Bonn war niemals Hauptstadt. Noch nicht einmal Provisorium. Es lag einfach am Rhein, etwas südlich vom heiligen Köln, im Sommer im schwülen Dunst, im Winter verregnet, die Hügel im Südwesten und Osten gesprenkelt von Einfamilienhäusern, knapp am Spießertum vorbeischrammenden Villen pensionierter Staatssekretäre und Botschafter, zusammengehalten von einer mythischen Wirtin und der Hoffnung aller dort Ansässigen, dass alles so bleiben möge, wie es eigentlich nicht war.

Schulklassen kamen zwecks politischer Bildung, staunten und gingen, ein neues, reizendes Parlamentsgebäude entstand, am Kiosk in der Nähe kauften bedeutende Politiker die Bild-Zeitung.

Es war genau so, wie man sich Bern vorstellt, die Hauptstadt der Schweiz. Viel ist geschrieben worden über die Glasglocke, die zweite Wirklichkeit, das Raumschiff Bonn am Ufer des nach den Schmelzwassern des Frühjahrs wild dahinströmenden Rheins. Den Bürgern schien alles schnuppe. Die Taxifahrer mochten die Abgeordneten nicht, die mit Bons und trinkgeldlos bezahlten, die Obdachlosen, die im Bahnhofstunnel lebten, ("Sind die immer noch da?", fragte einmal ein Bonner Oberbürgermeister) mochten überhaupt niemanden. Einmal, als sich fast 500 000 Studenten und Lehrer, Pazifisten und Grüne im Garten der Universität Bonn trafen, um gegen die Nachrüstung zu demonstrieren, dies eine Mal nur wirkte Bonn wirklich wie eine politische Metropole. Es war ein Festtag für die Deutsche Bundesbahn und eine Katastrophe für die Stadtreinigung, hinterher. Doch auch dieser Moment entschwand, wie am Ende das gesamte politische Milieu.

Gespenstisch wirkt heute ein Blick in das Protokoll der Hauptstadtdebatte nach der Wiedervereinigung. Die Vorstellung, das Schicksal der kleinen Stadt wäre immer noch verbunden mit der Repräsentation Deutschlands – sei sie politisch-parlamentarisch oder kulturell-symbolisch –, wirkt absurd. Und doch: Das vielgeschmähte Bundeskanzleramt war im Büro-Alltag recht praktisch, der Park hinter ihm mit seinen prachtvollen alten Bäumen zählte zu den schönsten der Republik. Dass deutsche Finanzbeamte Helmut Kohl noch einen "geldwerten Vorteil" bei der Gehaltsbesteuerung berechnen wollten für die Nutzung desselben (oder doch zumindest für den Blick über seine Rabatten) – das gehörte ganz einfach zum abgrundtiefen Kleinbürgertum des beamteten Rheinlands, von dem es hieß, dass es mit dem Umzug der Regierung nach Berlin verschwinden würde.

Das war ein Irrtum. Mindestens die Hälfte der Bundesbeamtenschaft, allen Bekenntnissen zu Berlin zum Trotz, blieb in Bonn. Warum auch nicht? In der Verfallszeit des Imperium Romanum hielten sich einige römische Kaiser jahrelang in Trier statt in Rom auf. Und das lag ganz in der Nähe von Bonn. Dass die Verfallszeit der Bundesrepublik mit der Abwahl von Helmut Kohl begonnen habe, war die feste Überzeugung einer nach 16-jähriger christdemokratischer Machtentfaltung unionstreu gewordenen Beamtenschaft. Gewiss, es gab noch ein paar "Betriebsgruppen" der SPD (die nannten sich wirklich so!) in den Ministerien, aber der Rest des Staatsapparats gehörte der CDU/CSU. Die FDP hatte sich das Auswärtige Amt einverleibt. Schröders Sieg empfand Bonn wie einen Putsch. Er mochte die Stadt nicht – sie war, was Hannover angedichtet wurde, die Hauptstadt des Nichts.

Und Berlin? Als der neu gewählte Bundeskanzler aus seiner vorübergehenden Wohngemeinschaft am Bonner Venusberg – im Gästehaus des Auswärtigen Amts, das offenkundig eingerichtet worden war von einem orientalischen Bordellbesitzer: dunkelbraune Flokati-ähnliche Teppiche im Schlafzimmer, Bettdecken im satten Orange, bronzefarbene Metallic-Tapeten (das ist wirklich wahr!) – als Gerhard Schröder also umzog nach Berlin in die Pücklerstraße im abgelegenen Dahlem, musste er feststellen, dass er im Grunde genommen ein Dorf vertauscht hatte mit einer Dorfagglomeration.

Berlin, das ist bekannt, gibt es eigentlich gar nicht, da gleicht es Bonn als Hauptstadt, sondern es ist ein Ballungszentrum aus einer Fülle von kleinen Städten und einverleibten Dörfern, dem man nicht ansieht, dass es vor 100 Jahren einmal die größte Industriestadt Europas war. Die ökonomische Verfallsgeschichte nach 1945 hat fast alle Spuren jener Produktivität ausgelöscht, übrig sind die Villen der ehemaligen Besitzer, vergessener UFA-Stars und wirklich großzügige Altbauwohnungen in der Nähe des Kurfürstendamms, der sich nicht entscheiden kann, ob er eine Luxus-Meile oder ein T-Shirt-Schnäppchen-Boulevard sein soll.