Im wohl letzten Gerichtsverfahren um sexuelle Übergriffe in der Silvesternacht 2015 hat das Hamburger Landgericht den Angeklagten freigesprochen. Der 34-jährige Iraner sei an den Taten "weder als Täter noch als Teilnehmer" beteiligt gewesen, sagte die Vorsitzende Richterin. Für die Zeit in der Untersuchungshaft wird der Angeklagte mit rund 1.800 Euro entschädigt.

In der Silvesternacht vor mehr als einem Jahr waren in der Großen Freiheit nahe der Reeperbahn in Hamburg Hunderte Frauen sexuell belästigt worden. Insgesamt wurden 243 Strafanzeigen wegen sexueller Nötigung und Raub gestellt. Dem im nun letzten Verfahren Angeklagten warf die Staatsanwalt unter anderem vor, in zwei Situationen an sexuellen Übergriffen beteiligt gewesen zu sein – einmal als Mittäter, einmal als Haupttäter. Von beiden Vorwürfen konnte er entlastet werden.

Der Freispruch des Angeklagten hatte sich angedeutet, nachdem zuvor auch die Staatsanwaltschaft darauf plädiert hatte. Durch die aus seiner Sicht "überaus gründliche Beweisaufnahme" sei klar geworden, dass der Anklagte freizusprechen sei, sagte der Oberstaatsanwalt.

Sowohl die Richterin als auch der Verteidiger des Iraners kritisierten indes die Ermittlungen der Polizei und der Staatsanwaltschaft. Man könne sich fragen, sagte die Richterin, warum der Angeklagte trotz der dürftigen Beweislage in Untersuchungshaft genommen worden sei und die Staatsanwaltschaft an ihrer Anklage festgehalten habe. Der Polizei warf die Richterin "Fehler" vor. So seien Zeugen, die den Angeklagten entlasten konnten, erst spät befragt worden. Zudem habe eine eigentlich erfahrene Ermittlerin eine wichtige Zeugin suggestiv befragt und so mit dazu beigetragen, dass der Angeklagte zu Unrecht beschuldigt worden sei.

"Fehler passieren, das ist menschlich"

Schon beim vorletzten Prozess rund um die sexuellen Übergriffe der Silvesternacht hatte die Richterin deutliche Kritik an den Ermittlungsbehörden geübt. Die nun Vorsitzende Richterin versuchte, ihre Kritik zurückhaltender zu formulieren. Es sei nicht Aufgabe ihrer Kammer, Schuldzuweisungen über das Ermittlungsverfahren zu treffen, sagte sie. "Fehler passieren, das ist menschlich."

Entschiedener äußerte sich der Verteidiger des Angeklagten, Sharyar Ebrahim-Nesbat. Der Anwalt warf den Beamten in einem fast zweistündigen Plädoyer vor, ihre Beweise so zusammengetragen zu haben, "dass sie ins Bild passten". Ebrahim-Nesbat verglich die Ermittlungen mit einer Doktorarbeit: Die These habe sich früh als falsch herausgestellt, trotzdem habe die Polizei einfach an ihr festgehalten, um am Ende Schuldige präsentieren zu können. Wiederholt kritisierte der Anwalt, der Prozess gegen seinen Mandanten sei "Verfolgung Unschuldiger".

Der angeklagte Iraner sagte, die Untersuchungshaft habe seine Familie zerstört. Nach den 75 Tagen in Haft habe sich seine Frau von ihm getrennt, er sei nun allein mit seinen zwei Kindern. Seit anderthalb Jahren frage er sich, was er verbrochen habe. Die Entschädigung, die er nun bekomme, könne das alles nicht wiedergutmachen. "Ich habe das fünffache für meine Flucht nach Deutschland bezahlt", sagte er.