In der Mittagssonne werfen die Zweige und Blätter der hohen Friedhofsbäume tanzende Schatten auf die Grabsteine. Auf einem Obelisken sind in goldenen arabischen Lettern die Namen der ersten türkischen Gesandten verewigt, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts nach Berlin kamen und hier ihre letzte Ruhestätte fanden.

Berlin gilt als größte türkische Stadt außerhalb der Türkei – und als "Klein-Istanbul". Aber wo ist es zu finden, das ultimative Istanbul-Gefühl? Die Suche beginnt auf dem türkisch-muslimischen Friedhof am Neuköllner Columbiadamm. Begräbnisse finden hier schon lange nicht mehr statt, denn nach islamischem Brauch dürfen Gräber nicht neu belegt werden. Dominiert wird der Friedhof von der ¸Sehitlik-Moschee. Mit ihren Marmorverzierungen und orientalischen Fliesen ist die Moschee, die nach Fertigstellung rund 1.200 Gläubigen Platz bieten soll, hübsch anzusehen. Doch was Berlins größtem muslimischen Gotteshaus fehlt, ist der Glanz einer Hagia Sophia oder Blauen Moschee. Ihre Mauern atmen keine Geschichte und so wirkt ¸Sehitlik allenfalls wie eine kleine Zuckerguss-Ausgabe ihrer Istanbuler Vorbilder. Auch der Gebetsruf des Muezzins wird hier nicht erklingen. Echtes Istanbul-Gefühl will da nicht so recht aufkommen.

Die Anfänge des türkischen Lebens in Berlin liegen über 200 Jahre zurück, doch erst im Verlauf der Arbeitsmigration zwischen dem Ende der 1960er und dem "Anwerbestopp" im Jahre 1973 nahm die Zahl türkischer Migranten bedeutende Ausmaße an. Im Westteil der Stadt wurden sie dringend gebraucht, um den Arbeitskräftemangel und den Bevölkerungsrückgang auszugleichen. Viele blieben hier und holten ihre Familienangehörigen nach – trotz der Prämie, die die BRD zwischen 1983 und 1984 an diejenigen zahlte, die in die Türkei zurückkehrten. Heute leben rund 120.000 türkische Staatsangehörige in Berlin und sind damit die größte Gruppe unter den rund 445.000 Migranten.

Von allen Stadtteilen ist Kreuzberg derjenige, der am meisten mit dem türkischen Leben in Berlin in Verbindung gebracht wird. Das gilt insbesondere für den Kiez zwischen Schlesischem und Kottbusser Tor. Auch wenn der Vergleich mehr als hinkt – nicht zuletzt weil die Kopftuch- und Goldkettchendichte in Kreuzberg um ein Vielfaches höher ist als in der Bosporusmetropole – kann man ihn hier am ehesten finden, den Sound von Istanbul. Genau wie im Istanbuler Bezirk Beyoglu prallen hier die unterschiedlichsten Lebensentwürfe auf engstem Raum aufeinander. Ehemalige Hausbesetzer, Studenten, kurdische Großfamilien, Lesben, Schwule und strenggläubige Muslime leben hier, wenn auch nicht in einem wirklichen Miteinander, so zumindest in friedlicher Koexistenz nebeneinander her. In dem nach dem ehemaligen Postbezirk SO 36 benannten Kiez lässt es sich am angenehmsten wohnen, shoppen und ausgehen, wenn man es heterogener als in Prenzlauer Berg, aber nicht so gediegen wie im Bergmannkiez oder in Schöneberg haben will.

Trotzdem ist die türkische Infrastruktur Berlins nicht mit der Istanbuls vergleichbar. Was dem türkischen Berlin fehlt sind die geschmackvollen Mode-, Einrichtungs- und Dekorationsläden, die Büchereien und Lesecafés, die mehr als Koranausgaben und religiöse Bücher in den Regalen stehen haben, die versteckten, abgewrackten Rockschuppen, Platten- und Second-Hand-Läden und die Patisserien, in der sich alle vom Schuljungen über die Großmutter bis zum Geschäftsmann einfinden, um sich eine süße Köstlichkeit zu gönnen. Das Istanbuler Straßenbild ist sehr heterogen, am meisten geprägt wird es jedoch von der großen Masse gebildeter und trend-bewusster junger Frauen und Männer. Insofern unterscheidet sich Istanbul nicht von London oder Barcelona – wohl aber von Berlin-Kreuzberg.

Die typische, zwischen Kopftuch, zu viel Schminke, Machogehabe und linksalternativer Gesinnung oszillierende Kreuzberger Mischung findet man auch auf dem Wochenmarkt am Maybachufer, der genau auf der Grenze zu Neukölln liegt. "Buyrun, Buyrun, Buyrun, iki kavun iki Euro!" (Bitteschön, Bitteschön, Bitteschön, zwei Honigmelonen zwei Euro) ruft ein Händler. Es duftet nach frischem Dill, Gewürzen und Fladenbrot. Türkische Kopftuch-Frauen, die Einkaufstrolleys hinter sich herziehen, drängeln sich vor den Auslagen, begutachten Tomaten, Melonen und Stoffballen. Ein bisschen hat das tatsächlich etwas von dem Treiben auf einem der großen Wochenmärkte in Istanbul. Vor der Ankerklause genießt derweil das Alt-Kreuzberger Publikum die letzten Sonnenstrahlen.

Doch hinter der augenscheinlichen Idylle verbergen sich auch Probleme, die wenig Anlass zu Sozialromantik geben: Die Arbeitslosigkeit unter den nicht-deutschen Einwohnern Kreuzbergs und Neuköllns liegt bei über 40 Prozent, die Berufschancen vieler türkischer Jugendlicher sind durch ihre mangelnden Deutschkenntnisse eingeschränkt, und immer wieder gibt es Mädchen, die von ihren Eltern zwangsverheiratet werden.