Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

 schon mehrfach wurden wir gefragt, ob wir denn nicht mal mit Olaf Scholz reden könnten zum Fall Gabriel, zum Aufstieg Schulz’, zu seinen, des Ersten Bürgermeisters der Hansestadt Hamburg weiteren beruflichen Vorhaben und natürlich zu seiner Gemütslage. Für all das kursieren aktuell zwei absolut unautorisierte Versionen: Erstens, Herr Scholz freut sich, dass er nicht selbst ranmuss, um den Kanzlerkandidaten zu geben, denn sein Politikstil gleicht dem von Frau Merkel doch zu sehr, und der Wähler, er braucht Gegensätze.

Also bleibt er im schönen Hamburg, zieht Strippen, lässt den Europapolitiker für die SPD ins Wahlkampffeuer ziehen – und sollte Schulz scheitern, okay, tritt Scholz eben beim nächsten Mal an.

Die zweite Version ist kürzer: Olaf Scholz ist einfach ein guter Problemweglächler, aber die Sache wurmt ihn irgendwie doch.

Nur leider, liebe Leser: Welche Version nun annähernd die richtige ist,  das verrät Olaf Scholz uns zurzeit (noch) nicht.

Ich dagegen wollte Ihnen hier noch kurz verraten, dass Sie am Montag an dieser Stelle meine wunderbare Kollegin Annika Lasarzik begrüßen wird.

Bebende Elbanrainer

Mit unserem Text über die Sammelklage gegen die Westerweiterung des Hafens haben wir in ein Wespennest gestochen. Sie erinnern sich: Über 50 Hamburger gehen gegen die geplante Vergrößerung der Wendeschleife und den Bau eines neuen Containerterminals vor – unter anderem wegen drohenden Lärms, aber auch, weil sich ihr Blick über die Elbe ändern wird. Nun bekamen wir Mails von Betroffenen, die sich mit ihren Sorgen nicht ernst genommen fühlten. "Schon jetzt bebt mein Haus, wenn die großen Containerschiffe vorbeifahren oder sich auf dem Wendekreis drehen. Da brauche ich nicht aus dem Fenster zu schauen, sondern es vibriert sehr deutlich unter meinen Füßen", berichtet eine Anwohnerin. Und fragt: "Wie wird es denn mit noch riesigeren Schiffen sein?" Ein Argument, das Benjamin Harders, Sprecher der Stadtteilgruppe Grüne Elbvororte, nachvollziehen kann. Auch bei ihm daheim in Blankenese klappern die Heizkörper, wenn eines der Schiffe vorbeifährt. Harders fragt, ob die Westerweiterung überhaupt nötig sei, ob denn die Prognosen für die Hafenentwicklung überhaupt zutreffend seien. "Es werden überhaupt nicht mehr so große Ladungsmengen erwartet", sagt auch Manfred Braasch vom Hamburger BUND. Braasch sieht allerdings größeres Unruhepotenzial im geplanten Eurogate-Containerterminal. Von dort drohe künftig  Lärm und helles Licht an 365 Tagen im Jahr. Auch wenn Wirtschaftssenator Frank Horch von einem "eingeplanten Lärmschutz" spricht – im Planfeststellungsbeschluss ist bereits die Rede von einer nächtlichen Richtwertanhebung von 35 auf 45 Dezibel.

Kein HSV ohne Spahić? Und ohne Dino?

Emir Spahić ist gekommen, um zu bleiben – nur der HSV sieht das anders. Der Verein will den Innenverteidiger bei seinen Spielen nicht mehr auf dem Feld sehen, nicht einmal beim Training ist er noch erwünscht. Doch die Hoffnung des HSV, den Spieler zu einem Wechsel  zu bewegen, ihn während der Wintertransferphase an einen anderen Verein abgeben zu können, blieb bislang unerfüllt. Ganz im Gegenteil: Spahić lässt sich nicht so leicht aus der Mannschaft kicken. Der 36-Jährige pocht auf seinen Vertrag und zieht jetzt sogar vors Hamburger Arbeitsgericht. Er reiht sich damit neben Spieler wie Marcus Berg, Robert Tesche und Gojko Kacar, die diesen Weg auch schon gegangen sind. Kommt Spahić vor Gericht mit seinem Anliegen durch, heißt das im Übrigen nicht, dass er auch eingesetzt wird. Anspruch hat er dann lediglich auf die Teilnahme am Training, und dann könnte es wieder spannend werden. Denn abgesehen von sportlichen Leistungen oder Nichtleistungen ist der Spieler noch für etwas anderes bekannt: seine aufbrausende Art. Ein anderes Sorgenkind macht dem Verein den Abschied da wesentlich leichter. Alen Halilović, der erst im vergangenen Sommer für teuer Geld in die Mannschaft geholt wurde, hat wohl seinen Spind geräumt. Er soll demnächst bei UD Las Palmas unter der spanischen Sonne einnetzen – die Verhandlungen seien bereits kurz vor dem Abschluss. Eine Option, die auch Spahić noch hätte. Bis zum 31. Januar läuft die Transferphase, für den gleichen Tag ist die Gerichtsverhandlung anberaumt. Vielleicht kommen sie ja doch noch, die Last-Minute-Angebote zum Wechsel …

Dabei ist beim HSV gerade ein höchst prominenter Job vakant: der Fußball-Bundesligist sucht Ersatz für sein Maskottchen "Dino Hermann" beziehungsweise jemanden, der das Riesenkostüm mit Leben füllt. Bewerber sollten "für jeden Spaß zu haben sein, Spaß am Umgang mit HSV-Fans" haben, über 1,80 Meter groß sein – und, sieh an, "eine Affinität zum HSV besitzen". Wir dürfen hinzufügen: Im Sommer wird es im Kostüm heiß. Ach so: Für Emir Spahić ist der Job nichts; gesucht wird ein sogenannter Werksstudent oder ein 450-Euro-Jobber.

Radioserie über den Weg in den Terror

Mit 14 Jahren beginnt ein Junge aus St. Pauli, sich zu radikalisieren. Drei Jahre später, im Mai 2015, reist Bilal nach Syrien, um sich der Terrormiliz Islamischer Staat anzuschließen. Zwei Monate später ist er tot. Sein Vermächtnis: eine Audiobotschaft, die seine Glaubensbrüder warnen soll. In einer fünfteiligen Radio- und Podcastserie geht der Journalist und Autor Philip Meinhold nun auf Spurensuche. Er hat viele Fragen: Wie konnte es so weit kommen, dass ein freundlicher, beliebter Junge in die Fänge von Salafisten gerät? Was hat ihn dazu gebracht, nach Syrien zu reisen und für den IS zu kämpfen? Und was steckt hinter der Sprachaufnahme, die er an seine Freunde in Deutschland geschickt hat? In einer fast einjährigen Recherche rekonstruierte der Autor "Bilals Weg in den Terror", er sprach mit Sicherheitsexperten, Predigern, Lehrern, Freunden und der Mutter des Jungen. Dabei ist er auf viele Vorbehalte gestoßen, das Thema sei auf allen Seiten angstbesetzt, erzählt Meinhold. "Aber ich habe gemerkt, dass es auch ein Bedürfnis gibt, darüber zu reden." Meinhold hat auch versucht, Einblicke in die Mechanismen der islamistischen Szene in Hamburg zu bekommen. Was er dabei erfahren hat, lesen Sie im Interview hier bei ZEIT Online.

Ein Fuchs ging in die Küche ...

Das Video eines kontaktfreudigen Fuchses, der durch das Gelände einer Wilhelmsburger Containerfirma stromert und keine Scheu vor den Menschen zu haben scheint, sorgt im Netz gerade für Aufsehen. Der Fuchs kommt den Beobachtern so nah, dass diese sogar fürchten, er werde ihnen womöglich in den Allerwertesten beißen. Auch an den Landungsbrücken und auf dem Ohlsdorfer Friedhof wurden schon Füchse gesichtet. Ist das jetzt ein Trend? Wir haben bei Guido Teenck vom Hamburger Naturschutzbund nachgefragt.

Elbvertiefung: Herr Teenck, betreibt der Fuchs Landflucht?

Guido Teenck: Die Füchse wandern bereits seit Jahren in die Stadt ein. Sie suchen Nahrung, wie viele andere Wildtiere auch. Durch die Intensivierung der Landwirtschaft im Umland verlieren die Tiere immer mehr Lebensraum. In den Parks der Stadt hingegen finden sie genügend Ecken, in denen sie sich verstecken können. Außerdem werden in der Stadt Füchse – anders als beispielsweise Kaninchen – nicht gejagt, auch das bekommen die Tiere mit.

Elbvertiefung: Die Fuchspopulation in Hamburg nimmt also zu?

Teenck: Uns liegen keine Zahlen vor, nach denen sich die Population in jüngster Zeit vergrößert hat. Wir verlieren in Hamburg ja viele Freiflächen, die den Tieren zur Verfügung stehen würden, durch Wohnungsbau und andere Infrastrukturmaßnahmen. Das macht es für die Wildtiere eher wieder schwieriger in der Stadt.

Elbvertiefung: Kein Wunder, dass die Füchse frecher werden, zumal wenn man sie füttert; der Fuchs in dem Video kam auf der Suche nach Nahrung sogar ins Gebäude ...

Teenck: Das Füttern sollte man tunlichst vermeiden. Denn dann verlieren die Tiere ihre Scheu vor dem Menschen. So werden aus Wildtieren sogenannte Problemtiere, wie zum Beispiel "Kurti", der Wolf, der zu nah an die bewohnten Gegenden kam und am Ende getötet wurde.

Elbvertiefung: Mit Wölfen müssen wir in Hamburg weniger rechnen. Gab es schon einmal einen Problemfuchs?

Teenck: Nein. Das Problem sind Menschen, die Füchse oder Wölfe füttern.

Elbvertiefung: Wie verhält man sich eigentlich, wenn man sich auf dem Weg zum Mülleimer einem Fuchs gegenübersieht?

Teenck: Abstand halten, ruhig bleiben und es genießen, einem wilden Tier in der Stadt zu begegnen.

Kinobesuch mit Kopfhörer

Da sitzt man gemütlich im Kino, will sich in den Sessel kuscheln und einfach nur den Film genießen, aber versteht kaum etwas, denn der Sitznachbar wühlt im Popcorntrog, als hänge sein Leben daran. Und dann das Handy des Hintermanns ... Für alle, denen solche Dinge regelmäßig das Filmvergnügen vermiesen, gibt es nun eine frohe Botschaft: Das SchanzenKino73, neuestes Küken in Hamburgs Kinolandschaft, verpasst den Besuchern mit der Eintrittskarte Leih-Kopfhörer. Aber bevor Sie sich nun aufregen, dass so endgültig der Atomisierung unserer Gesellschaft Vorschub geleistet werde: Was der Idee zugrunde liegt ist nicht das soziale Abkapseln, sondern die Möglichkeit, den Film auf Deutsch oder im Originalton zu hören. Vorbei die mühselige Entscheidung, ob der Blockbuster unbedingt in Originalsprache gesehen werden muss und wie weit man dafür reisen will. Künftig bekommt jeder die Sprache auf die Ohren, auf die er gerade Lust hat. Eigentlich eine naheliegende Idee; nach Aussagen der Betreiber handelt es sich bei dem Theater dennoch um "das erste Kopfhörerkino weltweit". Wem der Darsteller aus Wyoming zu sehr nuschelt, der kann übrigens während des Films bequem die Tonspur wechseln. Den Hörer einfach absetzen kann er natürlich auch. Dann hört er allerdings nur noch den Nachbarn mit dem Popcorn.

Lesevertiefung

Drei Buchempfehlungen fürs Wochenende ...

BilderbuchJeder kennt Redewendungen wie "nach jemandes Pfeife tanzen". Dieses Buch setzt sie detailreich und hintergründig ins Bild. Für die Kleinen ein Wimmelbuch, die älteren Kinder lädt es zu Fantasiereisen ein. Als die Esel Tango tanzten … Erzählbilder von Stefanie Harjes; Mixtvision Verlag, 14,90 Euro

Roman Mit zwei Schwestern und dem älteren Bruder Paddy wächst Mickey im Belfast der 1980er-Jahre auf. Der Vater säuft, die Mutter schuftet, und draußen wütet der Bürgerkrieg. Während Paddy mit der IRA anbandelt und der Vater nervt, versucht die Mutter, die Familie zusammenzuhalten. McVeighs Erstlingsroman ist berührend, traurig und komisch zugleich. Paul McVeigh: Guter Junge; Wagenbach Verlag, 22 Euro

Sachbuch 1933 stellen Fritz Landshoff und Emanuel Querido in Amsterdam ein Verlagsprogramm zusammen mit Autoren wie Lion Feuchtwanger, Klaus Mann, Joseph Roth, Irmgard Keun und Anna Seghers. Aus dem Projekt wird einer der wichtigsten Exilverlage deutschsprachiger Literatur. Bettina Baltschev: Hölle und Paradies.; Amsterdam, Berenberg , 22 Euro

… ausgewählt von Gerlinde Schneider; Buchladen Osterstraße; Eimsbüttel

Was geht

Wildes Theater: Große Tiere und Gespenster machen der kleinen Frau Angst. Bis sie beschließt, selber "Wild und gefährlich" zu werden. Das Theater FunkenFlug entdeckt mit Kids ab vier Jahren, wie das fürchterliche Monster darauf reagiert.

Jugend- und Kommunikationszentrum Schenefeld, Osterbrooksweg 25, 15 Uhr, 5 Euro

Freiheit für Auschwitz: Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Zeitzeugen gibt es kaum noch – umso wertvoller ist der Besuch des KZ-Überlebenden, Schriftstellers und Diplomaten Ivan Ivanij im Michel. Zum "Gedenken an Auschwitz" liest er aus "Geister aus einer kleinen Stadt".

St. Michaelis, Englische Planke 1, 18 Uhr, Eintritt frei

Comedy-Kampf: "Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Kann ich da mit Kreditkarte zahlen?", fragt Berhane Berhane bei der Hauptrunde des 15. Hamburger Comedy Pokals. Sein Kontrahent Henning Schmidtke erkundet in Liedern die Geheimnisse der Ewigkeit. Witz, Philosophie oder beides?

Zinnschmelze, Maurienstraße 19, 20 Uhr, 15 Euro

Lesung trifft Jazz: Es geht um Sinti, Nazis, Traumata – "Spiel Zigeunistan" basiert auf Gesprächen mit der Wilhelmsburger Familie Weiss. Autorin Christiane Richers und Jazz-Saxophonist Kako Weiss erzählen mit Text und Musik ein Stück deutscher Geschichte.

Curio-Haus, Rothenbaumchaussee 15, 20.30 Uhr, 10 Euro

Was kommt

Musik im Traum: Hebräische Volkslieder, irische Balladen, Beatles-Songs und Werke von Kurt Weill – Esther Ofarims Programm ist international. Mit dem Konzert "I’ll see you in my dreams" bezirzt die Israelin jetzt den Kiez. Da schunkeln die Türsteher.

St. Pauli Theater, Spielbudenplatz 29–30, Samstag, 19.30 Uhr, ab 17,90 Euro

Klassik ohne Bass: Beethovens Serenade op. 25 überrascht ohne Bassstimme, dafür mit bezaubernd leichtem Klang. Im Philharmonischen Kammerkonzert ertönen außerdem Werke von Claude Debussy und Albert Franz Doppler.

Laeiszhalle, Kleiner Saal, Sonntag, 11 Uhr, ab 9,90 Euro

Fest für Lessing: Theaterfestivals gibt es viele in Hamburg. Die Lessingtage 2017 aber stellen eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit: Wie passen religiöse Friedensbotschaften mit Gewalt im Namen Gottes zusammen? Bundestagspräsident Norbert Lammert spricht zum Auftakt von "Toleranz und Gewalt ­– Über das Verhältnis von Religion und Politik".

Thalia Theater, Alstertor, Sonntag, 11 Uhr, Eintritt frei

Was bleibt

Fotos von A bis A: "20.000 km über Land & Meer" zeigt Arbeiten der Abenteuerreise von Fotografin Tina Scheffler. Von der Arktis über den Äquator bis hin zur Antarktis war sie unterwegs. Wo leben jetzt noch mal die Pinguine?

Duvenstedter BrookHus, Duvenstedter Triftweg 140, Vernissage Sonntag um 12 Uhr, Ausstellung bis zum 26. März, Eintritt frei

Schnack

Auf der Hochzeitsmesse kommt eine hochengagierte Messehostess auf uns zu: "Dauerhafte Haarentfernung, nie wieder rasieren!" Meine etwas perplexe Antwort: "Aber was hält mich denn dann warm, im Winter?" Das Lachen der Dame klang etwas schrill.

Gehört von Merret Große

Meine Stadt

Toll, jetzt gibt es endlich einen Solar-Mülleimer im Kellergeschoss der Europa Passage. Fehlt nur noch die Sonne! © Nicole Franz

SCHLUSS

Liebe Leser, Sie haben natürlich vollkommen zurecht gestutzt. Das Straßenkinderprojekt KIDS war in der Tat nicht im Bienenhaus, sondern im Bieberhaus untergebracht. Da haben uns die vielen fleißigen Hamburger Bienen, von denen uns einige schon ihren Honig kosten ließen, wohl den Kopf verdreht. Beziehungsweise, um ganz ehrlich zu sein, es war das nicht abgestellte Autokorrekturprogramm. Und so können wir eigentlich froh sein, dass es bei den Bienen blieb und die Software nicht etwas ganz anderes daraus gemacht hat.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Und am Montag begrüßt sie hier Kollegin Annika Lasarzik.

Ihr Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.