Die Aussichten waren schon schlechter

Ethnologie qualifiziert ausgezeichnet für den Berufseinstieg - besonders, wenn man in einem Fuhrunternehmen oder als Kellner anheuern will. Das ist ein gängiges Vorurteil über die Völkerkunde wie über viele Geisteswissenschaften, die mit Legitimationsproblemen kämpfen. Was aber ist dran am Vorurteil? Stehen die Jobchancen für Ethnologen wirklich so schlecht?

Keineswegs, so das Ergebnis von zwei Verbleibstudien der Institute für Ethnologie an der Universität Hamburg und der Freien Universität Berlin. Absolventen, die in den 90er-Jahren ihren Magister-Abschluss gemacht hatten, erzählen hier über ihr Studium, ihren Beruf und ob diese zwei Lebensabschnitte inhaltlich miteinander etwas zu tun haben, kurz: ob das Ethnologie-Studium für einen Beruf qualifiziert.

Immerhin: Mit acht Prozent Arbeitslosigkeit liegen die Berliner Absolventen unter dem bundesdeutschen Durchschnitt. In Hamburg sind 14 Prozent als arbeitslos gemeldet. Hier ließ sich ein Zusammenhang von Praktika und Berufseinstieg ablesen: Von der Gruppe, die während ihres Studiums ein Praktikum absolviert hatten, waren 8 Prozent ohne Arbeit. Dagegen hatten 24 Prozent keine Beschäftigung gefunden, die nach dem Studium ohne Kontakte zur Berufswelt dastanden.

Nur ein kleiner Anteil der Ethnologie-Absolventen ist in den klassischen Betätigungsfeldern Museum und Entwicklungszusammenarbeit beschäftigt. Trotzdem geben fast zwei Drittel der 64 befragten Hamburger Studenten an, dass ihr Beruf Nähe zur Ethnologie aufweist. Positiv interpretiert kann das bedeuten, dass das Studium Fähigkeiten vermittelt, die auch in anderen Berufen relevant sind. Die Verfasser der Studie müssen aber auch die Möglichkeit eingestehen, dass die Befragten ihre Tätigkeit durch eine "ethnologische Brille" sehen. Manche kehrten ihrem Studienfach ganz offensichtlich den Rücken und arbeiten heute als Landschaftsgärtner oder in der Physiotherapie

Mehr als ein Drittel der Berliner Ethnologen arbeiten an der Universität oder sind noch mit ihrer Promotion beschäftigt. Etwa ein Sechstel der 93 Befragten arbeitet in der Wirtschaft als Immobilienmakler, in Buchhandel, Internet-Branche, Öffentlichkeitsarbeit oder Personalmanagement. Etwa ebenso viele zog es zu Medien, Kultur und Journalismus. Allerdings reichte das Studium allein bei den wenigsten Absolventen beider Universitäten aus, um den Absprung ins Berufsleben zu schaffen. Viele absolvierten zusätzliche Ausbildungen (als Fachzeitschriftenredakteur, Pharmareferent oder in Management-Trainee-Programmen). Fast alle mussten sich zunächst mit befristeten oder halben Stellen wie Krankenvertretung und Honorararbeit zufrieden geben. Dabei leiden viele unter finanziellen Problemen  - gut die Hälfte der Berliner hielten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, abgelöst von Phasen der Arbeitslosigkeit.

Das Fazit lautet: Ethnologie-Absolventen geht es zwar nicht schlechter als anderen Geisteswissenschaftlern. Sie müssen jedoch - wie diese - Geduld haben. Zusatzqualifikationen über Praktika, Aufbaustudiengänge oder Ausbildung zu erwerben, scheint unumgänglich. Trotzdem will keiner der befragten Völkerkundler sein Studium missen: Es habe ihnen wichtige Arbeitstechniken wie Systematik, Organisation und Recherche vermittelt, außerdem ihren Horizont erweitert und interkulturelles Verständnis geweckt. Alles Fähigkeiten, mit denen sich in einer globalisierten Wirtschaft punkten lassen dürfte.

Die Aussichten waren schon schlechter

Die Studie vom Hamburger Institut für Ethnologie:
http://www.uni-hamburg.de/Wiss/FB/09/EthnoloI/Projekte/Berufsorientierung/Absolventen/absolventen.html

Die Berliner Studie wurde in der Reihe "Sozialanthropologische Arbeitspapiere", Heft 95, veröffentlicht und kann bei der Universität angefordert werden:
http://www.fu-berlin.de/ethnologie/saap/