Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

in zwei Monaten wird der berühmteste Bau der Stadt eröffnet. Und bei den Musikern des NDR Elbphilharmonie Orchesters flossen nach der ersten Probe im neuen Konzertsaal der Elphi (!) schon jetzt die Tränen – vor Ergriffenheit. "Die Akustik ist einfach gigantisch", schwärmte Hornist Dave Claessen. "Das ist wie ein neues Zuhause. So etwas hatten wir noch nie!" Und der erste Konzertmeister Stefan Wagner sagte ergriffen: "Der erste Eindruck war wie Weihnachten!" Der Saal gebe den Musikern die Möglichkeit, alle akustischen Nuancen auszukosten. "Vom leisesten Pianissimo bis zum starken Fortissimo ist alles möglich." Was genau, das werden jene Glücklichen erleben, die am 11. Januar dem Eröffnungskonzert des Orchesters unter Chefdirigent Thomas Hengelbrock beiwohnen werden.

Und weil einige von Ihnen fragten, ob es wirklich wahr sei: Ja, in das Haus unseres ehemaligen Herausgebers Helmut Schmidt darf man jetzt schon. Die Helmut und Loki Schmidt Stiftung hat das rot geklinkerte Wohnhaus der Schmidts im Neubergerweg in Langenhorn der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – online. In einem multimedialen 360-Grad-Rundgang können sich Besucher vom heimischen Rechner aus auf dem Schmidtschen Anwesen umsehen, allein oder virtuell geführt von unserem Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Beim Klick mit der Maustaste auf die Türklingel ertönt ein energisches "ding, dong", im Vorraum am schwarzen Flügel ist zu erfahren, dass der Staatsmann auch musikalisch so begabt war, dass er in den achtziger Jahren mit dem London Philharmonic Orchestra und den Hamburger Philharmonikern Konzerte von Mozart und Bach aufnahm. Man kann in Schmidts Bibliothek stöbern, sogar in der Hausbar. Später, wenn man auf den Spuren des Altkanzlers am Gewächshaus vorbei durch den hinteren Garten schlendert, zwitschern die Vögel. Und riecht es da nicht nach Zigarette?

Katholische Kirche macht wohl (einiges) zu

Die Katholische Kirche in Hamburg will sparen. Im St. Marien-Dom verkündete Erzbischof Stefan Heße am Samstag die nicht gerade frohe Botschaft: Bis 2020 sollen pro Jahr (!) 20 Millionen Euro (!) eingespart werden. Begründung: "Nur so können wir unsere Verpflichtungen einhalten, und nur so bleibt noch Luft für Neues." Da fragt man sich: Was sind denn das für Verpflichtungen? Menschen Raum für Spiritualität und Gebet zu bieten, Gläubige zusammenzubringen, sich um Bedürftige zu kümmern – wie sagte Erzbischof Stefan Heße bei anderer Gelegenheit? "Wer Kirchensteuer zahlt, erwartet, dass damit Gutes getan wird." Woran will die Kirche nun sparen – etwa an Gotteshäusern und Gemeindezentren? Details würden erst in Projektgruppen erarbeitet, erklärt Manfred Nielen, Pressesprecher des Katholischen Erzbistums Hamburg: "Viele Dinge werden auf den Prüfstand gestellt. Es kann sein, dass auch Kirchen geschlossen werden." Wozu eigentlich der ganze Sparkurs, wo die Einnahmen durch die Kirchensteuer sich doch, wie es erst im September hieß, so positiv entwickeln? Doch, das sei richtig, sagt Nielen, aber die "demografischen Prognosen" seien schlecht. Denen zufolge werde das Bistum im Jahr 2050 bis zu 40 Prozent weniger Kirchenmitglieder haben. Wir fragen uns: Wenn heute Gemeindezentren geschlossen würden, um einem möglichen Mitgliederschwund in 30 Jahren entgegenzuwirken – bisse sich da nicht die Katze in den Schwanz? Oder die Kirche in den Arm, der sie füttert?

Kreatives Crowdfunding

Die beste Idee ist nichts wert, wenn sie nicht umgesetzt wird. Gerade im kreativen Bereich scheitert diese Umsetzung oft an den Finanzen. Seit fünf Jahren gibt es deshalb Nordstarter. Die Crowdfunding-Plattform des städtischen Unternehmens Hamburg Kreativ Gesellschaft bietet Künstlern, Tüftlern und Erfindern die Möglichkeit, ihr Projekt vorzustellen und Mittel für die praktische Umsetzung aufzutreiben: Wem die Idee gefällt, kann gezielt dafür spenden, und sei es nur ein Euro. Auf diese Weise haben in den vergangenen Jahren 28.739 Unterstützer mehr als zwei Millionen Euro investiert. Daraus entstanden ist zum Beispiel die Kindertherapie-App Patchie,die Kindern, die an Mukoviszidose erkrankt sind, die Krankheit erklären und ihnen die Therapie erleichtern soll. Oder die Fahrradgarderobe, eine Art mobiler Fahrradständer für Großveranstaltungen. Auch das Kulturschiff "MS Stubnitz", auf dem morgen die Jubiläumsparty zum Fünfjährigen steigt und sonst Konzerte, Partys und Theatervorführungen stattfinden, wurde so finanziert. Egbert Rühl, Geschäftsführer der Hamburg Kreativ Gesellschaft, will den "Fokus zukünftig noch stärker auf individuelle Beratung und Betreuung von Projektstartern" legen.

Wenn es um mehr geht als nur um Lesen

Seit zwölf Jahren unterstützt der Verein Mentor – Die Leselernhelfer Hamburg e. V. Kinder mit Leseschwierigkeiten. Das Konzept: Einmal pro Woche treffen sich die Kinder mit ehrenamtlichen "Mentoren", um gemeinsam zu lesen. Gerade wurden die Leselernhelfer mit dem Deutschen Lesepreis ausgezeichnet, einer Initiative von Stiftung Lesen und Commerzbank-Stiftung. Bei dem Projekt, das sich derzeit um etwa tausend Kinder kümmert, geht es aber tatsächlich um viel mehr als nur ums Lesen, erzählt Geschäftsstellenleiterin und Mentorin Sandra Weis.

Elbvertiefung: Frau Weis, Ihre ehrenamtlichen Mentoren lesen gemeinsam mit den Kindern. Warum ist das so wichtig?

Sandra Weis: Die Kinder spüren, dass es hier nicht um Leistung geht. Mentor und Kind treffen sich in der Schule und lesen in einer Eins-zu-eins-Situation. Wenn sich das Kind allein überfordert fühlt, hilft es, gemeinsam laut zu lesen – das ist wie beim Fahrradfahren, wo man loslässt und das Kind allein lässt, wenn es geht, aber eingreift, wenn es nötig ist. Genauso wichtig ist das Gespräch über das Gelesene. Kinder erkunden ihre Welt über Geschichten, und da kann ein Mentor mit seiner Lebenserfahrung oft helfen. Mentoren sind auch Vorbilder. Wenn einer erzählt, dass er jeden Tag eine Zeitung liest, dann ist das für die Kinder ein wichtiger Hinweis.

EV: Die meisten Kinder lernen spätestens in der Schule lesen. Warum funktioniert das nicht bei allen?

Weis: Nicht alle starten mit denselben Voraussetzungen, manche Kinder brauchen mehr und individuelle Förderung beim Lernen. Deswegen vermitteln die Lehrer von mittlerweile 110 Hamburger Schulen solche Kinder an uns. Es sind vor allem Grundschüler, etwa 60 Prozent der Kinder haben internationale Wurzeln, viele kommen auch aus einsprachigen deutschen Haushalten, da liegt es häufig eher an fehlender Zuwendung und Zeit. Bei Eingewanderten kann es sein, dass sich das Lesen mit der Zeit wie von selbst verbessert, viele Kinder aus geflüchteten Familien lernen ganz schnell Deutsch. Komplizierter sind die Fälle, wenn die Eltern selbst nicht lesen oder sogar Schule als System ablehnen, das gibt es auch.

EV: Da geht es dann nicht nur ums Lesen …

Weis: Viele Kinder kennen es von zu Hause nicht, dass ein Erwachsener so viel Zeit mit ihnen verbringt. Oft führt das dazu, dass sie Selbstbewusstsein entwickeln, mutiger werden, und das fördert auch die Integration in der Klasse. Wir sind selbst immer wieder erstaunt, was so passiert mit den Kindern.

EV: Wie geht man auf Kinder ein, die sich nicht so leicht öffnen?

Weis: Dann ist es besonders toll, wenn die Mentoren durchhalten, weil sie irgendwie spüren, dass das Kind eine schlechte Bindungserfahrung gemacht hat, und dranbleiben. Es kommt vor, dass das Kind eigentlich will, sich aber immer wieder schlecht verhält, bis der Mentor sagt: Hör zu, so bringt mir das keinen Spaß mehr, wir müssen das beenden. Dann ist das Kind ganz verzweifelt und fleht darum, weiterzumachen, weil es den Mentor eigentlich auf die Probe gestellt hat: Die Erfahrung, dass dieser trotzdem wiederkommt, ist ganz wichtig.

Schwäne längst umgezogen (worden)

Hatten Sie sich auch darauf gefreut, dem traditionellen Einfangen der Alsterschwäne und ihrer Umsiedlung ins Winterquartier am Eppendorfer Mühlenteich beizuwohnen? Dann muss ich Sie leider enttäuschen: Das ist schon geschehen. Eigentlich sollte die Aktion heute an der Rathausschleuse stattfinden, mit all dem Pomp, der dem besonderen historisch-mythischen Verhältnis unserer Stadt zu Schwänen angemessen ist (solange es Schwäne auf der Alster gibt, so heißt es, bleibe Hamburg freie und wirtschaftlich erfolgreiche Hansestadt). "Schwanenvater" Olaf Nieß hatte den Termin allerdings auf Donnerstag vorverlegt. Grund: die "Gefahr einer Ausbreitung der Vogelgrippe". In Schleswig-Holstein wurde derweil schon der erste Geflügelbetrieb geschlossen, 30.000 an Vogelgrippe erkrankte Hühner müssen getötet werden.

Ich seh den Sternenhimmel!

Erinnern Sie sich noch? Da war doch dieses große alte Gebäude mit der Kuppel im Hamburger Stadtpark, das einem früher auch bei Regen so tollen Sternenblick bot… Lange her. Anderthalb Jahre lang wurde im Planetarium im ehemaligen Winterhuder Wasserturm gebaut, geschraubt und renoviert. Und jetzt ist es raus: Man bereitet sich auf die Wiedereröffnung vor. Anfang nächsten Jahres soll der "Himmel auf Erden" wieder jährlich rund 300.000 Besucher unter seiner Kuppel empfangen. Mit konkreten Informationen über die Neuerungen hält man sich allerdings noch zurück. Also träumen wir von einem schwingenden Karussell, mit dem man schwerelos in die Sterne fliegen kann, von himmlischen Fahrten mit der Milchstraßenbahn und einer Sternschnuppenparty, bei der so viele Schnuppen vom Himmel fallen, dass keine Wünsche offen bleiben. Und wenn dann noch ein Einhorn ... na ja, zurück zur Realität, denn eine Info gibt es doch schon. Am 23.11. erfahren wir Näheres. Die Pressemeldung verkündet: "Die Wege sind aufgrund des Baufahrzeugverkehrs matschig, bitte wählen Sie festes Schuhwerk." Das klingt nicht nach Sternenstaub. Wir ahnen Schreckliches, ohoh

Mittagstisch

Zwei Basler im Hohen Norden

Mittag kurz nach halb eins geht die Tür auf, kalter Wind weht herein. Ein Mann tritt ein, im Gesicht ein breites Lächeln. Mit den Worten "Einmal auffüllen, bitte", streckt er der Köchin eine Porzellanschüssel entgegen. Viele der Gäste des Zwanzig Quadratmeter nehmen ihr Essen gleich wieder mit, was wohl dem Umstand geschuldet ist, dass der Name Programm ist: Der Laden im Shabby-Chic-Look ist winzig. Die beiden Basler Patrick und Eva, die ihre Gäste mit "Moin, moin" begrüßen, haben ihn in diesem Jahr eröffnet. Ihre Küche ist frisch und urban, schweizerische Inspirationen sind ebenso zu spüren wie asiatische. So stehen auf der kleinen Karte Marsala Tikka – Hähnchen, Kürbis und Champignons auf Reis – (6,80 €) und herbstlicher Salat mit gebackenem Kürbis (6,90 Euro). Die sämige, feine Lauch-Kartoffelsuppe überrascht mit einer unerwarteten Schärfe (4,80 €). Ein echtes Highlight sind die mit Käse oder Wurst belegten Bürlis (3,40 €). Die Schweizer Brötchen werden in einer Basler Bäckerei hergestellt und eigens nach Hamburg geliefert. Und auch der Abschiedsgruß fällt dann doch echt schweizerisch aus: "Merci vielmals!"

Zwanzig Quadratmeter; Glashüttenstraße 85 A; Montag bis Freitag, 12 bis 18 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Geklaute Worte: Schimpfworte und Kosenamen, wütende oder sanfte Sprache – all das verkauft die "Händlerin der gestohlenen Worte". Im Stück des Nimmerlandtheaters lernen Kinder ab sechs Jahren aber auch einiges über die Kunst, mit Sprache zu heilen. GWA St. Pauli e. V., Hein-Köllisch-Platz 11, 10.30 Uhr, ab 2 Euro

Verliebte Melodien: Ihr Label heißt "I love you Rec" – das passt. Alise Joste aus Lettland erschafft mit akustischer Musik leise Magie. Mit ihren Songs will sie "ehrlich mit anderen und mir selbst sprechen", sagt sie – nicht nur über die Liebe. kukuun, Klubhaus St. Pauli, Spielbudenplatz 19 Uhr, 13 Euro

Diskussion: Im Rahmen der interaktiven Ausstellung "Entscheiden" geht es um die Konstruktion eines exemplarischen Falls, in dem ein junger Pilot eines Kampfjets der Bundeswehr im Kontext von Terror handelt, es werden Fragen nach Recht und Schuld formuliert. In dem modernen Gerichtsdrama spielt der Jurist und Autor Ferdinand von Schirach eine Notsituation durch, die Menschen vor kaum zu bewältigende Entscheidungen stellt. Es diskutieren der Dramaturg Jörg Bochow und Schauspieler der Aufführung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, 19 Uhr, 7,50 Euro, ermäßigt 4,50 Euro

Was kommt

Filme im Exil: Unter dem Motto "Gebrochene Sprache" widmet sich das cinefest dieses Jahr Autoren, die ins Exil gehen mussten. Im Ausland galt ihr differenzierter Umgang mit der Muttersprache nichts mehr, etwa während des "Dritten Reiches". Dennoch gelang es manchen, sich in der zunächst fremden Sprache zu etablieren. Metropolis, Kleine Theaterstraße 10, 19. und 20. November, 7,50 Euro, Tickets im Online-Vorverkauf

Was bleibt

Ich klinge, also bin ich: Musik als Produkt von Raum, Zeit und Bewegung erschafft die begehbare Sound-Installation "The Ship". Die Aktion von Brian Eno begleitet bis zum 4. Dezember den Countdown zur Elbphilharmonie-Eröffnung. Kaistudio, Platz der Deutschen Einheit 1, täglich von 14 bis 20 Uhr, ab 3 Euro

Die Wahrheit liegt auf dem Platz

Aimen Abdulaziz-Said schreibt bei ZEIT ONLINE die HSV-Kolumne

"Der HSV hat am Donnerstag seinen ersten Heimsieg der Saison gefeiert und dabei etwas Selbstvertrauen getankt: 12:0 hieß es im Testspiel gegen den Landesligisten FC Teutonia 05. Erfolgreichster Torschütze war Pierre-Michel Lasogga mit drei Treffern. In der Causa Hochstätter soll heute eine Entscheidung fallen. Der HSV möchte den 53-Jährigen vom Vfl Bochum als Sportdirektor engagieren, allerdings konnte man sich noch nicht mit dessen aktuellem Arbeitgeber einigen: Der VfL Bochum verlangt 3 Millionen Euro Ablöse, der HSV möchte aber nur 800.000 Euro zahlen."

Erik Hauth bloggt auf ZEIT ONLINE über den FC St. Pauli

"In der Länderspielpause lud der FC St. Pauli zur Jahreshauptversammlung ins CCH. Präsident Göttlich verkündete einen satten Gewinn von 1,32 Mio. Euro für das letzte Jahr und deutete an, dass der Verein im Winter noch Verstärkung sucht. Sollte der Interimssportchef Andreas Rettig einen passenden Spieler finden, am besten einen echten Ratzkowski-Ersatz, würde dieser aus dem Überschuss bezahlt. Es wäre den Fans und Mitgliedern ja auch schlecht zu vermitteln, wenn St. Pauli als Gewinnmillionär in die Dritte Liga abstiege."

Meine Stadt

Das’ ja voll fett, Digga! © Foto: Kai Lüdeking

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle


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