Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

dass die Stadt für ein "Pilotprojekt" in Eimsbüttel und Altona "first mover" sucht, "die ihr eigenes Auto abschaffen und auf moderne Mobilitätsangebote umsteigen möchten", ist einigen Lesern aufgestoßen – Lesern, die längst schon bewusst auf ein eigenes Auto verzichten und sich im ökologischen Mehrfachmix zu Fuß, per Rad, mit Bus und Bahn und per Carsharing fortbewegen.

Mit diesem Projekt, mailte uns eine Leserin, würden "mal wieder die gefeiert, die noch mit ihrem Pkw Straßen und Luft verpesten und das gegebenenfalls mal ändern werden" – aber jene, "die bereits tagein, tagaus umweltfreundlich und damit gesellschaftlich verantwortlich von A nach B kommen", würden "komplett ignoriert".

Ein anderer Leser schrieb: "Wie kann es sein, dass man auf die Erfahrungen von seit Jahren Autolosen verzichten will? Wieso befragt die Verkehrsbehörde denn nicht auch uns ›very early mover‹?"

Das klingt doch nach einem vernünftigen Vorschlag.

Übrigens: Die Veranstaltung in Altona findet heute von 14 bis 19 Uhr am Spritzenplatz /Bahrenfelder Straße statt, anmelden kann man sich auch hier.

Konzerte für alle – auch für Schnäppchenjäger

"Konzerte für Hamburg" in der neuen Elbphilharmonie – "keine Kleiderordnung, keine Verhaltensregeln" (na ja, fast keine), und das alles für nur 6 Euro Eintritt. Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Tatsächlich haben die online verfügbaren Karten für die einstündigen Schnupperkonzerte mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester und dem Chefdirigenten Thomas Hengelbrock auch etwas mehr gekostet (12 und 18 Euro). Trotzdem waren sie innerhalb eines Tages alle weg. Aber noch besteht die Chance, sich ein echtes 6-Euro-Ticket zu sichern. Den ganzen Oktober über gibt es dafür in den Bücherhallen Verkaufsstände, zusätzlich sind ein "Mini-Mobil" und ein "Konzerte-für-Hamburg-Bus" mit den Tickets unterwegs. Wo genau diese Gefährte halten und an welchem Tag welche Bücherhalle dran ist, zeigt die Karte hier. Die Idee dahinter ist übrigens nicht, eine große Schnäppchenjagd zu veranstalten, sondern möglichst viele Zuhörer gleich in den ersten Wochen in die Elbphilharmonie zu locken – auch solche, die sonst den Weg zur Konzertkasse vielleicht nicht finden würden. Oder, wie es auf der Website heißt, echte Hamburger wie den Metzger aus Billstedt oder den Cafébesitzer aus Wilhelmsburg. Ob das gelingt oder ob das Angebot am Ende doch wieder nur die Schnäppchenjäger unter den Klassik-Sympathisanten anzieht (die dann aus Harvestehude nach Billstedt fahren, weil sie damit rechnen, dass dort die Schlange am Schnäppchen-Bus recht kurz ist) – man wird sehen...

Warum das Millionengeschenk korrekt ist – Teil 3

Die drei Millionen Euro für Wilhelmsburg, die statt an den Bezirk Mitte nach Harburg gingen, sorgen weiter für Diskussionsstoff. Wir haben gestern versprochen nachzuforschen, warum das Geld nicht einfach zurücküberwiesen werden kann. Hier der Grund: "Es gibt keine Fehlüberweisung", sagt Daniel Stricker von der Finanzbehörde. Hä? Liegt nicht ganz klar ein Fehler vor, wenn Geld, das eigentlich an den Bezirk Mitte hätte gehen sollen, nach Harburg ging? "Nein. Der Fehler lag in der Planung des Haushalts 2011. Die daraus resultierende Überweisung war korrekt", erklärt der Finanzexperte. Der Fehler kam zustande, weil Wilhelmsburg seit 2009 nicht mehr zu Harburg gehört, sondern inzwischen zum Bezirk Mitte zählt – und das ist eben bei der Planung niemandem aufgefallen. Jedenfalls: Einen Fehler bei der Überweisung hätte man vielleicht korrigieren können. Nicht aber einen Fehler in der Planung des Haushalts. Denn dieser ist per se ein derart komplexes Werk, dass ein Fehler sich nicht einfach rückgängig machen lässt – mithin gibt es auch keinen Anspruch auf Nachzahlung. (Erklären Sie das mal bezüglich Ihrer Steuererklärung Ihrem Finanzamt!) Daniel Stricker hat aber noch eine Begründung, warum das mit dem Millionengeschenk gar nicht so dramatisch ist: "Es war aber zu keinem Zeitpunkt im Bezirk ›zu wenig‹ Geld für den Straßenbau vorhanden. Es mussten deshalb keine Baumaßnahmen zurückgestellt werden." Na, wenn das so ist! Falls das Geld wirklich niemand braucht: Wir hätten da eine Kontonummer...

Gerangel um Fischers Nachfolge

1980, als Helmut Schmidt noch Bundeskanzler war, zog er ins Parlament ein – und blieb. Und blieb. Und blieb: Jetzt kündigt der Hamburger CDU-Mann Dirk Fischer, inzwischen einer der dienstältesten Abgeordneten, seinen Rückzug aus dem Bundestag an. Bei der Wahl im nächsten Jahr will der 72-Jährige nach 37 Jahren nicht mehr kandidieren. Und jetzt kann das Gerangel um die Nachfolge im Wahlkreis Nord/Alstertal losgehen. Heiße Kandidaten sind der 31-jährige Landesvize Christoph Ploß und der Erste Vizepräsident der Hamburgischen Bürgerschaft, Dietrich Wersich. Fischer selbst spricht sich für Ploß aus. "Er hat Leistungsstärke, Charakterstärke, Pflichtbewusstsein und einen starken Idealismus", sagt das Urgestein über seinen möglichen Nachfolger. Deutlich prominenter ist jedoch Wersich. Der frühere Sozialsenator und Fraktionschef sitzt seit 1997 in der Bürgerschaft. Allerdings dürfte er dort kaum eine Zukunft haben, nachdem er bei der Wahl im vergangenen Jahr als Spitzenkandidat mit 15,9 Prozent das schlechteste Ergebnis der CDU überhaupt eingefahren hatte. Egal, wer das Rennen macht: Um sich einen Platz in Berlin zu sichern, bräuchte der Kandidat auch noch einen sehr aussichtsreichen Listenplatz. Denn von den sechs Direktmandaten in unserer Stadt gingen zuletzt fünf an die SPD...

Best of Bullshit

Manche Thesen sind so kurios, die können doch gar nicht stimmen – oder doch? Am Dienstag kommender Woche um 20 Uhr wird im Uebel & Gefährlich der Preis "Das goldene Brett vorm Kopf" verliehen. An jemanden, der im wahren Leben und ganz ernst gemeint Riesenunsinn verzapft. Nominiert sind unter anderem Ryke Geerd Hamer für seine germanische Medizin und Roland Düringer für seine Talkshow mit Verschwörungstheoretikern. Das künstlerische Rahmenprogramm der Preisverleihung wird bestritten von einer Riege führender Bullshit-Slammer – das sind Menschen, die ebenfalls öffentlich und todernst Riesenunsinn verzapfen, dies allerdings keinesfalls ernst meinen. Gut, dass sich in unserer ansonsten hoch seriösen Redaktion gleich mehrere Kollegen in ihrer Freizeit in dieser satirischen Kunstform üben. Einer davon ist Marcus Rohwetter, Kolumnist im Wirtschaftsressort ("Quengelzone").

Elbvertiefung: Wie schwierig ist es, unsinnige Thesen knapp, klug und seriös zu präsentieren, ohne selbst in Gelächter auszubrechen?

Marcus Rohwetter: Gar nicht so schwer. Einige PR-Profis machen das den ganzen Tag, und viele Verschwörungstheoretiker verdienen sogar ihr Geld damit. Wenn man sich in diese Leute hineinversetzt, funktioniert das problemlos. Wer ernst bleibt, kommt mit dem größten Blödsinn erstaunlich weit.

EV: Du bist bisher bei zahlreichen Slams aufgetreten. Hat dich schon mal etwas aus dem Konzept gebracht?

Rohwetter: Alle wollen Spaß haben, deswegen ist das Publikum meist sehr gnädig. Irre ist aber, wie sehr sich Humor von Stadt zu Stadt unterscheidet. In Köln bin ich mal voll auf die Nase gefallen, als ich Immobilienmakler-Bullshit verzapft habe – und keiner lachte. Kölner stehen mehr auf derbe Sprüche. Der norddeutsche Humor, in Hamburg zum Beispiel, ist feiner und ironischer.

EV: Wie bereitest du dich auf den Bullshit-Slam vor?

Rohwetter: Erst suche ich mir ein Thema, dann schreibe ich einen Text dazu. Anschließend übe ich alles, bis es sitzt und suche mir ein paar schöne Requisiten aus, um das Thema anschaulich zu machen. Wasserflaschen, Edelsteine, auch mal Kaffeebohnen zum Beispiel.

EV: Was wird am Dienstag dein Thema sein?

Rohwetter: Da mache ich etwas Esoterisches – und verkaufe Mozartwasser. Entstörtes, veganes und glutenfreies Wasser, das über Edelsteinen verwirbelt und akustisch aufbereitet wurde. Mit solchen Märchen wird ja heute überall Mineralwasser verkauft. Aber jeden Tag steht bekanntlich irgendwo ein Dummer auf.

Hui! Promi-Auflauf in der Stadt

Autogrammjäger und Selfie-Freunde aufgepasst! Heute darf die Kleiderwahl etwas sorgfältiger ausfallen, denn so viel Prominenz ist selten in der Stadt. Wer nichts dem Zufall überlassen will, der sollte gegen 10.30 Uhr am Rathaus sein. Dort fahren dann das schwedische Königspaar Silvia und Carl Gustav vor und gehen über den roten Teppich. Das eigentliche Programm im Rathaus, in der Handelskammer und der Elbphilharmonie ist dann zwar ohne Publikum geplant. Halb so wild: Dafür gibt es ab 18 Uhr gleich noch mal die Möglichkeit, am roten (in dem Fall korrekt: am lilafarbenen!) Teppich zu stehen, bei der Verleihung des Deutschen Radiopreises im Hafen, im Schuppen 52 in der Australiastraße 52 b. Dort ist dann Weltstar Sting anzutreffen, der einen Sonderpreis für sein musikalisches Gesamtwerk erhält, und seine neue Single "I Can’t Stop Thinking About You" präsentiert. Ebenfalls auf der Bühne und dem lilafarbenen Teppich: Silbermond, The BossHoss und Matt Simons. Königspaare und Musiker sind Ihnen egal? Dann gibt es immer noch die Chance auf Jogi Löw und seine Jungs. Die residieren seit gestern in einem ungenannten Hotel an der Außenalster und bereiten sich (grüner Teppich!) auf das Länderspiel gegen Tschechien am Samstag vor. Und wenn das alles nicht hinhaut, können Sie mit Ihrer schicken Garderobe wenigstens die KollegInnen beeindrucken...

Mittagstisch

Mehr als Köttbullar

In keiner Filiale macht Ikea so viel Umsatz mit Essen wie in Altona. Kein Wunder, denn es gibt keine andere inmitten einer Fußgängerzone. Viele Menschen kommen hier ausschließlich zur Nahrungsaufnahme her, es ist der einzige belebte Nachbarschaftstreff des Viertels. Und warum auch nicht? Für wenig Geld bekommt man anständige Qualität. Mit kulinarischen Wundern rechnet hier niemand, aber mindere Autobahnraststättenkost ist es auch nicht – von den notorischen Köttbullar (mit Beilagen zwischen 5 und 6 Euro) mal abgesehen. Am Lachs ist nichts auszusetzen (mit Salat 4,95 Euro), richtig gut ist das Wok-Pfannengemüse (4,90 Euro), das Rumpsteak – nun ja, was will man für 6 Euro erwarten? Vegetarier wählen zum Beispiel die Quinoa-Gemüse-Bällchen mit Bulgur (3,99 Euro). Ansonsten bietet das Büffet Salate, Suppen, jeden Tag ein anderes kantinenähnliches Gericht für 4,95 Euro und eine Menge Nachspeisen. Gegessen wird vor einer breiten Fensterfront, natürlich auf Ikea-Möbeln. Das Restaurant (nicht zu verwechseln mit der Hotdog-Küche im Erdgeschoss) befindet sich im ersten Stock – hinter dem Eingang gleich links über die Treppen zu erreichen.

Ikea, Altona-Altstadt, Große Bergstraße 164, Mo bis Sa, 9.30 bis 20 Uhr

Thomas Worthmann

Was geht

Verlosung: Die Kollegen der ZEIT Akademie, die bienenfleißig ein Videoseminar nach dem anderen produzieren, haben gerade etwas ganz Besonderes fertig: Einen DVD- und Online-Lehrgang zum Thema "Guter Journalismus". Acht ZEIT-Redakteure, darunter auch unser Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und der stellvertretende Chefredakteur Bernd Ulrich, geben Einblick in ihre Arbeit und stellen die wichtigsten journalistischen Genres vor. Das Beste: Wir dürfen drei der Seminare verlosen! Mailen Sie uns unter elbvertiefung@zeit.de, Stichwort: Guter Journalismus.

Und noch ein Angebot: Sie dürfen sich etwas wünschen. Welche Seminarthemen interessieren Sie? Welche DVD- und Online-Lehrgänge sollen die nächsten sein? In dieser Umfrage können Sie das Programm der ZEIT Akademie mitgestalten.

Theater: Seit 2008 kämpft Malala gegen das Bildungsverbot für Mädchen in ihrer Heimat Pakistan. Mit ihrer Rede vor den Vereinten Nationen wurden die damals 16-Jährige und ihr Kampf gegen die Taliban weltberühmt. Das Junge Schauspielhaus bringt die bewegende Geschichte der Menschenrechtsaktivistin jetzt auf die Bühne. In einem Monolog des britischen Autors Nick Wood, der besonders junges Publikum ansprechen soll: "Malala – Mädchen mit Buch", gespielt von Christine Ochsenhofer. Junges Schauspielhaus, Gaußstraße 190, 10.30 Uhr, Karten 13 Euro, ermäßigt 7,50 Euro

Diskussion: Im Centro Sociale wird darüber diskutiert, wie "Globale Gerechtigkeit – auch in der digitalen Welt" funktionieren kann. Aktivistinnen und Aktivisten aus Tunesien, Indien und dem Kongo berichten von ihren Erfahrungen als Kindersoldat oder in der Tunesischen Rebellion, und fragen: Sind smarte Technologien ohne globale Ausbeutungsverhältnisse überhaupt möglich? Veranstalter ist die Bundeskoordination Internationalismus (BUKO). Centro Sociale, Sternstraße 2, Saal, 20 Uhr, Eintritt frei

Tanz: Hoch das Bein! Der französische Choreograf Jérôme Bel bringt in seinem Stück "Gala" Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen zusammen: Tanzprofis und Laien, Erwachsene und Kinder ebenso wie Menschen mit Behinderung – und schafft so einen demokratischen Zugang zum Medium Tanz. Kampnagel, Jarrestraße 20, 20 Uhr (auch morgen und übermorgen), Karten ab 12 Euro, ermäßigt ab 9 Euro

Was kommt

Literatur: Morgen startet das Seiteneinsteiger-Lesefest, das heißt: Neun Tage voll packender Geschichten, spannender Erkenntnisse und kreativer Workshops für Kinder und Jugendliche. Alle Veranstaltungen, Orte und Zeiten gibt es im Programm.

Schnack

Ein total cooler, jugendlicher Typ spricht im 15er-Bus mit seinen Kumpel: "Ey Digger …" Sein Telefon klingelt. Er meldet sich: "Was macht das Leben, wie geht’s den Kindern?"

Gehört von Nicole Albers

Meine Stadt

Gesehen an einem Briefkasten in Ottensen © Foto: Christiane Handke-Schuller

Kurz noch eins: Neulich war ich im kukuun-Klub eingeladen, bei TalkDOT ("Talk der offenen Tür"), der Live-Talkshow vom Kiez, zusammen mit Schauspieler und Sprecher Marek Erhardt, Sky-Fieldreporter Rolf Rollo Fuhrmann, Kiezgröße und Strapsenexperte Kalle Schwensen und Elektro-Trash-Punker Bubi Elektrick. Bubi schmetterte seinen ungeahnten Welthit "Herz aus Scheiße", und all das – und was ich Moderatorin Astrid Rolle über die ZEITelbvertiefung und über unsere Leser sagte – können Sie jetzt hier anschauen.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle


PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.