Fast 500 Jahre gab es am Reinheitsgebot für Bier nichts zu rütteln. Das Gebräu durfte nur aus Hopfen, Malz und Wasser bestehen. Einige Zeit später wurde die 1516 in Bayern aufgestellte Regel noch durch Hefe ergänzt. Aber auf alle anderen Zusätze mussten deutsche Bierbrauer verzichten. Ausgerechnet eine kleine Brandenburger Brauerei hat nun die angeblich so unerschütterliche Regel gebrochen und dafür nach einem langen Streit sogar Recht von der höchsten Instanz erhalten: Auch wer nachträglich noch Zucker in sein Getränk mischt, kann es Bier nennen und unter dieser Bezeichnung auch verkaufen. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig kam im Frühjahr zu diesem bemerkenswerten Urteil. Die Klosterbrauerei in Neuzelle an der Oder trug damit einen heftig gefeierten Sieg über den Brandenburger Amtsschimmel davon. Denn mit dem Urteilsspruch endete eine ziemlich lange Liste von amüsanten Amtspossen.

Kurz nach der Wende hatte Helmut Fritsche den Betrieb gekauft. Er kurbelte die Produktion von Schwarzbier an, wollte sich aber von anderen Marken unterscheiden. Irgendwo wurde ein altes Rezept der Mönche vom benachbarten Kloster ausgegraben, nach dem Fritsche dem fertigen Bier noch eine bestimmt Menge Sirup beigab. Die neue Geschmacksrichtung war gefunden. Doch nun meldeten sich die Fachleute vom Lebensmittelüberwachungsamt des Landkreises Oder-Spree und des Brandenburger Agrarministeriums zu Wort. Sie witterten einen groben Verstoß gegen das besagte Reinheitsgebot. Die Brauerei erhielt streng gehaltene Briefe und die Androhung von Strafen, falls das Gebräu aus Neuzelle weiterhin als Bier verkauft werden sollte.

Doch Fritsche nahm den Kampf auf. Er pochte auf die Ausnahmegenehmigung für "besondere Biere", für die das Reinheitsgebot nicht gilt. Als das keinen Erfolg brachte, dachte er sich eine Provokation nach der anderen aus. Einmal druckte er Etiketten, die zwar auf die Bezeichnung Bier verzichteten. Aber bei dem Begriff "Schwarz...." wusste jeder über die vier Pünktchen Bescheid. Dann setzte sich die Brauerei kurzfristig bewusst über das Verbot von jeglichen Hinweisen auf Bier auf den Flaschen hinweg. Die Neuzeller brachten immer neue Ideen auf den Markt: ein Badebier zur äußeren Anwendung, ein Kirschbier, ein Marathon-Bier zur Leistungssteigerung und sogar ein Anti-Aging-Bier für den Stopp des Alterungsprozesses. Ständig erhoben die Behörden den Zeigefinger, die Produkte nicht als Bier anzubieten.

Doch der Unternehmenschef drehte bald den Spieß um. Er erkannte die Wirkung der Medien und stellte die angeblichen Bürokraten des Landkreises und des Ministeriums an den Pranger. Sie würden einen mittelständischen Betrieb mit 40 Angestellten behindern und verschwendeten nur ihre Zeit. Rundfunk- und Fernsehstationen und Zeitungen nahmen sich des Themas an und kurbelten damit indirekt den Absatz des Neuzeller Bieres an. Schließlich wollten viele Biertrinker wissen, was es denn mit diesem umstrittenen Gebräu nun auf sich habe. So mancher kam erst dadurch auf den Geschmack und blieb bei dem angeblich falschen Schwarzbier.

Fritsche war clever genug, keine Chance auf Medienpräsenz zu verpassen. "Mein Lieblingsbürokrat ist der einstige Brandenburger Agrarminister Edwin Zimmermann", sagte der Brauereichef bei der Vorstellung seines Buches, das er eigens über den "Bierkrieg" verfasst hatte. Zimmermann sei zwar ein "netter Kerl". Aber auf einer Grünen Woche in Berlin habe sich der Politiker strikt gegen einen Besuch des Standes der Brauerei gewehrt. "Ich trinke diesen Fruchtsaft nicht", meinte der später über eine Korruptionsaffäre gestürzte Minister.