20090203b741302009-03-06 15:11 

ZEIT ONLINE: Herr Rabbiner Brandt, welche Wirkung hat es auf Sie, wenn Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation von Holocaust-Leugnern aufhebt?

Rabbiner Henry Brandt: Ich bin empört und enttäuscht. Besonders deshalb, weil die Beziehungen zwischen der jüdischen Gemeinde in Deutschland und der katholischen Kirche wunderbar voranschritten.

ZEIT ONLINE: Die Beziehungen sind doch spätestens seit der Wiedereinführung einer alten Karfreitagsliturgie im vergangenen Jahr äußerst angespannt. Darin wird dafür gebetet, dass Gott die Herzen der Juden erleuchte, damit sie an Jesus Christus glauben.

Brandt: Das war ein weiteres in einer ganzen Serie von Fettnäpfchen, in die der Papst bewusst getreten ist – was bei sehr vielen deutschen Katholiken, im Klerus, unter Laien und bei Theologen für großes Unverständnis gesorgt hat. Diese Reihe von Fehlgriffen ist nicht zufällig. Möglicherweise hat er eine Schar konservativer Ratgeber um sich, die ihn in diese Richtung drängen. Er ist dabei, die großen Fortschritte, die Johannes Paul II. im Zusammenleben der Konfessionen erzielt hat, zu revidieren.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich, dass ein intelligenter Mensch wie Benedikt die verheerende Außenwirkung seines Versöhnungsangebots an die antisemitische Pius-Bruderschaft in Kauf nimmt?

Brandt: Er ist gelehrt und belesen. Er hat bestimmt auch einen scharfen Verstand, doch ihm fehlt es an Erfahrung, die Auswirkungen seiner Entscheidungen auf Politik und Gesellschaft abzuschätzen. Er ist politisch unbedarft oder überfordert, ein Mann im Elfenbeinturm.