Die Ruhe im Sturm ist greifbar. Bei geöffnetem Bullauge im riesigen Panoramafenster dröhnt die Stadt darunter, als läge sie nicht 90 Meter tiefer, sondern auf Ohrenhöhe. Strammer Wind treibt das Grundrauschen der Rushhour aufwärts wie ein Tornado Dachziegel. Es hupt, braust, brummt, klingelt – eine Großstadtsinfonie in Feierabendverkehrsmoll. Wenn man die ovale Klappe mit dem gewöhnlichen Griff aber schließt, wenn man das Licht dimmt, die Beine auf die Chaiselongue legt und durchs wellig geformte Glas in die Ferne blickt, verstummt die City. Auf Etage 19 ist man nicht mehr Teil von ihr.

So also fühlt es sich an, in der Elbphilharmonie die Nacht zu begrüßen, genauer: in jenem Teil derselben, von dem bislang noch am wenigsten zu hören war im Sperrfeuer selten schmeichelhafter Schlagzeilen. Hamburgs erstaunlichste Immobilie beherbergt ja nicht bloß – und das ist nur eins all der Superlativen, die sich ständig aufdrängen – den spektakulärsten Konzertsaal des Kontinents; es gibt auch Restaurants, Studios, Flaniermeilen, Shops und ein Fünfsternehotel namens Westin, mein Domizil für eine Nacht.

Fast 250 Zimmer zum saisonal variablen Preis von rund 300 Euro aufwärts, die sich in der größten von 39 Suiten schon mal verzehnfachen. Pro Nacht, versteht sich. Das Westin ist eine absurde Unterkunft für mich, für einen kritischen Begleiter der wachsenden Ungleichheit in der Welt.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich eine solche Situation komme. Schon einmal habe ich ein nobelgastronomisch aufgewertetes Baudenkmal beruflich bewohnt: Neun Jahre bevor ich im aufgestockten Kaispeicher A auf Hotelkosten einchecke, um architektonische Eleganz im Zusammenspiel mit elitärer Servilität zu lobpreisen, wurde mir das gleiche Wohlfühlpaket zum selben Zweck vom Wasserturmhotel spendiert. Eine Nobelherbere der Marke Mövenpick, unter massivem Polizeischutz im Schanzenpark errichtet. Für viele zerstörte es den Traum eines Wohnviertels von allen für alle. 

Erinnerungen an ein schäbiges Gefühl

Als ich damals in einer kalten Herbstnacht eincheckte, überkam mich von Beginn an dieses nagende Gefühl des Hochverrats: an meinen Idealen, weil ich seit dem ersten Spatenstich lautstark gegen das Hotel protestiert hatte. An meinem Umfeld, weil meine Artikel in diversen Medien trotz aller Kritik am Objekt auch Werbung dafür machten. Und nicht zuletzt: am Betreiber, auf dessen Kosten ich es mir eine Nacht lang mit fantastischem Panoramablick über die halbe Stadt, Abendessen und Wellness inklusive, mal so richtig gut gehen ließ.

Richtig schäbig kam ich mir damals vor. Andere Hotelgegner im Alternativviertel wollten sogar aus Verachtung über meine Anbiederung ein Plenum in der Roten Flora einberufen, auf dem ich mich rechtfertigen sollte. Da damals dann aber doch nichts passierte, traue ich mich nun wieder. Meine Neugier treibt mich dazu, im luxusgastronomischen Ostflügel von Ole von Beusts Prestigeprojekt einzuchecken. In dem Gebäude, dessen Kosten sich bei dreifacher Bauzeit verzehnfachten!