Von Deutschland nach Polen mit der Straßenbahn? Diese Vision könnte bald zwischen Frankfurt (Oder) und der Nachbarstadt Słubice Wirklichkeit werden. Nach langer Diskussion hatten sich die jeweiligen Parlamente kürzlich für eine Linie über die beide Zentren verbindende Oderbrücke entschieden. So eine grenzüberschreitende Straßenbahnstrecke gibt es sonst nirgendwo in der Europäischen Union. Ab 2007 oder 2008 soll die Tram auf einem 3,4 Kilometer langen Abschnitt verkehren. Auf die deutsche Seite kommen Kosten in Höhe von 4,2 Millionen Euro zu, Słubice rechnet mit drei Millionen Euro. Bis zu 80 Prozent der Kosten soll die Europäische Union bezahlen. Bereits bis 1945 verkehrte auf der Brücke eine Straßenbahn. Sie verband die Frankfurter Stadtmitte mit der Dammvorstadt auf dem östlichen Oderufer. Die fiel nach dem Krieg wie viele andere Gebiete an Polen. An eine öffentliche Verkehrslinie war danach nicht mehr zu denken.

Gutachten gehen von täglich 4.000 Fahrgästen aus. Vor allem Studenten und Einkaufstouristen werden als Kunden erwartet. In Frankfurt (Oder) besuchen derzeit allein 1.500 polnische Studenten die Europa-Universität Viadrina. Ihre Wohnheime befinden sich jedoch in Słubice. Die Straßenbahn soll ihnen den Weg erleichtern. Während die Tram auf ihrer Schleife die Wohnheime auf jeden Fall anfahren wird, ist eine Anbindung des Basars mit seinen billigen Produkten nicht vorgesehen. Die Słubicer Stadtverwaltung hat darum auch nicht ausdrücklich gekämpft. Schließlich verzeichnet der Basar in den vergangenen Jahren immer weniger Besucher. 60 Prozent der Deutschen, die in Frankfurt (Oder) die Grenze für einen Tagesausflug in der Nachbarschaft passieren, nutzen für ihre Einkäufe inzwischen Fachgeschäfte, Supermärkte, Handwerker, Optiker oder Zahnärzte.

Die städtische Verkehrsgesellschaft erhofft sich durch die Ost-Erweiterung des Tram-Netzes eine deutliche Zunahme der Kundschaft. Schließlich steigt in Słubice nach Prognosen die Bevölkerungszahl von derzeit 17.000 im nächsten Jahrzehnt auf fast 25.000 an, während sie in Frankfurt bis 2015 um 10.000 Menschen auf dann nur noch 55.000 Einwohner sinken wird. Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns sieht in der geplanten Straßenbahn-Trasse "einen Brückenschlag für die gemeinsame deutsch-polnische Wirtschaftsregion". Ausweiskontrollen durch den Bundesgrenzschutz wird es in den Bahnen wahrscheinlich nicht geben. Denn bis 2007 oder 2008 dürfte Polen dem Schengener Abkommen beigetreten sein, das an den Grenzen innerhalb der EU keine Kontrollen vorsieht.

Widerstand gibt es jedoch von den Taxi-Fahrern beiderseits der Grenze. Sie fürchten um ihre Einnahmen, wenn die Touristen künftig gleich vom Frankfurter Bahnhof auf die andere Oderseite durchfahren können. Vor zwei Jahren verhinderten sie in der Adventszeit mit ihrem Protest schon eine Busverbindung nach Słubice.

Der Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder), Martin Patzelt, betrachtet die Straßenbahn als ein Stück Normalität. "Mittlerweile ist es so, dass die Frankfurter mit einer größeren Selbstverständlichkeit in Słubice sind, nicht nur zum Einkaufen, sondern auch zu kulturellen Ereignissen, bei Festen. Das Gleiche gilt auch für die Słubicer in Frankfurt", sagt er. Der CDU-Politiker hatte auch die Idee, leer stehende Plattenbauwohnungen in seiner Stadt polnischen Bürgern anzubieten. Das sei immer noch billiger als der Abriss. Doch bislang scheiterte das Projekt an der Miethöhe, die die Wohnungsbaugesellschaften verlangen. Die können sich viele polnische Familien nicht leisten.