Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

knapp ein Jahr nach dem Tod des früheren Bundeskanzlers und ZEIT-Herausgebers hat der Flughafen gestern einen Schriftzug mit seinem Namen montiert. Ab sofort lesen Fluggäste, wenn ihre Maschinen nach dem Landen in Richtung Pier rollen, dort neben dem roten "Hamburg Airport" den blauen Zusatz "Helmut Schmidt". Auch auf zwei Schildern an den Zufahrten zum Airport und auf einigen Wegweisern im Flughafengebäude wird Schmidts Name stehen. Nicht zu häufig, "wir werden damit eher zurückhaltend sein", sagt Airport-Sprecherin Stefanie Harder. Bis zu Schmidts Todestag am 10. November wird dann auch die Ausstellung in Terminal 2 fertig sein, die an Schmidts Lebenswerk und an das seiner 2010 gestorbenen Frau Loki erinnern soll.

Aggressionen im Straßenverkehr sind Alltag

Auto-Anarchos gegen Rad-Rowdys? So richtig klar sind die Fronten beim Konflikt auf unseren Straßen nicht, das ergab auch unsere Umfrage, auf die wir knapp 1000 Rückmeldungen erhielten. Aber 73 Prozent der Teilnehmer haben den Eindruck, dass die Aggressionen im Straßenverkehr mehr werden, 96 Prozent haben sogar schon selbst Aggressionen erlebt – egal, ob als Autofahrer, Radler oder Fußgänger. Besonders häufig: Man wird von anderen bedrängt oder geschnitten. Auch Beleidigungen in Form von Schimpfworten und eindeutige Gesten sind an der Tagesordnung. Was man dagegen tun kann? Immerhin 50 Prozent der Befragten wollen sich selbst rücksichtsvoll verhalten und so ein Vorbild sein. Und ganze 79 Prozent setzen auf "intelligent geplante Verkehrswege", die die Konflikte zwischen den einzelnen Verkehrsteilnehmern entschärfen sollen. Ob das zur Idee passt, die Schauspieler Peter Lohmeyer bei unserer sehr gut besuchten Veranstaltung aus der Debattenreihe "Zur Sache, Hamburg" zum "Straßenkampf in der Hansestadt" hatte? Lohmeyer plädierte für eine autofreie Innenstadt. "Nur Fußgänger, Fahrradfahrer, Taxen und Busse sollten Zugang erhalten", erklärte er. Sich selbst bezeichnet er allerdings durchaus als schon mal rüpelhaften Radfahrer. Und auch Sie, liebe Leser, waren – zumindest teilweise (?) – ehrlich: 56 Prozent von Ihnen haben laut unserer Umfrage selbst schon andere Verkehrsteilnehmer bedrängt oder geschnitten, 44 Prozent gaben nonverbale Beleidigungen zu.

Kultursenatorin Kisseler ist tot

"Die Kulturstadt Hamburg trauert." Mit diesen Worten gab Bürgermeister Olaf Scholz gestern den Tod der parteilosen Kultursenatorin Barbara Kisseler bekannt, die am Freitag im Alter von 67 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben war. "Sie hat bis zum Schluss dafür gekämpft, sich schon bald wieder mit voller Kraft für diese Stadt und ihre Kultur einsetzen zu können. Auch ich habe gehofft, dass sie diesen Kampf gewinnen wird. Alle, die mit ihr zu tun hatten, werden ihren Intellekt, ihre Zugewandtheit und ihren Humor vermissen. Sie wird fehlen", so Scholz. Nicht nur in Hamburg, bundesweit trauert die Kulturszene. Vergangenen Sommer erst war Kisseler an die Spitze des Deutschen Bühnenvereins gewählt worden – als erste Frau in der mehr als 150 Jahre langen Geschichte des Vereins. Das Amt der Kultursenatorin übernahm die elegante Powerfrau mit der grauen Kurzhaarfrisur im März 2011. Sie holte Stardirigent Kent Nagano an die Elbe, verlängerte den Vertrag von Ballettintendant John Neumeier. Ihr größter Coup war allerdings die Einigung mit dem Baukonzern Hochtief beim Millionenprojekt Elbphilharmonie. "Sie hat maßgeblich dafür gesorgt, den Bau auf die richtige Bahn zu setzen. Umso tragischer ist es, dass sie die Eröffnung des Konzerthauses nun nicht mehr persönlich miterleben kann", sagte SPD-Fraktionschef Andreas Dressel.

Kahlschlag gegen Drogen

Im Kampf gegen Drogen ist jedes Mittel recht. In der Hafenstraße, wo durch vermehrte Polizeirazzien in letzter Zeit die Emotionen hochkochten, ging es gestern kleinen Bäumen, Sträuchern und Gestrüpp an den Kragen, berichtete das "Hamburger Abendblatt". Zurück blieben nur große, unter Bestandsschutz stehende Bäume. Was das mit Drogen zu tun hat? Auf den ersten Blick vielleicht nicht viel, außer bei den Gewächsen hätte es sich um Hanfpflanzen gehandelt, wofür es aber (bislang) keine Hinweise gibt. Und eigentlich handelte es sich bei der Entbuschungsaktion laut Bezirksamt Mitte auch nur um den "turnusgemäßen Grünrückschnitt", so zitiert jedenfalls das "Hamburger Abendblatt". Aber die Polizei, die bei der Aktion auch vor Ort war, hat ebenfalls etwas davon. "Wir profitieren davon. Das kann man durchaus als Bestandteil eines Gesamtkonzepts sehen", sagte uns Polizeisprecher Ulf Wundrack. Es gehe darum, die örtlichen Begebenheiten zu ändern, damit es schwerer werde, Drogen zu verstecken und damit zu handeln. Eine weitere Idee, so der Polizeisprecher: Licht reinbringen, um dunkle Ecken zu vermeiden. Dazu wurden zwei neue Straßenlaternen aufgestellt, die Unbekannte allerdings vergangene Woche gleich wieder abgesägt haben. Mal schauen, ob auch die Büsche nachgepflanzt werden.

"Lieber eine Meldung zu viel als eine zu wenig"

Knapp 11.200 Hinweise auf eine mögliche Gefährdung oder Misshandlung von Kindern und Jugendlichen gingen im vergangenen Jahr bei den Behörden der Stadt ein, rund zehn Prozent weniger als 2014. "Kein Anlass, sich zurückzulehnen", sagt der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Philipp Heißner, der die Kleine Anfrage zu diesem Thema gestellt hatte. Nach Ansicht von Experten liegt die Dunkelziffer deutlich höher. Der Großteil der Hinweise kam übrigens von der Polizei, in 700 Fällen meldeten sich allerdings auch anonyme Tippgeber. Was man dabei beachten sollte, erklärt Britta Lembke, Mitarbeiterin beim Allgemeinen Sozialen Dienst in Jenfeld.

Elbvertiefung: Frau Lembke, an wen soll man sich wenden, wenn man das Gefühl hat, dass es einem Kind nicht gut geht?

Britta Lembke: Das kommt auf die Situation an. Wenn ein Kind auf offener Straße geschlagen wird, sollte man die Polizei rufen. Betrifft es die Nachbarn oder die eigene Familie, kann man auch erst einmal selbst das Problem ansprechen. Oder man meldet sich bei uns im Jugendamt, also beim Allgemeinen Sozialen Dienst. Außerhalb unserer Öffnungszeiten ist auch der Kinder- und Jugendnotdienst ansprechbar.

EV: Wann genau sollte man dort anrufen?

Lembke: Kindeswohlgefährdung hat viele Gesichter. Wenn es in der Nachbarwohnung am Abend zuvor laut war und das Kind am nächsten Tag Hämatome im Gesicht hat, auf jeden Fall. Aber auch wenn es jeden Tag nach Cannabis riecht und ein Baby dort lebt, kann das ein Hinweis sein. Oder wenn eine Elfjährige seit zwei Tagen allein mit ihren beiden jüngeren Geschwistern ist. Letztendlich entscheiden der gesunde Menschenverstand und das Bauchgefühl. Generell gilt: lieber eine Meldung zu viel, als eine zu wenig. Deshalb ist das ja auch anonym möglich.

EV: Mag sein, dass es trotzdem Hemmschwellen gibt. Viele wollen sich nicht bei den Nachbarn oder in einen Streit in der Öffentlichkeit einmischen ...

Lembke: Kinderschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, und wir können nur aktiv werden, wenn wir entsprechende Hinweise erhalten. Außerdem sollte man immer im Hinterkopf behalten, dass ein Hinweis nicht bedeutet, dass Kinder sofort aus einer Familie geholt werden. Häufig sind ambulante Maßnahmen in Form von Beratung und Unterstützung ausreichend.

Sommersound gegen Winterblues

Drei Musiker der Techno-Marching-Band Meute im Containerhafen, der DamenLikörChor im Schmidt Theater, Kirchenmusikdirektor Manuel Gera an der Orgel im Michel: So klingt Hamburg. Findet zumindest der israelische Mashup-Künstler Kutiman. Für sein Projekt "Mix the City" hat er nach Städten wie Krakau, Tokio, New York, Tel Aviv und Istanbul nun auch die Hansestadt besucht. Insgesamt zwölf Musikeindrücke nahm er dafür an verschiedenen Orten auf. Wer mag, kann sich aus den Aufnahmen einen eigenen Hamburg-Sound zusammenmixen. Oder man greift auf das fertige Video zurück, das ziemlich sommerlich, fast schon karibisch anmutet. "Als ich für eine Woche zum Filmen hier war, war das Wetter die meiste Zeit gut. Offensichtlich zeige ich jetzt nur die schöne Seite der Stadt", sagt der Künstler im Interview mit dem ZEIT-ONLINE-Kollegen Johan Dehoust. Macht nichts. Vielleicht kommt man so besser über das halbe Jahr Dunkelheit und Nasskälte, das vor uns liegt.

Mittagstisch

Familiär und international

Gleich beim Eintreten in das kleine, helle Bague fühlt man sich wohl in dem herzlich und persönlich von Senem und Deniz geführten Souterrainlokal. In der offenen Küche werden internationale und türkische Gerichte zubereitet, zum Beispiel Manti – Teigtaschen mit Rinderhack, die mit Knoblauch-Joghurt und Minzbutter für 7,90 Euro serviert werden. Wegen der zu erwartenden Knobifahne findet sich dies immer nur freitags im Angebot. Alle Speisen sind hausgemacht, zu Suppen, Quiches und Salaten gesellen sich bis zu fünf wechselnde Mittagsgerichte. Eingekauft wird bevorzugt bei befreundeten Betrieben aus der Region. Bei großer Nachfrage nach einem Gericht wird es kurzerhand ins Menü aufgenommen, so geschehen mit Hähnchenschenkeln aus dem Ofen mit süß-saurer Chilisauce auf Bulgur-Reis mit Salat für 8,90 Euro. Die zahlreichen Stammgäste wissen es zu schätzen.

Bague, Neustadt, Kaiser-Wilhelm-Straße 89, Mo. bis Fr., 7.30 bis 17 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht

Kampf der Künste: Zehn angehende Superstars von St. Pauli dürfen heute Abend mit selbst geschriebenen Songs begeistern – oder auch nicht. Beim "Song Slam" treten Jack-Johnson-Jünglinge gegen Marilyn-Manson-Fans an, Kettenraucher gegen Chorknaben und E-Gitarren gegen Flöten. Die Jury setzt sich per Zufallsgenerator aus dem Publikum zusammen. Seid gnädig!

Molotow, Nobistor 14, 20 Uhr, 5 Euro

Puppentheater: Zugvogel Piet hat sich in Norddeutschland vertüddelt und den Abflug seines Schwarms verpasst. "Jetzt bist du ganz allein", kreischen die Möwen schadenfroh. Piet aber macht sich in "Kleiner Piet – was nun?" allein auf die große Reise gen Süden. Für Kinder ab vier Jahren.

Hamburger Puppentheater, Bramfelder Straße 9, 10 Uhr, zwischen 5 und 15 Euro

Grinsen gewinnt: Beim NDR Comedy Contest entscheidet das Publikum, welcher Comedian den Siegergürtel umschnallt. Es treten an: die Stand-up-Künstler Bastian Bielendorfer und Christiane Olivier, Zauberer Carl Einar Häckner, Musik-Fan Das Eich sowie Poetry Slammer Nektarios Vlachopoulos. Für die Veranstalter zählt der olympische Gedanke: "Wir machen uns einen zauberhaften Abend." Zur Not fliegen eben Tomaten.

Knust, Neuer Kamp 30, heute und morgen, 20 Uhr, 10 Euro

Hipp, hipp, hurra: Das Altonaer Museum feiert heute seinen 153. Geburtstag. Deshalb gibt es exotische Führungen auf Plattdeutsch oder im Dunkeln, begleitet von einer Taschenlampe. Wem das zu gruselig wird, der wärmt sich bei der Teeverkostung oder lauscht Schauspieler

Oliver Hermanns "Ja, die Weiber sind gefährlich"., Museumstraße 23, 17 bis 22 Uhr, Eintritt je nach Gusto

Schnack

Im 5er Bus in Richtung Innenstadt: Ein junger Mann, an Arm und Bein tätowiert, hilft am Siemersplatz einer alten Dame mit Rollator beim Einsteigen. Sie bedankt sich freundlich und fragt dann: "Und das geht nie mehr weg?"

Gehört von Petra Rathjen


Meine Stadt

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

 

Ihr

Mark Spörrle

 

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