Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

vorgestern fiel in der City kurz der Strom aus, und eine Wasserfontäne erhob sich. Gestern versagten dann über Stunden Telefone – nicht die Notrufnummern – bei Rettungsdiensten und Behörden. Ein Netzfehler, erklärte Telefonanbieter Telefónica. Am späten Nachmittag waren die Anschlüsse wieder erreichbar. Und nein, das hat nichts mit dem OSZE-Gipfel zu tun, der morgen beginnt. Außerdem verfügen die Sicherheitskräfte über hochmoderne Planungssoftware und fast hochmoderne Funktechnik.

Sprechen wir, bevor heute Abend noch Gipfel-Gegner demonstrieren, also lieber schnell über Weihnachtsmärkte. Vor zehn Jahren, schrieb eine Leserin, habe beispielsweise der Markt in Ottensen aus "ein paar harmlosen Buden plus Karussell" bestanden. "Der Weihnachtsmann persönlich fuhr mit der Kutsche (ja, mit echtem Pferd, einem schwarz gelockten Friesen!) durch die Ottenser Hauptstraße, und die Kinder staunten darüber fast so sehr wie die Erwachsenen." Heute dagegen, so die Mailverfasserin, gebe es "mindestens dreimal so viele Stände" und sei "so viel Alkohol im Spiel, dass man die Kinder schon vor dem Abendbrot nicht mehr zum Bäcker schicken kann – zu viele Besoffene".

Konsum und Kommerz statt adventlichem Kerzenziehen, Plätzchenbacken, Basteln: Auch andere Leser beschäftigt die Frage, ob die meisten Weihnachtsmärkte nur noch die "Ballermannisierung" befördern oder ob es auch auf den "normalen" Märkten noch nette Ecken gibt, noch Buden, wo man nicht nur Wurst und ein normalerweise ungenießbares Gebräu namens "Glühwein" konsumiert (ZEIT:Hamburg-Gastrokritiker Michael Allmaier hat schon einige Locations aufgespürt; zu lesen morgen in der neuen ZEIT oder heute Abend digital schon hier).

Und unsere vorweihnachtlich entnervte Ottenser Leserin schlägt für von lärmenden Trinktouristen geplagte Weihnachtsmarkt-Anwohner eine Abgabe vor, konkret im Fall ihres Viertels "eine Soli-Abgabe der Elbvororte plus Pinneberg. Die sind es nämlich, die hier shoppen und trinken gehen…"

Osteuropäische Bettler: Freiwillig obdachlos?

Die Diskussion unter Experten über den richtigen Umgang mit Obdachlosen, die aus Osteuropa nach Hamburg kommen, oftmals zum Betteln, reißt nicht ab. Statt über sie hat ZEIT:Hamburg-Kollege Marc Widmann nun mit zwei Osteuropäern gesprochen, die in Hamburg auf der Straße leben. Cristi und Radu, Vater und Sohn, pendeln zwischen dem rumänischen Namaesti und Hamburg, um hier zu betteln und dort ihre Familie in der Heimat zu unterstützen. Und knapp 60 andere Menschen aus ihrem Ort täten das auch, sagt Radu – denn dort reicht das Geld zum Leben nicht. Wie viele andere Obdachlose standen die beiden Rumänen bisher jeden Abend in der Schlange des Winternotprogramms. Doch nun schaut man genauer hin: Weil er einen festen Wohnsitz hat, wurde Cristi abgewiesen und muss zurück nach Rumänien. Ist Cristi nun ein "freiwillig Obdachloser"? Welche Perspektive hat ein Mann wie er bei uns? Es sind unbequeme Fragen, die nun diskutiert werden müssen. Widmanns Text ist nachzulesen in der aktuellen ZEIT:Hamburg, morgen am Kiosk oder heute Abend hier digital.

Wird Hamburg Vorreiter für "Virtual Reality"?

"Echte" Monster jagen, durch exotische Landschaften streifen – mit einer Virtual-Reality-Brille auf dem Kopf ist das kein Problem. Mit der neuen Technologie taucht man mit allen Sinnen in eine computergenerierte Welt ein. Und Hamburg soll nun gar zur "Pionierstadt" der Branche werden. Mit insgesamt 300.000 Euro will der rot-grüne Senat Start-ups fördern, Virtual-Reality-Konzepte entwickeln. Warum gerade Hamburg, warum jetzt? "In den Neunzigern gab es schon mal einen Riesen-Hype, aber erst jetzt ist die Technik weit genug", erklärte uns Frank Steinicke, Professor für Mensch, Computer und Interaktion an der Universität Hamburg. In Hamburg gebe es eine "einmalige Mischung aus großen Unternehmen wie Airbus und Lufthansa, Start-ups, Hochschulen und IT-Netzwerken, die alle zur Technik forschen". Die städtische Förderung sei also eine gute Sache – damit gerade kleinere Betriebe im Wettbewerb mit internationalen Größen eine Chance hätten. Im Übrigen gehe es bei der virtuellen Realität um weit mehr als um besonders lebensechte Computerspiele. "Virtual Reality kann für Therapien eingesetzt werden, etwa um eine Spinnen-Phobie zu heilen: Da wird dem Patienten eine täuschend echte, aber ungefährliche Spinne auf die Hand gesetzt. Architekten können Gebäude schon vor dem Bau virtuell besichtigen, Schüler gehen im Unterricht durchs alte Rom", sagt Steinicke und verweist auf die Google-Brille, mit der solche Unterrichtskonzepte schon jetzt möglich wären. In der virtuellen Realität. Im realen Alltag wären viele Eltern schon froh, wenn es an den Schulen mehr Computer und Internet gäbe.

Warum das größte Brot das beste ist

Wo gibt es das beste Brot? Die Gourmetzeitschrift "Der Feinschmecker" hat die 500 besten Bäckereien Deutschlands gekürt, neun von ihnen sind in Hamburg – große Ketten sind nicht dabei. "Feinschmecker"-Redakteur Kersten Wetenkamp hat uns erzählt, was einen guten Bäcker wirklich ausmacht.

Elbvertiefung: Herr Wetenkamp, welche Bäckereien haben Sie getestet?

Wetenkamp: In unsere Vorauswahl kamen nur Betriebe, in denen handwerklich gearbeitet, auf Backmischungen und tiefgefrorene Teiglinge verzichtet und viel mit der Hand gemacht wird. Das traf in Hamburg auf 15 Bäckereien zu. Bei den Inhaltsstoffen haben wir darauf geachtet, dass keine ungesunden Zusatzstoffe und nur hochwertige Rohstoffe verwendet wurden.

EV: War es nicht schwer, solche Handwerksbetriebe in Hamburg überhaupt noch zu finden?

Wetenkamp: Ja, denn große Firmenketten breiten sich vor allem in Großstädten immer mehr aus, während kleinere Betriebe sich kaum noch halten können – im ländlichen Bayern oder Baden-Württemberg ist die Auswahl viel größer als in Hamburg. Ketten wie Das Backhus oder Hansebäckerei Junge backen zwar kein qualitativ schlechtes Brot, zählen für uns aber nicht zu den besten Bäckern.

EV: Warum nicht?

Wetenkamp: Einen guten Bäcker macht Charakter und Originalität aus. Einer, der das Rezept des Großvaters abwandelt, neue Brote entwickelt, keine Fließbandware herstellt. Er kennt seine Produkte, hat eine Backstube, am besten noch eine eigene Mühle. Im Test war leider oft der Service eine Schwachstelle – das äußerte sich dann in unmotivierten Mitarbeitern.

EV: Und wie erkennt der Laie nun gutes Brot…?

Wetenkamp: Sicher ist: Ein Bäcker brilliert nicht durchs frische Weizenbrot, sondern durch die Sauerteigbrote mit langer Teigführung. Die haben einen lockeren Teig mit unregelmäßiger Porung und nicht zu viel, nicht zu wenig Säure. Wenn ich ein Brot aussuche, wähle ich immer das größte – weil es am längsten gebacken wurde und das beste Aroma hat.

Und wo sind sie nun, die "besten Bäckereien" Hamburgs? Ausgewählt wurden Schmidt und Schmidtchen (Altona), die Bäckerei Hansen (Groß Flottbek), der Bäcker Becker (Harburg), die Biobäckerei Rettungsbrot (Borgfelde), die Effenberger Vollkornbäckerei (Rotherbaum), die Bäckerei Hartmut Körner (Blankenese), das Springer Bio-Backwerk (Volksdorf), die Bäckerei Hönig (Niendorf) und Die kleine Konditorei (Eimsbüttel)

Street Art: Kunst – oder kann das weg?

Kennen Sie die "Grindelkatzen"? Dieses überlebensgroße Wandbild –zwei grau-schwarz gestreifte Katzen vor Alsterpanorama – prangt seit 1982 an einer Hauswand in der Eimsbütteler Oberstraße in der Nähe der U-Bahn-Station Hoheluftbrücke. Die Fassade habe einen besonderen städtebaulichen Charakter, befand die Eimsbütteler SPD-Fraktion und wollte das Gemälde unter Denkmalschutz stellen lassen. Die Kulturbehörde lehnte ab, Begründung: Um die "geschichtliche, künstlerische, wissenschaftliche und städtebauliche Bedeutung" beurteilen zu können, müssten erst noch ein paar Jahre ins Land ziehen. Die "Grindelkatzen" sind nicht das einzige Wandgemälde in Hamburg. , und immer wieder wird auch diskutiert, ob Street Art erhaltenswert sei. Braucht diesen Kunst im öffentlichen Raum überhaupt den Denkmalschutz? Wir fragten Marco Alexander Hosemann, der für den Verein Stattreisen Street-Art-Rundgänge organisiert. "Street Art ist nun mal vergänglich. Dass das eigene Kunstwerk bald schon wieder verschwinden könnte, ist den meisten Künstlern bewusst", sagt Hosemann. Denkmalschutz werde in der Szene eher als Zeichen dafür verstanden, dass die urbane Kunst in eine "konventionelle Schiene" gedrängt werde. Und ob die "Grindelkatzen" überhaupt als Street Art gelten könnten, sei allerdings strittig: "In der klassischen Szene ist Street Art illegal, wird also nicht nach Auftrag an Fassaden gemalt", so Hosemann. Das Katzen-Bild aber pinselte 1982 der schon etablierte Künstler Georges-Louis Puech ganz legal an die Wand.

Unsere Frage zum Jahresende

Henrik Falk © PR

Was möchten Sie 2017 bessermachen,

Henrik Falk?

"Meine Frau und ich sind in Berlin regelmäßig in die Oper gegangen. Zeit für uns – Liebe, Leiden, Emotionen auf der Bühne. Wir lieben das. Natürlich wollten wir in Hamburg selbiges tun. Ergebnis im letzten Jahr: Wir haben es nicht ein einziges Mal geschafft! Neues Umfeld, dreimalige Verschiebung des Umzugstermins, neue Schulen für unsere Kids, neue berufliche Herausforderungen für uns beide. Schlicht andere Prioritäten. Das muss 2017 anders werden. Wir werden uns die Zeit nehmen, komme, was da wolle. Vier Vorstellungen müssen auch in unserer neuen Heimat mindestens drin sein."

Henrik Falk ist Vorstandsvorsitzender der Hochbahn und kam vor einem knappen Jahr von Berlin nach Hamburg

(Foto: PR)

Mittagstisch

Keine Schlafstatt, aber gutes Essen

Wenn ein Restaurant den Namen Zimmer 34 trägt, hilft offenbar auch der Satz "Gutes Essen, aber keine Zimmervermietung" nicht, denn seit über 20 Jahren klopfen Übernachtungsgäste in spe an. Wegen der für Laufkundschaft ungünstigen Lage könnten Zimmersuchende darüber auch im Unklaren gelassen werden, schlägt man gewieft vor, aber dies hat das kleine Bistro-Restaurant, dessen sympathische Besitzer auch die beliebte Alsterperle betreiben, nicht nötig. Zahlreiche Stammgäste bevölkern die Tische und haben die Wahl zwischen drei wechselnden Gerichten, die alle sechs Wochen wiederkehren. Gemüse-Thaicurry (an anderen Tagen mit Fleisch oder Fisch) gibt es für 7 Euro, Salate und Omelettes für 6 Euro, Suppen und Eintopf für 4 Euro. Daneben bietet die Karte fünfzehn weitere Speisen, vom Grünkohl über Nudelgerichte und hochwertige Salatvariationen bis zu einer Auswahl an Ofenkartoffeln, sodass jeder fündig werden kann. Entspannt sitzt es sich unter stimmungsvoller Weihnachtsdekoration bei einem Lübzer Pils vom Fass, und das fehlende Bett ist endgültig verziehen.

Zimmer 34

Zimmerstraße 34, Mittagstisch Mo. bis Fr. 12 – 14.30 Uhr

Christiane Paula Behrend

 

Was geht

Bücherberg: Im historischen Lichthof der Staatsbibliothek stapeln sich mal wieder die Bücher. Der traditionsreiche Flohmarkt zum Jahresende bietet Dubletten aus Geschenkzugängen von 2016 für wenig Geld. Schnell Weihnachtspräsente hamstern.

Lichthof im Altbau der Bibliothek, Von-Melle-Park 3, 9 – 19 Uhr

Seemannsgarn: Die Schoten an Bord der MS Commodore sind nichts für zarte Gemüter – Manfred Schleiff erzählt von Monsterwellen, Piraten und leichten Mädchen. In seinen "Hamburger Kapitänsgeschichten an Bord der MS Commodore" vereint er ein Potpourri aus 30 Jahren Seemannsgarn.

Barkassen-Meyer,  Bei den St.-Pauli-Landungsbrücken 2+6, Abfahrten 18 und 19.30 Uhr, ab 19 Euro

Syrien am Abgrund: Täglich gibt es Schreckensnachrichten aus Syrien. Wieso hat sich aus dem Wunsch nach Demokratie ein Bürgerkrieg entwickelt? Politikwissenschaftler Prof. Raymond Hinnebusch erklärt im englischen Vortrag "Understanding Civil War and State Failure in Syria" die Hintergründe des Konflikts.

Hamburger Institut für Sozialforschung, Mittelweg 36, 19 Uhr, Eintritt frei

Verschwitzte Ekstase: Wenn Skindred und Zebrahead gemeinsam auf Tour gehen, reißt es das Publikum vom Hocker – die Waliser und Kalifornier rockten 2016 diverse deutsche Festivals. Sie beschreiben ihren Sound als Ragga-Metal und Orange-Country-Party-Punkrock – klingt nach Hamburg-Hüpft-und-Tanzt-Wie-Wild.

Markthalle, Klosterwall 11, 20 Uhr, 22 Euro

Was kommt

Weihnachtsvorlesung: Am kommenden Montag liest ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo bei der 5. Weihnachtsvorlesung im UKE aus seinem Buch "Vom Aufstieg und anderen Niederlagen". Die Interview-Sammlung beinhaltet Gespräche mit bedeutenden Persönlichkeiten aus über 30 Jahren. Nach der Lesung mit Diskussion gibt es Glühwein und Gebäck.
5. Weihnachtsvorlesung, Universitätsklinikum EppendorfHörsaal der Anatomie, Montag, 12. Dezember, 15.15 – 17 Uhr, Eintritt frei.

Hamburger Schnack

Abends in der U-Bahn Richtung Volksdorf. Zwei Männer, offenbar Nachbarn, begegnen sich. Der eine: "Na, Sie hatten aber einen langen Tag, 10 Stunden!" Der andere antwortet: "Sie aber auch!" Darauf der erste lächelnd: "Ich bin Beamter, die Hälfte der Zeit habe ich geschlafen..."

Gehört von Annedore Bröker


Meine Stadt

»Man nennt sie die Filiale des Grauens, besonders dieser Tage...« © Edith Wagner

"Man nennt sie die Filiale des Grauens, besonders dieser Tage..."

Foto: Edith Wagner

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

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