Weiter auf der westlichen Seite, der Hauptbahnhofseite. In einem der drei Jugendstilhäuser. In einer für diese Seite untypischen Wohnung: einer unrestaurierten mit splittrigen, dunkelbraun bemaltem Holzfußboden. Eine WG, in der seit Kurzem Omar wohnt, ein Freund von mir, der aus Syrien nach Hamburg geflüchtet ist. Ich erinnere mich, dass wir uns schon einmal nebenbei über den Hansaplatz unterhalten haben. Omar erzählte mir damals, dass er und seine Mitbewohner in der Unterkunft ihn Marokkoplatz nennen, weil sich auf ihm so viele Menschen aus diesem Land versammelten. Was denkt er jetzt, da er ihn täglich erlebt?

Omar und ich trinken Mokka und ich lenke das Gespräch immer wieder auf den Hansaplatz. Viel zu sagen hat er jedoch nicht. Er betrachtet ihn pragmatisch. Es ist der Ort, an dem er lebt. Von hier aus will er sich seine Zukunft aufbauen. Er jobbt, lernt Deutsch, fängt bald eine Ausbildung an. Dass es vor seiner Haustür immer wieder zu Streitigkeiten kommt? Nicht der Rede wert. Er hat Schlimmeres erlebt. Auch dass ihn hier oft Polizisten anhalten und kontrollieren, weil sie glauben, einer wie er sei gekommen, um Probleme zu machen, stört ihn nicht. Eher amüsant, wie irritiert sie sind, wenn er ihnen seinen Ausweis mit seiner Adresse zeigt.

Das sieht Dirk anders. Diskriminierend sei es, wenn jemand nur überprüft werde, weil er arabisch aussehe. Dirk, lange Haare und Kapuzenpullover, ist einer von Omars Mitbewohnern und hat sich zu uns gesetzt, als er mitbekommen hat, worüber wir sprechen. Er ist Fahrradmechaniker und lebt und arbeitet seit über 30 Jahren in St. Georg. Im Gegensatz zu Omar pflegt er eine leidenschaftliche Beziehung zum Hansaplatz. Ein Stück weit ist er sein Baby. Er hat erlebt, wie er sich gewandelt hat, wie sich die Schwulenszene auf ihm einrichtete, wie er in den Neunzigern im Drogenelend versumpfte, wie Ronald Schill radikal aufräumte und wie Poller installiert wurden, damit die Freier ihn nicht mehr mit ihren Autos umkreisen konnten. "Im Vergleich zu früher liegt der Drogenkonsum und die Prostitution bei nahezu Null", behauptet Dirk. Der Platz sei sauber geworden, vielleicht schon zu sauber. Überall Polizei.

Die Illustratorin Simone Seidel hat auf dem Boden des Hansaplatzes nach Gegenständen gesucht. Gefunden hat sie: 1. Plattenspieler 2. Sim Karten Adapter 3. Schnapsflasche 4. Silvesterknaller 5. Erdnuss 6. Luftballon (leer) ohne Halterung 7. Pistazienpackung 8. Sonnenblumenkerne 9. Plastiktüte mit Pulverresten 10. Hustenbonbon 11. Streichholzverpackung 12. Kaffeebecherdeckel 15. Zigarettenstummel 16. Schnuller 17. Pflaster 18. Schuhsohle 19. Silvesterknaller 20. Taschentuch 21. Taschentuch - Verpackung 22. Bierflasche 23. Käseverpackung 24. Radkappe 25. Holzbrett 26. Luftballon (leer) mit Halterung 27. Sprühkopf 28. Spritze 29. Strauch 30. Trinkpaket 31. Rührstab 32. Strohhalm 33. Nagel 34. Raketenkopf

Dirk ist vor knapp zwei Jahren in die WG gezogen. Der Hauptmieter, ein Dokumentarfilmer, lebt seit Jahrzehnten in der Wohnung und seinen Vermieter hat das davon abgehalten, sie zu modernisieren. Während ringsherum in den drei Häusern offene Küchen gebaut und neues Parkett verlegt wurde, entwickelte sich die WG zu einer kleinen Trutzburg. Dirk und sein Mitbewohner wollen nicht, dass der Platz irgendwann nur noch für Menschen da ist, die luxussanierte Eigentumswohnungen kaufen oder mieten können. Sie wollen seine Vielfalt erhalten. Dass sie meinen Freund Omar aufgenommen haben, kann man also auch als politisches Zeichen verstehen.