Sie gehört zweifellos zu den nicht gerade üppig gestreuten Erfolgsgeschichten aus dem Osten Deutschlands: die Spreewaldgurke. Sie ist knackig, würzig und ein Naturprodukt ohne Chemie und Konservierung. Der gute Boden und das überwiegend feucht-milde Klima lassen das gesunde Gemüse in der 80 Kilometer südöstlich Berlins gelegenen Lagunenlandschaft gut gedeihen. Inzwischen hat sich die gute Qualität auch weit über die Grenzen des Spreewaldes und der ehemaligen DDR herumgesprochen. Doch lange Zeit sah es ziemlich trostlos um diese Gurken und damit um Tausende Jobs aus.

Denn mehrere Firmen hatten sich als so genannte Trittbrettfahrer auf den Gläseretiketten des guten Rufs der Spreewaldgurke bemächtigt, obwohl sich deren Anbauflächen und Produktionsstätten gar nicht zwischen Golßen, Lübbenau, Calau und Burg befanden. Sie ließen den alt eingesessenen Produzenten und den sich im Spreewald neu etablierten Firmen wenig Chancen. Deshalb riefen engagierte Unternehmer, Kommunalpolitiker und eine nach einem EU-Programm arbeitende Aktionsgruppe für die "Regionale Dachmarke Spreewald" ins Leben. Doch die Konkurrenten räumten nicht freiwillig das Feld.

Mitte der neunziger Jahre begann ein erbittert geführter Rechtsstreit um den Schutz der Marken "Spreewälder Gurken" und "Spreewälder Meerrettich". Immer wieder befassten sich Gerichte mit der Problematik. Selbst als die ersten Entscheidungen den echten Spreewäldern Recht gaben, räumten ihre Widersacher nicht freiwillig das Feld. Sie behalfen sich mit einem Trick, indem sie auf ihre Gläser-Etiketten kurzerhand "Spreewälder Art" drucken ließen und die Kunden damit wieder hinters Licht führten. Denn sie erhielten beim Kauf der Gläser keineswegs echte Spreewaldgurken, sondern nur ähnlich produzierte.

Der Ärger der echten Spreewälder schweißte sie nicht nur zusammen, sondern setzte viele Energien frei. Alte Rezepte wurden wiederbelebt, brach liegende Felder bestellt und eine Werbe-Offensive gestartet. Feste erinnerten an die lange Tradition des Gurkenanbaus, der auf Flämische Einwanderer im 17. Jahrhundert zurückgeht. Graf Joachim von der Schulenburg hatte die Handwerker einst nach Lübbenau geholt. Sie brachten aus ihrer Heimat Gurkensamen mit, der hier im wahrsten Sinne des Wortes gut aufging. 1847 fand dann ein Lübbener Kaufmann einen Dreh, um die Ernte über eine längere Zeit zu lagern. Er verpasste den Gurken vor der Einlagerung einfach einen Messerschnitt. Der Siegeszug war nicht mehr aufzuhalten.

Doch ausgerechnet mit dem Ende der DDR schien das Aus für die Gurken aus dem Spreewald gekommen zu sein. In der Vielfalt der neuen Angebote aus dem Westen und anderen Ländern teilten die Spezialitäten das Schicksal vieler Ost-Produkte: Sie wurden in den Märkten links liegengelassen. So manches Erzeugnis verschwand für immer in der Versenkung. Dazu kam die Marken-Piraterie. Die Spreewälder Gurkenproduktion erreichte mit gerade mal 2000 Tonnen im Jahre 1993 ihren Tiefpunkt. Entsprechend bergab ging es mit der Beschäftigtenzahl: lediglich 720 Frauen und Männer standen in der Saison von Mai bis September im Anbau, in der Ernte und in der Weiterverarbeitung noch in Lohn und Brot.