Kriminell anziehend – Seite 1

Der Hansaplatz und ich kennen uns im Grunde kaum. Ich schmachte ihn nur an. Seit zehn Jahren lebe ich in seiner Nähe und wenn ich ihn morgens auf meinem Arbeitsweg überquere, wenn ich hochblicke am Brunnen in seiner Mitte und der goldene Dreizack der Hansa-Göttin in der Sonne glitzert, bin ich wie verzaubert. Dieser Stolz! Diese Energie! Ich kann aber nicht erklären, woher das kommt. Der Hansaplatz und ich, wir haben nie viel Zeit miteinander verbracht.

Wie oft bin ich schon sprachlos gewesen seinetwegen! Fast immer, wenn ich erzählt habe, dass ich in St. Georg wohne. Ich will ihn verteidigen und schaffe es nicht. Zuletzt erging es mir so, als ich mich mit einer Kollegin über meinen Stadtteil unterhielt: "Schöne Gegend", sagte sie und meinte die Lange Reihe und die Alster, "nur der Hansaplatz wäre mir zu asselig."  

So wie die Kollegin denken viele. Sie halten den Platz im Bahnhofsviertel für ein Sorgenkind, einige sogar für einen Schandfleck. Kaum ein anderer Ort in Hamburg steht für sie so sehr für Prostitution und Drogen, für Armut und Gewalt. Und es gibt Kriminalitätsstatistiken, die ihnen recht geben. Was bringt mich dazu, diesen Platz trotzdem anzuhimmeln?

Es ist ein Freitagmorgen, als ich beschließe, es herauszufinden. Ein Tag, nur der Platz und ich. Ich möchte ihm endlich näher kommen. Was erzählen mir die, die ihn wirklich gut kennen? Was sehen sie in ihm? Fühle ich mich am Ende bekräftigt in meiner Zuneigung – oder doch alles nur Einbildung?

Wir beginnen auf der östlichen Seite, in einem schlichten Backsteinbau aus den Fünfzigern, im Traumzeit, einem von drei nebeneinander liegenden Cafés. Im Sommer sitzen die Gäste draußen auf Bänken und Liegestühlen. Jetzt, im Winter, wagen sie sich nur kurz raus, um in eine rote Decke gewickelt zu rauchen. Die meiste Zeit klemmen sie zwischen bunten Kissen und starren auf den Platz. "Ist besser als Fernsehen", sagt Betim, Juniorchef im Traumzeit, der an diesem Morgen selbst viel Zeit mit Nachdraußengucken verbringt.

Es ist nicht viel los, lange bin ich Betims einziger Gast. Er steht neben mir und kommentiert, was vor dem Fenster passiert. Die drei jungen Männer, die kurz stehen bleiben? "Stricher aus der Schwulenbar um die Ecke." Die zwei Polizisten, die Streife gehen? "Machen eh nichts." Erst gestern hätte er sie darauf aufmerksam gemacht, dass sich in einem Hauseingang zwei Prostituierte prügelten. Nur mit den Schultern gezuckt hätten sie.

Für Betim, so scheint es, ist der Platz ein riesiges Aquarium. Er staunt über die bunten Fische, die sich in ihm tummeln. Er lächelt, wenn er erzählt, wie ein junger Transvestit in sein Lokal eilte, sich eine Gabel nahm und wie selbstverständlich vom Teller eines Gastes aß. Gleichzeitig macht ihm die Unberechenbarkeit, die hinter den Scheiben aufblitzt, Angst. Was, wenn die Saufgelage am Brunnen weiter zunehmen? Und die Prügeleien? Ins Traumzeit kämen zu 80 Prozent Touristen, erzählt Betim. Dank dem nahen Hauptbahnhof und den vielen Hotels in der Umgebung. Eine sensible Kundschaft. Schwer zu sagen, ab wann der Platz für sie nicht mehr authentisch, sondern abstoßend ist.

Gegen zwölf Uhr füllt sich das Traumzeit. Betim hat zu tun. Er nimmt Bestellungen auf und trägt Teller aus, auf denen sich Tagiatelle um Scampis und Rucola-Cherrytomaten kräuseln. Zeit für mich, weiterzuziehen. Ich habe den Platz von seiner distanzierten, genüsslichen Seite erlebt. Wirklich gefährlich erschien er mir nicht. Wie begegnet er mir als nächstes?

Im Asia Grill

Rüber zur nördlichen Seite, hinter der die Lange Reihe verläuft. Ein Wohnblock mit Balkonen aus den Sechzigern. Beim Einwohnerverein testet man den Beamer. Im Seniorentreffpunkt läuft der Qigong-Kurs. Hinein in den Asia Grill, der allein kulinarisch kaum gegensätzlicher zum Traumzeit sein könnte. Die Speisekarte offeriert deutsche und asiatische Derbheiten. Currywurst mit Pommes steht neben Bratreis mit Huhn. Der Preis beträgt jeweils fünf Euro. Ich grüße die drei Herren, die Paderborner trinkend vor der offenen Küche sitzen, und begebe mich an den Tisch direkt ans Fenster, in dem eine Topfpflanze mit dem Friteusenfett-Erstickungstod ringt.

Eine Weile passiert nicht viel. Ich gucke raus auf den Platz. Die Herren fachsimpeln über Biermarken, ich stippe Pommes in Mayo und beginne mit einer kleinen Sozialstudie zum Nutzungsverhalten des öffentliches Pissoirs vor dem Fenster. Es pinkeln nacheinander: Mann mit Bulldogge, Foodora-Fahrer, zwei Schmächtige mit kastenförmigen Frisuren und ein Zerzauster, der möglicherweise gar nicht zerzaust ist, sondern zum benachbarten Schauspielhaus-Ensemble gehört.

Dann kommt auf einmal Bewegung in die Herrenrunde nebenan. Vili, ein kleiner Stämmiger mit kratziger Stimme, hat den Grill betreten. Vili haut einem nach dem anderen auf die Schulter. Dann geht’s zur Kühltheke. Kurz darauf sitzt er mit einem halben Liter Paderborner neben mir. Vili ist neugierig und redet gern. 1969 sei er aus der Türkei nach Hamburg gekommen, er sei Werftarbeiter bei Blohm und Voss gewesen und habe in St. Georg gelebt, nur einen Häuserblock entfernt von der Alster. Dann sei es ihm und seiner Familie zu teuer geworden und sie seien nach Hamm gezogen.

Vili ist der Aufwertung des Stadtteils zum Opfer gefallen, die der Asia Grill verschlafen hat. Fast täglich kommt er in den seit 1988 bestehenden Imbiss. "Hab ja ein HVV-Monatsticket", sagt Vili und gackert. Ingo, Eddy und die anderen Stammgäste kennt er schon lange. Wenn er über sie spricht, nennt er sie Arschloch und es klingt doch liebevoll. Er weiß, wer mal im Knast war und wer bei der Frührente betrügt. Im Asia Grill finden alteingesessene St. Georgianer zusammen, in deren Leben einiges nicht optimal gelaufen ist. Der Hansaplatz ist für sie da. Er gibt ihnen Halt. Er akzeptiert ihre Schwächen.

Als Vili seine zweite Flasche Paderborner kauft, raffe ich mich auf. Man darf sich beim ersten Rendezvous nicht zu lange an einem Thema festklammern. Es reicht, die Tiefen des Hansaplatzes zu erahnen, ich muss sie nicht gleich erkunden. Vili setzt sich an einen der Spielautomaten und ich trete raus auf den dämmrigen Platz. Eine Weile stehe ich da, um meine Jacke zu lüften. Rechts von mir ragen drei Jugendstilhäuser empor, in denen Designerlampen leuchten. Gegenüber, auf der anderen Seite des Brunnens, wird’s kurz hektisch: Ein Mann mit Penny-Tüte stolpert aus dem Rund um die Uhr und kriegt ein paar Leberhaken verpasst. Als die Polizei drei Minuten später da ist, hat sich der Kreis schon aufgelöst. Die Schläger sind zurück im Rund um die Uhr, der Verprügelte in der nächsten Kneipe.

Bei Omar und Dirk

Weiter auf der westlichen Seite, der Hauptbahnhofseite. In einem der drei Jugendstilhäuser. In einer für diese Seite untypischen Wohnung: einer unrestaurierten mit splittrigen, dunkelbraun bemaltem Holzfußboden. Eine WG, in der seit Kurzem Omar wohnt, ein Freund von mir, der aus Syrien nach Hamburg geflüchtet ist. Ich erinnere mich, dass wir uns schon einmal nebenbei über den Hansaplatz unterhalten haben. Omar erzählte mir damals, dass er und seine Mitbewohner in der Unterkunft ihn Marokkoplatz nennen, weil sich auf ihm so viele Menschen aus diesem Land versammelten. Was denkt er jetzt, da er ihn täglich erlebt?

Omar und ich trinken Mokka und ich lenke das Gespräch immer wieder auf den Hansaplatz. Viel zu sagen hat er jedoch nicht. Er betrachtet ihn pragmatisch. Es ist der Ort, an dem er lebt. Von hier aus will er sich seine Zukunft aufbauen. Er jobbt, lernt Deutsch, fängt bald eine Ausbildung an. Dass es vor seiner Haustür immer wieder zu Streitigkeiten kommt? Nicht der Rede wert. Er hat Schlimmeres erlebt. Auch dass ihn hier oft Polizisten anhalten und kontrollieren, weil sie glauben, einer wie er sei gekommen, um Probleme zu machen, stört ihn nicht. Eher amüsant, wie irritiert sie sind, wenn er ihnen seinen Ausweis mit seiner Adresse zeigt.

Das sieht Dirk anders. Diskriminierend sei es, wenn jemand nur überprüft werde, weil er arabisch aussehe. Dirk, lange Haare und Kapuzenpullover, ist einer von Omars Mitbewohnern und hat sich zu uns gesetzt, als er mitbekommen hat, worüber wir sprechen. Er ist Fahrradmechaniker und lebt und arbeitet seit über 30 Jahren in St. Georg. Im Gegensatz zu Omar pflegt er eine leidenschaftliche Beziehung zum Hansaplatz. Ein Stück weit ist er sein Baby. Er hat erlebt, wie er sich gewandelt hat, wie sich die Schwulenszene auf ihm einrichtete, wie er in den Neunzigern im Drogenelend versumpfte, wie Ronald Schill radikal aufräumte und wie Poller installiert wurden, damit die Freier ihn nicht mehr mit ihren Autos umkreisen konnten. "Im Vergleich zu früher liegt der Drogenkonsum und die Prostitution bei nahezu Null", behauptet Dirk. Der Platz sei sauber geworden, vielleicht schon zu sauber. Überall Polizei.

Die Illustratorin Simone Seidel hat auf dem Boden des Hansaplatzes nach Gegenständen gesucht. Gefunden hat sie: 1. Plattenspieler 2. Sim Karten Adapter 3. Schnapsflasche 4. Silvesterknaller 5. Erdnuss 6. Luftballon (leer) ohne Halterung 7. Pistazienpackung 8. Sonnenblumenkerne 9. Plastiktüte mit Pulverresten 10. Hustenbonbon 11. Streichholzverpackung 12. Kaffeebecherdeckel 15. Zigarettenstummel 16. Schnuller 17. Pflaster 18. Schuhsohle 19. Silvesterknaller 20. Taschentuch 21. Taschentuch - Verpackung 22. Bierflasche 23. Käseverpackung 24. Radkappe 25. Holzbrett 26. Luftballon (leer) mit Halterung 27. Sprühkopf 28. Spritze 29. Strauch 30. Trinkpaket 31. Rührstab 32. Strohhalm 33. Nagel 34. Raketenkopf

Dirk ist vor knapp zwei Jahren in die WG gezogen. Der Hauptmieter, ein Dokumentarfilmer, lebt seit Jahrzehnten in der Wohnung und seinen Vermieter hat das davon abgehalten, sie zu modernisieren. Während ringsherum in den drei Häusern offene Küchen gebaut und neues Parkett verlegt wurde, entwickelte sich die WG zu einer kleinen Trutzburg. Dirk und sein Mitbewohner wollen nicht, dass der Platz irgendwann nur noch für Menschen da ist, die luxussanierte Eigentumswohnungen kaufen oder mieten können. Sie wollen seine Vielfalt erhalten. Dass sie meinen Freund Omar aufgenommen haben, kann man also auch als politisches Zeichen verstehen.

In Windstärke 11

Es ist nach acht, als ich wieder auf dem Platz stehe. Ich bin ermattet. Die Lockerheit zwischen dem Hansaplatz und mir – dahin. Er erscheint mir wahnsinnig kompliziert. War es zu naiv, ihm an einem Tag näher kommen zu wollen? Dirk meinte es sicher gut, als er mir Ansprechpartner und Lokalitäten empfahl, die ich unbedingt noch aufsuchen müsste, um den Platz besser zu verstehen. Aber dafür fehlt mir jetzt die Kraft. Ein Bier im Windstärke 11 zum Abschluss, das muss reichen, denke ich. Ich begebe mich in die Souterrainkneipe auf der südlichen Seite, in einen alten Häuserblock, auf dessen Rückseite der Steindamm verläuft. Damit bin ich einmal rum, habe von allen Seiten auf den Brunnen geblickt.

Die Illustratorin Lena Schaffer hat festgehalten, welche Wappen und Personen neben der Hansa-Göttin auf dem Brunnen verewigt sind.

Wuuusch, bin ich wieder wach. Nachdem ich die Treppen hinuntergestiegen bin, vorbei an einem Schild, das die nächste Sparclub-Leerung ankündigt, treffe ich auf eine Szenerie, die mich überrascht: Ich ging von einigen Griesgrämigen aus, die mit ihrem Pils an der Bar hocken, während Roland Kaiser aus der Jukebox tönt. Und stattdessen tanzen westafrikanische Männer und Frauen zu Harry Bellafonte! Es sind so viele, dass ich kaum zum Tresen vorkomme. Ich bestelle ein Holsten Edel und setzte mich auf einen Hocker schräg unter dem an die Wand genagelten Schal mit der Aufschrift "Deutsche Frauen, deutsches Bier – schwarz, rot, gold, wir steh'n zu dir" und kann nicht mehr aufhören zu lächeln.

In diesem Moment ist mir klar, warum ich den Hansaplatz seit Jahren anhimmle. Er mag schwierig sein, eine große Herausforderung, besonders für die Polizei. Er ist aber auch so abwechslungsreich wie kein zweiter Ort in der Stadt. Nirgendwo sonst in Hamburg begegnen sich so viele unterschiedliche Leute. Touristen, frisch Zugezogene, Alteingesessene. Arme und Reiche. Hippe und Abgehängte. Nirgendwo sonst ist die Stadt mehr Stadt: spontan und dynamisch, ein Raum, in dem sich verschiedene Milieus begegnen. Im übrigen Hamburg liegen sie so weit voneinander entfernt, dass man ein HVV-Großraumticket benötigt, um sie zu verbinden, in Blankenese, in der Schanze oder Billstedt. Auf dem Hansaplatz muss man einmal um den Brunnen.

Natürlich: Das sorgt für Reibung. Permanent. Viele, mit denen ich an diesem Tag gesprochen habe, tragen Sorgen mit sich herum. Es genügen Kleinigkeiten, damit Gewalt entsteht. Schon fliegt ein Wehrloser aufs Pflaster und wird verdroschen. Der Hansaplatz trägt Konflikte direkt aus, die anderswo im Unterschwelligen lasten. Er ist die Essenz der Stadt.

Es sorgt aber auch für wundervolle Begegnungen, denke ich in der Windstärke 11 sitzend. Und ich beschließe, es dabei zu belassen. Ich frage die Tanzenden nicht, was sie ausgerechnet hierher, in diese Spelunke, zieht. Ich frage die blonde Tresendame mit der verrauchten Stimme nicht, was die alten Stammgäste zum neuen Publikum sagen. Ich trinke aus und schlendere nach Hause, vorbei an grölenden Männern, die grüppchenweise zwischen dem Dostana Kiosk und dem Brunnen verweilen. Es muss ja auch noch Dinge geben, die mir der Hansaplatz beim nächsten Date erzählen kann.

Die Bilder zu diesem Text sind im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und ZEIT ONLINE entstanden. Karlotta Freier, Lena Schaffer und Simone Seidel besuchen den Masterstudiengang Medienillustration und haben parallel zum Autor den Hansaplatz erkundet. Die vier Bildergeschichten von Karlotta Freier können Sie auch auf jeweils einer Seite betrachten, dafür müssen sie auf folgende Links klicken:

Im Café

Die Flaschensammlerin

Beim Einkauf

Am Brunnen