Wegen der Zahlungssäumnis mehrerer Kunden konnte der Inhaber eines kleinen Handwerksbetriebs über mehrere Monate hinweg die Gehälter nicht pünktlich auszahlen. Einer seiner Arbeitnehmer revanchierte sich, indem er in zwei Fällen die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verspätet beziehungsweise überhaupt nicht einreichte. Bereits im ersten Fall wurde der Arbeitnehmer abgemahnt - allerdings ohne Kündigungsandrohung. Nach zwei Monaten erkrankte er erneut und gab die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung einem Kollegen mit, der sie jedoch nicht ins Sekretariat weiterreichte. Vor Gericht räumte der Arbeitnehmer ein, dass ihm dieses Vorgehen als "Retourkutsche" gedient habe, da ihm schließlich sein Gehalt verspätet ausgezahlt worden sei.

Das Landesarbeitsgericht Thüringen entschied, dass kein Arbeitgeber ein derart "schikanöses Verhalten" hinnehmen müsse. Das Vertrauen des Arbeitgebers sei zerstört und rechtfertige eine ordentliche Kündigung auch ohne Abmahnung. Dem Arbeitnehmer stehe zwar nach Ausbleiben der Lohnzahlungen ein Zurückbehaltungsrecht seiner Leistung zu, jedoch dürfe dieses erst dann ausgeübt werden, wenn die Lohnrückstände den Lebensunterhalt des Arbeitnehmers gefährden (5 Sa 319/04) .