Eine zunächst recht waghalsig klingende Idee hat den Brandenburger Wassertourismus zu einer Erfolgsgeschichte werden lassen: Wer mit einem Hausboot unterwegs sein will, braucht auf vielen Strecken keinen Führerschein. Eine Einweisung in die wichtigsten Regeln auf dem Wasser und in die Technik des Hausbootes genügt. Dann steht einer Fahrt durch eine herrliche Landschaft als Kapitän nichts im Wege. Im Jahre 2000 wurde mit 68 Kilometer der Anfang gemacht, Heute umfasst die Liste der freigegebenen Strecken bereits 350 Kilometer. Für das nächste Jahr hat Infrastrukturminister Frank Szymanski weitere 110 Kilometer beim Bundesverkehrsministerium beantragt. Auch von Potsdam und der Havelstadt Brandenburg sollen Freizeitskipper zu Ausflügen mit bis zu 15 Meter Booten
starten können.

"Seit dem Jahr 2000 gab es lediglich fünf Unfälle durch Kapitäne ohne Führerschein", sagt der Minister zufrieden. "Die Regelung hat sich auch aus Sicht der Wasserschutzpolizei glänzend bewährt." Vor allem in Norden und Südosten Brandenburgs reicht eine so genannte Charterberechtigung. Sie ist allerdings nur für das jeweilige Boot und nur für den Zeitraum der Ausleihe gültig. "Doch zwei Drittel der Menschen, die ohne Führerschein einen Ausflug machen, melden sich danach bei einem regulären Lehrgang an", berichtet Hausbootsvermieter Harald Kuhnle. "Sie haben ganz einfach Lust bekommen, auch andere Reviere und manchmal auch das offene Meer mit dem Schiff kennen zu lernen."

Die Zahlen sprechen für sich. In Brandenburg gibt es derzeit 65 Marinas mit 3 800 Bootsliegeplätzen. Große Hafendörfer entstanden in Kleinzerlang am Anfang der Mecklenburgischen Seenplatte, in Rheinsberg, in Petzow am Schwielowsee, in Zeuthen an der Spree oder in Bad Saarow am Scharmützelsee. Rund 600 Hausboote stehen in Brandenburg zum Verleih bereit. Im Vergleich dazu kommen Frankreich auf 2 000, die Niederlande und Irland auf jeweils 800 Boote. Je nach Größe, Ausstattung und Saisonzeit kostet eine Woche zwischen 850 und 4000 Euro.

Im Westen Deutschlands müssen auch Hausbootkapitäne auf allen Strecken einen Bootsführerschein besitzen. Die starke Berufschifffahrt auf den Flüssen und Kanälen befürchtet Kollisionen mit den unerfahrenen Wassersportlern. Auch in Berlin dürfen wegen des erheblich größeren Verkehrs nur ausgebildete Bootsführer ans Steuer.

Wer so eine Fahrt gerade auf Brandenburger Gewässer bucht, wird garantiert nicht enttäuscht. Wie sich bei einem Test zeigte, verschwand schon am ersten Ferientag auf dem Hausboot der vorher akribisch ausgearbeitete Touren- und Zeitplan in der untersten Ecke des Kleiderschranks. Nur noch die Landschaft und die gute Laune bestimmten fortan das Tempo und den Kurs. Schon die ersten Stunden haben ein völlig neues Zeitgefühl bewirkt.