Auch für politisches Denken und Schreiben gilt, dass mit Kürze eine Würze entstehen kann. Freilich nur durch einen so klugen und erfahrenen Autor wie Paul Lendvai. Der Wiener Publizist hat über hundert seiner Artikel und Essays aus den letzten fünf Jahren in diesem Band "eigenwillig komponiert", wie er einleitend schreibt, und zugleich "kritische Distanz zu seinen verschiedenen Identitäten als Ungar und Österreicher, Jude und Europäer" betont. Gerade dies hat ihn jedoch offenkundig auch seine immer wieder faszinierende Einfühlung in die Vielfalt der politischen Realitäten ermöglicht: vom "schwankenden Koloss" Deutschland bis zur "verkannten" Erfolgsstory der EU und zur "umschatteten" Österreichs, vom osteuropäischen "Umbruch" bis zum balkanischen "Pulverfass", vom russischen "Putin-Syndrom" bis zum amerikanischen "Ende der Allmacht". Und nicht zuletzt - obwohl erst am Ende des Buches - entlarvt Lendvai den heutigen, oft verdeckten Antisemitismus, der "selbst in Deutschland scheinbar unaufhaltsam salonfähig" werde; dabei übersieht der Autor nicht, dass "die Grenzlinie zwischen berechtigter Kritik am Staat Israel … und bewusstem oder unbewusstem Antisemitismus auch für aufrechte Demokraten sehr schwer zu ziehen" ist. Er selbst betont glaubhaft, "kein Zionist, sondern ein humanistischer Internationalist" zu sein. Und eben als solcher, nicht nur als Europäer, gibt er über die Tagesaktualität hinauswirkende Denkanstöße. (Hansjakob Stehle)

Paul Lendvai: Reflexionen eines kritischen Europäers
Verlag Kremayr & Scheriau, 2005; 221 S., 22 Euro