Abrissunternehmen machen im Land Brandenburg gute Geschäfte. Es gibt genügend Aufträge und die Bezahlung übernimmt zum größten Teil der Steuerzahler. Denn der Einsatz der schweren Gerätschaften erfolgt zumeist in den Plattenbauvierteln. Hier stehen viele Wohnungen leer, so dass den Städten nur der Abriss bleibt. Diverse staatliche Förderprogramme unter dem Titel "Stadtumbau Ost" verändern Straßen und Plätze und erhöhen durch viel Grün die Attraktivität der Orte. Vor drei Jahren begann das große Aufräumen in rund zwei Dutzend Städten. Etwa 16.000 Wohnungen verschwanden seitdem, insgesamt ist der Abriss von 50.000 Wohnungen vorgesehen. 170 Millionen Euro stehen dafür aus den Kassen des Bundes und des Landes zur Verfügung. Die anschließende Aufwertung der Stadtteile kostet noch einmal 260 Millionen Euro.

Auslöser des gigantischen Abriss- und Umbauprogramms sind die teilweise drastisch zurückgehenden Einwohnerzahlen. Die im Brandenburger Nordosten gelegene Industriestadt Schwedt ließ bereits 3.100 Wohnungen demontieren, für weitere 2.000 ist das Urteil bereits gesprochen. 1989 lebten in dem einst für seinen Tabakanbau bekannten Ort rund 52.000 Einwohner. Sie kamen in den fünfziger und sechziger Jahren aus der ganzen DDR, um hier die Petrolchemische Industrie und zwei Papierwerke aufzubauen. In Schwedt endete die Erdölleitung "Freundschaft", durch die der wichtige Rohstoff aus der Sowjetunion gepumpt wurde. Nach der Wende überlebten zwar die wichtigsten Arbeitgeber der Stadt, doch sie reduzierten die Beschäftigtenzahlen im Schnitt um zwei Drittel.

Die Folgen lassen sich aus der Statistik ablesen. Von 52.000 Einwohnern verließen in den vergangenen 15 Jahren rund 14.000 die Stadt. Einige Familien bauten sich zwar ein Haus im Umland, doch die meisten Menschen zogen wegen fehlender Arbeit in andere Gegenden, vor allem in westliche Bundesländer. Noch dramatischer fällt die Bilanz für die Elbestadt Wittenberge im Nordwesten aus. Rund 8.000 der ehemals 28.000 Einwohner kehrten ihrer Heimat den Rücken. Alle drei großen Industriebebetriebe waren hier kurz nach dem Ende der DDR gleichzeitig zusammengebrochen: Die Nähmaschinenwerke Veritas, vormals Singer, die Ölmühle und das Zellstoffwerk. 8.000 Jobs verschwanden praktisch über Nacht. Vom Zellstoffwerk blieb fast nichts übrig, die Ölmühle dient nur noch als Kulisse für die jährlichen Operettenfestspiele und im Nähmaschinenwerk haben sich einige wenige kleine Firmen angesiedelt. Einzig das Ausbesserungswerk der Deutschen Bahn überlebte mit 800 Leuten.

In Wittenberge fallen nicht nur Plattenbauten. Auch alte Häuser aus der Gründerzeit müssen wegen Leerstand und Verfall verschwinden. Bis 2010 trennt sich die Hafenstadt von 2.000 Wohnungen. Lange Zeit dienten die verwahrlosten Häuser im Packhofviertel nahe dem Zentrum noch als Filmkulissen für Nachkriegsfilme. Heute ersetzen Grünflächen und Parkplätze mehr und mehr die Ruinen.

Nicht nur die Abwanderung führt in Brandenburg in den nächsten 15 Jahren zu einem Verlust von 170.000 Einwohnern. Wie der kürzlich von der Landesregierung vorgestellte Demografiebericht zeigt, trägt genauso die dramatisch niedrige Geburtenrate zum Bevölkerungsschwund bei. Heute zählt Brandenburg noch 2,57 Millionen Einwohner. "Das Land ist jedoch zweigeteilt", wie der Verfasser des Berichts, Hans-Ulrich Oel, Referatsleiter in der Brandenburger Staatskanzlei erklärte. Im prosperierenden Speckgürtel rund um Berlin werde die Einwohnerzahl bis zum Jahr 2020 sogar noch einmal um 50.000 Einwohner zunehmen, während die ländlich geprägten Randregionen insgesamt 224.000 Einwohner verlieren werden. " Diesen Abwärtstrend könne nicht einmal die Steigerung der Lebenserwartung umkehren. Im Jahre 2020 ist jeder vierte Brandenburger über 65 Jahre alt.