Die Pferdeflüsterer wohnen gleich hinter dem Ende der Großstadt. Zwar mutet die Anfahrt über die vierspurige Bundesstraße 5 durch Spandau und entlang der Überreste des Olympiadorfes von 1936 nicht gerade wie ein romantischer Ausflug an, aber dafür entschädigt das Ziel: Viele munter und voller Neugier umherspringende Pferde, große Koppeln und eine weite märkische Heide, deren schmaler Hauptweg den passenden Namen "Grüne Oase" trägt. Spätestens beim Anblick der eigentümlichen achteckigen Häuser neben den Stellen steht fest: Bei der Stutenmilchfarm in Bredow im Havelland handelt es sich keineswegs um einen gewöhnlichen Pferde- oder Reiterhof. Neuerdings erhalten die zahlreichen neugierigen Besucher hier nicht nur die heilsame und die Abwehr kräftigende Milch der ursprünglich aus Russland stammenden Kaltblüter. In Wochenend- oder Tagesseminaren verraten Pferdeflüsterer ihre Geheimnisse.

Dies ist durchaus ernst gemeint und nicht mit Erzählstunden am Lagerfeuer oder am Biertisch zu verwechseln, wobei auch auf der Stutenmilchfarm die Idylle keineswegs zu kurz kommt. Doch die Ansprüche bei diesem in Brandenburg und angrenzenden Bundesländern einmaligen Angebot liegen höher und somit auch die Erlebniswerte.

Die Heilpraktikerin Elvira Hagen, die mit ihrem Lebenspartner Johann Raps die Farm im Jahre 1997 gründete, sucht für das Wochenend-Seminar "Das Pferd als Spiegel der Seele" nur Hengste aus. "Sie sind viel stärker als Stuten und geben den Wünschen der Menschen nicht so schnell nach", erklärt die Frau und streichelt ihren Lieblingen übers Gesicht. Die teilnehmenden Frauen und Männer zwischen 35 und 50 Jahren treten anfangs respektvoll einige Schritte zurück. Aus sicherer Distanz wechseln Blicke hin und her. Schließlich findet jeder sein Pferd, mit dem er sich in der nächsten Zeit anfreunden oder auseinandersetzen wird. Da Reiten in Bredow nicht zum Programm gehört, kommt es zu überraschenden Partnerschaften. Zierliche und zurückhaltende Frauen entscheiden sich für kräftige Burschen, während sich die in der Rolle des Machos wohl fühlenden Teilnehmer eher auf scheinbar unterwürfige Hengste zugehen. Schüchterne und skeptische Besucher geben sich mit dem Rest zufrieden.

Doch vor der Praxis kommt auch bei diesen schamanischen Kursen die Theorie. Erstaunliche Dinge erzählen die Fachleute über die Pferde. Sie könnten den Menschen helfen, energetische und emotionale Blockaden aufzuweichen, belastende Dinge abzuladen oder die innere Harmonie wiederzufinden. Angesichts der vielen Pferde in der germanischen, griechischen, indischen oder hinduistischen Mythologie scheint den Tieren vor langer tatsächlich einmal viel Einfluss zugebilligt worden sein. Der germanische Gott Wotan soll sich sogar einem achthufigem Pferd anvertraut haben.

Aber heute? Drei bis vier Millionen Deutsche sind dem Yoga und anderen östlichen Lehren verfallen oder suchen ihr Heil in einem modernen Wellness-Tempel. Hat sich da nicht die Pferde-Lehre überlebt?

Mario "Sathyam" Schwenninger, in den USA ausgebildeter Trainer für transpersonale Hypnotherapie und Huna Coaching, schüttelt - erwartungsgemäß - den Kopf. Pferde seien geduldig. "Mit ihrer Ausdauer lassen sie uns spüren, ob wir Menschen unsere Mitte und Präsenz verlieren", sagt der Berliner Fachmann. "Sie belohnen uns mit ihrer Energie, wenn sie merken, wir befinden uns wieder in Harmonie."

So mancher Teilnehmer zweifelt plötzlich an lieb gewordenen Lebenspraktiken. Schließlich wurde von Kindesbeinen an gelernt, sich in schwierigen Situationen richtig anzustrengen und alle Kraft auf den Erfolg auszurichten. Doch die Verkrampfung bewirkte oftmals das Gegenteil. Im Pferdeseminar probieren die Menschen eine andere Methode: ganz entspannt an die Aufgabe gehen und mit Lockerheit agieren.

Die Ergebnisse auf der Koppel fallen unterschiedlich aus. Mitunter reichen Kraft und Ausdauer nicht aus, um den Hengst nur mit Worten, mit der Übertragung der eigenen Energie oder mit Gestik zum Laufen in eine bestimmte Richtung oder zum Begleiten zu bewegen. Das Halfter bleibt in vielen Fällen dennoch im Stall.

Fast genauso interessant wie der Umgang auf den Koppeln sind die Gespräche und Meditationen mit den professionellen Pferdeflüsterern in den Seminarräumen. Da erzählen die Teilnehmer meist offen über ihre privaten und beruflichen Probleme, für die sie auf der Bredower Farm eine Lösung finden wollten. Da sitzt die sich unterfordert fühlende Mitarbeiterin neben einer unentschlossen durchs Leben gehenden Mittdreißigern und einem harten Mobbing-Attacken ausgesetzten Abteilungsleiter. Bei einem der abschließenden Tests schwanken die meisten Frauen und Männer auf der Farm. Sie sollen ihrem lieb gewonnenen Hengst einen frischen Grasbüschel hinhalten, aber in diesem Moment noch nicht geben. Da siegt dann doch die Tierliebe.

Die stellt sich auch schnell bei den anderen Besuchern der Stutenmilchfarm ein. Der Stammbaum der meisten Pferde weist auf russische Vorfahren hin. Denn Elvira Hagen und Jochen Raps holten 1996 die ersten Exemplare direkt aus einem Sanatorium bei Moskau, wo die gemolkene Milch sofort den Patienten gereicht worden war. In Bredow wird die Milch gütlich geteilt. Nur was das Fohlen übrig lässt, fließt in die Behälter für die Kühlung. Da Stuten im Unterschied zu Kühen keinen Vorratseuter besitzen, kann der heilende weiße Saft nur in einem wahren Vertrauensverhältnis von den Eigentümern der Farm angezapft werden. Andernfalls ziehen die Pferde die Milch einfach hoch und der Mensch steht ohne Ertrag da.

Die Stutenmilch ähnelt in ihrer Zusammensetzung der Frauenmilch, so dass sie vor allem bei der Stärkung der Verdauung hilft. Inzwischen werden die Produkte nicht nur zum Trinken angeboten, sondern auch als Kosmetikartikel gerade für die Haut.

Der Abschied von der eigentümlichen Farm mit ihren erstaunlichen Pferdeflüsterern wirkt wie ein Schritt in eine andere Welt. Irgendwie haben sich die Hengste und Stuten doch als ein Spiegel unserer Seele gezeigt.

INFO:
Stutenmilchfarm, Zur Grünen Oase 1, 14 641 Bredow, Telefon 033 21/74 48 80, e-mail: info@stutenmilchfarm.de , im Internet: www.stutenmilchfarm.de