Einmal im Jahr hat das kleine Fretzdorf im Norden Brandenburgs seinen Platz in der Tagesschau sicher. Dann richten sich die Kameras der ARD und anderer Sender auf einen Protestzug von mehreren Tausend Menschen. Er ist der größte aller Ostermärsche in Deutschland und daher Pflicht in den Nachrichtensendungen. Die Teilnehmer kommen aus der ganzen Region und in besonders großer Zahl aus Berlin. Der Grund für ihre mit so viel Aufmerksamkeit begleiteten Demonstrationen liegt gleich hinter den letzten Häusern des Dorfes: der Truppenübungsplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide. Während sich die Ostermarschierer vehement gegen eine weitere militärische Nutzung des riesigen Geländes östlich der Autobahn Berlin-Hamburg wehren, beharrt das Bundesverteidigungsministerium auf den in den fünfziger Jahren durch die sowjetischen Truppen eingerichteten Platz. Die Bundeswehr und anderen Nato-Armeen wollen hier Tiefflüge, Bombenabwürfe und das Zusammenwirken von Luft- und Bodentruppen trainieren.

Der Streit um das so genannte Bombodrom - der Begriff kommt aus dem Russischen und bedeutet Bombenabwurfplatz – begann gleich nach dem russischen Truppenabzug 1992. Heute wie damals bestimmt er die politischen Debatten nicht nur im betroffenen Gebiet zwischen Neuruppin, Rheinsberg und Wittstock. Auch der Brandenburger Landtag und selbst der Bundestag beschäftigten sich mehrmals mit der Problematik. 19 Gerichtsurteile liegen inzwischen auf dem Tisch. Alle bisher behandelten Klagen endeten mit einem Sieg der Bombodrom-Gegner. Dabei ging es jedoch meistens um Verfahrensfragen. Das Bundesverteidigungsministerium bestritt die Notwendigkeit einer neuen Beantragung des geplanten Übungsbetriebes. Schließlich sei das Übungsgelände bis 1992 von den russischen Streitkräften genutzt worden. "Einmal Übungsplatz, auch künftig Übungsplatz", lautete das Argument der Anwälte. Über neun Klagen von Kommunen, Naturschutzverbänden und Privatleuten entscheiden die Gerichte in den nächsten Monaten. Das Hauptverfahren steht noch aus.

Allerdings gab es kürzlich einen "entscheidenden Durchbruch", wie der Rechtsanwalt Rainer Geulen die vom Oberverwaltungsgericht Brandenburg entschiedene Klage der Gemeinde Lärz beurteilte. Das unweit der Müritz im benachbarten Mecklenburg-Vorpommern gelegene Dorf hatte die von der Bundeswehr angegebene "unwesentliche Lärmbelästigung" bei einem Übungsbetrieb angezweifelt. Das Gericht gab der Gemeinde Recht und untersagte vorerst Übungsflüge über Lärz.

So wie die Anrainer an der Müritz fürchten Menschen überall in der Umgebung des 144 Quadratkilometer großen Platzes wegen der Übungsflüge um ihre Arbeitsplätze. Denn diese machen Lärm und der verträgt sich nach Ansicht der Kritiker der Bundeswehr nicht mit den Hoffnungen in der Tourismusbranche. Wer Entspannung sucht, so lautet das Argument der starken Bürgerinitiative "Freie Heide", entscheidet sich nicht für eine Gegend mit Lärm von Düsenflugzeugen. Davon gehen auch die Landesregierungen von Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin aus. Der Fremdenverkehr ist die einzige nennenswerte Erwerbsquelle in der betroffenen Region.

Nach Angaben der Unternehmervereinigung "Pro Heide" sind 15.000 Arbeitsplätze in Gefahr, falls die Tourismusbranche durch den Krach der Tornados in Rheinsberg, Neuruppin oder an der Müritz wegbrechen würde. "Alle sprechen von dramatischen Entwicklungen in großen Industrie- oder Handelsunternehmen", meint Thomas Marquardt vom Zusammenschluss der Unternehmer. "Aber bei uns sind die Dimensionen viel größer. Seit 1991 wurden in die touristische Infrastruktur eine Milliarde Euro investiert."

Das Bundesverteidigungsministerium glaubt dagegen an ein mögliches Miteinander von Tourismus und Übungsbetrieb. Letzterer werde sich grundlegend von den Belastungen durch die russische Luftwaffe vor der Wende unterscheiden, heißt es. Am Wochenende herrsche ebenso Ruhe wie an Feiertagen und in den Schulferien. Außerdem würden nur Übungsgranaten abgeworfen. Gleichzeitig verspricht die Bundeswehr der Stadt Wittstock den Aufbau einer Garnison mit 800 Soldaten. Deshalb gibt es hier auch eine Mehrheit im Stadtparlament, die den Übungsplatz befürwortet. "So eine große Garnison schafft viele zivile Arbeitsplätze, die wir dringend brauchen", erklärt Bürgermeister Lutz Scheidemann (FDP). "Auf sie können wir bei knapp 20 Prozent Arbeitslosigkeit nicht verzichten."