Was sollte in der HafenCity nicht schon alles gebaut werden: Das "Elbsegel" zum Beispiel, ein auf 290 Meter Höhe aufgeblähtes Hochhaus, das der Investor Frank Jendrusch am Eingang der Elbbrücken setzen wollte. Oder Hadi Teheranis "Lighthouse", ein 288 Meter hoher, leicht gewundener Hochhaus-Phallus am Baakenhafen. Alles Projekte, die über das 3-D-Rendering nicht hinausgekommen sind. Und immer ging es um die Frage: Was ist Hamburg für eine Metropole? Musicalhauptstadt? Mediacity? Kulturmetropole? Oder bloß ein Tummelplatz für Investorenarchitektur? Was für ein landmark building braucht die Stadt?

Dass es am Ende die Elbphilharmonie wurde, ist einer Mischung aus historischem Zufall, geplatzten Investorenträumen und geschicktem Denkmallobbyismus zu verdanken – nicht zu vergessen natürlich eine erhebliche Portion Politikereitelkeit. Das wurde bei der Schlüsselübergabe nach neuneinhalb Jahren Bauzeit am Montag wieder einmal deutlich, als Ex-Bürgermeister Ole von Beust mit dem aktuellen CDU-Chef André Trepoll vor dem Gebäude posierte.

Zur Jahrtausendwende lag die Idee eines spektakulären Konzerthauses noch in weiter Ferne. Hamburg war im New-Media-Rausch: Dutzende von Internet-Start-ups verwandelten das Schanzenviertel und Ottensen in Café-Latte-Promenaden. Die Ambitionen, Hamburg zum norddeutschen Silicon Valley zu machen, schossen ins Kraut.

Ein Investorenkonsortium, in dem neben der Hamburger Berenberg-Bank auch internationale Namen wie JPMorgan und Chase Manhattan Bank saßen, wollte den denkmalgeschützten Kaispeicher A am Eingang der Hafencity in einen "MediaCityPort" verwandeln – eine "Lust- und Lebenswerkstatt für kreative, mit schöpferischer Kraft beseelte Menschen, die Spaß und Genugtuung daran finden, tagtäglich Neues und Revolutionäres zu schaffen", wie es bei der Projektvorstellung hieß.

Der Speicher sollte in Scheiben geschnitten werden

Der MediaCityPort sollte eine One-in-all-Lösung für die WWW-Kapitäne der Zukunft sein – von der hauseigenen Kita über die Wellnesslandschaft bis zum privaten Wohnloft. 1.400 Menschen sollten in dem einstigen Lagerhaus im Hafen arbeiten, Wohnungen auf 2.000 Quadratmetern waren geplant, dazu ein Club, Restaurants, eine Medienakademie und 600 Autostellplätze. Anfangs hieß es noch, der denkmalgeschützte, von Werner Kallmorgen entworfene Kaispeicher von 1965 sollte erhalten werden. Doch im Siegerentwurf des Architekturwettbewerbs blieben nur noch die Umrisse erhalten.

Das niederländischen Architekturbüro Benthem Crouwel wollte den Kaispeicher in Scheibchen schneiden und an sein Hinterteil einen nach vorne gebogenen Glasturm mit 23 Stockwerken anflanschen. Der Kaispeicher hätte ein wenig ausgesehen wie ein Skorpion.

Ein "neues Wahrzeichen Hamburgs" möge das Gebäude werden, so der damalige Wirtschaftssenator Thomas Mirow (SPD), und "weithin sichtbar demonstrieren, welche Bedeutung die Medienbranche für die Stadt hat".

Nun, eine solche Bedeutung hatte sie dann doch nicht. Als der Siegerentwurf präsentiert wurde, war der sogenannte Neue Markt schon zusammengebrochen, die Euphorie der Internetanfangstage, in denen jede abseitige Idee Milliarden wert war, hatte sich überlebt. Das Investorenkonsortium hoffte nun auf solvente Mieter aus der Finanzbranche – auch die Telekom war als Mieter im Gespräch. Doch das Projekt kam nicht voran.

Im Oktober 2002 verkündete Ole von Beust (CDU) den Bau einer Konzerthalle in der HafenCity als wichtiges Projekt seines zweiten Amtsjahres. Und seine Kultursenatorin Dana Horáková schlug vor, man könne dort auch ein riesiges Aquarium und ein Beatles-Museum unterbringen. Ein möglicher Standort sollte das Überseequartier am Magdeburger Hafen sein, zum damaligen Zeitpunkt noch eine Brache mit ein paar Lagerhallen und Sandhügeln. Barsch, Bratschen und Beatlemania unter einem Dach? Es war nicht der erste seltsame Vorschlag, den Horáková in ihrer Amtszeit machte. So hatte die ehemalige Kulturchefin der Bild angeregt, in Harburg ein "Terrormuseum" einzurichten, weil in der dortigen Islamisten-WG Mohammed Attas schließlich die Anschläge vom 11. September 2001 ihren Ausgangspunkt nahmen.