Brandenburg bringt im Bundestagswahlkampf Bewegung in das bekannte Farbenspiel der etablierten Parteien. Denn die erst im März in Cottbus gegründete Wendische Volkspartei will hier auf die Stimmzettel. Sie stützt sich auf die Minderheitenklausel im Wahlgesetz des Bundeslandes, das für einen Sitz im Parlament nicht die sonst übliche Fünf-Prozent-Hürde vorsieht. Das Gesetz gilt auch für die Bundestagswahl. Rund 20.000 Menschen im Brandenburgischen Teil der Lausitz zählen sich zur Volksgruppe der Wenden, die schon seit Jahrhunderten von der deutschen Bevölkerung als Sorben bezeichnet werden. In der sächsischen Oberlausitz leben 40.000 Wenden. Dort gibt es jedoch keinen Minderheitenpassus im Wahlgesetz.

Wer mit dem Auto oder dem Zug von Berlin aus in Richtung Süden und Südosten fährt, wird nach rund 80 Kilometern auf zweisprachige Hinweis- und Ortsschilder aufmerksam. Sie künden vom Siedlungsgebiet der Sorben/Wenden. Seit dem 7. Jahrhundert lebt dieser slawische Stamm im Osten des heutigen Deutschlands. Alle Slawen erhielten von den Deutschen die Bezeichnung "Wenden". Obwohl die Gruppe zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert weitgehend im deutschen Volk aufging, wurden vor allem auf den Dörfern die Sitten und Gebräuche bewahrt. Sorbische Lehrer und Geistliche verließen die Lausitz.

Nach dem Krieg begann die Wiederbelebung der Traditionen. Zunächst gab es sogar Bestrebungen, das Siedlungsgebiet der Sorben der Tschechoslowakei anzuschließen. Schließlich setzten sich die Befürworter eines friedlichen Zusammenlebens mit den Deutschen durch. Künftig war nur noch von den Sorben die Rede. Die DDR-Verfassung erkannte sie als Minderheit an. Schrittweise wurden der sorbische Schulunterricht und die zweisprachige Beschriftung öffentlicher Einrichtungen wieder eingeführt. Die Dachorganisation "Domowina" ließ sich allerdings als eine "sozialistische Massenorganisation" ideologisch mit der SED-Politik gleichschalten, wie es heute kritisch heißt.

Als Zeichen des Neubeginns nach der Wende ersetzte mehr und mehr der alte Name Wenden die Bezeichnung Sorben. Ihre Rechte auf eine kulturelle und nationale Identität erkannte das Land Brandenburg mit einem eigenen Gesetz 1994 an. Es regelt unter anderem den Sprachunterricht an den Schulen der Lausitz.

Noch vor zehn Jahren drohte wendisch im täglichen Gespräch der Minderheit zu verschwinden. Nur noch ältere Bewohner beherrschten diese slawische Sprache. Doch ein Auslöschen konnte verhindert werden. In Kindergärten und Schulen sind heute wieder verstärkt wendische Worte zu vernehmen. Nach Angaben des Brandenburger Bildungsministeriums stand im vergangenen Schuljahr an 17 Lausitzer Schulen Unterricht in sorbisch/wendisch auf dem Programm. Daran beteiligten sich 350 Grundschüler, 618 Gymnasiasten, 38 Besucher von Gesamtschulen und 29 von Realschulen. Die Tendenz zeigt zwar nach unten, denn zwei Jahre zuvor waren noch rund 100 Schüler mehr im sorbisch-wendischen Unterricht gezählt worden. Aber hier drückt sich der allgemeine Rückgang an Brandenburger Schulen aus.