Die Planer der riesigen Seenkette im Süden Brandenburgs besitzen eine bewundernswerte Phantasie. Denn sie markieren auf ihren Zeichnungen nicht nur die Plätze für künftige Yachthäfen, Hafendörfer, Surfschulen, Bootsverleiher und Restaurants, sondern denken auch an kleinste Details. Selbst die roten Pfosten, an denen frühestens in zehn Jahren die Fahrpläne für die Ausflugsdampfer hängen sollen, stehen schon inmitten der Braunkohlengruben. Sie wirken inmitten der grauen und staubigen Umgebung noch ein wenig verloren. Aber auch mit ihnen wollen die Planer Visionen für das neue Bild der Lausitz wecken.

In den nächsten 10 bis 20 Jahren entsteht im südlichen Brandenburg und im angrenzenden Sachsen eine rund 14000 Hektar große Seenfläche. Aufsteigendes Grundwasser füllt zusammen mit der Spree, der Neiße und der Schwarzen Elster die großen Gruben, wo nach der Wende die Kohleförderung aufgegeben wurde. In Großräschen, der alten Bergarbeiterstadt, stehen sogar schon Liegestühle an der Tagebaukante. Sie erhält einen riesigen See mit Badestrand, Ausflugsrestaurant und eine Flotte von Ausflugsschiffen. Die meisten der neuen Gewässer werden mit schiffbaren Kanälen untereinander verbunden. Hinter den Symbolen für eine neue Zukunft steht die Internationale Bau-Ausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land. Seit fünf Jahren begleitet sie die gigantische Umgestaltung der Landschaft. Jetzt ist Halbzeit und die Bilanz kann sich sehen lassen. Sie weckt Visionen, gibt Anstöße, bewahrt wertvolle Zeugnisse vor der Zerstörung, holt tatendurstige Künstler und Architekten ins Land und erschließt die Region für Touristen.

Zu den vorzeigbaren Ergebnissen gehören die als liegender Eiffelturm bekannt gewordene Förderbrücke F 60, die Slawenburg Raddusch, Kutsch- und Radwege und das Kraftwerk Plessa. Spektakulärstes Projekt aber bleibt die Seenkette.

Bei aller Neugier auf die veränderte Landschaft stellt sich nicht überall gleich Begeisterung ein. Denn gerade das Seenland löst bei der älteren Generation auch Wehmut aus. Die Tagebaue raubten vielen Einwohnern ihre Heimat. Großräschen beispielsweise verlor in den letzten Jahren der DDR noch einen Ortsteil für ehemals 4000 Menschen. Die Kohle unter den Fundamenten der Häuser und Plätze war wertvoller als die Bewahrung der Heimat. Doch sie brachte auch Arbeit und Wohlstand in die Lausitz. Mit dem Aus für die meisten Tagebaue und Kraftwerke endeten Arbeits- und Lebensgeschichten. Ersatz war lange Zeit nicht in Blick. Das neue Seenland bietet nun viele Chancen - für Hoteliers, Gastronomen, Segel- und Bootsschulen, Radwander-Büros, Touristenführer und viele andere. Die von den Landkreisen, Kommunen und vom Land getragene IBA-Gesellschaft hält den Wandel mit Ausstellungen, Führungen und Denkmälern fest."Ohne uns würde die Seenlandschaft auch entstehen", gibt Geschäftsführer Professor Rolf Kuhn unumwunden zu. "Aber sie gleiche dann vielleicht der Mecklenburgischen Seenplatte. Irgendwann glaubten die Menschen dann vielleicht, dass auch die Lausitzer Gewässer ein Ergebnis der Eiszeit wären." Es dürfe jedoch nicht vergessen werden, dass diese Region buchstäblich durch die Hände der Menschen geschaffen worden sei.

Nicht nur Bauwerke dokumentieren die Erinnerung. Der Schweizer Theatermacher Jörg Montalte hat beispielsweise zusammen mit Einwohnern des vor 16 Jahren verschwundenen Dorfes Bückgen ein Schauspiel geschrieben. Im Stück "Alles verloren - Alles gewonnen" erzählen die Bewohner über das Leben im Ort, bevor es die Bagger wegen der Kohle unter den Grundstücken platt machten. Das Stück führen sie direkt am Platz auf, wo ihre Heimat einmal stand. Ein Sofa markiert dann das Wohnzimmer, Tisch und Stühle kennzeichnen die Küche und ein weißer Strich deutet auf das Ende des Gartens hin. Doch nur noch in diesem Jahr kann diese Stelle genutzt werden, auch sie versinkt in den Fluten eines Sees.