Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

kaum ist es Herbst, und allenthalben röhren sie wieder – auf dem Land die Hirsche und in der Stadt die Laubpuster – soll er nun schon mal vorbeikommen, der Winter mit Glätte und Schnee. Umso dümmer, wenn man da heldenhaft zur Post(bank)filiale seiner Wahl tappt – und sie hat urplötzlich zu. Unser Text über die irrwitzigen Schließzeiten in Eimsbüttel hat viele Leser angesprochen, denen es ähnlich geht.

Nicht nur in Eimsbüttel. Solche Postzustände, "ohne Ankündigung und Erklärung, gibt es auch in Barmbek-Süd", berichtet ein Leser. In der Filiale am Othmarscher Bahnhof (Beseler Platz) sei die Tür ebenfalls häufig und unerwartet zu, erzählt ein anderer. "Öffnungszeiten-Bingo mit der Post spielt man seit einigen Wochen auch in Wilhelmsburg", schrieb ein weiterer enttäuschter Kunde der Gelben. "Die Filiale im Luna Center hat nur noch punktuell geöffnet. An Sonnabenden ist die Filiale gar ganz geschlossen, und das ist besonders ärgerlich. Denn mit normalen Arbeitszeiten ist es mir und vielen anderen nur am Sonnabend möglich, in der Filiale geparkte Pakete abzuholen."

Ob die freundliche Dame, die wir wegen der Eimsbütteler Zustände am Telefon hatten, da munter empfehlen würde, zum Paketabholen doch einfach Urlaub zu nehmen?

Es ist eigentlich kein Trost, aber die Hamburger sind nicht die Einzigen, die an der Post leiden müssen. Laut ver.di bleiben täglich bis zu 120 Filialen bundesweit stundenweise oder den ganzen Tag geschlossen.

Chips, Stripes und Cheerleader

Heute Nacht wird es ernst auf der anderen Seite des großen Teichs. Die Präsidentschaftswahlen in den USA sind das Großereignis des Jahres. Während Hillary Clinton und Donald Trump bangen, wer der nächste angeblich mächtigste Mensch der Erde wird, bereitet man sich auch in Hamburg auf die Wahlnacht vor. Die größte Wahlparty der Stadt, veranstaltet von Hochschule, US-Konsulat und Amerikazentrum, steigt mit rund 600 geladenen Gästen ab 21 Uhr im Auditorium der Bucerius Law School. Es wird über das Wahlsystem diskutiert, auf großen Bildschirmen laufen US-Nachrichten von CNN und Fox News, dazu gibt es amerikanische Snacks aus Food-Trucks. Falls um 23.30 Uhr die Stimmung immer noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hat (die Ergebnisse aus Florida und Ohio dürften erst nach 3 Uhr feststehen), schwingt das hochschuleigene Cheerleaderteam Beine und Pompons in die Luft. Wurde eine spezielle Choreo eingeübt? Gar zwei – eine für Hillary, die andere für den Fall des Falles? "Nein", sagt Klaus Weber von der Hochschulkommunikation. Er glaube auch nicht, "dass hier bis 6 Uhr Highlife sein wird". Zum ersten Mal wurde diese Party übrigens 2008 veranstaltet, als Barack Obama Präsident wurde. Damals war das gesamte Gebäude Partyzone – nicht nur ein Hörsaal. Was schon viel aussagt über die Begeisterung der hiesigen Exil-Amerikaner für diese Wahl.

Pfui Pappbecher, pro Pfandbecher

Eine unglaubliche Zahl: In Deutschland werden pro Stunde 320.000 Coffee-to-go-Becher verbraucht. Auch in Hamburg quellen die Mülleimer über. Die Umweltbehörde führt nun im eigenen Haus Mehrwegbecher ein. "Allein in unserer Kantine fallen pro Jahr mehr als 15.000 Wegwerf-Kaffeebecher an", sagte uns Umweltsenator Jens Kerstan. Aber Kerstan will die Kaffeebecher-Flut nicht nur in der eigenen Kantine bekämpfen, sondern in der ganzen Stadt. Für den 29.11. lädt nun Ulrike Sparr, umweltpolitische Sprecherin der Grünen-Bürgerschaftsfraktion, Unternehmer zum Gespräch zum Thema "Coffee to go – Wege aus der Abfallfalle". Gemeinsam mit ihnen will sie eine konkrete Lösung entwickeln. Sie denke an ein "Hamburger Pfand-Mehrwegsystem", sagt Sparr. "Einen Becher, den ich morgens an der S-Bahn-Station befülle und dann auf dem Weg zur Arbeit unkompliziert an jedem beliebigen Café, Bäcker oder Shop abgeben kann." Eigentlich eine praktische Sache; schon jetzt schleppen umweltsensible Kaffeetrinker ja den eigenen (Mehrweg-)Becher ins To-go-Café. Doch selbst das, erfuhren wir von Lesern, kann zu Problemen führen: "Aus Hygienegründen" weigerten sich manche Café-Mitarbeiter, mitgebrachte Becher zu befüllen. Zum Glück gibt es auch Initiativen wie die der Rösterei El Rojito: Seit Anfang des Monats kann man in mittlerweile elf Hamburger Cafés einen Pfandbecher leihen.

Ist das Kunst, oder kann das weg?

Das allseits bekannte Kotbeutel-System funktioniert ja eher mittelgut, meistens landen die besagten Beutel neben dem dafür vorgesehenen Behälter. Ganz anders das innovative Kunstbeutel-System: Dabei gilt es, im Auftrag von Kulturbehörde und Körber-Stiftung insgesamt 100.000 Euro in geheimer Mission an Hamburger Künstler zu verteilen. "Künstlerinnen und Künstler, die maßgeblich zum Kunstgeschehen in Hamburg beitragen", so heißt es, "sollen auf unkonventionelle Weise gefördert werden." Wer die Geldspritze bekommt, entscheiden die Kunstbeutelträger, die inkognito und "unter strengster Geheimhaltung ihrer Aufgabe" nach förderungswürdigen Kunstprojekten suchen. In den letzten sechs Monaten schlichen die Kunstbeutelträger des Jahres 2016 durch Ateliers und Hochschulen (vermutlich maskiert), besuchten Veranstaltungen und führten Gespräche (vermutlich mit verstellter Stimme), um so unauffällig wie möglich spannende Künstler zu entdecken. Gestern Abend zogen die Organisatoren im Körber-Forum Bilanz – ob sich dabei auch einer der Kunstbeutelträger zu erkennen gab, war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt. Die erste Auserwählte in diesem Jahr ist übrigens Alice Peragine. Sie bekam im August eine geheimnisvolle E-Mail: "Herzlichen Glückwunsch! Der Kunstbeutelträger / die Kunstbeutelträgerin Nummer 4 aus dem Jahr 2016 hat sich umgesehen und hat entschieden, dass Sie mit 3.000 Euro ausgezeichnet werden." Wem die Performance-Künstlerin die Wahl zu verdanken hat, darüber kann sie nur spekulieren. "Ich hatte eine Person im Verdacht, aber die hat dann etwas später selbst diese Auszeichnung erhalten."

Verzweifelt gesucht: Staukoordinator für Norddeutschland

Als sich gestern die CDU-Fraktionschefs von Hamburg, Niedersachsen, Bremen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern im Hamburger Rathaus trafen, ging es um die Verkehrslage im Norden. Die ist angespannt. Wie sehr, das spürten die Politiker am eigenen Leib: Zum Meeting kamen alle zu spät, wie das "Hamburger Abendblatt" berichtet. CDU-Fraktionschef André Trepoll habe lapidar verkündet: "Zu viele Staus." Und ging damit direkt in medias res. Um die Lage in den Griff zu bekommen, schlugen die CDU-Fraktionschefs laut "Abendblatt" vor, einen zentralen Baustellenkoordinator für Norddeutschland zu bestellen. Davon, irgendwann mehr Verkehr auf Schienen zu verlagern, war natürlich nicht die Rede. Und schon drohen neue News von unserer Lieblingsstautobahn A 7. Die ist von Mittwochabend bis Freitag früh zwischen Dreieck Nordwest und Stellingen in Richtung Süden nur auf einem Fahrstreifen befahrbar. Und in der Nacht von Freitag auf Samstag wird sie zwischen Eidelstedt und Stellingen Richtung Süden voll gesperrt. Hoffentlich ist der Stau bis dahin aufgelöst, es soll kalt werden …

Neue Räume für Flüchtlingshilfe Harvestehude

Ende August bat Hendrikje Blandow-Schlegel, die erste Vorsitzende des Vereins Flüchtlingshilfe Harvestehude, bei uns im Interview um Hilfe: Ihr Verein suchte verzweifelt zusätzliche Räume für die Arbeit mit Flüchtlingen. "Gewerberaummieten in Harvestehude sind sehr hoch, aber wir wollen in unserem Stadtteil bleiben und damit auch deutlich machen, dass dieser sehr aufgeschlossen ist", erklärte Blandow-Schlegel. Das Schöne: Der Hilferuf wurde erhört. Gleich am nächsten Tag erhielt Blandow-Schlegel die Mail einer stellvertretenden Schulleiterin. "Die schrieb etwa: Ich habe Ihren Aufruf in der Elbvertiefung gelesen und würde mich sehr freuen, Ihnen zu helfen", so die Vereinsvorsitzende. Ende November bezieht die Flüchtlingshilfe Harvestehude nun Räume in der ehemaligen Berufsschule an der Isestraße; drei Unterrichtszimmer und zwei Büros für Deutschkurse und Therapiegespräche, eine Küche und ein Bistro für Kochkurse. "Nur Geschirr brauchen wir noch, so für etwa 50 Personen", sagt Blandow-Schlegel, "und eine Sitzecke wollen wir auch einrichten." Falls also jemand noch so etwas übrig hat ...

Mittagstisch

Wurst fürs Glück

"Nimm doch, das sieht ja hier keiner", sagt der Mann hinter dem Tresen, an den sich gleich die offene Küche anschließt. Gemeint ist die Mayo für die bestellten Pommes (3 Euro, ½ Portion 1,80 Euro), die die Wurst begleiten sollen. Klingt alles superungesund, soll den Gast aber glücklich machen. "Liebe Gesundheitsapostel", steht auf der Werbepostkarte zu lesen, "Fuck Your Diet". Die ehemaligen Betreiber eines Ottenser Gourmet-Restaurants, Michael Weißenbruch und Monika Hamann, servieren ihren Gästen schon seit 2008 in diesem kleinen knallorange gestrichenen Souterrain-Imbiss direkt aus Belgien importierte Fritten und eigene Wurstkreationen mit Qualitätsfleisch aus Schleswig Holstein. Neben der einfachen Currywurst kann man hier wöchentlich wechselnde Erfindungen wie die "German Ox" mit Apfelwürfeln drin und Wasabi-Soße drauf, Currywurst mit getrockneten Aprikosen (3,50 Euro), Salsiccia (3,50 Euro) oder Merguez mit Joghurt-Minz-Soße (4 Euro) erhalten. Die Zahl der Mittagstischgäste, die aus den umliegenden Büros hereinstürmen, zeigt, dass die Betreiber damit ziemlich erfolgreich sind. Ob’s glücklich macht? Auf jeden Fall ist es lecker.

Curry-Pirates, Mozartstraße 23; Mittagstisch Montag bis Freitag 12 bis 15 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Cornelia Funke liest vor: "Diese Geschichte ist für die, die den Mut haben, zu beschützen, statt zu beherrschen", sagt die erfolgreiche Kinderbuchautorin über ihre neue Drachenreiter-Geschichte "Die Feder eines Greifs". Ihre Helden müssen die letzten Fohlen des Pegasus retten. Heute liest Cornelia Funke im Thalia Theater daraus vor und spricht mit Schauspieler Rainer Strecker, der viele ihrer Hörbücher gesprochen hat. Das Buch ist für Kinder von etwa zehn bis zwölf Jahren. Tipp für Fans: Im Dezember bringt das Thalia Cornelia Funkes "Geisterritter" auf die Bühne.

Thalia Theater, Alstertor, 16.30–18.15 Uhr, Eintritt 10–12 Euro

Tanzperformance auf Spitzenniveau: Mit dem Jin Xing Dance Theatre gastiert ein Weltklasse-Ensemble in Hamburg. 17 Tänzer geben mit "Trinity" einen dreiteiligen Abend mit Stücken der derzeit populärsten Choreografin Jin Xing und den Choreografen Emanuel Gat aus Israel und Arthur Kuggeleyn aus den Niederlanden.

Kampnagel, Jarrestraße 20, 20–22 Uhr, Eintritt 12–24 Euro

Subversive Lesung aus Düsterbusch: Am Rande des Spreewalds entsteht eine Popkultur-Metropole und mischt die DDR von innen auf – so ungefähr stellt sich der Held von Alexander Kühnes Roman "Düsterbusch City Lights" den Gang der Geschichte vor. Der Autor liest aus seinem Roman.

Golem, Große Elbstraße 14, 20 Uhr, Eintritt 8 Euro

Die Revolte im Film: "Une jeunesse allemande – Eine deutsche Jugend" heißt die Filmcollage, mit der Jean-Gabriel Périot die Umsturzversuche der späten Sechziger und die RAF-Ära illustriert. Teile des Films stammen aus Studentenfilmen von Holger Meins und Reportagen von Ulrike Meinhof, die seitdem nie wieder öffentlich zu sehen waren. Dokumentarfilmsalon Brigittenstraße 5 (Hinterhof), 20 Uhr, Eintritt frei, Spenden willkommen

Hamburger Schnack

Meine vierjährige Enkelin ist der Meinung, dass sie sich jedes Mal etwas wünschen kann, wenn sie die zwei brennenden Kerzen nach dem Essen auspustet. Gestern pustete sie und sagte: "Ich wünsche mir, dass das Klopapier nicht immer zu Ende geht!"

Gehört von Elke Krämer-Dyllick

Meine Stadt

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.