wer einfach eine schnelle gute Mahlzeit sucht.

Limon; Winterhude, Mühlenkamp 18, täglich geöffnet ab 11 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Musikfest: "Österreich grüßt Wandsbek", und zwar mit großer Stimmgewalt. Der Operettenchor Hamburg bringt mit seinen Solisten österreichische Schmankerl in den hohen Norden: Gesungen werden Arien, Duette und Chorszenen aus "Im weißen Rössl" oder "Saison in Salzburg". Rockenhof-Kirche, Rockenhof 5, 18 Uhr, Abendkasse 12 Euro, ermäßigt 8 Euro

Fahrradstadt – oder Autostadt? Heute wird bei der Debattenreihe "Zur Sache, Hamburg" von ZEIT:Hamburg in Kooperation mit der ZEIT-Stiftung heiß diskutiert. Das Thema: "Straßenkampf in der Hansestadt – oder lassen sich Fahrrad- und Autoverkehr versöhnen?" Hamburg soll zur Fahrradstadt werden, der Anteil der Fahrräder am Verkehrsaufkommen soll weiter wachsen. Wird das klappen? Wie müssen wir alle umdenken? Auf dem Podium: Peter Lohmeyer, Schauspieler und "fahrradfreundlichste Persönlichkeit 2016", Thomas Lohse, Vorstand Hansa Funktaxi eG 211211, Frank Drieschner, Redakteur ZEIT:Hamburg. Es moderiert ZEIT-Kollege Patrik Schwarz. "Zur Sache, Hamburg", Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, 20 Uhr. Eintritt frei, aber um Anmeldung wird gebeten unter veranstaltungen@zeit.de

Schnack

Zwei Männer unterhalten sich zu fortgeschrittener Stunde nach dem Erntedank-Umzug: "....das ist schon so ein Problem mit dem Sadat." "Der heißt doch Assad!" "Nee, nee, das ist der Staudamm in Ägypten!"

Gehört von Maren Wendt

Meine Stadt

Gedanken eines Gartenzwergs: "Hätte ich noch Arme, würde ich auch Drachen steigen lassen …" © Foto: Sigrid Werner

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten?

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Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

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