Die Stadtväter im kleinen südbrandenburgischen Jüterbog schauten schon immer etwas neidisch auf ihre Kollegen in dem 30 Kilometer westlich gelegenen Wittenberg. Denn die brauchten sich nie irgendwelche Sorgen über mangelnde Aufmerksamkeit oder einen zurückgehenden Touristenstrom machen. Dank Martin Luther und seinen Thesen gehört die Stadt in Sachsen-Anhalt nach wie vor zu den wichtigsten deutschen Reisezielen. Nach Jüterbog aber zog es bislang kaum Neugierige. Dabei lieferte die Stadt den eigentlichen Anlass für Luthers Reformation. Mit einer Ausstellung ab Ende August wollen die Jüterboger nun endlich diese Wissenslücke schließen und sich damit viel stärker als bisher als lohnenden Ort für Geschichtsinteressierte ins Gespräch bringen.

Die Schau mit dem Titel "Lutherwort und Höllenqual" eröffnet gleichzeitig nach langer Restauration das so genannte Mönchenkloster im Stadtzentrum. Damit feiert auch der Verein "Kulturland Brandenburg" einen Höhepunkt seines diesjährigen Themenjahres "Der Himmel auf Erden. 1.000 Jahre Christentum in Brandenburg".

In der Taufkapelle der mächtigen Nikolaikirche steht bis heute eine schwere Geldtruhe, die den Streit zwischen Luther und dem Papst und den regionalen Kirchführungen erst auslöste. Der Spruch "Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt" zeugt vom blühenden Ablasshandel Anfang des 16. Jahrhunderts. Der Dominikanermönch Johannes Tetzel pries in der Kirche seine vermeintlich von allen Sünden befreienden Briefe wie ein Marktschreier an. In die Schlange vor der Truhe reihten sich sogar Räuber und Mörder ein, die sich mit einem Ablassbrief vor einem Gang in die Hölle schützen wollten. Ab 1517 bot Tetzel selbst Urkunden für die Tilgung künftiger Sünden und für das Glück von längst verstorbenen Einwohnern an. Während sich die Landeskirche und der Papst über die Einnahmen freuten, wetterte in Wittenberg Martin Luther über das Treiben von Tetzel. Im Oktober 1517 schlug er seine berühmten 95 Thesen an das Wittenberger Kirchentor. Es begann ein heftiger Kanzelstreit in Jüterbog zwischen den katholischen Franziskanern und den reformatorischen Lutherschülern. Der Prediger und Bauernführer Thomas Müntzer lieferte sich hier so manches Wortgefecht mit den Anhängern der "alten" Kirche. Dank der diesjährigen Brandenburger Kulturkampagne kann diese Ereignisse nun jeder Besucher in Jüterbog nachvollziehen.

Ingesamt umfasst der Veranstaltungskalender mehrere Hundert Ausstellungen, Konzerte, Buchlesungen, Führungen und Diskussionen rund um das Thema "1.000 Jahre Christentum". Höhepunkt war im Mai die Wiedereröffnung der Bischofsresidenz Burg Ziesar in Westbrandenburg. "Wege in die Himmelsstadt", heißt die neue Dauerausstellung. Bis zum 30. Oktober lädt hier zusätzlich die Präsentation "Wielkopolska. Die Wege des Christentums in Polen" ein. Im Mittelpunkt stehen die vier Hauptorte der frühen kirchlichen Organisation in Polen: Posen und Gnesen, das spätere Erzbistum, mit mächtigen Domen sowie die Herrscherresidenz der Piasten in Lednica und Burg Giecz. Die Schau widmet sich dem Christianisierungsprozess in Polen, der von politischen Kreisen inspiriert und unterstützt wurde sowie der Herausbildung des ersten polnischen Staates im 10. Jahrhundert. Gezeigt werden zahlreiche Originale, unter anderem archäologische Fundstücke aus Lednica, der Kelch des Heiligen Adalbert, die Lanze des Heiligen Mauritius und das Pektorale, ein Fund aus Ostrow Lednica.