Text bezahlt wird zum Schluss. Jeder steckt eine andere Summe in den Kasten am Ausgang. Sie richtet sich nur danach, wie die Vorstellung dem jeweiligen Gast gefallen hat. Nicht nur diese Prozedur unterscheidet das Theater in dem kleinen ostbrandenburgischen Dorf Zollbrücke von anderen deutschen Bühnen. Es gibt keine festen Zuschauerreihen. Da der Andrang zu den Vorstellungen meistens sehr groß ist, muss buchstäblich jeder Quadratmeter im großen Wohnzimmer eines ehemaligen Bauernhauses für Stühle genutzt werden. Niemand soll den Weg in das winzige Dorf umsonst gemacht haben, Ganze 19 Einwohner zählt Zollbrücke, das inzwischen zu einem Teil des kaum größeren Ortes Zäckericker Loose wurde. Wer das etwas zurückgesetzt von der Straße gelegene Theaterhaus verpasst, landet wenig später direkt an der Oder. Grenzpfeiler künden vom Ende Deutschlands, das gegenüberliegende Ufer gehört zu Polen. Der Name "Theater am Rand" passt zu dieser Bühne, die in Berlin schon Kultstatus besitzt. Zwei Autostunden sind es vom Zentrum der Großstadt nach Zollbrücke.

Eine kleine Brücke führt zum leicht schiefen Fachwerkhaus. Ein Jahrhundert steht es hier. Schon vor 20 Jahren entdeckten Künstler und kleine Ensembles diese Abgeschiedenheit. "Hier beschwerte sich niemand über die Lautstärke bei Proben" erinnert sich der 44-jährige Berliner Musiker Tobias Morgenstern. "Außerdem lieferte die Landschaft genügend Inspiration." Sein Partner auf der Bühne ist der Schauspieler Thomas Rühmann. Viele Fernsehzuschauer kennen ihn aus der MDR-Serie "In aller Freundschaft", in der er den Arzt Roland Heilmann spielt. Auch im Kinofilm "Einsteins Baby" und in der Serie "Für alle Fälle Stefanie" fand der 50-Jährige sein treues Publikum. Bei einer Produktion am Berliner Maxim-Gorki-Theater lernten sich Morgenstern und Rühmann kennen.

Dort kamen sie auf die Idee, das 600-SeitenBuch "Das grüne Akkordeon" von E. Annie Proulx für eine Bühnenfassung zu bearbeiten. Sie probten und fieberten der Premiere schon entgegen, als ihr Vorhaben scheiterte. Die Aufführungsrechte waren trotz aller Bemühungen in der Kürze der Zeit nicht zu erhalten. So entschieden sich die beiden Künstler zu einer Vorstellung im kleinen Kreis in eben jenem Bauernhaus in Zollbrücke. Noch am Abend des erfolgreichen Versuchs wurde das "Theater am Rand" ins Leben gerufen.

Heute funktioniert das Haus fast im Selbstlauf. Es kommt ohne große Reklame aus, und dennoch sind bei den Vorstellungen alle Stühle und Klapphocker besetzt. "Von Anfang an wollten wir etwas Besonderes machen", sagt Rühmann. "Auf dem Land erzählen die Leute Geschichten. Genau das tun wir." Die Zuschauer erleben die das Ungewöhnliche und Unverwechselbarte beispielsweise, wenn Rühmann Episoden aus Sten Nadolnys Kultbuch "Die Entdeckung der Langsamkeit" liest. Ganz leicht lassen sich die Zuschauer auf den Weg des kleinen Franklin zum späteren Seeoffizier und Nordpolarfahrer mitnehmen. Morgenstern ersetzt mit seinem Akkordeon ein halbes Orchester und obendrein ein großes Tonstudio.

Zu Hochform laufen beide Künstler auch bei Paulo Coelhos Bestseller "Der Alchimist" auf. Die Geschichte eines Hirtenjungen, der sich von seinen Träumen leiten lässt und sein Glück findet, fordert den ganzen Schauspieler. Schließlich muss er ständig die Stimme verstellen, um eine Zigeunerin, einen Kämpfer in der Wüste und natürlich den neugierigen Jungen authentisch zu spielen.

Am 12. August feiert das Theater die Premiere ihres neuen Stücks "Mitten in Amerika". Versprochen wird frei nach dem Roman von Proulx ein heiteres Stacheldrahtfest zwischen Landmaschinen, Ölquellen, Schweinemast, Windrädern und einem alten Ass im Ärmel. Neben Rühmann und Morgenstern spielen auf der Wiese hinter dem Bauernhaus Ursula Karusseit und Jens-Uwe Bogadtke.

In Kürze soll nun der Traum von einem größeren Theater auf dem Grundstück verwirklicht sein. 100 Plätze soll der Bau bieten, der mit viel Holz und Fußbodenheizung entstehen soll. Zwei Rituale bleibt auch in der neuen Spielstätte: In der Pause gibt es Stullen mit Käse vom benachbarten Ziegenhof, dazu je nach Jahreszeit Glühwein, Apfelsaft oder Rotwein, und bezahlt wird hinterher.

Information: Theater am Rand, Zollbrücke, Telefon 033457/665 20, www.theateramrand.de