Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

das Urteil ist gefallen. Das Urteil, glaubten viele Hamburger, das über Wohl oder Wehe der Wirtschaft oder aber der Umwelt entscheiden würde. Gut, es fiel anders aus, als es sich die meisten auf beiden Seiten wünschten. Die Planfeststellungsbeschlüsse zur Elbvertiefung seien "rechtswidrig und nicht vollziehbar", urteilten die Bundesverwaltungsrichter. Was aber nicht heißt, dass das Projekt gekippt ist, wie es viele seiner Gegner in erster Euphorie in den sozialen Medien verbreiteten. Es bedeutet nur: Die Planer werden – wieder einmal – nachbessern müssen.

Und das auch dank eines Krauts mit einem Namen, der sympathischer klingen könnte: dem Schierlings-Wasserfenchel (Oenanthe conioides). Ein Doldengewächs mit weißen kleinen Blüten, bis zu zwei Meter hoch, das nordwestlich der Stadt, auf den Schlickböden, die durch Ebbe und Flut periodisch überschwemmt werden, sein weltweit letztes Refugium findet. Umweltschützer befürchten, dass mit der Elbvertiefung verbundene Veränderungen in Salzgehalt und Fließverhalten der Population schaden könnten. Das Bundesamt für Naturschutz zählt die Pflanze zu den vom Aussterben bedrohten Arten; Deutschland trägt mithin eine besondere Verantwortung für seine Erhaltung.

Wieso?, fragen manche Elbvertiefungsbefürworter zähneknirschend, wieso ist dieses Sumpfkraut so einzigartig, dass man es schützen muss? Ganz einfach: Es ist Teil der Schöpfung. Die Richter bemängelten im Urteil unter anderem eine "ungenügende Verträglichkeitsprüfung" der geplanten Fahrrinnenvertiefung für die Pflanze.

Die hat, auch dieser Mythos hält sich beharrlich, übrigens mit dem Schierlingsbecher nichts zu tun. Das böse Gift, das den Atem lähmen kann, steckt im ähnlich aussehenden Wasserschierling.

Elbvertiefung kommt – nur wann?

Das Warten auf die Elbvertiefung geht also in die nächste Runde.

Es dauert – wieder einmal – länger als gedacht. Grundsätzlich kann die Elbvertiefung aber kommen. Fragt sich nur: Wann? Der Hamburger Wirtschaftssenator deutete an, dass die Nachbesserungen im besten Falle bis zu einem halben Jahr dauern könnten, falls es nötig sein sollte, die Öffentlichkeit erneut zu beteiligen, auch ein bis zwei Jahre. Klingt beides recht optimistisch. Hinzu gezählt werden muss dann auch noch die tatsächliche Bauzeit von ungefähr 2,5 Jahren. Bis wirklich alles fertig ist, könnte also schon noch mal ein halbes Jahrzehnt vergehen. Wie lange es mit der Elbvertiefung am Ende dauern wird, hängt auch vom Geschick der Hamburger Politik ab. Sie muss verhindern, dass die Umweltverbände gegen die Nachbesserungen erneut klagen. Das heißt entweder so perfekte Unterlagen vorlegen, dass die Umweltverbände von Anfang an keine Chance sehen, ihre Klage zu gewinnen, oder sich vorab mit den Verbänden einigen, damit die auf eine weitere Klage verzichten. Mehr dazu von unserer ZEIT:Hamburg-Kollegin Hanna Grabbe lesen Sie hier.

Radweg = Zubetonierter Elbstrand?

Des Fahrradfahrers Glück ist des Fußgängers Leid – oder wie war das mit dem Radweg auf dem Elbstrand in Övelgönne? (Wir berichteten.) Während die einen jubeln, dass der Bezirk Altona nun endlich den Lückenschluss des Elberadwegs angehe – "dann entfielen die verbalen Anfeindungen bis zum Zwang, vom Rad zu steigen, weil man den Nachwuchs nicht so gern vor den Augen dreister Eltern umfahren will", schreibt uns ein Leser –, erachten andere die Idee als "absurd". "Weshalb nennt man das Projekt nicht gleich Zubetonierung des Elbstrands‹?, schlägt eine Leserin – selbst Radfahrerin – wenig amüsiert vor. Dirk Lau vom Hamburger ADFC kann die Aufregung nicht nachvollziehen. Der Bau sei längst überfällig. Der geplante Weg bringe nicht nur Radfahrern und Pendlern lang ersehnte Entspannung auf der Strecke, sondern auch Fußgängern – Moment mal: Fußgängern?! Der Radweg wäre laut Planung doch eben NICHT für Fußgänger! Ach nein, Lau meint damit beispielsweise den viel frequentierten Kapitänsweg, den Radler dann nicht mehr nutzen müssten. Dass sich Spaziergänger und Radtouristen am Strand in die Quere kommen könnten, sieht er nicht. Trotzdem: Wie will man verhindern, dass Ältere und Kinderwagenschieber den schönen neuen Radweg dann einfach doch nutzen? Sind zum Queren der Radrennstrecke wenigstens Ampeln für ängstliche Fußgänger vorgesehen (zumindest – wir kennen ja die Radfahrer! – symbolische)? Vom Bezirksamt Altona war gestern dazu nichts zu erfahren.

Hamburger Reiter schwingen die Peitsche gegen Tangstedt

Jetzt wird es wirklich wild in Tangstedt. Der kleinen Gemeinde vor den Toren der Stadt, wo, vielleicht erinnern Sie sich, viele Reiter, auch aus Hamburg, ihre Pferde unterstellen, um der Landlust zu frönen. Tangstedts Aufgabe besteht darin, Wege für die Reiter in Schuss und frei von gefährlichen Ästen und Steinen zu halten und Pferdeäpfel von den Straßen zu räumen. Nun möchte man dafür monatlich 12,50 Euro pro Pferdekopf verlangen. Das ist nicht allzu viel; allerdings lässt sich die Zahl der Pferdesteuer erhebenden Gemeinden in Deutschland an einer Hand abzählen. Und einige Hamburger Reiter, berichtete exklusiv das "Hamburger Abendblatt", wollen die Gemeinde, macht die ernst, bitter büßen lassen. "In einer Metropolregion geht es nicht, immer nur zu ›nehmen‹, man muss auch etwas ›geben‹", sagt uns Christina Pampel, eine der Reiterinnen, die sich einen Anwalt zur Seite geholt hat. Es könne nicht sein, dass die Gemeinde ihre Finanzprobleme lösen wolle, indem sie in erster Linie Hamburgerinnen zur Kasse bitte. In einem Brief forderte Pampel die Stadt Hamburg auf, alle Kooperationen und Projekte mit Tangstedt aufzulösen und das, was Tangstedter in Hamburg so tun – zum Arzt gehen, S-Bahn-Fahren – nur für Tangstedter per Zuschlag zu verteuern. Im Tangstedter Rathaus schüttelt Raymond Haesler, Finanzausschussmitglied der Gemeinde, den Kopf, spricht gar von "Trumpologie" und der Verbreitung von "Fake-News": "Alle Pferdehalter unabhängig von Herkunft oder Ansehen würden besteuert werden." Was Olaf Scholz dazu sagt, bleibt abzuwarten. Wie wir erfuhren, hat niemand die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Nachts in der Uni endlich arbeiten

Im stillen Kämmerlein über Brecht oder Foucault zu brüten, das kann nicht jeder – wenn der Abgabetermin einer Semesterarbeit näher rückt, sitzt manchem Studenten schon einmal die Panik im Genick. Aber er kann einfach nicht anfangen. Zum sechsten Mal öffnet die Universität Hamburg amDonnerstag nächster Woche von 16 bis 24 Uhr ihre Türen zur "Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten". Was bringt die? Wir haben den Leiter der zentralen Studien- und der psychologischen Beratung der Uni Hamburg, Ronald Hoffmann, gefragt.

Elbvertiefung: Herr Hoffmann, reißt eine "Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten" tatsächlich die Prokrastinierer aus ihrer Lethargie?

Ronald Hoffmann: Die vergangenen Veranstaltungen haben gezeigt, dass solche Events Energie geben können. Und dabei helfen, einen gewissen Widerstand zu durchbrechen, sich selbst zu sagen: "Jetzt mache ich wirklich mal was."

Elbvertiefung: Schafft man also in der Gemeinschaft wirklich mehr?

Hoffmann: Die soziale Komponente spielt gerade beim Prokrastinieren eine Rolle, denn die Leute, die das tun, machen ja nicht nichts – sie machen eben nur nicht das, was sie sollen und auch selber wollen. Den positiven Effekt sehen wir vor allem in unseren Schreibwerkstätten, die wöchentlich stattfinden. Dort sitzen bis zu 25 Studenten in einem Raum und arbeiten nebeneinander. Da bekommen wir öfter Rückmeldung von Studierenden, die sagen: Ohne euch hätte ich das nicht geschafft.

Elbvertiefung: Sitzen bei der "Langen Nacht…"  also Hunderte Studenten in der Bibliothek und tippen?

Hoffmann: In den vergangenen Jahren kamen 150 bis 200 Studenten. Viele davon nutzten hauptsächlich unsere Workshops, in denen sie zum Beispiel lernen, welcher Schreibtyp sie sind und wie sie am besten mit dem Schreiben anfangen. Ein kleinerer Teil setzt sich auch direkt mit seinen Laptops an die Schreibplätze und beginnt zu schreiben.

Elbvertiefung: Nach dem Abend stapeln sich aber nicht die fertigen Hausarbeiten auf den Tischen der Lehrenden?

Hoffmann: Also wenn einem acht Stunden – so lange dauert die Lange Nacht – ausreichen, um eine Arbeit zu Ende zu bringen, dann weiß ich nicht, ob der zu einem solchen Event kommt. Uns geht es darum, gerade die zu locken, die aktuell noch verzagt zu Hause sitzen und nicht wissen, wie sie anfangen oder weitermachen sollen – denen kann so ein Abend den nötigen Push geben.

Hamburgs Katholiken bekommen Verstärkung

Habemus papam! Nein, gelogen. Aber – und das ist doch auch schon mal was – das Erzbistum Hamburg bekommt einen Weihbischof. Wie gestern im Vatikan bekannt gegeben, hat Papst Franziskus Propst Horst Eberlein aus Schwerin ernannt. Am 25. März soll die offizielle Weihe Eberleins im Hamburger Mariendom stattfinden. Er wird den Titel Weihbischof von Tiseda tragen. Der 66-Jährige übernimmt die Nachfolge von Hans-Jochen Jaschke und unterstützt Erzbischof Stefan Heße im Bistum, zu dem etwa 400.000 Katholiken zählen. "Eberlein wird als Weihbischof dafür sorgen, dass die Gemeinden im Norden über die Landesgrenzen hinaus weiter zusammenwachsen", sagte der Präsident des Landtags von Schleswig-Holstein, Klaus Schlie (CDU). Eberlein sei ein überaus beliebter Seelsorger und ein tiefgründiger Theologe. Was ist zu erwarten von dem Mann, der in seiner freien Zeit gerne liest und angelt? Wird er ähnlich öffentlichkeitswirksam sein wie sein Vorgänger? "Die Talente von Weihbischof Jaschke besitze ich wahrscheinlich nicht", sagte er bescheiden hinsichtlich Jaschkes Medienpräsenz. So zurückhaltend müsste sich Eberlein gar nicht geben, gehört er doch bereits seit 2015 zum Führungsgremium des Erzbistums.

Leservertiefung

Drei Buchempfehlungen fürs Wochenende ...

Fotobuch Dem Offensichtlichen hat er den Kampf angesagt: William Egglestons Blick gilt dem Alltäglichen, das er in leuchtenden Kompositionen einfängt. Zu einer Ausstellung des "Vaters der Farbfotografie" in New York ist nun eine Auswahl aus seiner bedeutendsten Serie, "The Democratic Forest", erschienen. William Eggleston: The Democratic Forest. Selected Works; Steidl, 45 Euro

Sachbuch Niklas Maak reist mit uns zu exzentrischen Häusern und ihren Bewohnern und erzählt von den Ängsten und Hoffnungen, die Menschen dazu bringen, eine Kuppel an Sardiniens Küste zu bauen, ihr Einfamilienhaus um einen arabischen Erker zu erweitern oder ein Beton-Ufo zu errichten.Niklas Maak: Atlas der seltsamen Häuser und ihrer Bewohner Hanser Verlag, 20 Euro

Kinderbuch Was haben ein Hai und ein Geodreieck gemeinsam? Und welche Beziehung besteht zwischen einem Baum und einem Tintenfisch? Nicht nur Kinder haben Freude daran, die vielfältigen Verbindungen zwischen Jason Fulfords Fotografien zu entdecken. Jason Fulford/Tamara Shopsin: This Equals That; Aperture, 19,99 Euro

… ausgewählt von Ann-Kristin Hohlfeld; Sautter + Lackmann; Mitte

Was geht

Bilderbuchkino: Am Waldrand steht plötzlich ein Klohaus – für Tiere. Zu oft hat sich der Förster über ihr "Geschäft im Grünen" geärgert. Hartmut der Bär und seine Freunde fragen sich besorgt: "Müssen wir?" Für Kids ab vier Jahren.

Bücherhalle Kirchdorf, Wilhelm-Strauß-Weg 2, 10.30 Uhr, Eintritt frei

Stumme Leinwand: Schneewittchen ist sprachlos, schwarz-weiß und lebt in Spanien. Den preisgekrönten Stummfilm "Blancanieves" begleiten die Jazzmusiker Dirk Dhonau (Schlagzeug), Joachim Kamps (Klavier) und Hans-Christoph Hartmann (Saxofon).

Zinnschmelze, Maurienstraße 19, 20 Uhr, 10 Euro

Lieder in Sätzen: Viele Romane sind von Musik inspiriert – Sängerin Stefanie Oeding führt in "Die Melodie der Worte" durch eine multimediale Zeitreise musischer Literatur.

Zentralbibliothek, Hühnerposten 1, 17 Uhr, Eintritt frei

Von B wie Bass bis R wie Rap:Özgür Yelmen alias DJ Passion gilt als Tastemaker der Freestyle- und Hip-Hop-Szene. Im CMYKlub legt er die ganze Palette auf – von Bass über Electronica bis hin zu Rap. Abtanzen.

moondoo, Reeperbahn 136, 23 Uhr, 10 Euro

Was kommt

Fest im Höhenflug: Nicht nur in Bezug auf den Eintrittspreis, auch kulinarisch verdient diese Party ihren Namen – der Ball über den Wolken 2017 lädt ein zu Schampus und Austern, Whiskey und Roulette.

Atlantic Hotel, An der Alster 72–79, Samstag, 18.30 Uhr, 295 Euro, Anmeldung unter 040/28 88 75 8

Erotische Oper: Wer "Lulu" liebt, stirbt. Schuld ist ihr Körper: Männern widerfährt in seiner Gegenwart ekstatisches Glück, ekstatische Aggression, ekstatisches Sterben.

Staatsoper, Große Theaterstraße 25, 18 Uhr, ab 8 Euro

Emilianas Trommelwirbel: In Islands Dschungel tönen noch immer die Trommeln der "Djungle Drum" – zumindest, wenn Emiliana Torrini auf der Bühne steht. Neu ist allerdings, dass sie mit The Colorist auf Tour geht, einem Orchester mit klassischen und selbst gebauten Instrumenten.

Fabrik, Barnerstraße 36, Sonntag, 21 Uhr, 29,45 Euro im VVK

Schnack

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit: Mein kleiner Hund zieht mich bei unserem dritten Gassigang des Tages – es gibt gerade viele hübsche läufige Hündinnen – durch die Februarkälte. "Alles so trist und öde …", dachte ich frierend. Kein Frühling in Sicht, kalt, dunkel, trübe, und dann dieser Hund, dem die Kälte gar nichts auszumachen scheint. Ich versank gerade in Selbstmitleid. Da fuhr ein junger Mann rasant auf einem Rennrad mitten auf der Straße und rief, so laut er konnte: "GEIL!!! GEIL!!!" Am Ende der Straße hörte ich ihn noch schreien: "Es ist so GEIL!!!!!" Überrascht davon, dass es an einem so öden Tag noch richtig tolle Nachrichten geben kann, fragte ich mich die ganze Zeit, was es gewesen sein könnte: eine neue Wohnung? Ein neuer Job, vielleicht als Kellner oder Animateur auf einem Kreuzfahrtschiff in die Sonne? Ein Lottogewinn? Vielleicht ist er auch total verliebt, und seine Auserwählte hat ihm endlich ein Zeichen gegeben? Ich werde es nie erfahren …!

Gehört von Angela Fiene

Meine Stadt

Ich hatte kurz überlegt, ob ich da anrufen soll … © Katja Koehler

SCHLUSS

Wer heute Nacht schlaflos in Hamburg ist, der sollte sich nicht unnötig in den Laken wälzen, sondern den Blick gen Himmel richten. Da gibt es einiges zu sehen! Um 23.30 Uhr werden Sonne, Mond und Erde exakt in einer Linie stehen, und es kommt zu einer Mondfinsternis (Peak um 1.45 Uhr). Außerdem fliegt der Komet mit dem klangvollen Namen "45P" ganz nah an der Erde vorbei und ist mit ein bisschen Glück und dem Blick durchs Fernglas zu erhaschen. Hm, wäre durchs Fernglas zu erhaschen, wenn der Himmel kurz mal nicht (wie vom Meteorologen geplant) voller Wolken ist. Ein noch intensiveres Erlebnis wäre daher definitiv im Planetarium möglich. Das eröffnet aber leider erst am Dienstag, nach fast eineinhalb Jahren Bauzeit, aber immerhin passend zum Valentinstag. Der offizielle "Spielbetrieb" beginnt am 17. Februar.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung (also die richtige). Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Am Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.